Leserstimmen zu
Gehen, ging, gegangen

Jenny Erpenbeck

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Ich bin beständige Leserin der Romane Erpenbecks und das aus gutem Grund. Die beiden zuletzt erschienenen "Aller Tage Abend" und "Heimsuchung" sind unbedingt empfehlenswert. Mit "Gehen ging gegangen" wählte sie eine Thematik, die zur Zeit stark im Brennpunkt steht(mehr, als zum Zeitpunkt des Entstehens absehbar war). Inwiefern das die Jury des Deutschen Buchpreises beeinflusst wird sich zeigen. Der Hauptprotagonist Richard ist pensionierter Professor, hat sich immer mit Sprache und philosophischen Themen auseinandergesetzt. Nun lebt er allein im eigenen Haus am See im Berliner Osten, seine Frau ist seit einigen Jahren tot. Er hat nun Zeit. Als er zufällig vom Protest afrikanischer Flüchtlinge hört und diese im Zeltlager auf dem Oranienplatz sieht, beginnt er über die Hintergründe zu recherchieren und Kontakt aufzunehmen. Anfangs hofft er, durch gezielte Fragen an die Flüchtlinge, existenzielle Antworten zu erhalten, die ihm selbst gerade fehlen. Letztlich geht es um den Sinn... Das Warten auf das was noch kommt im Leben und die verordnete Untätigkeit, sowie die Erinnerung an die Zeit, als er selbst plötzlich von einem auf den anderen Tag in einem neuen Land lebte. es die DDR nicht mehr gab, sind zunächst die einzigen Übereinstimmungen. Aber es entwickelt sich anders: So erfährt er nach und nach über die traumatischen Fluchten und die Lebensumstände der jungen Männer, die aufgrund der Verhältnisse im jeweiligen Land nicht bleiben konnten oder durften, aber hier nur "geduldet" sind, und langsam baut sich gegenseitiges Vertrauen auf, entwickeln sich Freundschaften. Richard hilft, wo und wie er kann, hört zu, begleitet die Männer zu Behörden, zum Anwalt oder zum Sprachunterricht, setzt sich auf seine Weise für sie ein, für die, die "unsichtbar" sind, und gewinnt dadurch selbst wieder einen klareren Blick auf die Realität. "Vieles von dem, was Richard an diesem Novembertag, einige Wochen nach seiner Emeritierung, liest, hat er beinahe sein ganzes Leben über gewusst, aber erst heute, durch den kleinen Anteil an Wissen, der ihm nun zufliegt, mischt sich wieder alles neu. Wie oft wohl muss einer das, was er weiß, noch einmal lernen, wieder und wieder, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen? Reicht überhaupt eine Lebenszeit dafür aus?" Je mehr er jedoch erfährt über die Irrwege, über die bürokratischen, wenig flexiblen Gesetze, desto mehr wird Ihm klar, wie schlecht die Chancen für Flüchtlinge stehen, wie begrenzt auch seine eigenen Möglichkeiten sind. Dennoch will er nicht aufgeben. Er organisiert private Unterkünfte bei seinen alten Freunden und auch sein eigenes Haus füllt sich...neue Räume öffnen sich. Auffällig fand ich, die durch den ganzen Text hinweg oft wiederholten Sätze, was wahrscheinlich eindringlich wirken soll, mich aber eher gestört hat. Auch mit dem Schluss bin ich nicht ganz zufrieden, kommen doch da seitens Richard wichtige emotionale Erlebnisse zutage, die dann aber nicht den nötigen Raum mehr finden. Fazit: Ich bin der Meinung, dass es nicht Erpenbecks bestes Buch ist(siehe oben). Dennoch habe ich "Gehen ging gegangen" als ein besonderes und wichtiges Buch erlebt. Und ich denke, das könnte vielen Lesern so gehen...

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Phänomenal. Bitte lesen

Von: Eva-Maria Obermann

07.09.2015

Richard hat Zeit. Er ist emeritiert, Witwer, ohne Zeitplan oder Termine. Er weiß sie nicht zu füllen, diese Zeit. Zeit haben auch die Männer, die auf dem Berliner Oranienplatz kampieren. Flüchtlinge sind es. Asylbewerber aus unterschiedlichen Ländern. Sie suchen Arbeit, ein besseres Leben, Schutz vor dem Krieg in ihrem Land. Sie haben Menschen verloren, Freunde, Frauen, Eltern, Kinder. Sie wurden erschossen, sind ertrunken, einfach verschollen. Richard startet ein Projekt, von dem er nicht weiß, wohin es ihn führt. Er befragt die Männer, die in einem nahegelegenem Altenheim zwischenstationiert werden nach ihren Geschichten. Er besucht mit ihnen den Deutschunterricht. Er erfährt ihre Geschichten, die Behandlung, die sie erfahren, das Schicksal das sie teilen. Richard und diese Männer könnten unterschiedlicher nicht sein, kommen aus verschiedenen Welten und haben doch alle unfreiwillig Zeit. Der Roman ist bewegend. Er fasst unglaublich präzise das Leben von in Deutschland gestrandeten Flüchtlingen auf. Unterschiedliche Wege haben sie nach Berlin geführt, wo sie alle eigentlich nicht bleiben dürfen, weil sie dort eben nicht zuerst angekommen sind. Herzergreifend sind manche Geschichten, erschreckend, aufrüttelnd. Und dabei greift Erpenbeck nicht in die Kitsch-Schublade. Erstaunlich sachlich bleibt sie, bleibt der personale Erzähler bei Richard, der eben Professor war und alles etwas sachlicher sieht. Zwischen den Zeilen steckt die Emotion. Sie wird deutlich in Richards Schweigen, in seinem Handeln, in seiner Zeit und darin, wie er sie nutzt. Vielleicht sind es die kleinen Stellen, die diesen Roman so groß machen, die sich festsetzten und nicht mehr loslassen, auch noch Tage nach dem Lesen nicht. Wie der Moment, an dem Richard zweifelt, an einem seiner Schützlinge, an sich selbst. Und keine Antwort findet. Der Zweifel steht im Raum des Romans. Er verletzt auf viele Arten. Dass es hier keine Antwort gibt, ist so ein großer Moment. Ein Moment, der auf alle „aber was ist wenn“ ein etwas stures aber klares „na und“ liefert. Gehen, ging, gegangen ist dabei so sehr kein politisches Buch, wie es im Grunde eben doch eines ist. Richard zumindest ist nicht politisch. Er hat eine Meinung, er hat viel erlebt, diese Erlebnisse haben ihn geprägt und prägen den Leser im Lesen mit, prägen die Geschichte. Als ehemaliger Bewohner der DDR hat er den Mauerfall so emotionslos aufgenommen, wie er sich auch den Asylbewerbern auf dem Oranienplatz annähert. Der Leser ahnt mehr von dem Brodeln in Richards Innern, als dass er es offenbart. Immer wieder geht es dabei nicht nur um Schicksale, sondern um Zeit. Zeit, die vergeht, Zeit, die aufgezwungen ist, festgelegt, Zeit, die vergangen ist und nicht mehr zurück geholt werden kann. Richard eignet sich diese unsichere Zeit der Asylbewerber an, indem er mit den Bestimmungen hadert, denen sie ausgesetzt sind – und denen er ebenso ausgesetzt ist. Er erfährt, wie unterschiedlich Zeit sein kann und wie ähnlich sie doch verläuft. Erpenbecks Roman rüttelt auf, vielleicht nicht als gewaltiger Aufschrei, dafür aber als tief durchdachtes Fundament. Ungerechtigkeiten, Bürokratie und Einzelschicksale treffen aufeinander, vermischen sich um Richard, der in eine neue Welt eintaucht und einen neuen Rhythmus findet. Ein großartiges Buch, eine phänomenale Geschichte, die nicht nur im Sommer 2015 aktuell und lesenswert ist.

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Endlich

Von: Gallus Frei-Tomic aus Amriswil CH

30.08.2015

Endlich literarische Stimmen, die nicht "bloss" Geschichten erzählen, Sprache gut klingen lassen. Endlich Literatur, die etwas zu sagen hat. Liebe Jenny Erpenbeck, ich bin tief berührt und danke Ihnen. Ich bin sicher, dass Ihr Buch nicht nur nachhallen, sondern bewegen wird.

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Thalia Buchhandlung Nord GmbH & Co KG

Von: Evelyn Roewekamp aus Rostock

25.08.2015

Frau Erpenbeck hat mir ein beklommenes Lesewochenende bereitet, obwohl es in ihrem Buch so viele komische, wie liebenswerte Beschreibungen gibt. Warum also beklommen: Weil ich plötzlich beim Lesen mitten unter diesen Ausländern war, mitten in ihrer Lebens- und Flüchtlingsgeschichte. Ja, und auch dieser Richard in seinem Gutmenschentum, in seiner Unbeholfenheit, er hat mich sehr nachdenklich gemacht. Frau Erpenbeck ist etwas sehr Außergewöhnliches gelungen, die Leser machen sich beim Lesen dieses Buches irgendwie als Mensch angreifbar. Diese Literatur ist politisch, na klar, aber nicht, wie vieles zu diesem Thema, eben nicht schwarz oder weiß.

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