Leserstimmen zu
Das Spinoza-Problem

Irvin D. Yalom

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Irvin Yalom wählt einen interessanten und vielversprechenden Ansatz für seinen „Roman“ – er bewegt sich auf zwei weit voneinander entfernten Spuren und kombiniert das Leben von Baruch de Spinoza, dem niederländischen Philosoph und Sohn jüdisch-portugiesischer Immigranten im 16. Jahrhundert mit dem Leben von Alfred Ernst Rosenberg, dem führenden NS-Ideologen im 20. Jahrhundert, über dessen jüdische Wurzel immer wieder gemunkelt wurde. Hier werden nicht nur grandios zwei Zeitebenen und Figuren miteinander verknüpft. Hier spiegeln sich auch die wahren Ab- und Hintergründe in unserer Vergangenheit wieder. Spiegelt Spinozas Leben, das Leben eines Intellektuellen und setzt ihm mit Rosenberg die Banalität des Bösen gegenüber. Hier der Freigeist Spinoza, der im klaren Denken und dem Mut zur Wahrheit Maßstäbe setzte, weil er die erkannten Wahrheiten über Rituale, Angst und autoritäre Traditionen, die nur dem Machterhalt dienen, nicht fallen lassen wollte. Und dort Rosenberg, der aus seiner Persönlichkeit heraus nichts mehr anstrebte, als sich zu binden. Der starre Dogmen und fanatische Behauptungen unreflektiert zu den Maximen seines Handelns machte. Und doch nur nach Liebe und Anerkennung strebt, diese aber wegen seiner eigenen inneren Abwehrhaltung auf seine Weise gar nicht finden konnte. „Das Spinoza Problem ", versucht nichts weniger, als eine zugängliche Einführung in Baruch Spinoza, der Rationalist aus dem 17. Jahrhundert, der das Fundament für die Aufklärung, und eine überzeugende Analyse legte. Und Alfred Rosenberg, der Ideologe, der die Theorien der rassischen Überlegenheit Hitlers artikulierte. Irvin Yalom präsentiert Spinozas Leben als eine Reihe von sorgfältig organisierter Gespräche. Die Gespräche, schaffen ein schönes Gefühl für den Charakter des Philosophen und eine klare Erklärung der großen Ideen dieses Mannes über die Natur, den freien Willen und Vernunft. Es ist aufschlussreich, schon vor 400 Jahre die Linien des modernen Säkularismus und des wissenschaftlichen Rationalismus festgelegt zu sehen. Die alternierenden Kapitel mit Rosenbergs Aufstieg zur Macht schüren eine andere Art von Faszination. Ein verhasster Mann, so pompös und pseudo-intellektuell, dass selbst Goebbels sich über ihn lustig macht: „Beinahe hätte es bei Rosenberg zum Gelehrten, zum Journalisten, zum Politiker gereicht, aber eben nur beinahe.“ (Seite 582) „Das Spinoza-Problem“ ist weit mehr als „nur“ eine romanhafte Doppelbiographie. Yalom versucht den Geist zu erreichen und sehen, wie er funktioniert - und, ja, wie er vielleicht geheilt werden kann. Es ist weniger die alte Geschichte aus dem 20. Jahrhundert, die Yalom interessiert. Er will die Macht von Spinozas philosophischen Erkenntnissen zeigen, die selbst den Geist eines erbärmlich kleinen Monsters, wie Rosenberg zu verunsichern mag. Philosophische Erkenntnisse von Euklid bis eben zu Bento Spinoza vermischen sich mit zwei Lebensgeschichten, psychotherapeutischen Sitzungen, der Darstellung der philosophischen und psychotherapeutischen Ziele von der inneren Freiheit des Menschen aus unguten Gebundenheiten und einer grundlegenden Kritik an religiösen Ritualen und nicht hinterfragten Traditionen oder Dogmen jedweder Art. Ein Manifest der Aufklärung, auch so könnte man dieses Buch betiteln. Eine Darstellung der tiefen Spannung im Menschen, einerseits eigenständiges Wesen zu sein und andererseits ebenso stark Teil der Gemeinschaft sein zu wollen, Teil einer Tradition, eines Mythos, eben nicht herauszufallen aus der Gemeinschaft, der man angehört. Literarisch hochwertig führt Yalom dies Spannung zwischen Individualität, Freiheit und, damit einhergehend, auch Relativität und Unsicherheit als Gegenüber zum „Dazugehören“ aus, zur, nur vermeintlichen, dogmatischen Sicherheit. Und lässt zu keinem Zeitpunkt des Buches den Leser darüber im Unklaren, dass es schlichtweg dem Menschen zwar möglich, aber letztlich ein nicht wirklich gangbarer Weg ist, die Kraft des eigenen Denkens und der erkennbaren Wahrheiten an eine Religion oder eine andere Form des „Glaubens“ (wie den Rassenwahn) zu delegieren. Ein Weg, der in Destruktion und Unfreiheit endet. Das Buch ist sprachlich hervorragend formuliert, im Stil wunderbar zu lesen und ebenso tief lehrreich, wie es zur eigenen Reflektion fast schon zwangsläufig hinführt.

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