Leserstimmen zu
Es hätte mir genauso

Ali Smith

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Gleich vorweg: Es hätte mir genauso ist definitiv eines der aller, aller besten Bücher, die ich in meinem ganzen Leben jemals gelesen habe. Wie schreibe ich aber eine Rezension zu etwas, das mich so hellauf begeistert hat? Und wie gehe ich damit um, wenn euch dieses Buch nicht halb so gut gefällt, wie mir? Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass dieses Buch sicher nicht für jedermann ist. Fakt ist auch, dass es mich einfach genau in meinem Humor und meiner Denkweise abgeholt hat. Und das auf so ungewöhnliche und originelle Weise, dass ich absolut verstehe, wenn jemand sagt: das ist nichts für mich. Stärken des Buchs: Die Schottin Ali Smith hat einen absolut ungewöhnlichen Schreibstil. Sie verzichtet vollkommen auf direkte Rede, was den Leser herausfordert, wirklich ständig dabei zu bleiben. Den Prolog musste ich zwei Mal lesen, weil ich dachte, ich habe irgendwas Essentielles nicht kapiert – und das stimmt auch. Der Prolog macht ausnahmslos Sinn, wenn man das ganze Buch bis zum Ende gelesen hat.Trotzdem ist der Schreibstil anspruchsvoll, wobei ich mich recht schnell daran gewöhnt habe und neben der Sprachakrobatik auch den Wortwitz und die immer mal wieder auftauchende Reflexion über Sprache toll fand. Es. Hätte. Mir. Genauso. Mit jeweils einem dieser Wörter beginnen die vier großen Kapitel, in die das Buch geteilt ist. Smith lässt in jedem Kapitel verschiedene Charaktere auftreten, die eigentlich nur durch Miles – den Herrn im Gästezimmer – miteinander verbunden sind. Miles ist dabei allerdings eher nebensächlich. Es werden verschiedene Szenen aus dem Leben der Figuren erzählt, die mich immer wieder zum Schmunzeln, manchmal zum Lachen und einmal sogar fast zum Weinen gebracht haben. Unter anderem beinhaltet das Buch die für mich schönste Liebesgeschichte, die auf knapp eineinhalb Seiten rührender ist, als jeder große Liebesroman. Die Charktere sind dabei genauso ungewöhnlich gewählt wie das ganze Buch. Trotzdem kehrt die Autorin immer wieder zu Miles zurück, erzählt verschiedene erste Begegnungen mit ihm, die ihn sofort lebendig machen, auch, wenn man ihn eigentlich sozusagen nie wirklich zu Gesicht bekommt. Mit viel unterschwelligem Witz kommentiert die Autorin gesellschaftliche Probleme, wobei der Witz tatsächlich so unterschwellig ist, dass man dafür schon einen bestimmten Grundsarkasmus und bösen Schmäh’ (wie wir Österreicher sagen) haben muss. Wer nach wirklichen Witzen sucht, sucht hier vergebens. Trotzdem habe ich den trockenen Humor der Autorin sehr genossen und wirklich gelacht – was eine Kunst ist. Unter Leuten, die mich schlecht kennen, kursiert nämlich das Gerücht, ich würde keinen Spaß verstehen. Dabei mag ich nur keine Witze oder absichtlichen (erzwungenen) Humor. Ali Smiths unterschwellige Boshaftigkeit im Stile eines schwarzen, englischen Humors trifft mich daher genau in der Seele. Kunstvoll ist aber nicht nur die Satire, sondern auch der (wirre?) Handlungsbogen. Die Art, wie Smith die doch irgendwie unzusammenhängenden Geschichten zusammenspinnt, immer wieder zu Miles zurückkehrt und ihn doch nie zu Wort kommen lässt, mag vielleicht manchen zum wütenden Buch-In-Die-Ecke-Pfeffern bringen. Mich hat es fasziniert. Wie eine Seiltänzerin bewegt sie sich immer gerade so weit über den Abgrund, das der Leser gerade nicht mitrutscht. Und am Ende? Wird alles gut. Alle Handlungsbögen und Ebenen kommen zusammen, vor allem über das Kind Brooke Bayoude (Cleveristin), die wie ein schlauer Leuchtturm immer die Richtung hält und definitiv nochmal ein Highlight der Story ist. Mit ihr knüpft das Ende wieder an den Prolog an und auf einmal macht alles Sinn. Trotzdem bleiben viele Dinge unbeantwortet, was mich persönlich nicht gestört hat. Dennoch könnte es für manche ein Kritikpunkt sein, daher: endlich ab zu den Schwächen. Schwächen des Buchs: Für mich hatte dieses Buch eigentlich keine Schwäche. Aber: Wer unbeantwortete Fragen nicht mag und nicht gerne bei Büchern mitdenkt, wer keinen unterschwelligen Humor mag, sondern lieber offen und direkt oder gar brav, ist dieses Buch NICHT zu empfehlen. Genauso für alle, für die die Handlung immer geradeaus gehen muss oder solche, die sich denkerisch nicht gerne mit ihrer Umgebung auseinandersetzen. Mein Fazit: Wenn du also das Gefühl hast, du bist absolut nicht wie ich: BITTE KAUF DAS BUCH NICHT. Fühlst du dich aber doch irgendwie wie ich, immer auf der Suche nach einer denkerischen Herausforderung oder schwarzem Humor, für den man sein Gehirn anstrengen muss, dann bitte, bitte greif zu! Dann wirst du Es hätte mir genauso lieben – vielleicht sogar fast so sehr wie ich. Na gut, aber zumindest wird es dir gefallen, da bin ich mir sicher. Da es das Buch also (wie man vielleicht rauslesen kann) in meine Liste der Lieblingsbücher geschafft, hat, plädiere ich für 6 von 5 Sternen. Da wir aber hier nur fünf haben, werden die es bestimmt auch tun.

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Die schottische Autorin Ali Smith ist Meisterin darin, aus alltäglichen Situationen das Abgründige hervorzulocken, das sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich realistisch entpuppen kann. Auch die in diesem Roman beschriebene Dinner-Situation entwickelt sich so abstrus wie (un-) möglich. Ein Mann verlässt die Tischrunde und schließt sich im Gästezimmer ein. Auf Tage, Wochen, Monate – ohne ein Wort der Begründung. Zunächst werden alte Freunde aktiviert, die ihn zum Herauskommen bewegen sollen, da Hausherrin Genevieve brachiale Polizeigewalt wie das Aufbrechen ihrer wertvollen Altbauvillatür aus dem 19. Jahrhundert ablehnt. Als jedoch Fernsehteams, Esoterik-Jünger und Friedensaktivisten die Nachbarschaft bevölkern, wittert die Gastgeberin plötzlich ganz neue Einkommensmöglichkeiten… Wer ist dieser Miles Garth, der sich im Gästezimmer verbarrikadiert hat? Niemand scheint ihn richtig zu kennen. Um den mysteriösen Gast zu beleuchten, greift Ali Smith zu einem literarischen Kunstgriff: Sie lässt das Phantom Miles durch die Augen verschiedenster Protagonisten langsam Gestalt annehmen. Da ist eine Jugendfreundin, die ihn auf einer Reise durch Europa kennengelernt hat. Da ist eine verwirrte Frau im Altersheim, da die hochbegabte Nachbarstochter, welche ihm heimlich Zettel unter der Tür durchschiebt. Wie sich das Bild von Miles nach und nach schärft, ist faszinierend zu verfolgen. Plötzlich macht alles Sinn, die Puzzleteilchen fügen sich zusammen. Am Ende steht die Frage im Raum: Ist Miles verrückt – oder sind wir es? Ein Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Verlauf der Dinner-Gesellschaft. Ali Smith hat diese meisterlich beschrieben. Wenn ein Ethikberater, ein Entwickler von Kampf-Drohnen, ein schwarzes Intellektuellenpaar und ein schwuler Künstlersohn, der mit dem Ehemann einer Geladenen eine heimliche Affäre unterhält, an einem Tisch sitzen, sind Konflikte vorprogrammiert. Kurz: Es könnte interessant werden! Homophobie, Rassendiskriminierung und Hass auf all jene, die einen an die Grenzen des eigenen Geistes führen, brechen mit jedem Glas Wein immer mehr hervor. Verpackt in bitterböse, spitzfindige Dialoge lässt Ali Smith eine verbale Salve auf die Tischgesellschaft niederprasseln, die entlarvend und unterhaltsam zugleich ist. Ihre Charaktere sind überzeichnet, aber doch mitten aus dem Leben gegriffen. Alle sind so in ihre Selbstdarstellung vertieft, dass sie einander nicht zuhören. Wer kennt sie nicht, die Hardcore-Kapitalisten, die Modepüppchen, die Kunstversierten, die Instagram-Vorzeigefamilien der Vorstadt? Im weiteren Verlauf beschleicht uns Leser das Gefühl, dass wir ebenfalls an dieser Tafel sitzen könnten. Es hätte uns genauso… Stilistisch unterhält der Roman auf anspruchsvolle Art. Durch ineinander verschachtelte Plot-Ebenen und kurze Abstecher in literarische Gattungen wie Kurzgeschichten oder Briefe, verfolgen wir die Personifizierung des Miles antichronologisch. Die Metaphern, welche den Plot durchziehen, werden gedreht, beleuchtet, aufgelöst. Ein eigenwilliger Charme durchzieht die Welt der vielfach ausgezeichneten Autorin. In Ali Smiths Büchern können sich Frauen in Bäume verlieben oder Menschen an einer Kunstallergie leiden. Fast ein wenig wie „Alice im Wunderland“, aber durchaus im Alltagswahnsinn verhaftet. Eindeutige Antworten serviert uns die Autorin nicht, die müssen wir schon selber finden. Am Ende stehen wir wieder am Anfang, nur klüger. Fazit: So tiefgründig wie tiefschwarz. Wer englischen Humor liebt, sieht ihn im schottischen auf die Spitze getrieben. Meisterlich erzählt durch verschachtelte Perspektiven, offenbart sich ein hintersinniges Literaturvergnügen, das sowohl bestens unterhält, als auch zum Nachdenken anregt.

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Ali Smith – Es hätte mir genauso Genauso? Wie genauso? Und was ist das überhaupt für ein Wort, genauso? Es sieht so falsch aus auf dem Cover, so unvollständig und seltsam. Ich hätte es getrennt geschrieben, genau so! Laut Duden ist es entweder ein Zahlwort oder ein Adverb, und es schreibt sich korrekt genauso. Die 2011 erschienene englische Originalausgabe ist betitelt mit: „There But For The“. Zu „Es hätte mir genauso“ kam ich durch eine Verwechslung. Ali Smith‘ mit Zadie Smith. Glückliche Schusselei, die mir die seltsame Geschichte um Genevieve Lees UHU bescherte, „Lange halten wir nicht mehr durch mit unserem UU, das kann ich Ihnen sagen.“ Wie bitte mit welchem Uhu?“ „Mit unserem ungewollten Untermieter. „Oh, ah.“ Nein UU, sagte Genevieve Lee.“ Erstaunlich wie zivilisiert jemand sich verhalten kann, wenn ein fast völlig fremder Mensch, der nur eine kurze Aufenthaltsberechtigung in den eigenen vier Wänden hat, diese in Beschlag nimmt. Miles Garth, kam zum Essen und blieb. Im hübsch hergerichteten Gästezimmer. Stumm, und stetig. So kommt Anna ins Spiel, deren Adresse die unfreiwillige Gastgeberin in Miles Handy entdeckt und kontaktiert hat, in der Hoffnung sie möge den Seltsamen aus ihrem mit Stolz aufgemöbelten, denkmalgeschützten Haus locken. Anna, die Wortspiele liebt, lernt dort die neunjährige Brooke kennen, die ebenfalls Wortspiele schätzt, ihre Schule und ihre Klassenkameraden aber deutlich weniger. Man erfährt vieles in diesem Roman, der so schwungvoll daherfließt, mit einer graziösen Leichtigkeit zu lesen ist und dabei wunderbare kleine Satzschätze schenkt. Es war mir eine Freude, ihn zu lesen, immer mal wieder vermischt mit dem Anspruch an die Autorin, doch jetzt mal Tacheles zu schreiben, zu Punkt, zu Potte zu kommen. Ali Smith beschert einem wunderbare Sätze und Metaphern wie: „Seine Tante hat einen betagten Mops namens Polly. Das Gesicht des Mopses sieht total zerstört aus, wie zerschmolzen. Das sieht aus, denkt Mark, wie das Wort Tragödie aussähe, wäre es eine physische Realität, ein Ding und nicht bloß eine Wort.“ „Verrückt, klug und brilliant“ wird der Kultur Spiegel auf dem rückseitigen Anlocktext zitiert. Das stimmt, dennoch bin ich ambivalent bei der Bewertung dieses unterhaltsamen Romans. Wenn beim auf den Punkt kommen, der Punkt für das große Ganze steht, vieles zusammengeführt wird und wieder auseinanderdriftend im Irgendwo zerfließt beliebt ein kleines, aber hartnäckiges Gefühl Beliebigkeit. Eine anregende, angenehme Kaffeeplauderei mit netten Menschen, die man nie wieder trifft, Niveau und Stil und leckeren Plunderstückchen, während daheim Berge von Wäsche liegen, die Bäder geputzt werden müssen und gekocht ist auch noch nicht. So habe ich „Es hätte mir genauso“ einerseits mit großem Vergnügen und andererseits mit zunehmender Ungeduld und Ungnädigkeit gelesen, denn Ali Smith führt ihre vielen, interessanten losen Fäden nicht zusammen. Sie könnte es zweifellos, aber sie will nicht. Das hat einen eigenen Reiz und es passt zum mäandernden Roman, dennoch hat es mich gestört. Bewertung: Ambivalent. Werde ich wieder einmal etwas von Ali Smith lesen wollen? Ja, wahrscheinlich, wenn sie erneut mit einer so seltsamen, andersartigen Storyidee zu locken vermag.

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