Leserstimme zu
Das Böse, es bleibt

Kristallklar und eisig kalt

Von: Kerstin von KeJas-BlogBuch
18.03.2018

Diese Geschichte ist von der Sprache her kristallklar wie ein Bergsee und vom Inhalt her so eisig kalt wie ein Schneesturm. Es weht durch die Seiten, anfänglich noch zögerlich, doch dann wird es immer heftiger und ich musste mich mit dem Buch verkriechen um alles, wirklich alles was da stand und noch kam, in einem Stück zu erfahren. Spätestens als ich Lissy kennen lernte war mir bewusst wie bitterböse diese Geschichte ist und jede weitere Seite hat gezeigt dass da etwas schlummert, ganz tief in den eisigen Höhen dieser Bergwelt. Und es hat mich begeistert und in sich gezogen, so sehr das ein Tag reichte um alles zu lesen und doch wird es noch sehr lange in meinem Kopf und den Gedanken bleiben. "Das Schneetreiben wird zum Schneesturm. Dann die Dunkelheit. Und die Kälte." (S. 423) Nach “ Der Tod so kalt“ führt der Autor Luca D`Andrea einen wieder in die Bergwelt Südtirols. Er lässt einen teilhaben an der Lebensgeschichte des Herrn Wegeners und warum ein einzelner Buchstabe in dessen Nachnamen von so großer Wichtigkeit ist. Dabei verliert er sich nicht in Unzulänglichkeiten, sondern schildert präzise wie all das kam was kam und warum dieser Herr ausgerechnet von seiner Frau Marlene vorgeführt wird. Diese Hals über Kopf Flucht aus einem trauten Heim, das alles bietet und doch nichts hergibt. Marlene, Anfang 20, keine aus der Stadt, landet bei Baur Simon Keller. Ein Bergbauer, der freundlich daher kommt und der jungen Frau ein Obdach bietet, ohne Hintergedanken oder Fragen zu stellen. So kommt es, dass beide sich im Laufe der eingeschneiten Zeit öffnen und erzählen was an ihnen kratz und dabei immer wieder aufs neue alte Wunden aufreißt. Simon, der alte Baur, gequält von einem furchtbaren Trauma und den immer wiederkehrenden Erinnerungen. Ein guter Mann? Muss man sich erlesen, es polarisiert heftigst. "Hass gesellte sich zu Hass" (S.25) Wer glaubt es spielt sich alles in dieser Berghütte ab, liegt aber falsch. Denn es gibt schließlich noch den Ehemann, der seine Frau zurück haben will, weniger ihretwillen sondern wegen dem das sie mitgenommen hat. Zudem ist das sein kleinstes Problem, da ist noch das Konsortium. Leute mit Macht und mit ihnen verscherzt man es sich nicht. So schicken sie ihren besten Mann, er hat keinen Namen, man nennt ihn Mann des Vertrauens, und er versagt nie, vergibt nie und ist trotz aller guten Manieren ein Ungeheuer. Es ist eine Geschichte voller Kobolde und Märchen, Traditionen und altem Wissen. Eine Reise in Gedanken und Erinnerungen, in Träume und Wahnvorstellungen. "Entweder hatte man Vertrauen, oder man hatte es nicht. Etwas dazwischen gab es nicht." (S. 260) So bangt man mit Marlene, hofft das der Mann des Vertrauens einfach mal versagt und erlebt wie der alte Baur immer mehr und mehr seine Rolle ausfüllt. Ein Riese, ein einfacher Mensch, doch intelligent genug um zu wissen was er tun muss. Wäre da nur nicht Lissy gewesen. Wären da nur nicht die Geister der Vergangenheit. Die Genrezuordnung Thriller passt sehr gut. Denn es gibt alles im Buch was dazugehört. Spannung, Psychologie, Mord & Totschlag. Es wird blutig, aber eher zwischen den Zeilen, etwas das der Autor auch sehr gekonnt gemacht hat. Das Kopfkino, für das er sorgt, ist heftiger als das geschriebene Wort. Während in „Der Tod so kalt“ immer wieder das Brüllen der Bestie für eine Gänsehaut sorgte, ist es hier ein klitzekleiner Satz. Einer, der anfangs lieblich daher kommt und für Trauer und Erschütterung sorgt, dessen Wirkung aber mit jeder weiteren Seite umso grausamer und böser wird. „Süße Lissy, kleine Lissy.“ Solch starke Charaktere fesseln enorm. Eine Reise in die 1970er Jahre, mit kurzen Abstechern in die 1940er. Eine großartige Erzählkunst die menschliche Tragödien offenlegt und dabei ganz tief in die Seelen blicken lässt. Tiefer als einem vielleicht lieb ist und das trotz dieser eisigen Höhen. Eine absolute Leseempfehlung von mir! "Es war Wahnsinn. Nichts als Wahnsinn." Rezension verfasst von © Kerstin