Leserstimmen zu
Chucks

Cornelia Travnicek

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Man spürt es schon in den ersten Zeilen. Jetzt kommt etwas Anderes, etwas Neues, etwas Lebendiges und Unverbrauchtes. Nicht unbedingt eine neue Sicht der Dinge, aber eine andere. Hört sich wie ein Widerspruch an, der sich allerdings auflöst, wenn man erst einmal in Cornelia Travniceks Sprache eingetaucht ist ... Wenn man keinen Job, kein Geld, keinen Ausweis und keine Familie hat, nennt man diesen Zustand für gewöhnlich asozial. In so einem Zustand lebt Tamara, Maes Freundin. Vierzehn Jahre alt war sie, als sie Tamara kennenlernte. Sie quatschte sie wegen ein paar Zigaretten an, die ihr Mae aber nicht geben wollte. Schließlich einigten sie sich auf Eis und schon hatte Mae einen eigenen Punk. Sie war stolz darauf, denn "selbst Pippi Langstrumpf hat es nur zu einem Affen gebracht". Mit dreizehn brach Maes Welt auseinander. Die Eltern hatten sich auseinandergelebt. Ihre Konversation bestand, wenn überhaupt, nur noch aus Streit. Ihr Vater war immer seltener zu Hause und begann auf seinen Dienstreisen ein anderes Leben. Bis ihre Mutter Wind davon bekam und ihren Mann kurzerhand auf die Straße setzte. Jetzt waren sie endgültig allein ... Die Erinnerungen an ihren Bruder flackern immer wieder auf. Sie spielten zusammen, wie Geschwister eben spielen. Da flog auch schon mal der eine oder andere Holzbaustein durch die Luft. Und wenn er am Kopf traf, wurde ihr Sturz sanft von der Windel gebremst. Mit elf war er dann für die Siebenjährige neben Winnetou der Größte. Leider waren die Haare nicht schwarz, weshalb die beiden, zur überaus großen Freude der Eltern, heimlich mit schwarzblauem Haarfärbemittel nachhalfen. Als er dreizehn Jahre alt war, begannen so langsam die Probleme. Zunächst konnten die Eltern die Wahrheit noch vertuschen, doch bald ging es nicht mehr. Ihr Bruder war krank. Und es wurde nicht besser. Mit zehn musste sie zu begreifen versuchen, dass ihr Bruder an Krebs erkrankt war ... Mae erinnert sich an den letzten Besuch bei ihrem Bruder und von der Angst, "die einem das Innere einen Wimpernschlag lang schockgefriert, sodass man sich nachher nicht wieder erwärmt." An seinem Todestag durfte sie nicht mit in die Klinik. Ihre Mutter kam nach Hause, brachte seine roten Chucks mit, stellte sie ins Schuhregal und verschwand zwei Tage im Schlafzimmer. Mae stellt nüchtern fest: "Wir waren zerbrochen." Mae wird erwachsen. Doch die Reise dahin ist weit. Cornelia Travnicek erzählt uns von diesem Weg. In Etappen und Rückblenden begleiten wir die junge Frau, die in der Gegenwart mit Jakob zusammenlebt. Jakob überlässt nichts dem Zufall. Sie sieht ihn als "Planer". Selbst Luftschlösser würde er niemals ohne Plan zeichnen, denn sie könnten ja einstürzen. "Jakob ist der einzige Mensch, dessen Träume Statik besitzen." Und sie fragt sich mehr als nur einmal, ob das Leben mit ihm das ist, was sie sich vorgestellt hat. "Es ist nämlich so: dass wir beim Küssen oft einfach nur die Münder öffnen und schließen, wie zwei Fische, die sich zufällig begegnen." Gutgehen kann das auf Dauer nicht. Dann kommt Paul, und in gewisser Weise ändert sich alles ... Cornelia Travnicek schafft mit wenigen, aber klaren Worten, was andere seitenweise zu erörtern versuchen. Lebensmomente fängt sie ein. Macht Fotos mit Blitzlicht. Ihre Beobachtungen, An- und Einsichten sind ebenso präzise wie auf den Punkt gebracht. Sie beobachtet einfach alles und wenn es nur ein Stückchen Haut ist, das aus der Nähe betrachtet, "aussieht wie ein Flussbett in der Dürre" oder Streusplitt auf dem Boden der U-Bahn-Station, "der sich aus den Schuhsohlen gelöst hat" und "zweckentfremdet und spärlich den Untergrund bedeckt". Wenn sie auch eine mitunter etwas merkwürdige "Logik" entwickelt - denn "Menschen, die keine Milch trinken, existieren nicht" - ist ihre Figur der Mae ein extrem wacher Geist, der sich mitten ins Leben stürzt, um vorbehaltlos und mit klarem Kopf das Wesentliche zu erkennen, schonungslos zu hinterfragen oder in Grund und Boden zu formulieren. Selten wertet sie. Wenn sie es doch tut, dann mit aller Härte. Die Eltern kommen erwartungsgemäß nicht gut weg. Auch ihre ehemaligen Mitschüler trifft es hart ... und überhaupt "sind das Problem wir." Ihre Wertungen sind dennoch keine einseitige Sicht der Dinge, sondern eher Konter. Wie in einem Tennis-Match gibt sie hart geschlagene Bälle ebenso hart zurück. Die Wucht ihrer Metaphern ist einzigartig, ob es nun "unscharfe, schlecht belichtete Träume" sind oder eine Definition von Zufriedenheit: "Das ist, was man fühlt, wenn alles zusammenpasst: nichts." "Chucks" ist zeitgenössische Literatur, die den Namen verdient. Geschrieben aus klarem Geist - fern vom Alltagsgeschwafel und fern jeder Banalität. Eine starke Portion Leben. Kitschfrei, klischeefrei, ungeschönt, aber auch nicht mit selbstsüchtigem Weltschmerz vergiftet. Es sind Worte, die erschrecken können, aber auch Wunder vollbringen können. Fast ist es irgendwie so, als ob das Leben persönlich diese Geschichte erzählt. Ein phänomenales Romandebut!

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