Leserstimme zu
30 Tage und ein ganzes Leben

30 Tage und ein ganzes Leben

Von: Michelles Bookworld
07.07.2018

Die Geschichte wird von Clementine höchstselbst erzählt. Und diese Frau ist weder direkt sympathisch, noch wirklich herzerwärmend. Die Malerin nimmt in ihren Erzählungen kein Blatt vor den Mund, wirkt egozentrisch und manchmal sogar unbeschreiblich arrogant. Doch je länger ich gelesen habe, desto mehr fragte ich mich: wären wir das nicht alle, wenn wir nur noch 30 Tage zu leben hätten und endlich nur das tun, was wir wollen? Denn genau das hat die Hauptfigur verinnerlicht und zieht es gnadenlos durch. Was zunächst abschreckend wirken kann, hat mich mehr und mehr in den Bann gezogen und ich musste sogar ein ums andere Mal lachen, wenn Clementines direkte Art so gar nicht mit den Erwartungen ihrer Umwelt zusammenpassen wollte. Dabei erfährt man erst sehr spät, warum sich die Künsterlin überhaupt das Leben nehmen möchte. Denn das steht für sie gar nicht im Mittelpunkt. Viel mehr ist sie darauf bedacht, ihrem Ende planvoll, glücklich und auch befreit entgegen zu gehen. Was mich zunächst nervte, weil ich sehr auf Hintergrundinformationen bestehe, entpuppte sich beim Voranschreiten des Buches als Glücksfall. Denn endlich schaut mal jemand nicht auf das negative am Lebensende, versinkt nicht im Selbstmitleid und "hätte ich doch", sondern sorgt mit ihrer spröden und kantigen Art dafür, dass man als Leser ab und an sogar vergisst, warum der Countdown läuft. Der Schreibstil ist flüssig, mit einem humorvollen sarkastischen Touch. Es machte Spaß, dass Buch zu lesen. Doch Clementines Leben war nicht immer nur zum Schmunzeln, es gab viel Nachdenkliches, Berührendes und Aufwühlendes zu lesen. Die Autorin hat ihre Hauptfigur sehr gut gezeichnet. Ich liebte diese schräge Person mit ihrem eigensinnigen Kater. Auch die anderen Figuren fand ich gut getroffen und konnte sie mir bildlich vorstellen, ja den meisten bin ich im wahren Leben tatsächlich schon begegnet. "30 Tage und ein ganzes Leben" ist irgendwie ein ganz anderer Roman. Das liegt wahrscheinlich am Thema, welches hier aufgegriffen wird, welches nämlich nicht fiktiv bzw. konstruiert ist, sondern wahrscheinlich im Alltag einige Menschen beschäftigt. Es geht um eine Frau (Clementine), die genug vom Leben hat und sich selbst eine Frist von 30 Tagen setzt, um ihr Ableben zu organisieren, denn sie will sich selbst noch Zeit geben, damit das alles in mehr oder weniger geordneten Bahnen verläuft. In diesen 30 Tagen passiert aber so einiges, welches den Blick auf das Leben von Clementine grundlegend verändert. Plötzlich wird das Leben wieder lebenswert... Es ist wirklich ein Buch, welches zum Nachdenken anregen kann, auch weil die Protagonistin wirklich authentisch und nah rüberkommt. Man kann sich gut in sie hineinversetzen und hat am Anfang auch irgendwie Verständnis für ihre Entscheidung und doch merkt man, dass sie mit sich selbst im Zwiespalt ist. Tolle Gefühle kommen beim Lesen rüber.