Leserstimme zu
Die Weisheit der Wölfe

Wolfsliebhaber

Von: michael lausberg aus doveren
26.06.2018

Wölfe sind in Deutschland wieder heimisch. Bis zu 70 Wolfsrudel werden im Bundesgebiet vermutet. Insgesamt sind das etwa 400 Tiere, die meisten davon leben in Ostdeutschland. Sind Wölfe eine Gefahr für den Menschen oder umgekehrt? Damit beschäftigt sich dieses Buch der Wolfsexpertin Elli H. Radinger, die vor allem die Ähnlichkeiten zwischen Wolf und Mensch herausstellt: „Ich habe das große Glück, dass mich die Wölfe an ihrem Leben teilhaben lassen, an der Jagd, der Paarung oder die Aufzucht ihren Jungen. Dabei habe ich festgestellt, dass sie uns Menschen in ihrem Verhalten sehr ähnlich sind: Sie sind fürsorgliche Familienmitglieder, autoritäre, aber gerechte Leittiere, mitfühlende Helfer, durchgeknallte Teenager oder alberne Spaßvögel.“ (S. 19) Sie spricht über die Bedeutung der Rudel für die Wölfe, die sich liebevoll um ihre Jungen kümmern und Hierarchien aufbauen. Dann geht es um das Führungsverhalten unter Wölfen: „Führung ist also so individuell wie die Persönlichkeit, die sie ausübt. Wird allerdings ein Entscheidungsträger benötigt, weil beispielsweise eine Situation gefährlich scheint, dann sind es die Leittiere, die aufgrund ihrer Erfahrung wissen, wo es langgeht.“ (S. 49) In Rudeln genießen ältere Wölfe großen Respekt, werden würdevoll behandelt und sind hochgeschätzte Mitglieder. Besonders bei der Jagd sind sie aufgrund ihrer Erfahrung unverzichtbar. Dann geht sie auf die Kommunikation der Wölfe ein, die dies mit ihren Augen, Ohren, der Schnauze, der Schwanzstellung, durch Markieren und Heulen machen. Sie haben wie die Menschen auch ein Verständnis für Heimat: „In der Wolfswelt geht es darum, seinen Platz im Ökosystem zu finden. Ein gutes Wolfsrevier bietet genügend Rückzugsräume und ein verlässliches Nahrungsangebot.“ (S. 99) Außerdem geht sie noch auf die sozialen Fähigkeiten, planbares Handeln, Geduld, Ängste und ihre Überwindung ein. Sie möchte auch das Bild vom „großen, bösen Wolf“ korrigieren: „In Europa sind in den letzten 50 Jahren neun Menschen durch Wölfe getötet worden: (…) Dennoch ist mancher überzeugt, dass der Wolf gleich hinter der nächsten Hecke auf ein unschuldiges Kind lauert, um es zu fressen. Bevor Sie Angst vor einem Wolf haben, sollten Sie lieber ihren Wagen stehen lassen, denn Sie werden vermutlich eher durch einen Autounfall als durch einen Wolf verletzt. (…) Unter den 20 Tieren, die die meisten Menschen töten, ist der Wolf nicht zu finden, dafür steht der Hund auf Platz vier und der Mensch auf dem ersten Platz. Sie sehen, es gibt größere Gefahren als Wölfe.“ (S. 227f) Wenn man Schafe und Ziegen gut vor Wölfen schützt, z. B. durch einen Elektrozaun, kann der Mensch gut in Koexistenz mit dem Wolf leben, wie es Länder wie Rumänien oder die Balkanstaaten vormachen. Zum Schluss gibt die Autorin noch Tipps für „Wolfsreisen“ im Yellowstone Nationalpark oder in der BRD für Wolfsliebhaber. Insgesamt gesehen merkt man, dass die Autorin Wölfe liebt und ihre Eigenschaften in allen Varianten schätzt. Sie schafft eindrücklich, den Menschen den Wolf näher zu bringen und dass der Mensch den Wolf nicht als Todfeind sehen sollte, was sie mit Argumenten schafft. Ihre Sicht ist jedoch ein wenig kritiklos, die Sorgen von Züchtern und Bauern lassen sich nicht nur durch einen Elektrozaun korrigieren. Da macht sie es sich etwas zu leicht.