Leserstimme zu
Geht doch!

Anleitung zum Ausbruch

Von: Thomas Lawall
19.05.2018

Warum eigentlich nicht? Man könnte doch einfach mal alles liegenlassen und sich auf den Weg machen. Irgendwohin. Ohne genaue Planung. Immer der Nase lang und herausfinden, wie sich das anfühlt. Raus aus dem Trott. An die frische Luft. Uli Hauser hat es getan, wenn auch nicht ganz ohne Vorbereitungen. Zwei Chefs müssen mitspielen. Einmal der Arbeitgeber und auf der privaten Seite die Freundin. Er ist dankbar dafür. "So eine Frau, die gönnen kann, wünsche ich jedem." Niemand bremste seine Neugier. Jene trieb ihn ungehindert hinaus. Spontan und unkontrolliert. Fast jedenfalls, denn die Auswahl der zu tragenden Garderobe spielte keine Rolle, ebenso wie der neue Technikfirlefanz, auch "Fitness-App, Pulsmesser und Kalorienzähler", aber ein Smartphone, selbstverständlich auch mit Ladekabel, muss es dann trotzdem sein. Zwecks Orientierung ... Das dämpfte die anfängliche Begeisterung des Rezensenten dann doch etwas. Gerne zitiert Uli Hauser seine großen Vorbilder, die vor Jahrhunderten diesen und jenen Weg oder gar bis Rom zu Fuß unterwegs waren. Wie sie das wohl "ohne" geschafft haben mögen? Neben aller Spontanität konnte auf eine gewisse Bequemlichkeit ebenfalls nicht verzichtet werden. Ein Zelt kam nicht in Frage, ebensowenig wie die Übernachtung unter freiem Himmel. Teilzeitselbstfindung also, oder so ähnlich. Tagsüber der fröhliche Vagabund, nachts aber die gewohnte Sicherheit der vier Wände, wobei es auch gerne einmal etwas luxuriöser sein darf. Auch auf Bus und Bahn darf man in dieser Sichtweise nicht verzichten. Und auf den Daumen ebenfalls nicht. Schließlich ist man ein (moderner) "Tramp". Wie dem auch sei. Lust darauf, der Bude samt Alltag einmal, oder auch gerne öfter, den Rücken zu kehren, macht "Geht doch!" auf jeden Fall und trotzdem. So bitterernst nimmt der Autor sowieso nichts, was sich in dem doppeldeutigen Titel, der wohl einerseits als Aufforderung und andererseits als Feststellung zu verstehen ist, unzweifelhaft andeutet. Die ebenso unterhaltsame wie unkonventionelle Schilderung der Erlebnisse zwischen den einzelnen Stationen (die eine gewisse Voraussicht eben doch verraten) versetzen Leserinnen und Leser in eine Art Aufbruchstimmung. Man sollte aber schon die Fähigkeit besitzen, auf Menschen zuzugehen, ihnen zuhören zu können und Interesse für ihre Lebenssituation aufbringen. Dann lernt man auf diesen Wegen nicht nur sich selbst (besser), sondern auch eine ganze Menge, unter Umständen recht originelle, Zeitgenossen kennen. So stellt uns Uli Hauser beispielsweise einen historischen Geographen, einen Münchner Gefäßchirurgen, einen ehemaligen Heizungsmonteur, der in einem abgelegenen Waldhaus wohnt und jetzt als Naturfotograf arbeitet, einen Doktor, welcher der Meinung ist, "Borreliose sei der Clown unter den Infektionskrankheiten", oder eine "Nachtschutzbeauftragte" vor. Er schwärmt in tiefster Ehrfurcht von der Schönheit der "Thürengeti", kommt in der Rhön vor lauter Begeisterung vom Weg ab oder klärt uns auf, dass es in Deutschland tatsächlich "unzerschnittenen verkehrsarmen Raum" gibt. Mindestens hundert Quadratkilometer muss so ein Gebiet haben. Was es nicht haben muss, sind Straßen, Bahnstrecken oder Kanäle. Kaum zu glauben, dass es noch sechshundert davon in unserem Land geben soll. Das und noch viel mehr hat der fröhliche Wanderer zu erzählen. Geistreich bindet er Episoden der jeweiligen Landesgeschichte in seine Wegbeschreibungen ein und nähert sich, langsam aber unaufhaltsam, seinem Ziel: Rom. Die Füße machen nicht immer mit, aber Gott sei Dank kennt man ja genug Ärzte, Orthopäden oder lernt sie einfach spontan kennen. Und zur Not gibt es ja die Navi-Telefon-Kamera. Während die Gegend zwischen Füssen und Bodensee genauestens und mehrfach beschrieben wird, wird der finale Weg durch Italien verhältnismäßig rasch abgehandelt. Man befindet sich am Comer See, dann plötzlich in Florenz und von dort geht es mit dem Zug nach Assisi. Immerhin sind dann noch 250 km zu laufen. Das ist völlig in Ordnung, aber als "Spaziergang von Hamburg nach Rom" sollte man das nicht verkaufen. Die Anleitung zum Ausbruch aus dem Büro- und sonstigem Alltag, um es wieder einmal zu Fuß zu versuchen, gibt immerhin zu denken. Den stark unterforderten Gehapparat sollte man hin und wieder etwas mehr herausfordern. Wer sich das außerhalb der üblichen Ferien erlauben kann, steht dann wieder auf einem ganz anderen Blatt. Vielleicht trifft Leserinnen und Leser ebenfalls einmal so eine Art "Mutausbruch". Einfach loslaufen. Schön wär's und warum eigentlich nicht? Und wer zu weit laufen sollte, kann ja zur Not einfach zurückfahren ...