Leserstimmen zu
Flucht aus Lager 14

Blaine Harden

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Geboren, gefangen, geflüchtet Shin Dong-Hyuk, ein Name, der so manch einem vielleicht schon begegnet ist. Er ist der erste Nordkoreaner, der in einem Gefangenenlager geboren wurde, dort lebte und später seine erfolgreiche Flucht plante. Es ist das Lager 14 oder auch Kaechon genannt. Geographisch liegt es oberhalb von Pjöngjang, am Flusstal des Taedong. Es ist 155m² groß, hat zahlreiche Wohnanlagen und Arbeitstätten in denen etwa 15.000 Gefangene lebenslang vor sich hinvegetieren. Denn für nichts Anderes ist es ausgelegt. Wer politisch negativ auffällt, wird ohne großes Wenn und Aber dorthin verschleppt. Komplette Isolation zur Außenwelt. Ihre letzten Lebenssäfte werden für Arbeit genutzt. Eine Entlassung steht nicht zur Debatte. Frauen und Männer leben getrennt. Sex ist verboten. Gemeinschaften sind verboten. Diebstahl ist verboten. Gehorsam und gegenseitiges Misstrauen stehen an der Tagesordnung. Wenn du etwas machst, was keiner von dir verlang hat, droht dir der Tod. Wer denkt jetzt auch an Konzentrationslager? Nur sind diese Straflager kein Relikt der Vergangenheit. Sie sind grausame Realität. “Seine bescheidene Existenz beschränkte sich auf die Suche nach Nahrung und die Vermeidung von Schlägen.” (S.97) Besagter Shin Dong-Hyuk wurde in dieser Welt geboren. Wie ist das möglich, in einer Welt, wo Sex verboten ist? Ganz einfach: Es gibt Belohnungsehen. In diesem Arrangement wurde er gezeugt. Durfte danach in einem “Musterdorf” gemeinsam mit seiner Mutter leben. Wobei hausen es eher trifft. Kein fließendes Wasser, Strom nur zwei Stunden am Tag, keine Betten, Stühle oder gar Tische. Selbst die Toilette teilte man sich. Schließlich werden selbst Fäkalien als Dünger weiter verwertet. Shin lernt zu überleben. Stiehlt selbst seiner Mutter das Essen. Richtige Liebe kann er für sie nicht empfinden. Für ihn ist sie eine Konkurrentin. Später geht er zur Schule, darf minimal etwas lernen, doch selbst dort ist er nicht sicher. Man stachelt sich gegenseitig an, versucht Fehler zu finden, prügelt (nach Anweisung) schonungslos auf seine Mitschüler ein, um sich dann besser fühlen zu dürfen? Einen besseren Status bekommen nur wenige. An erster Stelle steht die Arbeit. Bis man unter der Last oder Mangelerscheinungen stirbt. “Sie brachten Shin in den großen, kahlen Raum, in dem man ihn Anfang April zum ersten Mal vernommen hatte. Jetzt war es Ende November. Vor kurzem war Shin 14 Jahre alt geworden. Über ein halbes Jahr lang hatte er keine Sonne zu sehen bekommen.” (S.89) Mehrfach kommt Shin in solche Kammern, wird gefoltert und zum Reden gezwungen. Eines Tages lernt er dort “Onkel” kennen. Ein älterer Mann, der ihm klar macht, dass da draußen noch mehr ist. Dass es eine Welt außerhalb der elektrischen Starkstromzäune gibt. So fängt ein Gedanke in ihm an zu keimen. Was wenn er flüchtet? Wenn er dem Straflager entkommen kann? Allerdings darf er sich niemandem anvertrauen. Allein solche Gedanken sind bereits mit dem Tod geweiht. In dem Buch wird nicht nur die Flucht beschrieben, sondern auch das Leben im Lager. Welche Qualen er erlebt, was er denkt und wie weit das Lager ihn darin beeinflusst. Im Anschluss geht es um die Eingliederung in das Leben. Ob er damit zurechtkommt, wo die Hürden liegen und ob er jemals den dunklen Mantel der Grausamkeiten ablegen kann. Das geht einem wirklich nah. Zumal es eben keine Fiktion ist, sondern jetzt gerade mit anderen Gefangenen passiert. Zeitweise ist es etwas sprunghaft. Da der Journalist Blaine Harden ebenfalls zu Wort kommt, korrigiert und Randnotizen macht. Für den Lesefluss ist das nicht sonderlich optimal. Inhaltlich bleibt es dennoch drückend. Da ändert auch die Richtigstellung nichts. Diese betrifft nur kleine Details und nicht den springenden Punkt: Straflager existieren. Menschen werden zu Unrecht dort gefoltert und menschenunwürdig behandelt. Jeder hat eine faire Anhörung verdient. Egal aus welcher Bevölkerungsschicht er kommt. >> Lesetipp! Wer mehr über die Straflager in Nordkorea erfahren möchte, sollte sich dieses Buch auf jeden Fall holen und alle anderen können damit eine wichtige Wissenslücke schließen.

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Es ist schwer in Worte zu fassen, was dieses Buch bei einem hinterlässt. Es wirkt zu Beginn so unecht, unwirklich, da man es nicht begreifen kann. Es ist gerade zu Beginn so erschreckend nüchtern geschrieben, ohne Gefühle. Aber genau das ist es ja, wie Shin in dem Lager groß geworden ist – ohne Gefühle. Ich habe schon viele Bücher über Konzentrationslager aus dem 2. Weltkrieg gelesen. Das Grauen, von welchem dort berichtet wird, geht einem durch Mark und Bein, man kann kaum atmen. Diese Einzelschicksale lassen einen nicht kalt. Ganz normale Leute werden plötzlich aus ihrem Leben gerissen, verlieren alles, was ihnen lieb und teuer ist und werden erniedrigt und gefoltert. Man kann es (ansatzweise) nachvollziehen, was diese Menschen durchmachen. Aber in diesem Fall, bei diesem Buch, kann es keiner nachvollziehen, da Shin schon so aufgewachsen ist. Er hat nichts verloren, da er nie etwas besessen hat. Er konnte nicht um seine Mutter weinen, da er nicht wusste, was Liebe ist. Wenn das alles irgendwie bewusst wird, durchläuft es einem eiskalt! Nordkorea ist eines der absurdesten, erschreckendsten und unfassbarsten Länder der Welt. Es sollte gerade momentan jedem klar sein, was die Bevölkerung da gerade durchmacht und was für machthungrige, gefühlskalte und dumme Menschen dort an der Macht sind. Das Thema darf nicht wieder unter den Tisch fallen. Gerade solche Bücher, wie dieses hier, sollten gelesen werden und Bewusstsein schaffen. Das Deprimierendste an dem Buch ist, dass es kein Happy End gibt. Klar ist Shin die Flucht gelungen und er ist dem äußeren Martyrium entkommen, aber innerlich lässt es einen ja nicht plötzlich los. Es wird noch ein langer Weg…

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