Leserstimme zu
Play to Live - Gefangen im Perma-Effekt

Überraschend gut

Von: Gwees Bücherwelt
22.05.2018

Heutzutage werden Computerspiele in den verschiedensten Medien thematisiert. Während es mit „Sword Art Online“ einen Anime dazu gibt, befassen sich auch die Romane „Erebos“ und in Grundzügen auch das aktuell – zurecht – so populäre „Ready Player One“ damit, um nur einige zu nennen. Gerade durch die Virtuelle Realität wird die Thematik immer interessanter, gerade natürlich für Gamer. Ich selbst liebe Computerspiele auch und bisher hat das Thema immer eine große Faszination auf mich ausgeübt. Konnte der Auftakt zu „Play to live“ mich also begeistern oder ist die Geschichte nur Schall und Rauch? Der Einstieg war für mich persönlich etwas irritierend, aber da der Roman schnell in Fahrt kommt, ist das nicht so schlimm. Sobald es um AlterWorld geht, hat das Buch mich völlig vereinnahmt. Es geht um Max, der einen Tumor hat und sein Leben fortführen will, indem er den sogenannten Perma-Effekt in einem Spiel auslöst: Dadurch lebt er in dem Spiel weiter, während sein Körper in der echten Welt stirbt. Gerade die Spielszenerie hat der Autor dabei fabelhaft inszeniert. Für diejenigen, die sich mit den Begriffen nicht auskennen, gibt es hinten ein Glossar, sodass es trotzdem kein Problem ist, der Handlung zu folgen, in die man schnell eintaucht. Zugegeben hätte ich mir ein paar mehr Fehlschläge und Hindernisse für Max gewünscht, aber alles in Allem war das Buch doch durchweg spannend und er macht es sich als MMORPG-Spieler auch nicht unbedingt einfach, was die ganze Handlung nochmal ein bisschen kniffliger macht. Die Handlung ist nicht offensichtlich, was ich besonders erfrischend fand. Immer wieder habe ich zwar gegrübelt, wie es weitergehen könnte, aber der Plot überrascht. Trotzdem bleibt das Hauptziel des Romans lange in der Luft hängen. Thematisch muss ich zugeben, dass es auch ein paar Handlungsaspekte gab, die mir etwas missfallen haben, aber zu dem Bild passen, dass der Autor zeichnen will. Die beiden Knackpunkte waren dabei für mich Frauen und Zigaretten. Die Frauenfiguren – wenn man überhaupt im Plural von ihnen sprechen möchte, da es so wenige sind – wurden leider sehr knapp und – ich sag es nicht gern – sexistisch gezeichnet. Die wichtigste Frau des Romans sind Max‘ Freundin, die nicht mehr als ein Betthupferl ist. Der zweite Knackpunkt war für mich der Plot um die Zigaretten, der die bis dahin wirklich gute Geschichte ein wenig abgeschwächt hat, da er sich ewig hinzog und ehrlich gesagt auch ein bisschen langweilig war. Dafür war alles, was Max beim Leveln erlebt hat, umso interessanter. Max selbst ist eigentlich durchaus ein sehr sympathischer Kerl. Am Anfang muss man sich erst einmal mit seiner Art zurechtfinden, aber das geht schnell. Er ist auch nicht unbedingt wie der typische gutherzige Protagonist, sondern hat auch mal fragwürdige Meinungen und seine Moral lässt auch zu wünschen übrig. Und nicht nur seine. Ein ganzer Handlungsaspekt dreht sich um eine moralisch mehr als bedenkliche Sache. Neben Max mochte ich vor allem die Charaktere Käfer, Eric und Dan, was nicht von ungefähr kommt, da die drei auch sehr dominant auftreten. Sie alle haben eine halbwegs ausgegorene Hintergrundgeschichte bekommen und wirken authentisch. Taali – nun ja, ich habe es ja bereits gesagt. Sie ist die typische Jungfrau in Nöten und nicht viel mehr. Ich rechne es dem Autor zwar hoch an, dass er es geschafft hat, eine Anspielung an den „Erec“ von Hartmann von Aue einzubauen, aber ich hoffe wirklich, dass in der Fortsetzung wichtigere Frauenfiguren auftreten. Trotzdem kann man als Leser damit leben, da der Fokus auf Max liegt. Genaugenommen hat zum Beispiel Käfer sogar eine geringere Rolle eingenommen. Die beste Figur des Romans war aber definitiv der kuschelige Plüschbär Humungus, der als Max‘ beschworene Kreatur fungiert. Rus‘ Schreibstil ist recht flüssig und eher schnörkellos. Er neigt nicht zu ausschweifenden Beschreibungen und geht die ganze Geschichte sehr nüchtern an. Oft bekommt der Leser auch den aktuellen Status des Charakters zu lesen, manchmal war das auch etwas überflüssig, aber meistens passt es ganz gut. Ich hatte auch keinerlei Probleme mit den ganzen Fachbegriffen, muss aber eben auch sagen, dass ich mit den meisten bereits vertraut war. Wenn man sich mit MMORPGs auskennt, fällt es einem auch nicht schwer, sich das Interface oder generell AlterWorld vorzustellen. Ich selbst hatte dabei meistens eine Kreuzung aus „World of Warcraft“ und „Sword Art Online“ im Kopf. Trotz einiger Kritikpunkte hat der Roman es geschafft, mich zu fesseln. Es macht richtig Spaß, Max und sein angehendes Leben in der AlterWorld zu verfolgen und obwohl die Handlung an einigen Stellen durchschaubar wirkt, kommt dann doch alles anders als man denkt. Gerade auch das Ende verspricht eine Fortsetzung, die es in sich hat. Ich bin schon sehr gespannt darauf. Der erste Band der Reihe setzt auf jeden Fall hohe Maßstäbe. Fazit: „Play to live – Gefangen im Perma-Effekt“ ist ein wirklich positiv überraschender Roman. Die Handlung reißt mit, Max ist ein charmanter Protagonist und der Schreibstil liest sich flüssig. Lediglich die Stigmatisierung von Frauen und die Moraleinstellung der Charaktere ist dabei bedenklich, aber wenn man darüber hinwegsehen kann, ist der Roman ein gefundener Schatz. Inhalt: 5/5 Charaktere: 4/5 Lesespaß: 5/5 Schreibstil: 4/5