Leserstimme zu
Der falsche Tote

bedrückend - feinfühlige Kriminalgeschichte aus Skandinavien

Von: Miss Cooper
31.07.2018

Atemberaubende dichte Wälder, karge Fjelllandschaften, malerische Fjorde und schroffe Berge in deren Tälern tiefblauen Seen eingebettet sind. Rentierherden die im Winter über die mystisch in weiß gehüllte Landschaft jagen. Und einfache hart arbeitende Menschen. Genau diese Bilder entstehen in meinem Kopf wenn ich an Norwegen denke. Einer Naturgewaltigen Region mit diversen Gesichtern und die demnach genügend inspirierenden Stoff für literarische Schöpfungen bietet. Einer dieser Literaten aus dem Norden ist Lars Saabye Christensen und „der falsche Tote“ eines seiner frühsten Werke, welches bereits 1982 erschien. Und ich habe keine Ahnung warum, und ob es wirklich zutrifft - wenn ich an Skandinavische Literatur denke - kommen mir keine fröhlichen Romane in den Sinn, sondern eher skurrile Geschichten mit einem melancholischen und beklemmenden Timbre. Aber mal ganz ehrlich, wie soll man auch einen heiteren Roman verfassen, wenn sich die Sonne zwei Monate am Stück nicht blicken lässt. Die ersten dreißig Seiten sind mit einer ziemlichen Anstrengung und leichten Kopfschmerzen verbunden, es gibt kaum einen Satz der nicht mit Metaphern, Synonymen, oder Vergleichen ausgeschmückt ist. Manche Sätze muss ich zwei mal lesen, weil die Vergleiche so atypisch sind das sie beim ersten lesen nicht sofort zu mir durchdringen. Doch nach und nach komme ich besser in den Text rein und langsam erschließt sich mir auch der Inhalt. „ Die Sonne schien wie eine Lampe im Operationssaal. Der Himmel war blau und desinfiziert. Im Laufe der Nacht war Schnee gefallen, weiß, jetzt von morgenmuffligen Patienten verdreckt.“ Hans Georg Windelband saß fünf Jahre im Gefängnis. Nun wurde er entlassen und versucht sein Leben wieder zu ordnen. Mehr oder weniger jedenfalls. Er lebt in den Tag hinein. Trinkt, raucht und isst zu viel. Einen Job hat er nicht. Und bis auf den Schlachter - einem Mann der ihn vor vielen Jahren von der Straße und dem Heroin weggeholte, hat er auch keine Freunde. In einer Zeitung liest Hans Georg seine eigene Todesanzeige. Zunächst ist er ziemlich perplex, denn ganz offensichtlich hat jemand seinen Namen gestohlen und ist nun tot. „Aber es kamen keine Glückwünsche. Das Telefon stand da wie ein kaltes Bügeleisen, vor mir lag die Aftenposten, die simplen Kreuzworträtsel grinsten mich daraus an. Und zwischen all den nichts sagenden Namen war ich platziert.“ Doch da es sich nicht als schlechter Scherz rausstellt, versucht Hans Georg herauszufinden wer der Tote ist. Er will ihn selbst in Augenschein nehmen, sucht den zuständigen Bestatter auf und lässt sich die Leiche zeigen. Doch viel kann man von dem einstigen Gesicht nicht mehr erkennen. Der mutmaßliche Hans Georg ist aus dem Fenster gefallen, oder gefallen worden und mit dem Kopf auf einem Zaunpfahl aufgekommen. Auch die Beisetzung lässt Windelband sich nicht entgehen. Die einzigen weiteren Trauergäste sind Berit, eine Junge Frau mit der er zwei Wochen bevor er ins Gefängnis ging zusammen war und ein alter Mann der sich als der Vermieter und Mitbewohner des Toten entpuppt. Malvin Paulsen, so der Name des ehemaligen Möbelpackers kann ihm jedoch nicht viel über den dahingegangenen erzählen, nur das dieser sehr zurückgezogen lebte, nie ausging, oder Besuch empfing, keiner Arbeit nachging, aber dennoch jeden Monat pünktlich seine Miete zahlte. Der Rentner der gern in Erinnerungen schwelgt, kann ihm also auch nicht wirklich weiterhelfen. Doch als Malvin plötzlich stirbt und dessen Bruder die Wohnung entrümpelt gelangt Hans Georg an ein Buch, welches dem falschen Hans Georg gehörte und in dem ein Name steht, der ihm nicht Unbekannt ist. Viktor Vekk, war seit Jahren mit Hans Georg befreundet. Nun stellt er sich die Frage warum Viktor gestorben ist und vor allem, aus welchem Grund er seinen Namen benutzt hat. Er folgt weiteren Spuren, die ein immer makaberes Bild formen. „Der falsche Tote“ ist ein Krimi der anderen Art. Nicht nur auf Grund Christensens gewöhnungsbedürftigen Schreibstils, sondern auch durch die subtile Veränderung die sich im Laufe des Buches mit dem Hauptprotagonisten und Ich- Erzählers vollzieht. Von dem Mann dem sein Leben entglitten und dem dieses auch egal zu sein scheint, ist am Ende des Buches nicht mehr viel übrig. Er entwickelt sich zu einem cleveren und tatkräftigen Mann, der einfach nur wissen will was mit seinem einstigen Freund geschehen ist. Dieses Teils sehr schwermütige und melancholische Buch entblößt zuletzt eine spannende, abstruse Geschichte die mit einer ordentlichen Portion Zynismus gewürzt wurde. Nüchtern, zugleich aber ungeheuer feinfühlig erzählt. Auch wenn es wirklich lange gedauert hat mich in dieses Werk hineinzuarbeiten, es eine Vielzahl an Fragen aufwarf, die nicht zur Gänze geklärt wurden und mich, immer wenn ich zu lesen begann eine trübsinnige Stimmung überfiel, kann ich nicht anders, als zu sagen das es mir in seiner Gesamtheit gefiel. Vielleiche gerade weil es dieses bedrückende Gefühl in mir auslöste und weil es eben so anders war… so Nordisch eben.