Leserstimme zu
Die Farben des Himmels

Christinas Welt

Von: hasirasi2
13.06.2018

Maine um die 1900: Welche Farbe hat der Himmel heute? Diese Frage hat sich Christina sicher nicht oft gestellt, als sie noch jünger war. Durch eine unheilbare Krankheit nehmen ihre Muskeln immer mehr ab und sie muss sie beim Gehen stets auf den unmittelbaren Bereich vor ihren Füße schauen, um nicht zu oft hinzufallen. Ihr Körper ist übersäht von frischen Wunden und alten Narben, aber sie ist eine Kämpfernatur. Mit Mitte 30 kann sie nur noch kriechen, ihre Beine haben keine Kraft mehr. Doch zur Not robbt sie auf den Ellenbogen aufs Feld. Es ist ein hartes Leben, Abwechslungen bringen nur die Abenteuergeschichten ihrer Vorfahren, die ihre Mammey (Großmutter) erzählt. Christina wäre gern Lehrerin geworden. Sie ist sehr intelligent, aber ihre Eltern waren dagegen. In ihren 20ern ist sie 4 Jahre lang verlobt – Walton Hall kommt jeden Sommer und verspricht ihr die Ehe, heiratet am Ende aber eine gesunde Frau. Christina verbittert. Zwei jüngere Brüder fliehen in die Stadt, sobald sie alt genug sind. „Über Dich habe ich mir gar keine Gedanken gemacht.“ „Natürlich nicht. Warum auch? Warum sollte das irgendjemand tun?“ (S. 241) Nur ihr Bruder Alvaro bleibt und kümmert sich mit ihr um die Eltern und das Land. 1939 taucht der Maler Andrew Wyeth das erste Mal bei ihnen auf. Ihn faszinieren das Licht und das Haus. Bald richtet er sein Atelier auf ihrem Dachboden ein. Er bewundert, wie Christina den Alltag meistert. Sie könnte doch sicher Hilfe gebrauchen. „Ich komme schon zurecht ...“ „Das tust du wirklich, Christina, oder? Alle Achtung.“ (S. 156) – endlich mal jemand, der sie versteht und so sieht, wie sie ist. Ich bin ehrlich, Christina war kein einfacher Charakter, haderte als sie älter wurde mit ihrem Schicksal und lies das an ihrem Bruder Al aus. Trotzdem hatte auch ich beim Lesen auch oft Mitleid mit ihr und hätte in keiner Minute ihres Lebens mit ihr tauschen wollen. Am erschreckendsten fand ich sie Zeit, als sie, um ihre Eltern zu pflegen, auf allen vieren die Treppen in den ersten Stock kriechen musste. Die Autorin Christina Baker Kline hat eine sehr ungewöhnliche Romanbiografie über Christina Olson und den Maler Andrew Wyeth geschrieben. Das Trostlose der Landschaft und von Christinas Leben spiegeln sich in der Sprache wieder. Das Buch ist sehr schwermütig, düster und eindringlich. Es zeigt ungeschönt das Leben im ländlichen Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts, geprägt von zwei Weltkriegen und dem Abwandern der Jugend. Der Fortschritt kommt bei den Olsons nie an, sie haben weder Strom noch eine Wasserleitung. Da Christina nach Ansicht ihrer Eltern sowieso nie einen Mann finden wird, muss sie von früh bis spät im Haus und auf der Farm schuften - heute wäre sie ein Pflegefall. Sie wird ihr Leben lang bemitleidet, erst recht, nachdem ihre Verlobung geplatzt ist. Erst Andrew Wyeth und seine Frau Betsy sehen den Menschen in ihr, nicht den Krüppel. Wyeth setzt ihr mit dem Bild „Christinas Welt“ ein Denkmal. Er hat verstanden, was das Land und das Haus für sie bedeuten – „Mal Zufluchtsstätte, mal Gefängnis, war dieses Haus auf dem Hügel immer mein Zuhause.“ (S. 9)