Leserstimmen zu
Gehen, ging, gegangen

Jenny Erpenbeck

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Überzeugend

Von: Jörg Schneider aus Zollikerberg

25.06.2019

Tatsachenroman, überzeugend, sehr interessant und fesselnd geschrieben. Ich habe jede Seite von A bis Z gelesen. Das kommt bei mir fast nie vor.

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Meine Meinung

Von: Leistungskurs Deutsch des Schiller Gymnasiums aus Berlin

21.02.2019

Der Roman thematisiert das aktuelle Thema der Flüchtlingspolitik. Der in Rente gegangene Professor Richard, der aufgrund seines Ruhestands sich zu langweilen beginnt, stößt durch Zufall auf die Flüchtlingsproblematik. Im Laufe des Romans entwickelt sich seine Ansicht über diese und er beginnt eine Beziehung zu Einigen von ihnen aufzubauen. Die Message hinter dem Buch, sich auf neue Kulturen und Menschen einzulassen, mit denen man zuvor nicht in Zusammenhang stand, ist ein interessanter Ansatz, hätte aber meiner Meinung nach besser umgesetzt werden können. Vor allem am Beginn des Romans finden sich viele Textpassagen, die hätten gekürzt werden können, damit der Leser nicht direkt am Anfang gelangweilt wird. Hinzu kommen einige klischeehafte Charaktere und Handlungen, die überspitzt wirken.

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In ‚Gehen, ging, gegangen‘ konjugiert Jenny Erpenbeck das gesellschaftspolitische Dauerthema, die sog. „Flüchtlingskrise“ anhand der persönlichen Schicksale einer Gruppe geflohener Afrikaner. Um auf die Zustände bzw. Missstände aufmerksam zu machen, protestieren sie in einem Camp vor dem Rathaus. Auf diese Aktion wird, eher passiv und zufällig, ein ehemaliger Professor aufmerksam, Richard. Nach dem ersten Kontakt mit der Gruppe lässt das Thema ihn nicht mehr los. Es treibt ihn um, was dort mit den Menschen geschieht, und er tritt in Aktion. Skeptisch, zögernd zu Beginn. Aufopfernd und intensiv am Ende. Flucht und Heimat, so stellt er fest, sind auch zu bestimmenden Determinanten seines Lebens geworden, denn auch er ist durch die Wiedervereinigung heimatlos geworden. Wo früher noch eine Mauer stand und seine Strasse, scheinbar für immer endete, führt sie heute weiter. Die meisten Grenzen sind willkürlich, ob im großen Afrika oder auf wenigen Quadratkilometern in Berlin und können quasi per Verwaltungsakt verschoben werden, wenn der politische Wille dazu besteht. Die nicht aufgearbeitete Wiedervereinigung wird so zum Zweitthema des Romans, quasi zur Leiche im Keller; bzw. zum toten Taucher im See vor Richards Haus oder zu den Leichen Geflüchteter im Mittelmeer. Ein großartiges Buch zum Verständnis der Unmenschlichkeit. Leider ist es sehr einseitig aus der Perspektive der Willkommenskultur geschrieben und fasst andere wichtige Aspekte der Debatte zu kurz, aber für einen emphatischen Leser ist es eine unbedingte Leseempfehlung!

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Wichtiges, berührendes Zeitdokument

Von: Naibenak aus Pinneberg

20.03.2018

Richard, kürzlich emeritierter Professor für alte Sprachen und bereits Witwer, möchte in seinem neuen Dasein einen Sinn finden. Er strukturiert sein Leben durch, wohnt allein in einem großen Haus in ehemals Ost-Berlin an einem See, in dem letzten Sommer jemand ertrunken ist und noch immer nicht gefunden wird. Als er am Berliner Oranienplatz mit Flüchtlingen aus Afrika in Berührung kommt, wächst in ihm eine Idee, ein Auftrag. Fein säuberlich erstellt Richard einen Fragenkatalog, um damit zur neuerlichen Unterkunft der Flüchtlinge zu gehen und diese zu befragen. Schon bald ist Richard fast täglich dort, freundet sich mit einigen an, hört sich ihre Geschichten an und versucht zu helfen. Sein Blick ändert und erweitert sich. Und immer wieder schweift Richard in Gedanken zu seiner verstorbenen Frau und auch zur Wendezeit in Berlin, die er durchlebt hat. Zieht Parallelen zur Situation der Flüchtlinge, merkt aber bald, dass deren Vergangenheit viel komplexer ist, als er es sich je erträumt hätte. Ebenso die aktuelle Situation. Als Leser begeben wir uns in Richards Gedankenwelt, die sehr authentisch und sprachlich passend dargestellt wird. Mal sind es lange verschachtelte Gedankengänge, dann wieder unvollständige Sätze oder aber Einwortsätze. In diesen etwas ungewöhnlichen Sprachrhythmus hineinzufinden, der außerdem gänzlich ohne wörtliche Rede auskommt, hat mich einige Seiten gekostet. Dann jedoch fließt es wie von selbst. Man merkt die Entwicklung von Richard im Verlauf der Geschichte. Oft sind Gedanken zur Menschheit, zum Lebenssinn, zur aktuellen Flüchtlingssituation oder auch zu ganz eigenen Reaktionen sehr eindrücklich und berührend beschrieben. „Er ärgert sich, aber worüber eigentlich? Dass der Afrikaner nicht so glücklich und dankbar ist, wie er es von ihm erwartet? Dass der Afrikaner ihn, den einzigen Deutschen von draußen, der, wie es scheint, jemals dieses Heim hier freiwillig betritt, einfach vergisst? Vielleicht auch darüber, dass der Afrikaner nicht verzweifelt genug ist, um seine Chance zu erkennen? [...] Damals, in den Diskussionen, die der Trennung seiner Geliebten von ihm vorausgegangen waren, hatte sie mehrmals gesagt, nicht das Ausbleiben dessen, was er erwarte, sei das Problem, sondern seine Erwartung.“ (S.145) Abwechselnd mit diesen – Richards – Gedanken, die manches Mal durchaus etwas (zu) gefühlsduselig wirken, erzählen die Flüchtlinge ihre Geschichten, was wiederum sehr reduziert und telegrammartig dargestellt wird. Hier sprechen die nackten Tatsachen für sich. Aber selbst das ist teilweise an der Grenze des Erträglichen. Hinzu kommt der Bürokratiewahnsinn, der einfach nur frustriert und ebenso die allgegenwärtigen Berührungsängste der Berliner, der Hass und die Aggression, die Richard beim Durchstöbern einiger Internetforen entgegenschlagen... „ Führt der Frieden, den sich die Menschheit zu allen Zeiten herbeigesehnt hat und der nur in so wenigen Gegenden der Welt bisher verwirklicht ist, denn nur dazu, dass er mit Zufluchtsuchenden nicht geteilt, sondern so aggressiv verteidigt wird, dass er beinahe schon selbst wie Krieg aussieht?“ (S.298) Jenny Erpenbeck zieht in diesem hochaktuellen Roman einen großen Bogen über die Themen: Veränderung/Angst vor dem Unbekannten/ Erinnerung & Trauerbewältigung. In unterschiedlicher Ausprägung treffen diese Kernthemen auf alles zu: auf das Altern von Richard als Witwer im Ruhestand, auf die Wendezeit im ehemals geteilten Berlin, auf die Flüchtlingssituation. Ich hätte mir manches Mal gewünscht, dass die Autorin auch einen Blick aus einer anderen Perspektive wagt, doch will ich ihr dies verzeihen, denn dieser Roman ist meiner Meinung nach ein wichtiges deutsches Zeitdokument zum einen und außerdem eine berührende Geschichte eines alternden Mannes. Fazit: Wichtig und berührend. Schöne Stilistik. Informativ und aufrüttelnd mit guter Message.

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"Wenn eine ganze Welt, die man nicht kennt, auf einen einstürzt, wo fängt man dann an mit dem Sortieren?" (Seite 63) Richard ist seit mehreren Jahren verwitwet und seit Kurzem emeritiert. Er hat Freunde und Interessen, aber auch viel Zeit, die er versucht zu füllen. Da wird er auf einen Hungerstreik mehrere Afrikaner aufmerksam, die aus ihrer Heimat geflohen sind, in Deutschland Asyl beantragen und hier arbeiten wollen. Das Thema "Asyl" lässt Richard nicht mehr los, und schließlich geht er zu einem Treffen in einer besetzten Kreuzberger Schule und danach in die Unterkünfte der afrikanischen Flüchtlinge. Er bietet ihnen Hilfe und Unterstützung an, und nach und nach zeigen sich zwischen Richard und diesen Menschen, die auf den ersten Blick nichts mit ihm gemein haben, mehr und mehr Parallelen und Ähnlichkeiten, z.B. ein großes Interesse für Musik oder die viele Zeit, die sie alle zur Genüge zur Verfügung haben und die sie versuchen, mit einer sinnvollen Tätigkeit zu füllen. Mir hat ‚Gehen, ging, gegangen‘, das ich schon lange lesen wollte, gut gefallen, obwohl der Funke bei mir nicht ganz übergesprungen ist. Die Charakterisierung der Protagonisten und die Beschreibung der Orte haben mir gut gefallen, zumal mir einige der Berliner Schauplätze bekannt sind, so dass diese Schilderungen sehr zur Authentizität des Romans beigetragen und Spannung aufgebaut haben. Gefallen hat mir der Prozess des Verstehens und Mitfühlens, den Richard durchläuft und den damit auch der Leser begleitet: seine immer intensivere Beschäftigung mit Gegebenheiten in den Herkunftsländern der Geflüchteten, mit den Fluchtwegen und Fluchtgründen, mit dem Asylrecht und den Steinen, die Asylsuchenden von Gesetzesseite in den Weg gelegt werden. Nicht ganz gefesselt hat mich das Buch möglicherweise, weil ich Jenny Erpenbecks Schreibstil bisweilen recht sperrig fand, obwohl mich das Ende doch sehr bewegt hat und man im Buch auch viele weise Gedanken findet, die ins Schwarze treffen, z.B. "Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen." (Seite 85). Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Penguin Verlag, 2017, 347 Seiten; 10 Euro.

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Ein starker Roman, mit tollen Worten, einem gelungenen und fesselnden Stil und einer wichtigen Intention. Jenny Erpenbeck legt einen außergewöhnlichen Roman dahin, in dem Richard die Hauptrolle spielt. Der alte Professeor und die Flüchtlinge. Eine Flucht von damals, Probleme und die Zeit der DDR gegen die der momentan Asylsuchenden. Erpenbeck schreibt in einem ungewöhnlichen Stil, ohne Anführungszeichen vor den wörtlichen Reden, was den Lesefluss zumindest zu Beginn ein wenig hemmt. Doch je weiter man liest, desto mehr wird man von der Art und Weise begeistert und mitgerissen. Die Stellen, in denen es dann um Richard privat geht bzw. um seine Vergangenheit, sind zwar nicht so spannend, wie die Situationen, in denen er mit der Flüchtlingsproblematik konfrontiert wird, aber dennoch wichtig für die Gesamtgeschichte. Fazit: Ein gelungener Roman mit starken Worten, den jeder lesen sollte!

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"Oft war es so, dass er am Beginn eines Projektes nicht wusste, was ihn vorantrieb, so als hätten seine Gedanken ein von ihm unabhängiges Leben und ihren eigenen Willen und warteten nur darauf, von ihm endlich gedacht zu werden, als existiere eine Untersuchung, die er erst anstellen würde, bereits, bevor er sie machte, und als sei auch der Weg quer durch das, was er wusste, sah, was ihm begegnete oder zustieß, in Wahrheit immer schon da, um von ihm, war er nur endlich so weit, begangen zu werden. ... Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr hinausgefallen sind." Der emeritierte Professor der Humboldt Universität, Richard, Fachgebiet Alte Sprachen, aber auch Philosophie, lebt allein in einem Haus an einem See, irgendwo im früheren Ostteil der Stadt Berlin. Ich stelle mir vor, Richtung Müggelsee. Sein Leben lang hat er sich mit philosophischen Fragen beschäftigt und in seinem Kopf über Sinn und Zweck der menschlichen Existenz nachgegrübelt, durchaus in einem auf Intellekt gegründeten Sicherheitsabstand von dieser. Dass dabei auch seine eigenen menschlichen Beziehungen vielleicht eher distanziert blieben, wird immer dann klar, wenn er von seiner vor fünf Jahren verstorbenen Ehefrau und seiner Geliebten berichtet. In dem See, auf den er von seinem Haus blickt, war im Sommer jemand ertrunken, deshalb ist das ganze Jahr niemand darin schwimmen gegangen. Der See bleibt still und ungenutzt, ein beunruhigender Anblick. Der Tote im See ist vielleicht einer der Gründe dafür, dass Richard so besonders die Endlichkeit seiner Existenz und deren Leere, nach der Pensionierung, bewusst wird. All die Zeit, mit der er nicht mehr wirklich etwas anzufangen weiß. Also ein Projekt muss her. Ja, und vielleicht ist es wahr, dass die Dinge, die wir entdecken sollen, die Rätsel, die wir im Leben zu lösen haben, immer schon gelöst da sind, auf uns wartend, damit auch wir die Lösung begreifen können. Richard wurde pensioniert etwa zum gleichen Zeitpunkt, als die Flüchtlinge sich auf den Weg machten gen Berlin, um dort sichtbar zu werden, um dann ein Zeltlager am Oranienplatz aufzuschlagen, in der Hoffnung, damit den Staat Deutschland dazu zu bringen, ihre Situation wahrzunehmen und möglicherweise zum Besseren zu wenden. All das interessiert Richard nur peripher. Er ist ein stiller Mensch, der in seinen Gedanken lebt, auch in seinen Erinnerungen und seit der Pensionierung, allein, auch ein wenig aus der Zeit gefallen ist. Irgendwann nimmt er die Flüchtlinge aber wahr, in den Nachrichten, und etwas an ihnen zieht ihn stark genug an, so dass er sich eines Tages aufmacht zum Oranienplatz. Das hat mit Zeit zu tun. Er setzt sich zwei Stunden auf eine Bank und beobachtet das Treiben im Camp. Währenddessen kann der Leser beobachten, wie in Richards Denken Verbindungen geknüpft werden, Synapsen miteinander reagieren und er am Ende irgendwann zu dem Schluss kommt, dass er ein neues Projekt hat, ein Forschungsprojekt zum Thema Vergänglichkeit und Zeit, und dass die Flüchtlinge am Oranienplatz genau die Richtigen sind, um Fragen zu beantworten, die diese Thematik erhellen können, die damit vielleicht auch noch einmal neu den Sinn des Lebens deutlich machen, oder nicht. Denn sie sind aus der Zeit hinaus gefallen und gleichzeitig in ihr eingesperrt. Ihr Leben ist on hold. Eine Situation, die ihm nicht unvertraut ist. Hat er doch in der DDR gelebt und erfahren, dass ein Staat sich innerhalb weniger Wochen komplett auflösen kann. Dass alles das, worauf wir gerade noch unsere Identität gründen, sich in Nichts auflösen kann. Wenn einem das im eigenen Leben nicht widerfährt, ist das ein Glück, kein angeborenes Recht. Zwei Wochen liest er und stellt einen Fragenkatalog zusammen. Als er dann am Oranienplatz ankommt, um seine Fragen an den Mann zu bringen, ist das Camp gerade aufgelöst worden, die verschiedenen Menschen wurden auf verschiedene Orte in der Stadt, am Stadtrand verteilt, die Gemeinschaft dabei aufgelöst. Richard findet eine Gruppe von ihnen wieder, in einem leerstehenden Altersheim gar nicht weit von seinem Haus und dem See entfernt. Er geht hin und beginnt seine Interviews. Peu à peu erfährt er immer mehr Lebensgeschichten, Umstände, Gründe, warum sich junge, afrikanische Männer auf den verzweifelten Weg nach Europa machen. Richard ist ganz und gar kein politischer Mensch. Er nähert sich den Flüchtlingen nicht, weil er ihre Situation verändern möchte. Naiv geht er auf sie zu, weil er ein Projekt hat, von dem er glaubt, dass sie ihm bei der Erforschung helfen können. Dass diese Forschungsarbeit letztendlich dazu führt, dass auch sein Leben sich vollkommen verändert, ist vielleicht nicht ganz überraschend für den Leser und beweist den Satz, den Richard irgendwann denkt: "Es ist wichtig, dass er die richtigen Fragen stellt. Und die richtigen Fragen sind nicht unbedingt die Fragen, die man ausspricht." Was mir an dem Buch gefallen hat, sind diese Dinge: dass es im Grunde eine Art Poetologie mitliefert. Es ist ein Buch über die Zeit und die Vergänglichkeit, vor allem die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Man kann während der Lektüre Richards Gedanken- und Entwicklungsgang fast 1 : 1 mitverfolgen und damit die Entstehung dieses Buches. Denn letztlich hat es in seinem Zentrum Richards Projekt, das ihm nicht die Fragen unbedingt beantwortet, die er laut stellt, sondern viele, die er nicht stellt. Am Ende hat er im Grunde ein neues Leben. Am Ende hat er Beziehungen in einer Intensität, die für ihn neu ist. Am Ende hat er auch gelernt, wer seine Freunde sind. Wie kurz ist unsere Zeit nur und wie privilegiert sind jene, die sie selbstbestimmt hier gestalten önnen und dürfen. Wenige sind es, vergleichsweise, die dieses Privileg genießen. In dem Buch trifft man auf so viele, die vom Leben herum geworfen werden. Richard reflektiert all dies, der Wissenschaftler, der Denker, der Belesene. Er sieht in den jungen Afrikanern nicht die normalen Klischees, sondern Charaktere aus Sagen, aus der Literatur, der Geschichte, sie regen ihn dazu an, seine philosophischen Konzepte zu ergänzen und zu überdenken. Von Anfang an versteht er ihre Geschichten in einer menschlichen Allgemeingültigkeit, gerade weil er auf eine Art naiv an sie herantritt. Er hat keine vorgefasste Meinung, keinen politischen Standpunkt. Er ist einfach als neugieriger Mensch, getrieben vom Interesse an der Lösung seiner Forschungsfrage, auf sie als Menschen, von denen er annahm, sie könnten ihm helfen, zugegangen. Da ist soviel Verwunderung, offensichtliches Überraschtsein über die Lebenssituation der Männer, aber auch über den Umgang der deutschen Bürokratie mit Mord und Totschlag. Man kann ja alles verwalten. Man kann, bürokratisch genug, ein ganzes Leben in den Staub einer Aktenlandschaft hinein verwalten. Da bleibt keine Lebendigkeit mehr übrig. Diese Unschuld, könnte man beinahe sagen, erhält er sich die ganze Zeit. Auch als er so viele der Geschichten der Männer kennt, ihnen Schritt für Schritt näher kommt, spulen in seinem Kopf niemals Vorurteile ab. Seine Reaktionen sind immer genuin und souverän. Wenn einer der Männer aufs Amt geht, begleitet er ihn. Er regt sich auf, wenn dort etwas ungerechtes geschieht. Er hilft, wenn er kann. Er drängt sich nicht auf. Wenn einer der Afrikaner ihn einen Unterstützer nennt, scheint das Richard beinahe zu irritieren, denn er sieht sich selbst nicht als Unterstützer. Weshalb sein Umgang mit den Männern respektvoll und auf Augenhöhe geschehen kann. Er sieht sie nicht als Opfer. Ihm ist bewusst, wie leicht er selbst in einer derart machtlosen Lebenssituation hätte landen können. Dass es niemandes Verdienst ist, wenn er die Mittel hat, sein Leben im Griff zu haben. Man kann die Situation anderer Menschen ja niemals beurteilen. Gestern sah ich mit einer Freundin den Film I Am Not Your Negroe, über James Baldwin und sein nicht vollendetes Buchprojekt über den Mord an seinen Freunden Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Es ist ein Film über den Rassismus in den USA. Ich sah ihn aber als Film über Rassismus im allgemeinen. Die Weigerung, sich mit dem Leben jener auseinanderzusetzen, denen es durch unsere Privilegien schlecht geht. Denn wenn wir uns damit auseinandersetzten, müssten wir unsere Privilegien fahren lassen. Alles ist mit allem verbunden. Die, denen wir es schlecht ergehen lassen, formen unser Land mit. Gerade wird Europa weniger von den Europäern, als von jenen geformt, denen wir den Tod an Europas Grenzen verordnen. So wie Amerika geformt wurde und wird von den Schwarzen, die es diskriminiert. Man kann die Situation anderer Menschen niemals beurteilen. Ich habe keine Ahnung, was es heißt, auf einem Schlauchboot von Afrika nach Italien zu fahren, oder ein fünfzehnjähriges Mädchen zu sein, das von ihren Nachbarn und Mitschülern angespuckt wird, weil sie keine nach Hautfarbe getrennte Schule, sondern eine für alle Kinder besuchen möchte. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Familie vor den eigenen Augen massakriert wird. Aber viele von denen, die in Deutschland stranden, wissen sehr genau, wie sich das anfühlt. Jenny Erpenbeck gibt Menschen eine Stimme und eine Geschichte, die hier oft nur bürokratische Manövriermasse sind. Richard beobachtet und kommentiert das Ganze, trocken und präzise. Wenn mich dieses Buch eines gelehrt hat, nein, es hat mich vieles gelehrt, aber eines ragt heraus: Erlaube Dir kein Urteil über jemand anderen. Du hast keine Ahnung! Konzentriere dich auf die wichtigen Fragen. Habe die Geduld, mit ihnen zu sein. Warte auf die Antworten. Für mich ist Gehen Ging Gegangen ein perfektes Leseerlebnis gewesen. Denn Jenny Erpenbeck schafft es, aktuelle politische und gesellschaftliche Geschehnisse in eine spannende und nicht konstruierte, sehr intelligente Geschichte zu verpacken. Das stand 2015 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ich hätte mich gefreut, wenn sie ihn gewonnen hätte. Natürlich ist dieser Richard wie so eine ideale Gestalt, aber auch das hat mir am Buch gefallen: dass es ein wenig träumt. Abgesehen davon kenne ich so viele Menschen, die seit dem Beginn der Flüchtlingskrise ihr Leben verändert haben, gar nicht so anders als Richard, dass ich die Geschichte nicht als unrealistisch empfinden kann. (c) Susanne Becker

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Immer noch müssen Menschen aus ihrem Heimatland fliehen. Oft kommen sie nach Deutschland, in den Medien wird breit davon berichtet. Wir alle haben eine vage Vorstellung (soweit das überhaupt möglich ist) davon, wie es diesen Menschen auf ihrer Flucht ergangen ist und nun in Deutschland ergeht. Schnell werden Meinungen gebildet, ohne vielleicht jemals persönlichen Kontakt zu Geflüchteten aufgenommen zu haben. Dass aber genau diese Beschäftigung mit den konkreten Menschen und deren Schicksalen gewinnbringender ist als reiner Medienkonsum, erfährt auch Richard, der Protagonist in Jenny Erpenbecks Roman Gehen, ging, gegangen (Knaus Verlag) – ein neuer Beitrag in unserer Reihe Fluchtliteratur. Richard ist ein emeritierter Professor für Alte Sprachen, der am Rand von Berlin wohnt. Sozialisiert wurde er in der DDR, die Wende geistert immer noch in seinem Kopf herum. Seine Frau ist vor fünf Jahren verstorben, Kinder hat er keine. Frisch aus dem Unidienst entlassen, hat Richard nun alle Zeit der Welt. Diese zu füllen, fällt ihm allerdings schwer. Seine Aufgabe, Studierende zu unterrichten, fällt nun weg. Er fühlt sich nutzlos und langweilt sich. Als er eines Tages rein zufällig das Camp der Geflüchteten auf dem Oranienplatz sieht, wird er hellhörig und beginnt, sich für die Lage der jungen Männer aus Afrika zu interessieren. Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass ein Akademiker vorher so gut wie gar nichts von der Geflüchtetenthematik mitbekommen hat. Anscheinend hatte Richard zuvor nur Augen für sein Fach. Naja. Richard recherchiert nun also und besucht die Geflüchteten, nachdem der Oranienplatz geräumt wurde, in ihrer neuen Notunterkunft, einem alten Altersheim ganz in der Nähe von Richards Haus. Der ehemalige Professor interviewt die Männer einzeln, hört sich ihre Geschichten an und freundet sich schließlich mit mehreren der Afrikaner an. Mit einigen feiert er sogar zusammen Weihnachten. Die Schicksale der einzelnen Männer gehen wirklich unter die Haut, sowohl deren Vorgeschichten als auch die schrecklichen Erzählungen von den Bootsüberfahrten von Nordafrika nach Italien. Hinzu kommen die Probleme der Geflüchteten in Deutschland. Awad, der in Ghana geboren wurde und vor seiner Flucht bei seinem Vater in Libyen wohnte, ist einer der von Richard befragten Männer: "Der Krieg zerstört alles, sagt Awad: die Familie, die Freunde, den Ort, an dem man gelebt hat, die Arbeit, den Alltag. Wenn man ein Fremder wird, sagt Awad, hat man keine Wahl mehr." Richard hört sich alles an und setzt das Gehörte immer wieder in Verbindung zur Auflösung der DDR. Wie für die Geflüchteten, die in Deutschland ankommen, war auch für die Bewohner*innen der neuen Bundesländer von heute auf morgen alles anders und oft fremd. Ich mochte diesen Vergleich in seinem Grundgedanken sehr gern beim Lesen, im Nachhinein wird er mir allerdings zu oft herangezogen. Sicherlich ist das Gefühl der Fremdheit vergleichbar und es gab auch zahlreiche Geflüchtete, die illegal von Ost nach West umgesiedelt sind. In Gehen, ging, gegangen scheint es mir aber so, als hätte Richard die Wende noch immer nicht verkraftet und würde die Geflüchteten als eine Art Therapieform benutzen, um intensiver über seine eigene Vergangenheit nachdenken zu können. Hier liegt für mich ein Manko des Romans. "Und dann sitzt Awad einen Moment lang einfach nur da, ohne etwas zu sagen, und blickt auf das unechte Holzfurnier auf der Tischplatte. Auch dieser Tisch stand vielleicht 25 Jahre zuvor in einem Büro der Volkssolidarität oder im Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft […]." Richard startet seine Recherchen sehr vorurteilsbehaftet und kann sich durch persönlichen Kontakt immer mehr in die Geflüchteten hineinversetzen. Hier macht er eine vorbildhafte Entwicklung durch, er baut Vorurteile ab und schafft Vertrauen zu dem ihm Fremden. "Und auch jetzt war so ein Moment, in dem er [Richard] sich daran erinnerte, dass der Blick eines Menschen ebensogut war wie der eines andern. Im Sehen gab es kein Recht und kein Unrecht." Bei allem Interesse für die Geflüchteten bleibt Richard dabei oft bei sich. Es geht immer wieder um die Bewältigung seiner Vergangenheit, seien es die Wende, seine Eheprobleme oder der Tod seiner Frau. Wir haben es hier mit einer privilegierten, weißen Helferperspektive zu tun. Mir hat sich beim Lesen die Frage gestellt, ob es überhaupt möglich ist, ganz uneigennützig zu helfen. Oder helfen wir auch immer, um uns selbst besser zu fühlen? Oder auch um uns selbst herauszufordern? Um uns selbst weiterzuentwickeln? Wo hören die eigenen Bedürfnisse auf, wo fangen die des hilfebedürftigen Menschen an? In diesem Sinne könnte Richards Egozentrik auch als Anspielung auf diese Fragen gelesen werden. Trotz einiger Irritationen habe ich Gehen, ging, gegangen sehr gern gelesen, nicht zuletzt auch aufgrund der klaren und durchdachten Sprache, die mich durch den Roman gezogen hat. Dies war mein erstes Buch von Erpenbeck, aber schon allein aus diesem Grund bestimmt nicht das letzte. Die Autorin schafft es, die derzeitige Situation der Geflüchteten einzufangen, reale Ereignisse aufzugreifen und diese dann in eine fiktive Rahmenhandlung zu stellen. Dabei spielt sie vor allem mit Vorurteilen gegenüber Geflüchteten, wie sie wohl in vielen Köpfen umherspuken. Der Roman bringt diese voreiligen Schlüsse zur Sprache und löst sie nach und nach auf, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken. Die Darstellung dieses Denkprozesses, veranschaulicht in der Figur Richard, ist für mich die große Stärke des Romans. Gehen, ging, gegangen ist ein hochaktueller und wichtiger Roman, der uns zeigt, wie wichtig es ist, sowohl bei der Geflüchtetenthematik als auch in anderen zwischenmenschlichen Situationen, nicht vorschnell zu urteilen, sondern sich dem Gegenüber, sei er*sie auch noch so fremd, anzunähern.

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