Leserstimmen zu
Über Literaturkritik

Marcel Reich-Ranicki

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Lieber Leser, warum muss sich ein Kritiker rechtfertigen? Warum sind so viele Leser beleidigt, wenn jemand ein schlechtes Buch schlecht nennt? Warum trauen sich überhaupt so wenige, einen Verriss zu schreiben? Die Frage ist nicht neu. Marcel Reich-Ranicki zitiert in diesem Aufsatz Kritiker und Autoren aus dem achtzehnten, neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundert, und alle schreiben dasselbe: Die Literaturkritik in Deutschland (und im Rest der Welt, aber bei uns besonders) ist leere Lobhudelei. Wer sich nicht traut, einen Verriss zu schreiben, der sollte überhaupt nicht über Bücher schreiben. Aber in den letzten fünfzig Jahren hat sich nichts geändert. Jeder mittelmäßige Roman hat Unmengen an Sternchen auf Amazon, und der Kulturteil der großen deutschen Zeitungen entdeckt jedes Jahr den neuen Autor des Jahrhunderts. Wahrscheinlich wird es so bleiben. Fragen wir einmal aus der Sicht der Autoren: Wozu überhaupt Kritiker? Marcel Reich-Ranicki sah es als Teil seiner Pflicht, "Epidemien zu diagnostizieren und Totenscheine auszustellen." Der Vergleich gefällt mir. Ansonsten gibt der Aufsatz nicht viel her. Ein Zitat nach dem anderen, die ganze Geschichte der deutschen Literatur und -kritik entlang, aber worauf der Autor hinauswill, erfährt man nicht. Wollte er sich rechtfertigen, ohne zu klingen wie einer, der sich rechtfertigt? Reich-Ranicki scheint zwar den knappen, deutlichen Ausdruck zu bewundern, aber selbst schreibt er knochenstaubtrocken. Dass er 1920 geboren wurde, mag so einen Stil erklären; entschuldigen kann es ihn nicht. Außerdem konnte er es besser. Was Marcel Reich-Ranicki für die Zeitung schrieb, klang nicht halb so altertümlich. Der Aufsatz Über Literaturkritik war lediglich ein Vorwort zu Reich-Ranickis Buch Lauter Verrisse. Wozu hat man ihn herausgerissen und ihn, Jahrzehnte später, einzeln veröffentlicht? Um aus dem Namen Reich-Ranicki so viel Geld herauszuquetschen wie möglich, solange noch jeder Deutsche von ihm gehört hat? Mit diesem Bändchen hat weder die deutsche Literatur noch ihre Kritik etwas gewonnen. Hochachtungsvoll Christina Widmann de Fran

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Reich-Ranicki geht systematisch vor und der Kritik dabei auf den Grund. Er beginnt bei den von ihm aufgezeigten Anfängen der Kritik in Deutschland und zitiert dabei einen französischen Aufsatz, der die Deutschen ganz schön schlecht wegkommen lässt. Die Unfähigkeit der Deutschen zur Kritik und auch die große Gegenwehr der deutschen Autoren wird dabei durch verschiedene Beispiele und Zitate belegt. Reich-Ranicki ist dabei aber nicht dogmatisch, sondern lässt Raum und wägt das für und wieder ab. Dadurch wird der Essay zu einem interessanten, aber nicht rein wissenschaftlichen Werk. Vielmehr ist er für ein breiteres Publikum zugänglich, verständlich und mit Beispielen und einem klaren roten Faden durchaus gelungen. Dass er dabei vor allem in der Geschichte bleibt und lediglich zuletzt, in Bezug zu seinen eigenen Erfahrungen als Autor in die Gegenwart rutscht, mag dem Anspruch des Textes zu verschulden sein, lässt den Text aber etwas historisch wirken und die Frage nach der „aktuellen“ Position der Kritik bleibt. Gleichzeitig zeigt sich hier der größte Raum des Essays, denn indem Reich-Ranicki zugibt, als Autor ebenso hart an Kritik kauen zu haben, wie alle, die er im Laufe der Zeit kritisiert hat, öffnet sich der Text der Gefühlsebene, die bei wissenschaftlichen Texten oft kurz kommt. Die eigene Verbindung und die Selbstwahrnehmung durch das eigene Werk machen Kritik, auch konstruktive, schwer anzunehmen, die Kritik selbst aber nicht weniger berechtigt. Erstaunlich flüssig und angenehm zu lesen, wissensreich, aber nicht belehrend, ein durchweg gelungener Essay, der zurecht aus einem Buch von 1970 herausgesucht wurde. Wer sich mehr mit Literaturkritik auseinandersetzen möchte und auch ihren Wurzeln auf den Grund gehen will, ist hier genau richtig.

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