Leserstimme zu
Der erste Stein

Eine kritische Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche..

Von: Sara
27.03.2018

„Der erste Stein“ beschreibt den Weg eines polnischen Jungen ins Priesteramt. Im Bewusstsein, dass er homosexuell ist und sein Outing mit den Folgen der Entlassung aus der Kirche einhergeht. Krzysztof Charamsa schreibt dabei auf einem hohen sprachlichen Niveau. Zu Beginn werden die äußeren Umstände seiner Erziehung durch Familie, Glauben, Vaterland, Schule und letztendlich der Berufung ins Priesteramt beschrieben. Dann erzählt Charamsa von seinem eigenen Aufstieg in der Institution (Priesterseminare, Studien, Mitglied der Glaubenskongregation). Er hat innerhalb kurzer Zeit einen enormen „Aufstieg“ hingelegt. So wie er über seine damaligen Ziele berichtet, merkt man, dass er auch bewusst Karriere in der Kirche machen wollte. „Ich träumte davon Oberinquisitor zu werden. Ich träumte mit jugendlichem Enthusiasmus davon, der Wahrheit dienen zu können, die im Besitz der Kirche ist und von ihr gehütet wird.“ (S. 120) Ich muss auch gestehen, dass mir durch dieses Buch überhaupt bewusst wurde, dass es die Inquisition in der Kirche noch gibt und nicht mit dem Mittelalter ausgestorben ist. Was mich auch noch überrascht hat, war der Einfluss den die Kirche auf das Privatleben von Bürgern (z.B. sämtliche Bereiche der Sexualität) ausübt, aber auch auf politische Belange (z.B. Wohnraum nur für Familien). „Wahrscheinlich ist die Kirche in Bezug auf die Naturwissenschaft tatsächlich um zweihundert Jahre zurückgeblieben […] und hat den Menschen aus den Augen verloren.“ (S. 205) Ein wirklich zentrales Thema ist Homosexualität. Gerade weil die Kirche in dieser Hinsicht ein striktes Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen ausspricht, ist die Scheinheiligkeit des Klerus umso erschreckender. Laut Krzysztof Charamsa sind 50% aller Priester homosexuell. Trotz der Zahl wird eine Homophobie von der Kirche geradezu aufgebaut. Beim Lesen habe ich etwas gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden. Weil der Stil doch auf einem hohen Niveau ist, liest sich das Buch nicht so schnell. Aber vor allem wenn auch Beispiele aus dem Alltag und Handeln der Kirche aufgezeigt werden, kann man sich alles besser vorstellen. Es ist spannend aus der Perspektive eines Insiders diese Dinge zu betrachten. Gerade als Außenstehender hat man nur so viel Einblick in die Institution Kirche, wie diese es zulässt. Das Buch zeigt Charamsas Auseinandersetzung mit der Kirche und seiner eigenen Sexualität. „Der erste Stein“ offenbart dabei viel von der Innenpolitik der Kirche, wozu normale Bürger sonst keinen Zugang haben. Ein interessantes, gut geschriebenes Buch: für jeden, der sich mit „Homosexualität und Kirche“ auseinandersetzen möchte. Abschließend noch ein herzliches Dankeschön an die Randomhouse Verlagsgruppe, von der ich das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen habe. Wie aber bei allen unseren Rezensionen spiegelt auch diese meine eigene Meinung wider und bleibt unbeeinflusst.