Leserstimme zu
Die letzten Stunden des Sommers

Die Geschichte zweier Frauen, hervorragend verflochten, emotional und spannend

Von: Hanne / Lesegenuss aus Freiburg
26.08.2018

In dem Abschlussband der East-Coast-Reihe von Beatriz Williams verknüpft die Autorin die Geschichte einer großen Liebe aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg generationsübergreifend mit dem Leben der Pepper Schuyler circa dreißig Jahre später. Mit dem richtigen Gespür für Tragik als auch charmanten Charakteren ist es ein zeitweise sehr berührender Roman über Erinnerungen und mehr. Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen und die jeweiligen Kapitel von Pepper und Annabelle erzählt. Bei den Kapiteln ist jeweils der Handlungsort und das Jahr mit aufgeführt. 1966 – Auslöser für die Bekanntschaft der beiden Frauen ist der Verkauf eines Mercedes Benz 1936 Spezial Roadster. Pepper Schuyler hatte dieses Goldstück aufwendig restauriert und zur Auktion angeboten. Noch vor der Versteigerung wird er anonym gekauft und am heutigen Tag war die Übergabe. Pepper ist sichtlich überrascht, dass die anonyme Käuferin doch persönlich kommt. So stellt sie die Frage nach dem Warum. Für Pepper kommt der Verkauf gerade recht, denn - ungewollt schwanger, ist sie auf sich selbst gestellt. Der Kindesvater, ein verheirateter Senator, für seine Affären bekannt, treibt sie immer wieder in die Enge und so nimmt sie ohne Bedenken die Einladung der Annabelle Dommerich an, in ihr Haus in Florida zu ziehen. Annabelles Geschichte beginnt 1935 an der Cote d'Azur. Ihre Mutter war Amerikanerin und hatte unter Verwendung ihres Vermögens einen französischen Adligen geheiratet. Nach etlichen Jahren in der Klosterschule genießt sie die Zeit. Es kommen viele Gäste ins Haus. Hier lernt sie das erste Mal den großen blonden Freiherrn von Kleist kennen, der von ihrem gestrigen Cellospiel angetan war. Der 38jährige war verwitwet. In dem Moment der Bekanntschaft wendet sich Annabelles Leben innerhalb von Sekunden, denn ihr Bruder Charles braucht sie. Die damaligen politischen Umstände führten schon zu Hintergrundaktivitäten, in denen auch Charles eine Rolle spielt. Nicht ungefährlich und so lernt Annabelle Stefan kennen. Eine Liebe, die nicht sein soll bzw. darf, denn Stefan ist Jude. Der Leser erlebt schon hier ein Wechselbad der Gefühle. Entscheidungen müssen getroffen werden, und ein 19-jähriges Herz ist offen für Mißtrauen. Sie kehrt heim nach Paris zu ihrem Vater. Nur wenig später heiratet sie Herrn von Kleist, der ihre Ehre rettet. Denn Annabelle ist schwanger. Doch die Liebe zu Stefan bleibt in ihrem Herzen. Sehr eindrucksvoll und gekonnt hat die Autorin die politische Entwicklung in Deutschland, deren Auswirkungen der damaligen Führung in Annabelles Geschichte wieder vor Augen geführt. Die Protagonistin ist perfekt dargestellt sei es ihre Verletzbarkeit und ihr Mut zum eigenen Denken. Eine reale Darstellung der Gegebenheiten und des Lebensbereiches. So erfährt man als Leser die gesamte Lebensgeschichte der fünzigjährigen Annabelle Stück für Stück bis hin zur Flucht aus Deutschland mit dem Mercedes. Die lebenshungrige Pepper ist eine junge Frau mit Ecken und Kanten. Ihre nicht nach außen sichtbare verletzliche Art macht sie einerseits sympathisch, aber sie eckt bei anderen oft an. Bei ihrer Geschichte geht es um den derzeitigen Zustand, wie es dazu kam und ihre Entwicklung zu lesen, da gab es einiges zu verarbeiten und machte auch nachdenklich. Man denke böses, wer der Kindesvater ist☺ Menschen sind oft nicht einfach, selbst nicht und auch ihren Nächsten, auch der Familie gegenüber. Es wunderte mich nicht, dass die Geschichte von Annabelle Kernpunkt des Romans war. Die Darstellung der Geschehnisse bis zur Flucht, die Beschreibungen als auch die gefühlswelten sind klar dargestellt. So ist die Geschichte aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg mit Peppers der 60er des vergangenen Jahrhunderts spannend als auch einfühlsam miteinander verbunden. Ein rundum gelungender Abschlussband, den ich von der ersten bis zur letzten Seite sehr genossen habe. Es ist eine bewegende Reise, auf die man sich hier begibt.