Leserstimme zu
Junktown

Super Roman mit ein paar kleinen "Mängeln"

Von: Fruneh
30.07.2018

In einer Stadt in der Zukunft, ‚Junktown‘, in der Drogenkonsum rechtlich vorgeschrieben wird und Maschinen fast genauso zur Gesellschaft gehören wie Menschen, lebt Solomon Cain. Er ist Inspektor bei der Geheimen Maschinenpolizei. Der Leser begleitet Cain in den Ermittlungen eines Mordfalls, bei welcher es zu vielen Ungereimtheiten kommt. Das Buch fand ich bei der gezielten Suche nach einem Science-Fiction(-artigem) Buch. Das Cover setzte sich am besten von den anderen - in Blau/Grau/Grün-Tönen gehaltenen - Covers ab und der Klappentext hat mich dann endgültig überzeugt. Meiner Meinung nach hat der Roman ein sehr gutes Verhältnis zwischen SciFi-/ausgedachten Elementen und der Realität. Man ist nicht vollkommen verloren in einer Welt aus ausgedachten Rassen und Gruppen, da bekannte Grundstrukturen (eine Partei stellt die Regierung, Menschen und Maschinen, Drogenkonsum etc.) verwendet werden und mit neuen Gedanken verknüpft sind. Oder es werden komplett neue Elemente sinnvoll in die vorhandenen Strukturen eingefügt. Daher finde ich es auch nicht tragisch, dass die Vorgeschichte kaum thematisiert wird - die Meisten werden beispielsweise eine (grobe) Idee einer Revolution im Kopf haben und diese kann man dann einfach auf die gegebenen Umstände im Roman anwenden. Neue Begriffe werden meistens unmittelbar im Fließtext erklärt, zum Nachschlagen gibt es aber auch zwei Anhänge, die noch einmal alles übersichtlich gegliedert aufführen. Bei Erklärungen im Fließtext könnte man teilweise auf mehr Informationen hoffen, muss aber auch bedenken, wie langatmig das Buch dann geworden wäre. Daher sehe ich es wie es ist als perfekte Balance zwischen Neuem und Bekannten, sowie Erklärtem und Dingen, die man sich selber dazu denken kann/muss. Die Figuren an sich sind gut ausgearbeitet und man versteht ihr Handeln, da es nachvollziehbar dargestellt oder erklärt wird. Die Dialoge sind lebhaft und -wo es angebracht ist- in einer natürlichen Umgangssprache gehalten. Ein Minuspunkt für mich ist der Mangel an weiblichen Charakteren, welcher zwar mit einer Aussage im Buch erklärt werden kann, mich aber dennoch stört, da diese einen dermaßen geringen Anteil an Frauen meiner Meinung nach nicht rechtfertigt. Im Roman wird mehr oder weniger kontinuierlich Spannung aufgebaut. Dies geschieht mit vielen kleinen ‚Plottwists‘ im Werdegang der Handlung. Stellen, die nicht zum Spannungsaufbau dienen werden mit Erläuterungen der ‚neuen Welt‘ ausgefüllt und sind somit - für jemanden, der sich für die Thematik interessiert - durchaus interessant. Wenn man mit dem Gedanken einer ausgedachten Dystopie mit Parallelen zur heutigen Zeit nichts anfangen kann und man eher auf der Suche nach einem Krimi ist, ist einem das Buch eher nicht zu empfehlen. Beim Lesen merkte ich an vielen Stellen, dass Oden eine intensive Hintergrundrecherche betrieben und/oder über ein breit gefächertes Vorwissen verfügt, denn von den Gerüchen der einzelnen Drogen beim Konsum, über Fakten die menschliche Psyche betreffend, bis hin zu Kommunikationswissenschaft wird alles passend in den Roman eingebaut. Der Autor neigt nicht zu seitenlangen Sätzen, bei denen man schnell den Faden verliert, sondern einem guten Mix aus einfachen und komplexen Konstruktionen, die den Lesefluss unterstützen. Anstrengend sind zu Beginn die vielen Abkürzungen, wenn man sich daran gewöhnt hat (/gewöhnen kann) stören diese aber nicht mehr. Die Kapitelenden erregen oft den Wunsch, weiterzulesen, da es an den spannendsten Punkten zu einem Bruch kommt. Durch den gesamten Roman zieht sich eine düstere Stimmung. Zusammen mit Anspielungen auf die heutige Zeit macht dies das Buch zu alles anderem als einen ‚Happen für Zwischendurch‘, da es einem zum Nachdenken bringt, auch über die Lesezeit hinaus. Generell sind die Herleitungen in der Ermittlung immer schlüssig und zeitlich passend - nicht ‚aus dem Nichts hervorgeholt‘ und alle offenen Fragen werden am Ende geklärt. Fazit: 4/5 für einen (indirekt) gesellschaftskritischen Roman über eine Mordermittlung in einem spannenden dargestelltem Fall in einer dystopischen Welt. Nicht zu empfehlen, wenn man auf der Suche nach etwas mit einer leichten, freundlichen Atmosphäre ist.