Leserstimmen zu
Nachtzug nach Lissabon

Pascal Mercier

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Ein Lehrer auf der Suche nach.... ja, was oder wem eigentlich? Weiß er auch nicht. Er weiß eigentlich auch nicht wirklich, warum er geht. Mein Problem: man glaubt es ihm nicht. Ich werde nicht warm mit der Figur des Lehrers. Er bleibt für mich genau so oberflächlich, wie alle anderen Personen, die er im Buch trifft. Auf keiner wird näher eingegangen, alles plätschert so wischi-waschi und halbgar vor sich hin. Wenn man der Figur des Lehrers aber von Anfang an seine Motive nicht abnimmt, ihn für unglaubhaft hält... dann ist der Rest des Buchen hoffnungslos verloren, denn er baut darauf, daß man dem Lehrer in seinen "Ausbruch in die Freiheit" folgt. Schade, auf Grund der positiven Bewertungen habe ich mir sehr viel mehr Tiefe versprochen.

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"Doch dann waren Worte aus anderen Büchern dazwischengekommen, Worte, die in ihm gewuchert hatten, bis aus ihm einer geworden war, der alle fremden Worte auf die Goldwaage legte und seine eigenen schmiedete." (S. 283) Inhalt Raimund Gregorius ist der verlässlichste Mensch an der ganzen Schule. Er fehlt nie, ist stets pünktlich und hat sämtliche altgriechischen, lateinischen und hebräischen Texte im Kopf. Er beschäftigt sich fast ausschließlich mit den alten Schriften oder hilft seinen Schülern wo er kann. Doch eines Tages begegnet er auf dem Schulweg einer verzweifelten Frau, die wirkt, als würde sie gleich von der Brücke springen wollen. Diese Begegnung bringt alles durcheinander - er kommt zu spät in den Unterricht, ist nass und vor allem hat sich das Wort "Português" aus dem Mund der portugisischen Frau in seinem Kopf festgesetzt, einem Kopf, in dem bisher fast nur "tote Sprachen" Platz hatten. Gregorius findet ein portugisisches Buch in einem Laden bei der Schule, dessen Sätze so gut zu ihm passen, dass er sich heimlich davonmacht - aus der Schule, aus der Wohnung aus der Stadt -, um mehr über den Autoren, den Goldschmied der Worte, herauszufinden. Meine Meinung "Nachtzug nach Lissabon" schildert das Leben zweier unterschiedlicher Männer zu verschiedenen Zeiten. Zum einen gibt es Gregorius, den Lehrer, der bei seinen einfacheren Eltern mit wenig Geld in Bern aufwuchs, sich viel erarbeitet hat und sein eintöniges Leben in der Schule zwischen alten Texten mag. Er meidet alles Fremde und reist trotzdem in ein fremdes Land, um dem Autoren Amadeu de Prado näher zu kommen. Dabei fängt er an, sein bisheriges Leben zu überdenken, Entscheidungen zu hinterfragen und sich selbst zu reflektieren. Auf der anderen Seite gibt es den adeligen Amadeu, der in der Zeit der Salazar-Diktatur in Lissabon lebte, eine gute Ausbildung bekam, Arzt nach dem Willen seines Vaters wurde aber stets die Last der Verantwortung gegenüber seinen Eltern spürt. Er liest viel und entwickelt sich zu einem einnehmenden Mann. Doch vor allem hinterfragt er seine Entwicklung, macht sich Gedanken über die Seele, das Ich, wie man zu dem wird, was man ist und inwiefern es uns determiniert. Amadeu ist sehr melancholisch und hält seine philosophischen Worte in dem Buch fest, das Gregorius durch einen Zufall in die Hände fällt. Sein Leben rekonstruiert Gregorius Schritt für Schritt, indem er Familie, Freunde und Bekannte ausfindig macht. Der Anfang des Buches hat mir richtig gut gefallen. Es macht Spaß Gregorius dabei zu begleiten, wie er die unerwarteten Geschehnisse in Bern aufnimmt, wie seine Gedanken auf einmal in eine völlig neue Richtung getrieben werden und wie er schließlich den Zug nach Lissabon nimmt. Er entwickelt auf einmal eine Liebe für das portugisische Wort "Português" und eine Faszination für eine Sprache, die ihn bisher völlig kalt gelassen hat. Dieser Einstieg in die Geschichte ist ansteckend, vermittelt Aufbruchsstimmung und Lust nach Spontanität. Außerdem würde man selbst direkt am liebsten an einen neuen Ort verreisen oder eine Sprache lernen. "Gregorius sollte diese Szene nie vergessen. Es waren seine ersten portugisischen Wörter in der wirklichen Welt, und sie wirkten. Daß Worte etwas bewirkten, daß sie jemanden in Bewegung setzen oder aufhalten, zum Lachen oder Weinen bringen konnten: Schon als Kind hatte er es rätselhaft gefunden, und es hatte nie aufgehört, ihn zu beeindrucken." (S. 79) Trotz dieser plötzlichen Spontanität - die ich liebe - ist mir nicht so ganz klar geworden, warum Gregorius so plötzlich nach Portugal abreisen musste. Nach allem, was erzählt wird, ist er mit seinem Leben durchaus zufrieden. Es wurde nie klar, was er genau sucht oder sich erhofft oder warum er nicht bis zu den Schulferien warten konnte. Vielleicht ahnte er, dass in seiner Person noch viel mehr steckt. Es ist aber auf jeden Fall interessant zu verfolgen, wie er sich verhält, sobald seine Komfortzone in Bern verlassen hat und was für eine Wirkung es auf ihn hat, sich völlig fremden Menschen anzuvertrauen. Auch wenn er immer wieder kleinere Rückschläge erleidet, entwickelt Gregorius sich stark. Spannend fand ich, dass gerade Amadeus Buch diese positive Entwicklung in Gang gesetzt hat. Denn dessen Gedanken sich nicht unbedingt das, was ich als lebensfreudig bezeichnen würde. Sie sind tiefsinnig und berührend, aber eher dunkelblau als orange. Amadeu reflektiert vor allem seine eigene Person und wie er zu dieser wurde. Dabei nehmen Freundschaften, Loayalität, Intimität, Abhängigkeit von der Wertschätzung anderer, Einsamkeit, Vertrauen und auch der Einfluss der Eltern einen großen Teil von Amadeus hinterlassenen Schriften ein. Diese Sätze des "Goldschmieds der Worte" befassen sich mit sehr grundsätzlichen aber wichtigen Dingen, was das zwischenmenschliche Verhalten angeht. Sie regen sehr zum Nachdenken an. Neben den Aspekten der Beziehungsverflechtungen, erfahren wir von Amadeus Überlegungen zum Thema Religion und Atheismus mit spannenden Gedankenansätzen. "Alle hatten sie dieses selbe Bild vor sich gehabt, und doch hatten sie, wie Prado sagte, jeweils etwas Unterschiedliches gesehen, weil jedes gesehene Stück menschlicher Außenwelt auch ein Stück Innenwelt war." (S. 140) Bestimmte Sätze in diesem Buch haben es mir sehr angetan. Dafür hatte die Grundgeschichte leider nicht ganz so viel zu bieten. Auf der Gegenwartsebene passiert nicht viel mehr als Gregosrius' Spurensuche nach Amadeus Leben und seine eigene Entwicklung. Manche Begegnungen mit Portugisen waren sehr emotional, eine anhaltende Spannung wird auf dieser Ebene aber nicht erzeugt. Amadeus Vergangenheit ist ebenfalls teilweise ergreifend und bietet aber zusätzlich ein paar spannende Wendungen. Die Seiten zwischen diesen Wendungen ziehen sich dagegen manchmal etwas und das Ende war auch in gewisser Hinsicht voraussehbar. Insgesamt wurde der Schwerpunkt des Buchs auf philosophische Aspekte gelegt, worunter die Spannung der Handlung leider manchmal litt. Ein wichtiger Nebenschaupunkt dieses Buchs ist die Herrschaft des Salazar-Regimes in Portugal. Ich persönlich wusste von Salazar vor dem Lesen wenig. Die Geschichte offenbart zwar kein vertieftes geschichtliches Wissen und hilft einem auch nicht mit einem groben Abriss aus der Unwissenheit heraus. Dafür werden einzelne Aspekte, wie Gefangenschaft, Folter und ihre Folgen, genauer betrachtet. Zudem setzt "Nachtzug nach Lissabon" einen Anreiz selbst tätig zu werden und zumindestens die Wikipediaseite über die Geschichte Portugals zu überfliegen. Lissabon als Schauplatz der Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Die Stadt wurde auf unaufdringliche Weise miteinbezogen. Es werden keine großen Touristen-Sehenswürdigkeiten erwähnt, dennoch findet man die Namen von Straßen und Vierteln. Die alte Straßenbahn taucht auf und Amadeu de Prados Praxis befindet sich in einem typischen Haus mit blauen Kacheln. All das lies bei mir das Fernweh noch mehr steigen und gab der Geschichte einen besonderen Charme. Wer Lust hat, ein bisschen mehr über die Stadt Lissabon zu lesen, sollte sich auch auf jeden Fall diesen Post auf Steffis Reiseblog anschauen. Ich denke, man sieht auch an der Länge des Posts, wie zwiegespalten mich dieses Buch zurücklässt und wie viele Gedanken es freisetzen kann. Daher bekommt es trotz der kleinen Kritikpunkte eine klare Leseempfehlung von mir.

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Dieses Buch ist mal wieder ein gelungenes Beispiel für einen völlig mißlungenen Klappen- und Umschlagtext und was daraus wird: Mehr als die Hälfte der Bewertungen sind gut bis sehr gut, ca. ein Drittel schlecht bis sehr schlecht und lediglich 10% finden es 'so ok'. Kein Wunder: Wer sich ein Buch kauft aufgrund der vollmundigen Ankündigung als Krimi ('Bewußtseinskrimi!'), in dem der Protagonist Raimund Gregorius um sein Leben fürchten muss, wird schwer enttäuscht sein von dieser Lektüre. Statt Verbrechen und gefährlichen Situationen ist der Schwerpunkt dieser Reise nach Lissabon eine Suche. Die Suche nach dem, was den wahren, echten Menschen ausmacht. Klingt, als ob sich um einen weiteren der zahllosen Lebensratgeber handelt: Wer bin ich? Was will ich? Erkenne dich selbst! Das Ganze verpackt in eine unterhaltsame Rahmenhandlung, die Gregorius auf der Suche nach einem portugiesischen Autor (Prado) nach Lissabon führt. Doch weit gefehlt. Statt der üblichen mittlerweile alltäglichen Ratschläge wie 'Gönnen Sie sich eine Auszeit und entdecken Sie, was SIE wollen!', legt der Autor Schicht für Schicht all die Einflüsse offen, die das eigene Ich einzwängen, bedrängen, leiten.... Doch ist das was dann bleibt, das eigene ICH? Durch das Lesen der Schriften des verstorbenen Prados und der Erforschung dessen Lebens erfolgt Gregorius' zunehmende Erkenntnis seines eigenen Ich. Prado war besessen von dieser Frage, wer er selber war und Gregorius beginnt verstärkt sich ebenso diesen Fragen zu stellen wie ganz zwangsläufig auch die Leserinnen und Leser. Doch dies ist nur ein Thema (wenn auch das hauptsächliche) um das dieses Buch kreist. Es geht um Gott, um den Tod, das Miteinander der Menschen... Ein ungemein reichhaltiges, inhaltsschweres Werk das sich dennoch nicht allzu schwer liest. Doch es ist keine Unterhaltungslektüre die nur zu konsumieren ist. Um's eigene Gedanken machen wird man kaum herum kommen :-)

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