Leserstimmen zu
Kind 44

Tom Rob Smith

Leo Demidow (1)

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Taschenbuch
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Für gewöhnlich bemühen sich Thrillerautoren ihren Antagonisten möglichst ausgefallene Mordmethoden anzudichten, um den Leser neugierig auf die Motivation des Killers zu machen. Tom Rob Smith kann sich das ebenfalls nicht verkneifen, die eigentliche Stärke von "Kind 44" liegt allerdings eindeutig in der Atmosphäre und Epoche. Vom erschütternden Holodomor (der immer noch nicht weltweit als Völkermord anerkannt ist) bis hin zu den Veränderungen nach dem Tod Stalins zeichnet Smith ein finsteres aber weitgehend authentisches Bild einer Sowjetunion, die noch unter dem Eindruck der Säuberungsaktionen der kommunistischen Partei steht, deren Mantras Leo anfangs noch vor sich hinbetet. Ein Staat, der zu seiner Zeit besser und moderner als jeder andere sein wollte, aber hauptsächlich durch Terror und Verrat zusammengehalten wurde. Da wäre es leicht, einen der üblichen Systemkritiker auf den Leser loszulassen, der von Anfang an den Staat als solchen hinterfragt, sich dagegen auflehnt und schließlich heldenhaft flieht oder wenigstens Reformen anstößt. Leo Demidow tut nichts dergleichen. Als Mitglied des Geheimdienstes MGB ist er selbst für Verhaftungen, Verhöre und ähnliches zuständig, teils aus Überzeugung, teils mangels Alternativen, aber immer mit der Gewissheit im Nacken, dass ihn selbst jederzeit irgendein missgünstiger Kolege ans Messer liefern könnte. Daher dauert es ein wenig, bis man für ihn wirklich Sympathie entwickelt, entsprechend viel müssen er und seine Frau Raisa dann aber auch durchmachen, bis der Mörder endlich gefasst ist. Obwohl der Showdown etwas knapp abgehandelt wird, baut sich die Spannung doch über reichlich fünfhundert Seiten kontinuierlich auf. Da kann man es auch verschmerzen, dass nach dem packenden Prolog und einer Vorstellung Leos der eigentliche Fall erst einmal für knapp einhundertfünfzig Seiten kaum Thema ist. Trotzdem geschieht genug, um nie Langeweile aufkommen zu lassen, denn schon das Setting macht das Buch spannender als die meisten Konkurrenzprodukte. Aber selbst in Sachen Figurentwicklung und Dramaturgie macht Smith prinzipiell alles richtig. Aufmerksame Leser stellen vielleicht schon vor der finalen Konfrontation eine wichtige Parallele fest, die auf die Identität des Mörders schließen lässt, dennoch lohnt sich der Weg dorthin. Die Verhältnisse in den Verhörverliesen des MBG, in verwahrlosten Kinderheimen, Komunalkas und Wohnblöcken beschreibt der Autor lebendig genug, um seinem Werk eine einmalige bedrückende Atmosphäre zu verpassen. Wer Thriller jenseits der üblichen Handlungsmuster mag, wird "Kind 44" mit Sicherheit mögen. Wer den Film schon wenigstens interessant fand, findet hier eine sehr viel bessere Version der Handlung, die sich nicht weniger spannend liest. Originaltitel: "Child 44" Seitenzahl: 509 Format: 12,6 x 18,8 cm, Taschenbuch Verlag: Goldmann Bonusmaterial: Literaturhinweise

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Bevor ich angefangen habe zu lesen war ich skeptisch. Normalerweise lese ich dieses Genre an Büchern nicht aber ich fand dass der Klappentext sich ganz gut anhörte. Am Anfang hab ich noch nicht so ganz durchgeblickt, also was Pavel mit Leo zu tun hat... Aber ja das hatte schon seinen Sinn wie man gegen Ende hin erfährt. Ich fand die Story sehr interessant und auch spannend. Die Zeit um Stalin also um den 2. Weltkrieg interessiert mich generell sehr. Deshalb fand ich es sehr interessant zu sehe wie das Leben damals war und wie sich die Leute dabei gefühlt haben. Ich hab die ganze Zeit überlegt ob das mit dem „Es gibt keine Verbrechen“ wirklich stimmt aber ich wäre doch niemals auf die Idee gekommen das der Serienmörder wirklich existiert hat also das das Buch nahezu der Realität entspricht. Wenn ihr wüsstet wie geschockt ich war. Klar das mit Leo war erfunden aber die über 50 Morde und das der Bruder der Mörder entführt wurde... stimmt. Ich fand das ganze aber echt sehr gut gemacht also das die Kinder praktisch ein Wegweiser für Leo sind und dieser ihm unbewusst zu seiner Vergangenheit folgt. Den Schreibstil und die Perspektive fand ich sehr gut und angenehm. Die Personen sind relativ gering bis gar nicht beschrieben so kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen aber ich denke Leo stellt sich jeder ähnlich vor. Wie einen Kriegshelden eben. Das Ende also wer der Mörder ist fand ich echt überraschend. Plötzlich gab alles einen Sinn. Auch wenn der Grund der Morde einfach gestört ist aber man verstand endlich warum. Das Buch zeigt einem außerdem, dass die Menschen (Offiziere...) im Krieg nicht immer stolz auf das Waren was sie taten, sondern dass sie einfach nichts anderes kannten oder ihnen einfach nichts anderes Übrig blieb. Denn sonst wären sie und ihre Familie tot gewesen. Das Leo sich gegen den Staat gerichtet hat finde ich sehr mutig von ihm. Das macht ihn zu einem wahren Helden und außerdem zeigt das Buch, dass nicht alle Menschen schlecht waren. Leo und Raisa wurde von sehr vielen Menschen geholfen auch wenn dies eine harte Bestrafung mit sich brachte. Kind 44 ist auf jeden Fall ein sehr gutes und interessantes Buch. Ich kann es jedem empfehlen, der sich vor allem für die Nachkriegszeit interessiert aber auch jedem anderen. Hat Spaß gemacht das Buch zu lesen:)

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Durch die ersten Seiten musste ich mich etwas quälen und musste mich erst an die ganzen russischen Namen und Abkürzungen der verschiedenen politischen Abteilungen des Geheimdienstes gewöhnen. Ich muss dazu sagen, ich bin ein typisches Westkind und was da im Osten vor sich ging wussten wir nur vage. Wir wussten zwar, dass es dort im Sozialismus nicht so "frei" herging wie bei uns, doch in die wahren Abgründe habe ich erst durch dieses Buch schauen dürfen. Ein Leben in ständiger Angst, Misstrauen gegen jeden... jetzt kann ich langsam verstehen, warum manche Menschen sind wie sie sind, wenn man in so ein Umfeld hineingeboren wird. Was ging es uns doch gut. Nachdem ich mich also in diese ganzen politischen Gefüge der Stalinzeit hinein gefunden hatte und auch die vielen russischen Namen nicht ständig verwechselte, konnte ich das Buch kaum noch weglegen, es zog mich immer tiefer hinein. Wie unfassbar grausam hier Kinder ermordet wurden und das Regime kehrte es unter den Teppich, weil es ja keine Morde geben durfte in einer perfekten sozialistischen Gesellschaft und wenn, dann war der Westen schuld. Noch schauderhafter wird es, wenn man am Schluss im Nachwort liest, dass das Buch sich an einem wahren Fall orientiert. Es dauerte recht lange, bis man begriff was die ersten Seiten, in denen man über 2 Brüder in den armen Kriegszeiten lesen kann, mit dem Rest des Buches zu tun haben, aber dann zieht es einem fast den Boden unter den Füßen weg. In diesem Buch gibt es weit aus mehr Tote als in jedem anderen Krimi, denn zu den Opfern des Kindermörders kommen hunderte Tote, die fast beiläufig durch diesen Fall dem russischen Staat zum Opfer fallen. Mehr will ich gar nicht verraten, sonst nehme ich Euch die Spannung auf die teilweise unglaublichen Wendungen.

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Kind 44

Von: Diane Wippermann

06.02.2016

Rezension: Diane Wippermann Kennt ihr das? Man hat Gänsehaut an Armen und Beinen und kann trotzdem einfach nicht aufhören weiterzulesen? Vielleicht hilft ein warmer Tee oder ein Bad gegen die Kälteschauer. Ich werde es ausprobieren, denn den Thriller KIND 44, von Tom Rob Smith, kann ich einfach nicht mehr aus den Händen legen. Ich muss einfach wissen wie es weitergeht. Aus dem Inhalt: Moskau 1953. Auf Bahngleisen wird die Leiche eines kleinen Jungen gefunden, nackt und fürchterlich zugerichtet. Aber in der Sowjetunion der Stalinzeit gibt es offiziell keine Verbrechen. Und so wird der Mord zum Unfall erklärt. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow jedoch kann die Augen vor dem Offenkundigen nicht verschließen. Als der nächste Mord passiert, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und bringt damit sich und seine Familie in tödliche Gefahr ... Wie findet man einen Killer der nicht existiert? War es ein Unfall oder doch gar ein Mord? Was passierte damals in der Sowjetunion wirklich? Wem kann man glauben, was ist nur politisches Kalkül? Fragen über Fragen? Tom Rob Smith gelingt es, kurzerhand einen Thrill zu entwickeln und die Spannung im Roman dauerhaft aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig wird aber auch die damaligen Lebenssituationen eindringlich geschildert. Voller Anspannung und völlig verspannt lese ich die letzten Seiten... Wow, war das aufregend! Fazit: 5 Sterne*****. Mein Buchtipp und absolut empfehlenswert. Wer Thriller liebt, kommt um dieses Buch nicht herum und eins sei zum Schluss noch verraten: Heißes Badewasser hilft gegen die Gänsehaut nur bedingt.

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Eine Spur des Todes entlang der Transsibirischen Eisenbahn Kind 44 von Tom Rob Smith ist ein Roman, dessen Verfilmung ich gesehen hatte, bevor ich das Buch kannte. Neu war mir jedoch bis zum Lesen des Nachworts, dass sich die Handlung des Romans sehr eng an einem tatsächlichen Fall orientiert. Aber der Reihe nach. Es kann nicht sein, was nicht sein darf Januar 1933: In der Ukraine leiden die Menschen unter dem Hungerwinter. Viele sind bereits an Unterernährung gestorben, die noch Lebenden ernähren sich buchstäblich von allem, was irgendwie essbar ist. Da sieht Pavel eine streunende Katze. Auf Anweisung seiner Mutter nimmt er seinen jüngeren 8jährigen Bruder Andrej mit auf die Katzenjagd. Dabei wird Pavel hinterrücks von einem Mann überwältigt und entführt. Der kurzsichtige Andrej, der seinen Bruder nach einer kurzen Suche nicht finden kann, kann seiner Mutter nur noch von dessen Verschwinden berichten. Pavel taucht nicht mehr zu Hause auf. 14. Februar 1953: Der knapp 5jährige Arkadi wird tot auf den Bahngleisen in Moskau gefunden. Man hört, ein alter Mann habe die Leiche gesehen, die völlig nackt und übel zugerichtet gewesen sei. Eine Frau will einen Mann beobachtet haben, der in der Nähe des Leichenfundortes gewesen ist - mit einem kleinen Jungen an der Hand. Doch für die Behörden ist schnell klar: Der Tod des kleinen Arkadi ist tragisch, aber ein Unfall, an dem keiner außer dem Kind selbst eine Schuld trägt. Der Junge hatte sich zu dicht an den Bahngleisen aufgehalten, niemand nimmt Ermittlungen auf: Während der Diktatur Stalins gab es offiziell keine Kriminalität. Sie wurde als Auswuchs des Kapitalismus angesehen. Doch Arkadis Vater Fjodor Andrejew, ein Mitarbeiter des MGB, der Vorgängerinstitution des KGB, zweifelt an dieser Darstellung: Seinem Freund und Kollegen Leo Demidow, der den Auftrag erhalten hat, Fjodor und dessen Familie vom Unfalltod des Sohnes zu überzeugen, gelingt es nicht, dessen Zweifel an der Darstellung, die vom MGB vorgegeben ist, zu zerstreuen. Leo ist ein treuer und überzeugter Anhänger des Sowjetsystems und würde fast alles für sein Land tun. Er teilt die Vision Lenins, dass sich die Zahl der Verbrechen in dem Umfang verringern würde, in dem die Armut sich zurückbildet. Die sowjetische Gesellschaft war seiner Meinung nach auf dem besten Weg dorthin. Sofern die Menschen daran glaubten, würden sie sich stetig auf das Ziel hinbewegen, ein besseres Gemeinwesen zu formen. Dieser Glaube durfte nicht durch Gerüchte um ein ermordetes Kind ins Wanken gebracht werden. Leos persönliche Wende: Ein Spion wird verhört Das MGB verdächtigt den Tierarzt Anatoli Brodsky der Spionage, weil auch die Haustiere ausländischer Diplomaten zu seinen Patienten zählen. Als Brodsky bemerkt, dass er beschattet wird, kann er fliehen, wird jedoch von einer Gruppe von MGB-Beamten, die von Leo kommandiert wird, gefangengenommen. Leo hadert mit sich, weil er als Verantwortlicher eine der Grundregeln seines Berufs verletzt hat: "Besser, zehn Unschuldige leiden, als ein Spion entkommt." Zum ersten Mal erlebt Leo jedoch, dass er einem Verhafteten seine Aussage glaubt: Brodsky wird wie üblich gefoltert und widersteht den Misshandlungen länger als es andere Gefangene tun. Doch Brodskys Festnahme hat für Leo ein Nachspiel: Als sein Untergebener Wassili Nikitin in einem entlegenen Dorf aus offensichtlichem Spaß am Töten ein Ehepaar erschießt, das verdächtigt wird, dem Entflohenen Unterschlupf gewährt zu haben und damit zwei kleine Mädchen zu Waisen macht, wird er von Leo niedergeschlagen, bevor er auch noch die beiden Kinder umbringen kann. Das macht die Männer zu Todfeinden. Weil Leos Verhalten Aufmerksamkeit bei seinem Vorgesetzten Generalmajor Kuzmin erregt, fordert dieser von ihm einen Loyalitätsbeweis: Leo soll seine eigene Frau Raisa bespitzeln, die verdächtigt wird, eine Spionin zu sein. Ihm ist klar, dass Kuzmin nur eine Antwort von ihm akzeptiert: Die Bestätigung, dass Raisa tatsächlich ein Schädling des Sowjetvolkes ist. Damit wäre ihr Schicksal besiegelt: Nach einem Verhör, das wie gewohnt mit einem durch Folter erpressten Geständnis enden würde, würde auf die junge Frau eine Haft im Gulag warten, die mehrere Jahrzehnte dauern könnte - wenn sie diese lange Zeit überhaupt überleben könnte. Er entscheidet sich dafür, seine Frau nicht zu denunzieren, was die unmittelbare Degradierung und die Versetzung zur Miliz in Wualsk, einer tristen Industriestadt im Ural, nach sich zieht. Leo wird in Wualsk General Nesterow unterstellt, der ihm wegen seiner ehemaligen MGB-Zugehörigkeit mit großem Misstrauen begegnet. Nur zwei Tage vor seiner Ankunft wurde in Wualsk ein junges Mädchen ermordet aufgefunden, und Leo fällt sofort die Ähnlichkeit mit den Umständen auf, unter denen der kleine Arkadi in Moskau ums Leben gekommen ist: Auch diese Leiche wurde grausam zugerichtet und befand sich in der Nähe des Bahnhofs.

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Leo Demidow hat im zweiten Weltkrieg gut gedient. Nach Kriegsende tritt er beim MGB ein und steigt dort rasch auf. Er ist ein fähiger Offizier, der Aufträge nicht lange hinterfragt sondern sie präzise und gnadenlos ausführt. Staatsfeinde werden zur Rechenschaft gezogen und ihrer gerechten Strafe zugeführt. Dass diese gerecht ist, davon ist Leo überzeugt. Für das höhere Ziel verschließt er die Augen und erlaubt sich weder Ethik noch Moral. Als er schließlich einem untergeordneten Kameraden ausreden soll, dass dessen Sohn ermordet wurde, obwohl alle Indizien darauf hindeuten, beginnt sein fester Glaube in die Staatsweisheit erste Risse zu bekommen. Bei einer weiteren Verhaftung, sieht Leo dann doch genauer hin und erkennt, die vermeintliche Unschuld des „Staatsfeindes“. Immer stärker hinterfragt er die Ziele und Vorgehensweisen des MGB. Alles kippt schließlich, als Leo beauftragt wird, seine eigene Frau zu beschatten und schließlich der Spionage zu überführen… Kind 44 ist der erste Teil einer dreiteiligen Thriller-Reihe von Tom Rob Smith. Wir begleiten den Protagonisten Leo und seine Frau Raisa auf ihrem Lebensweg in Russland unter Stalin. Die Wirtschaftskraft wird vorangetrieben und ihr zugrunde liegt ein sehr eingeschränkter Kodex des Vertrauens in den Übervater Stalin, der keine Widerworte duldet und selbst das geringste Vergehen mit Verbannung oder Tod ahndet. Der Held Leo kommt gar nicht so heldenhaft herüber, eher ist er ein Mensch, der versucht nicht aufzufallen und möglichst ungesehen die Karriereleiter hinauf zu klettern. Erst als ihm sämtliche Vergünstigungen und Annehmlichkeiten abgeschnitten werden, beginnt er eine eigene Meinung zu entwickeln und lernt zu dieser auch zu stehen. Kind 44 besticht durch ausführliche Charakterzeichnung der ProtagonistInnen, leider krankt es an derselben für den Antagonisten. Die überdeutlichen Längen im Buch werden unglücklicherweise nicht durch wechselnde Schauplätze oder das Einbringen einer anderen Perspektive aufgebrochen und somit gerät, der flüchtige Leser vor allem im Mittelteil leicht ins Stocken. Insgesamt verdient „Kind 44“ eher den Titel „Kriminalroman da auf allzu blutige Szenen zumeist verzichtet wird. Gelungen ist der düstere und beklemmende Plot, der den Protagonisten im Lauf des Buchs zu einem und zu einem einzigen Ausweg führen. Für hartgesottene LeserInnen, die auch bei Längen dran bleiben.

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„Kind 44“ ist ein Thriller, der vor dem stalinistisch geprägten gesellschaftlichem Hintergrund der Sowjetunion der 50er Jahre spielt, in dessen Kulisse die Taten eines Serienmörders eingebunden sind. Inspiration des Autors hierfür waren die Taten von Andrei Tschikatilo, dessen Mordserie an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eigentlich in den Jahren 1978-1990 erfolgte. Das Gesamtkonzept des Buches vom „Jäger als Gejagtem“ oder auch „Krimi im Krimi“ fand ich interessant und ansprechend. Sprachlich befindet sich das Werk auf sehr einfachem Niveau, ist aber durchgängig spannend und liest sich gut weg. Nicht geeignet ist es aber definitiv für zarte Gemüter a la „Ich lese zwar super gerne Thriller, aber mir wird immer so schlecht dabei!“. Es gibt viel rohe, exzessive Gewalt, viel Blut, viel Ekel in sehr plakativer Form, das alles nicht nur, aber auch im Zusammenhang mit Kindern. Ich finde es immer gut, wenn ein Buch mich dahingehend inspiriert, mich unabhängig davon mit einem Thema zu befassen, so geschehen hier bereits im ersten Kapitel. Die Handlung dieses Kapitels spielt im Winter 1933 in der Ukraine und beschreibt, wie Menschen verhungern und sich zwei ausgemergelte Kinder auf die Jagd nach der wohl letzten, ebenso ausgemergelten Katze des Dorfes machen, um irgendetwas Essbares in die Finger zu bekommen. Am Rande wird erwähnt, dass Kannibalismus unter der Bevölkerung nicht ungewöhnlich war, was mich zum googlen veranlasste und letztendlich zum Holodomor führte, dessen Ausmaße und politischer Kontext mir bis dahin nicht bekannt waren. Das ist doch etwas völlig anderes als „ukrainische Hungersnöte in den Dreißigern“, die mir noch so vage im Gedächtnis waren. Ein weites Feld, was mich sicherhin auch noch beschäftigen wird. Weiter geht es dann in den 50ern. Bevor der Held „Leo“ (dessen Namen ich etwas unglücklich gewählt finde, hier hätte wohl „Lew“ als die russische Form von Leo eher gepasst), zu Beginn des Romans regimetreuer Staatsdiener, zum serienmörderjagenden Bessermenschen werden kann, braucht er eine Läuterung. Hiermit ist das erste Drittel des Buches befasst, zunächst wird das diktatorische Schreckensregime Stalins detailliert skizziert, in welches Leo eingebunden ist, für meine Begriffe allerdings zu überspitzt und zu einseitig. Ein mutiger, aber für mich nicht vollumfänglich gelungener Ansatz des Autors. Dem Leser drängt sich eine nur aus Negativklischees bestehende Gesellschaft auf, in der jeder Einzelne sich das eigene Überleben durch Denunziation des Nächsten (Nachbar, Kollege, Ehefrau, Eltern) „erkaufte“, jedwede Moral des Einzelnen war nicht mal im Ansatz vorhanden bzw. erkennbar, jedwedes menschliches Beziehungsgeflecht ist ausschließlich von Misstrauen, Hass und obrigkeitshörigem Denken durchdrungen. Die – laut Staatsdefinition der „nicht existierende Kriminalität im Sozialismus“ – offiziell nicht vorhandenen Straftaten wurden den praktischerweise an jeder Straßen- oder Feld-Ecke herumlungernden Säufern, Huren, Landstreichern in die Schuhe geschobenen, die dann ratz-fatz in den Folterkellern der Staatsgewalt exekutiert wurden. Unbestreitbar ist all dies Teil des Stalinismus gewesen: aber eben nur Teil. Andere gesellschaftliche Facetten fehlen komplett. Nach der Ermordung des nachweislich unschuldigen Brodsky durch Leos Arbeitgeber, den Geheimdienst, beginnt bei Leo ein Umdenkprozess. Als er sich weigert, die eigene Frau Raisa zu denunzieren (obwohl er ihr eigentlich selber nicht über den Weg traut) wird er degradiert und versetzt. Im neuen Domizil wird er zufällig mit der Akte eines Falles konfrontiert, der einem ihm bekannten (Klappentext!) ähnelt und er beginnt, Parallelen herzustellen und auf eigene Faust zu ermitteln. Er vermutet das, was nicht sein darf, offenkundig aber doch so ist: einen Serientäter. Von da an wird ein weiter Spannungsbogen zum Ende und somit auch dem Einführungskapitel aus den dreißiger Jahren gespannt. Viele Details sind für mich unbefriedigend. Der Logik des „Einführungsteiles“ konsequent folgend, hätte gerade einem hochrangigen Beamten des Geheimdienstes samt seiner Angehörigen ( Raisa wurde als Spionin verdächtigt – das war Hochverrat, auf den die Todesstrafe stand) die Liquidierung statt einer Versetzung gedroht. Überdies ist die die weitere Verfolgung von Leo durch die Figur Wassilij – ein im Amt konkurrierender Kollege, der die Denunziation Raisa initiiert hatte- überhaupt nicht verständlich. Mit der Versetzung Leos und dem eigenen Aufstieg in der Hierarchie der Behörde hätte Wassilijs persönlicher Hass auf Leo eigentlich befriedigt sein müssen. Stattdessen jagt er Leo weiter bis zum Showdown des Buches. Ebenso unverständlich ist das Verhalten der Mitgefangenen bei der Deportations-Szene im Zug zum Gulag: konsequenterweise dürfte es keine schweigende und somit Leos und Raisas Flucht unterstützende Masse geben. Diesen Menschen drohte durch die Nichtdenunziation von Leo und Raisa der Tod nach deren Flucht, warum also hätten sie schweigen sollen? Dergleichen Szenen gibt es mehrere, viele Details greifen da nicht wirklich gut ineinander. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Leo und Raisa, die zwar verheiratet sind, aber keine Vertrauensbasis oder irgendeine liebevolle Verbundenheit haben, ist ebenfalls Teil der Handlung. Sie begegnen sich nach der Verbannung das erste Mal auf Augenhöhe und bekommen somit die Chance, an ihrer Beziehung arbeiten können. Dieser Prozess ist mir zu sehr nach innen gerichtet, man erfährt zwar die Gedanken und Gefühle beider unabhängig voneinander, wirklich geredet wird aber kaum. Die plötzlich vorhandene Verbundenheit, Raisas bedingungslose Unterstützung Leos bei seinem Bestreben, den Mörder zu finden, erscheinen so etwas flach und unglaubwürdig. Ich würde „Kind 44“ durchschnittliche, gute 3 Sterne geben, lege aber einen drauf, weil das Buch mich wirklich dazu inspiriert hat, mich mit geschichtlichen Fakten der Stalinzeit und vor Allem dem Holodomor zu befassen. Eine Leseempfehlung gibt es für Leute, denen die Spannung wichtiger ist als der korrekt recherchierte Rahmen in den sie eingebunden ist und an Leser, die kleinere Logikbrüche nicht stören. Thriller-Spannung ist auf jeden Fall da, auch dieses Buch habe ich fast ohne Unterbrechung an einem freien Tag gelesen.

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Meinung: "Es gibt keine Verbrechen". Mit dieser Einstellung mussten die Menschen vor knapp 60 Jahren in der kommunistischen Sowjetunion leben. Auch wenn viele "Unfälle" offensichtlich nach Morden aussehen, wird den Menschen eingeprügelt, dass es eben doch nicht so ist. Leo Demidow, dessen Aufgabe es ist, einer Familie zu erklären, dass ihr offensichtlich ermordeter Sohn durch einen Zugunfall verunglückt ist, zweifelt selbst an der Theorie. Als sich eine Mordserie entwickelt, in der Kinder auf brutalste Weise zugerichtet werden, macht sich Leo auf den Weg, den Mörder zu finden. "Kind 44" konnte mich stellenweise unglaublich fesseln. Der Schreibstil ist atemberaubend. Alleine der erste Satz hat mir schon Gänsehaut verschafft und mich sofort mitgerissen: "Da Maria beschlossen hatte zu sterben, würde ihre Katze sich allein durchschlagen müssen." (S. 7) Ich bin kein Fan von Büchern, die in vergangenen Zeiten spielen, doch Tom Rob Smith hat es geschafft, dass ich mich beim Lesen gefühlt habe, als wäre ich selbst eine Bürgerin der damaligen Sowjetunion, hätte Angst, würde verfolgt werden und wäre hungrig auf der Suche nach Nahrung. Seine Beschreibungen sind unglaublich plastisch und wirken beinahe lebensecht. Ich konnte mich perfekt in die Charaktere hineinversetzen. Leider verlor ich einige Male den Faden, da der Autor zu oft in ausschweifende Beschreibungen verfallen ist. Danach habe ich aber immer wieder in die Geschichte gefunden. Insgesamt ist "Kind 44" ein hochspannender Thriller, der in einer unglaublich beängstigenden Zeit spielt. Von mir gibt es eine klare Empfehlung!

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