Leserstimme zu
Verfolgung

manchmal lohnt es sich zu warten

Von: der Michi
04.06.2018

David Lagercrantz läuft in diesem Roman nicht nur zur bisherigen Höchstform auf, sondern löst auch manches unbeholfen wirkende Element aus dem Vorgänger elegant auf (Stichwort: Zwillingsschwester(n)). Ob das ausführlich geplant war oder die eingefleischten Larsson-Fans beruhigen soll ist eigentlich egal. In jedem Fall macht es dieses Buch spürbar besser als das letzte und Lust auf mehr. Lisbeths Aufenthalt im Gefängnis sorgt für allerhand spannende Konflikte, während sich Mikael Blomkvist wieder im gewohnten Umfeld seiner Enthüllungsstorys bewegt. Die zentralen Probleme beider Helden verweisen vor allem auf zwei Themen: Einmal mehr nehmen sich Angehörige der gesellschaftlichen Elite Freiheiten heraus, die unter dem Deckmantel moderner Wissenschaft auch Missbrauch und Zwang beinhalten. Zum anderen wird die offene schwedische Gesellschaft mit den Abgründen anderer Kulturkreise konfrontiert, die auch in einem sich für aufgeklärt haltenden skandinavischen Land noch Anhänger finden. Gerade die deterministische, oft links der politischen Mitte verortete Sozialisierungsforschung, laut der der Mensch mit den richtigen äußeren Einflüssen alles mögliche sein kann, steht hier auf dem Prüfstand. Das und die Hinterfragung extremistischer Tendenzen und deren mögliche Begünstigung in offenen Gesellschaften rüttelt an den Grundfesten des schwedischen Selbstverständnisses. Vielleicht war es nicht das schlechteste, mit David Lagercrantz einen gelernten Journalisten für die Fortsetzung der Reihe zu verpflichten, der nicht nur glaubwürdig recherchiert, sondern auch das gewisse investigative Gespür mitbringt, das sowohl den Vater der Reihe, als auch seine populäre Schöpfung Mikael Blomkvist auszeichnet(e). Netterweise verkompliziert Lagercrantz seine Thesen nicht zu einem verkopften Feuilleton-Liebling, sondern vergisst auch die Spannung nicht zu oft. Im ersten Drittel muss man sich noch zwischen allerhand Personen und Situation zurechtfinden, danach kommt die angekündigte finstere Verschwörung immer mehr zum Zug. Spätestens in der zweiten Hälfte ist "Verfolgung" wieder der packende Thriller, den man sich von der Marke Stieg Larsson zu Recht erhoffen darf. Zugegeben - einige der pragmatischen Aufräumaktionen der Verschwörer und die Verstrickungen in Richtung Unterwelt erinnern stark an die ursprüngliche Trilogie, während die wirklich neuen Ideen eher in der Grundidee der zentralen Verbrechen stehen. Für einen Unterhaltungsroman mit einem nicht allzu stark übertriebenen Szenario ist "Verfolgung" trotzdem gut gelungen und könnte selbst Kritiker des Vorgängers überzeugen. Originaltitel: "Mannen som sökte sin skugga" ("Der Mann, der seinen Schatten suchte")