Leserstimme zu
Traumwelten

Sehr persönliche Biografie eines der schillerndsten Künstler unserer Zeit

Von: Dirk Hoffmann
20.07.2018

Seit David Lynch mit seiner wundersamen und in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Mystery-Drama-Serie „Twin Peaks“ 1990 die Fernsehwelt revolutionierte und für neue Serien-Formate zugänglich machte, hat er den Cineasten auf der ganzen Welt ebenso verstörende Meisterwerke wie „Der Elefantenmensch“, „Blue Velvet“, „Wild at Heart“, „Lost Highway“, „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“ geschenkt, bevor er im vergangenen Jahr zusammen mit „Twin Peaks“-Co-Schöpfer Mark Frost für „Twin Peaks: The Return“ die surreale Atmosphäre seiner längst zum Kult avancierten Erfolgsserie wieder aufleben ließ. Während seine oft nicht verstandenen Werken in unzähligen Zeitungs- und Magazin-Artikeln wie Büchern seziert worden sind, war von David Lynch selbst gerade hierzulande sehr wenig zu erfahren. Diese Lücke schließen Lynch und seine langjährige enge Freundin Kristine McKenna mit ihrem wunderschön aufgemachten Buch „Traumwelten“, das einen ungewöhnlichen Ansatz wählt, chronologisch die wichtigsten Stationen in Lynchs Leben und Werk aufzuarbeiten. Dazu hat die über zwanzig Jahre bei der Los Angeles Times arbeitende Journalistin und Kritikerin McKenna über hundert Interviews mit David Lynch selbst, aber auch mit seinen Ex-Frauen, Agenten, Schauspielern, Freunden, Produzenten, Mitarbeitern und Musikern geführt, um so ein umfassendes, sehr intimes Portrait eines Mannes zu zeichnen, der sich nur selten vorschreiben ließ, was von seinen Arbeiten für Kino und Fernsehen erwartet wurde, und aus den teils niederschmetternden Erfahrungen – wie bei der Adaption von Frank Herberts Science-Fiction-Epos „Dune – Der Wüstenplanet“ und der zweiten Staffel von „Twin Peaks“ – seine Lehren zog. Nach jedem Kapitel, das die einzelnen Wegpunkte in Lynchs Leben zusammenfasst und dabei Zitate von Lynchs jeweiligen WeggefährtInnen zur Verifizierung und Illustration verwendet, fügt Lynch in eigenen Worten seine Sichtweise der Dinge vor, die einzelne Aspekte der vorangegangenen Ereignisse in der Regel nur ausführt, aber auf diese Weise ein umfassendes Gesamtbild erzeugt. Dabei werden seine glückliche Kindheit in Boise, Idaho, die Freundschaft mit Toby Keeler (dessen Vater Bushnell Keeler Lynch überhaupt auf die Idee brachte, Künstler zu werden), die Realisierung seines Debütfilms „Eraserhead“ (von dem Mel Brooks so begeistert war, dass er David Lynch bei seinem nächsten Film „Der Elefantenmensch“ in jeder Hinsicht seine volle Unterstützung gab) und die problematischen Entwicklungen bei der Produktion all der folgenden Filmen thematisiert. Es wird vor allem deutlich, mit welchem Enthusiasmus Lynch seine Visionen verfolgte, wie entspannt und freundlich er immer am Set gewesen ist, wie sehr er die transzendentale Meditation von Maharishi Mahesh Yogi für sich zu nutzen verstand und immer an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitete, wozu auch die Fotografie, die Malerei, Sounddesign und auf stets improvisierende Weise auch die Musik zählte. Es werden so viele Aspekte angesprochen, die sich in dem umfangreichen Kosmos von David Lynch und seinem Schaffen ereignet haben, dass nicht mal 700 Seiten ausreichen, um sie zu würdigen – wie auch Lynch selbst am Ende des Buches konstatiert: „Wenn ich eine beliebige Seite des Buches aufschlage, denke ich: Mann, das ist ja nur die Spitze des Eisbergs, es gibt noch so viel mehr Geschichten zu erzählen. Man könnte ganze Bücher über einzelne Tage schreiben, und das wäre immer noch nicht genug. Eine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen ist ein Ding der Unmöglichkeit, und was wir uns von diesem Buch bestenfalls erhoffen können, ist ein sehr abstraktes ‚Rosebud‘.“ (S. 694f.) Tatsächlich ist „Traumwelten“ so unterhaltsam geschrieben, dass einem David Lynch nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch sehr sympathisch wird. Das wird aus jeder einzelnen hier wiedergegebenen Episode und aus den Erinnerungen seiner privaten wie künstlerischen und geschäftlichen Weggefährten mehr als deutlich. In diesem Sinne wirkt das Buch aber auch eher wie eine Autobiografie, die wenig Raum für eine kritische Auseinandersetzung lässt, aber verdeutlicht, wie wertschätzend und humorvoll Lynch mit seinen Mitmenschen umgeht, wie sehr er immer wieder versucht, die dunklen Seiten des Lebens in seiner Kunst mit den schönen und wundervollen Dingen zu versöhnen. Wer einen sehr persönlichen Einblick in Leben und Werk des Ausnahme-Künstlers David Lynch gewinnen möchte, wird „Traumwelten“ sehr unterhaltsam und erleuchtend finden. Wunderbare Schwarz-Weiß-Fotografien, eine ausführliche Filmografie und eine Auflistung der Ausstellungen runden diesen intimen Einblick in das Leben und künstlerische Schaffen von David Lynch ab.