Leserstimme zu
Befreit

Rezension

Von: Betty2005
08.06.2018

Wie im Untertitel angegeben, beschreibt Emma Slade in ihrem Buch „Befreit“ wie sie sich von einer international erfolgreichen Bankerin zur buddhistischen Nonne entwickelt. Das Buch beginnt im September 1997, als Emma von einer sehr erfolgreichen Besprechung, zu der sie aus Hongkong nach Indonesien geflogen ist, in ihr Hotelzimmer zurückkehrt. Sie wird dort von einem Mann überfallen und bedroht. Sehr anschaulich erzählt die Autorin den Vorfall, ihre Gedanken und Gefühle. Auch wie sie das rettende Telefongespräch mit dem Zimmernachbarn meistert, lässt den Leser mitfiebern, ob wirklich Hilfe kommen wird. Beeindruckt hat mich, wie die Autorin nach ihrer Befreiung sofort wieder zur Tagesordnung und damit in die Finanzwelt, zurückkehrt. Erst nach und nach wird sie und damit auch der Leser gewahr, dass dieses Erlebnis doch für die Psyche der Protagonistin viel einschneidender war, als sie es selbst am Anfang wahrhaben wollte. Es folgt im Januar 1998 der totale Zusammenbruch und die sofortige Abreise nach England. Hier versucht Emma Slade, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Sie geht zur Therapie. Doch erst die Rückkehr ins Londoner Bankenleben zeigt der Autorin, dass nichts so ist, wie es früher war. Auf Anregung der Mutter fährt sie nach Griechenland, um sich zu entspannen. Hier kommt Emma das erste Mal mit Yoga in Berührung. Sie entdeckt, dass sie sehr empfänglich für alle Übungen ist und so wird Yoga „ihr Ding“ (S. 109). Sie braucht Yoga, „weil es auch die anderen Hüllen von Emma ansprach und ihnen half“ (S. 146). Zunächst entwickelt die Autorin den Ehrgeiz, sich in Yoga weiterzuentwickeln. Sie lässt sich sogar zur Yogalehrerin ausbilden und bietet Kurse an. Im Rahmen dieser Ausbildung kommt Emma Slade mit dem Buddhismus in Berührung. Sie merkt, wie sehr ihr das hilft. Deshalb tritt sie in ein buddhistisches Kloster in Schottland ein. Vier Jahre nach dem Überfall will die Autorin „einen weiteren Schritt vorwärts … tun“ (S. 130). Sie kauft sich ein altes Haus, nimmt eine Arbeit als Assistentin an und geht regelmäßig schwimmen. Hier lernt sie Peter kennen, mit dem sie eine sehr wechselhafte Beziehung für die nächsten Jahre eingeht. Bald arbeitet sie wieder als Yogalehrerin. Weil ihr Sohn Oskar unter ADHS leidet, sucht sie im Buddhismus Hilfe und Unterstützung. So kommt auch der Wunsch auf, Bhutan kennenzulernen. Im Oktober 2011 fliegt Emma Slade zum ersten Mal dorthin. Diese Reise verändert endgültig das Leben der Ich- Erzählerin: „Ich fühle mich so sehr zu Hause“ (S. 195). Obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt sehr von diesem Buch gefesselt war, ändert sich dies nun. Immer noch erzählt die Autorin anschaulich und bringt viele ihrer Gedanken und Gefühle ein. Doch nun erscheint sie mir wie besessen von dem Vorsatz, eine buddhistische Nonne zu werden. Auf dem Titelbild des Buches ist ihre äußerliche Veränderung zu sehen. Doch auch innerlich vollzieht sich ein Wandel: Täglich praktiziert sie Meditation. Und sie möchte gütig werden. Ihre Überzeugungen und Lehren des Lama bringt sie nicht nur uns Lesern nahe, sondern sie hofft, dass „das auch für andere nützlich sein“ kann. Sicherlich, Emma Slades Engagement für Bhutan ist bemerkenswert. Und es ist wirklich selbstlos, dass die Einnahmen aus diesem Buch ihrer selbst gegründeten Stiftung zu Gute kommen. Aber nicht jeder Mensch wählt das Leben einer Nonne oder eines Mönches zu diesem Ziel. Trotz gegenteiliger Beteuerung wirkt das letzte Viertel des Buches auf mich fast ein wenig missionarisch. Und das hat mein Lesevergnügen geschmälert. Insgesamt ist es ein lesenswertes Buch. Die Autorin hat einen flüssigen Schreibstil. Durch die Einbeziehung ihrer Gefühlswelt und die Folgerungen, die sie für ihr Leben daraus gezogen hat, sticht das Buch aus den üblichen Biografien heraus.