Leserstimmen zu
Der Regen, bevor er fällt

Jonathan Coe

(1)
(0)
(0)
(1)
(0)
€ 10,00 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (* empf. VK-Preis)

Rosamund kommt nicht auf den Punkt

Von: Tanja Jeschke aus Stuttgart

02.06.2016

Von Tanja Jeschke Jonathan Coe, der bekannte britische Autor gesellschaftspolitischer Bücher, hat sich an ein neues Thema gewagt: in seinem bei DVA erschienen Roman „Der Regen, bevor er fällt“ versucht er sich einzufühlen in die seelische Erfahrungswelt von Frauen dreier Generationen. Nicht dass er sich dabei ungeschickt anstellte: Den verzwickte Erfindungsreichtum, mit dem weibliche Emotionsmuster sich ihr Überleben sichern, stellt er dar anhand von Figuren, die sowohl aufrichtig als auch selbstsüchtig genug sind, um glaubwürdig zu erscheinen. Die zwanzig Fotografien, die die alte Haupterzählerin Rosamund kurz vor ihrem Ableben in langen Monologen beschreibt, bleiben dennoch eigenartig blass. Und das obwohl Rosamund aus jeder Fotografie eine solch blühende Fülle von Episoden hervorzuholen vermag, die sich um die jeweiligen Personen ranken. Sogar eine gewisse Spannung entsteht, die den Leser weiter und weiter treibt, ja er will durchaus wissen, was es mit der blinden Imogen auf sich hat, für die Rosamund alles auf vier Casetten spricht. Aber dieses „Alles“, das Rosamund zu erzählen hat, hat etwas von jenem schonungslosem Enthüllungsjournalismus, dem man seine gierigen Lese-Augen nicht ohne Unbehagen leiht, um sie hinterher – irgendwie erkenntnisarm – wieder abzuwenden. Rosamund meint es gut, ist aber einfach zu redselig. Die Geschichte Imogen und ihrer bösen, eigentlich ungeliebten Großmutter und Mutter kommt nicht auf den Punkt. Am Schluss erfährt man auch noch, dass Imogen gar nicht mehr lebt und also nie erfahren wird, warum sie als Kind blind wurde. Da ist man fast erleichtert: gut, dass die Arme nicht all das wissen muss, was wir jetzt wissen! Erschrecken und Banalität – diese Mischung in Jonathan Coes Roman wirkt wie eine dem Leben abgeschaute Abgründigkeit, vor der man aber nicht wirklich erzittert.

Lesen Sie weiter

Im Nachlass ihrer Tante Rosamond findet Gill besprochene Tonbänder. Damit verbunden die Aufgabe an sie, Imogen wiederzufinden. Rosamund möchte mit den Tondokumenten Imogen aufzeigen, woher sie kommt, wer ihre Geschichte geprägt hat und warum sie so früh erblindet ist. Die Geschichte beginnt zu Kriegszeiten, als Rosamond zu ihrer Tante auf’s Land kommt und dort eine von Abweisung und Nähe geprägte Beziehung zu ihrer Cousine Beatrix aufbaut. Diese wird in ihrem späteren Leben eine Tochter bekommen, Thea. Und Imogen wiederum ist die Tochter Theas. Diese Familiengeschichte wird faszinierenderweise anhand von 20 Fotos erzählt. Rosamond hat sie ausgesucht und beschreibt auf den Tonbändern sehr genau was darauf zu sehen ist, um für Imogen die Bilder und Szenen begreifbar zu machen. Es entsteht ein Familienbild das von Kälte geprägt ist. Viele Unwägbarkeiten die passieren und schwierige Zeiten ziehen ihre Furchen. Die Frauen der Geschichte versuchen jede auf ihre Weise mit der Welt zurechtzukommen und es zeigt sich wiedermal, dass Familie oft das Schlimmste zum Vorschein bringt, das einem passieren kann. Rosamond ist so etwas wie der rote Faden, der alle Stränge zusammenhält und so bewegt sich die Geschichte über jedes Foto weiter in der Zeit. Gill hört sich die Tonbändern zusammen mit ihren Töchtern an und sie können sich dem Bann nicht entziehen, der von den Worten ihrer Tante Rosamond ausgeht. Die Versuche Imogen zu finden, gestalten sich schwierig und es ist fraglich, ob es jemals gelingen wird. Rosamond schafft mit den gesprochenen Worten ein Erbe, das vieles in der Familiengeschichte beleuchtet. Wie es oft der Fall ist, wenn man den Älteren zuhört. Sie kennen noch Ereignisse und wissen Zusammenhänge, die in den späteren Generationen verloren gehen. Und so ist auch dieses Buch für mich eine Mahnung daran, die eigene Geschichte zu bewahren und weiterzugeben. Mich ließ der Gedanke nicht los, mit welchen 20 Bildern ich meine Geschichte erzählen würde.

Lesen Sie weiter