Leserstimme zu
Nachtlichter

Nachtlichter

Von: fredi.liest
01.09.2018

In dem autobiografischen Buch „Nachtlichter" beschreibt Amy Liptrot wie sie auf der Flucht vor ihrem selbstzerstörerischen Ich ihre einst verlassene Heimat, die Orkney-Inseln wiederentdeckt. Früher hasste sie die Enge und Stille der Provinz, dazu kamen schwierigen Familienverhältnissen und das Bedürfnis nach einer anderen Welt. Und so landete sie in London. Alkohol, Drogen, wilde Party, unverbindliche Begegnungen - jede mögliche Extreme der Großstadt durchlebte sie - und fand keinen Ausstieg. Sie verliert ihre wenigen Freunde, die irgendwie und irgendwann den Ausstieg in ein zivilisiertes Leben schaffen, nur sie ganz allein befand sich in diesem Teufelskreis, der durch ihre Sucht und Einsamkeit bestimmt war. Irgendwie findet sie - seelisch verwundet - ihren Notausgang - auch ein Extrem das Wasser rund um die Orkney- Inseln. Das intensive Naturerlebnis bildet ihre Ersatzdroge. Sie arbeitete für eine Vogelschutz-Organisation, lernte dadurch die reiche Vogelwelt der Inseln kennen und zählte nächst die Vogelbestände. Einen Winter lebte sie zurückgezogen in einem Cottage auf der sehr schwach besiedelten Insel Papa Westray. Die Tage, Wochen und Monate, die sie abstinent lebt, sind eine schwere Zeit, in der sie die Suchende ist. In den melancholischen, detailreichen Schilderungen des schwierigen Ausstieg aus ihrem Großstadtleben gewährt sie immer wieder Einblicke in dieses: ungeschönt berichtet sie, vom Abstieg durch die Sucht, von der Härte der Einsamkeit und von den Zügen der Selbstzerstörung. Kraftvolle wechseln sich mit leisen Tönen ab, beschreiben von ihrem Weg und mit eindrucksvollen Worten von der malerischen Landschaft, von den steilen Klippen, von der - vielleicht sogar heilenden - Kraft des Windes und des Meeres. Das Buch hat mich durch seine bemerkenswerten Offenheit, die Ehrlichkeit der Autorin und das reiches Wissen über Flora und Fauna der Orkney-Inseln beeindruckt. Definitiv deshalb kein leicht zu lesendes Buch - gerade die Rückblicke in die Londoner Zeit tun beim Lesen weh - doch für mich ein Lesehighlight des Sommers.