Leserstimme zu
Rachewinter

Undurchsichtig und mit langsam steigender Spannung

Von: Michael Lehmann-Pape
19.09.2018

Wien. Zwei Arbeiter auf dem Dach mit freiem Blick auf ein benachbartes Penthouse. Sex bei offenem Fenster. Sex mit ziemlichen Überraschungen, nicht nur, was das gewaltsame Ende angeht. Nach diesem aber ist das Penthouse blutbespritzt und ein Mann ermordet. Und da die beiden Dacharbeiter mit Genuss das Ganze zunächst auf Handy aufgenommen haben, scheint ebenfalls sofort klar zu sein, wer der Täter, die Täterin ist. Gut, dass die Rechtsanwältin Evelyn Meyers, bei allen Vorbehalten, nicht mitansehen können wird, wie schnell und oberflächlich ermittelt wird, sondern ein Mandat übernimmt und auf eigene Faust Ermittlungen anstellen wird. Leipzig. Ein dummer Unfall im Badezimmer? Bei einem „Stelldichein“ der besonderen Art? Kriminaldauerdienstkommissar Walter Pulaski zweifelt. Aber ohne griffige Handhabe. Zum einen, weil eine Frau beteiligt gewesen sein soll und zum anderen, weil es ihm ziemlich merkwürdig erscheint, dass ein Mann im Rahmen eines Schäferstündchens dringend Nasenhaare im Motel zunächst noch entfernen muss. Zwei merkwürdige Fälle, die zunächst ohne jede Verbindung dastehen. Bis Evelyn auf dem Handy des Wiener Mordopfers Notizen findet, Notizen, die vielleicht erklären, warum der oberste Staatsanwalt der Stadt ganz persönlich den Fall an sich gezogen hat. Während Walter Pularski ebenfalls, Schritt für Schritt und stetig, seinen Zweifeln mehr und mehr Nahrung zuführen kann. Bis aber die genaue Verbindung der Fälle deutlich wird und sich der Leipziger Kommissar mit der Wiener Rechtsanwältin kurzschließt, bietet sich zunächst Gelegenheit, die Personen näher kennenzulernen, die Gruber präzise und klar gezeichnet einführt, mitsamt ihren auch privaten Verwicklungen in den Fall (was zumindest die Leipziger Seite angeht). Und das Thema des „Transgender“ ebenfalls passend und flüssig in den Fall miteinbaut. Genügend Momente somit, um den Leser im ersten Teil des Thrillers überaus neugierig zu machen auf die Hintergründe dieser beiden Mordfälle. Falls das überhaupt die beiden einzigen Morde bleiben werden. Eines aber wird klar nach einer gewissen Weile: Der Täter, die Täterin, scheint in allen Fällen die gleiche Person gewesen zu sein. Das Ganze erzählt Gruber in eher schlichter Sprache mit umgangssprachlichen Mitteln („für uns sieht es echt schlecht aus), aber mit innerem Zug, der das Tempo hochhält und mit einigen überraschenden Wendungen den Leser immer wieder auf neue Spuren ansetzt. Im Gesamten bietet der Thriller eine anregende und in sich stimmige Unterhaltung.