Leserstimmen zu
Gesammelte Gedichte

Ulla Hahn

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(K)ein Buch für alte Hasen. Eher für alte Esel, wie der Rezensent einer ist. Na immerhin hatte er sich dereinst aufraffen können, die "Wiederworte" in die Hand zu nehmen, um sich dann staunend an das Abenteuer einer Rezension zu wagen. Ob er je ein größeres Loblied gesungen hat, weiß er im Moment nicht. Direkt an die Worte von 2012 anzuknüpfen ist insofern schwierig, als man für den zitierten "Wortzauber" und jenen "Wörter See", der eigentlich ein Ozean ist, keine Steigerung mehr formulieren kann. Eigentlich reicht das schon. Manch einem, der mit der Anschaffung der gewaltigen, fast neunhundertseitigen Ausgabe liebäugelt, jedoch vielleicht unbedingt. Ein paar Argumente dafür soll diese Rezension jetzt aufzählen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wo man allerdings und überhaupt anfangen soll, ist schwierig genug. Vielleicht einfach mittendrin, wo es ein "Geheimnis" (S. 306) zu entdecken gibt. Wenn in nur fünf Zeilen ein großes Wunder beschrieben wird, ist das eigentlich schon Wunder genug. Und das, was ein vorbeifliegender Vogel Ulla Hahn zu sagen hat, erst recht! Das überholte Klischee des "armen Poeten" findet in Ulla Hahn keine Entsprechung. Allein, wem sich jenes genannte Geheimnis offenbart, kann keine dunkle Seele haben. Und wenn doch, trägt der Flügelschlag sie fort. "Aussichtslos unglücklich" kann die Dichterin nicht sein. Weshalb, wieso, warum und wieso erklärt sich in diesem Buch wie von selbst. Schließlich geht es darum, Trauer und Verzweiflung "in Trost" zu verwandeln. Jene Motive gelingen jedoch nicht immer. Letztendlich gibt es ja auch keine Garantie für so etwas. "Ledig weiblich Ende dreißig" (S. 669) macht dann eher betroffen. Einen Ausweg gibt es hier nicht. Jenes "Herbstkleid" macht einfach traurig und es klingt und wirkt (wie alles) sehr lange nach. Plötzlich sieht man diese Frau auf der Straße. Gar tausendfach ziehen sie wortlos vorbei ... Doch es gibt ja noch die "fünfte jahreszeit" (S. 808), die sich nicht nur einige orthographische Besonderheiten erlaubt, sondern ganz allgemein aus der Reihe fällt. Die Rede ist (auch) von Augenblicken, die sich manchmal, so um alle fünf Ecken herum, irgendwo hineinmogeln. Einen großen Spiegel hält uns Ulla Hahn vor die Nase. Ganz einfach so und in aller Klarheit. Man hat gar keine Zeit mehr, sich etwas zurechtzumachen. Der einzige Ausweg, der bleibt, ist, sich auf eine ganz spezielle "Bekanntschaft" (S. 140) einzulassen: "Ich bin auf meinen eigenen Leim gegangen ich fiel auf keinen als mich selber rein" Formal wäre u. a. aufzuzählen, welche literarischen Veröffentlichungen dieser Band umfasst, doch wozu gibt es einen über sechzigseitigen Anhang, der keine Fragen offen lässt. Das Format des Buches mag etwas unhandlich sein, weshalb der "Brocken" als Bettlektüre der versammelten Leserschaft schon einiges an Muskelkraft in den Armen abverlangt. Aber immer noch besser als eine leblose, heruntergezogene Datei auf einem Bildschirm oder gar diese unattraktiven Lesescheiben, auf denen man herumwischt und sich permanent verzettelt. Zudem verleiht das gedruckte Wort einfach mehr "Gewicht". Einmal im Regal verschwunden, wird sich das Buch nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen können. Die Gedichte werden zwar den "Dialog" mit den verstaubten Kolleginnen und Kollegen suchen und finden, jedoch in regelmäßigen Zeitabständen massiv gestört werden. Gelegenheit zum Staub ansetzen wird es nicht geben. Deshalb, und zwar nicht nur, weil man in dieser Sammlung immer wieder etwas finden wird, da sie die Referenz in Sachen Gedichte darstellt, sondern weil sie damit so etwas wie ein unendliches Nachschlagewerk ist. Das Ende des Buches ist zugleich Beginn und Wiedereinstieg. Von dieser Lektüre trennt man sich nie mehr. Nach der Entscheidung, das Buch zu wagen, ist man nicht nur im Besitz dieser schwergewichtigen und doch federleichten Lektüre, sondern sogar im Besitz eines jeden Wortes der Sammlung. Dies verspricht Ulla Hahn in ihrem Vorwort, welches für diese Rezension auch ein geeignetes Fazit und Schlusswort sein wird: "Einmal gedruckt, gehören Gedichte nicht mehr dem, der sie schrieb. Sie gehören denen, die sie lesen, die sie brauchen."

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