Leserstimmen zu
Tante Julia und der Kunstschreiber

Mario Vargas Llosa

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BRAVO! APPLAUS!! DA CAPO!!! Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul © Applaus – für diese großartige Hörspielproduktion des Schweizer Radios DRS aus dem Jahre 2002! Acht Jahre vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Mario Vargas Llosa wurde seinem Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ mit dieser Hörspielfassung kongenial die Ehre gegeben. Unter der Regie von Claude Pierre Salmony und der sehr originaltextnahen Hörspielbearbeitung und Co-Regie von Daniel Howald ist ein geistreicher und opulenter Ohrenschmaus entstanden. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Dialoge mit Originalaufnahmen aus Lima hinterlegt. Die Geräusche von Straßen, Cafés und Kirchen sowie gelegentliche musikalische Einstreuungen tragen sehr zur dramaturgischen Einstimmung bei und werden durch die wiederkehrende, sehr tänzerische Einspielmelodie vor jedem neuen Kapitel ergänzt. In „Tante Julia und der Kunstschreiber“ erzählt Vargas Llosa die autobiographisch inspirierte Liebesgeschichte von Mario und Julia. Im Lima der Fünfzigerjahre studiert Mario nachlässig Jura, arbeitet als Nachrichtenredakteur für Radio Panamericana und träumt davon, als Schriftsteller in einer Mansarde in Paris zu leben. Seine Erzählungen landen zwar meist im Papierkorb, aber Mario ist von seiner schriftstellerischen Berufung überzeugt. Er wohnt bei seinen Großeltern und ißt bei den diversen Tanten und Onkeln seines ausufernden Familienclans zu Mittag. Bei einem dieser Essen trifft er auf seine angeheiratete Tante Julia, die frisch geschieden nach Lima gekommen ist, um einen neuen Ehemann zu finden. Am gleichen Tag hört er zudem zum ersten Mal von Pedro Camacho, dem neuen Hörspielautoren des Radiosenders. Die leibhaftige Begegnung mit dem Hörspielwunder läßt nicht lange auf sich warten, und Mario beobachtet staunend die unglaubliche Produktionsmenge und Schnelligkeit des eigenwilligen Schreibers. Pedro Camacho verfaßt und inszeniert neun Hörspielepisoden täglich und verschafft dem Sender große Hörerzuwächse und entsprechend höhere Werbeeinnahmen. Pedro Camacho kultiviert diverse Manierismen: er trinkt Kamillentee mit Pfefferminze, er zelebriert höfische Verbeugungen und pflegt in jedes Hörspiel gnadenlos seine persönlichen Zu- und Abneigungen einzubauen; so ist die jeweilige Hauptfigur grundsätzlich „ in der Blüte seiner Jahre, nämlich 50“, also genau in Pedro Camachos Alter, und immer gibt er seiner Verachtung gegenüber Argentinien Ausdruck, indem er mit irgendeiner abwertenden Bemerkung über angeblich argentinische Sitten aufwartet. Bei der Schöpfung seiner Hörspielcharaktere scheut er kein Klischee - egal ob religiös, medizinisch, soziologisch, psychologisch oder romantisch - je extremer und gegensätzlicher, desto besser, und entsprechend reißerisch und monströs entfaltet sich die jeweilige Handlung. Des weiteren garniert er seine Seifenopern mit pathetischen Schnörkeln wie : „ -Fluch , der auf einer Familie lastet, von der nicht einmal der Name überdauern wird -“oder: „-Burschen aus der Gosse, die durch Hartnäckigkeit bis zum Nobelpreis gelangen -“ und unfreiwillig komischen Metaphern wie : „ Die Richter – Nachgiebigkeit von Zuckerrohr, das im journalistischen Winde tanzt -“ und „Blässe einer Frau, die von einem Vampir geküßt wurde.“ Vargas Llosa wechselt die Kapitel der wirklichen Liebesgeschichte von Mario und Julia mit den fiktiven Hörspielepisoden von Pedro Camacho ab. Die Liebesgeschichte zwischen dem 18-jährigen Mario und seiner 14 Jahre älteren Tante Julia schreitet von anfänglich nur spielerischem Flirt zu leidenschaftlicher Liebe fort und führt, gegen den Willen der Familie, bis zur illegalen Heirat. Die Hörspielkarriere von Pedro Camacho bekommt einen katastrophalen Knick, als er - Opfer seines hyperkreativen Geistes - anfängt, die Namen, Charaktere und Handlungsfäden seiner Figuren zu verwechseln, und schließlich das gesamte Personenpotpourri durch eine apokalyptische Erdbebenepisode ins Jenseits befördert. Der Schauspieler André Jung gibt der jungenhaften Männlichkeit Marios eine sympathische, jugendlich begeisterte und eifrige Stimme. Tante Julia wird charmant, sinnlich und mit weiblicher Selbstironie von Herlinde Latzko gesprochen. Christoph Bantzer verstimmlicht die Rolle des Pedro Camacho mit eindrucksvoller Treffsicherheit. Es ist eine Meisterleistung, nur über das Medium der Stimme, die Kombination aus fanatischer Selbstdisziplin, herrischer Subjektivität, hilfloser Überheblichkeit und idiosynkratischer Überspanntheit wiederzugeben! Pedro Camachos Bemerkung „Meine Schriften erhalten sich an einem unauslöschlicheren Ort, als Bücher es sind. Im Gedächtnis der Radiohörer.“ kann ich nur bestätigen. Ich werde nie wieder Mario Vargas Llossas Roman lesen können, ohne dabei Christoph Bantzers Stimme im Ohr zu haben. Überdies nutzt sich die facettenreiche Geschichte auch bei mehrmaligem Hören keineswegs ab. Ich habe mir dieses „Hörspiel-Kino“ bereits dreimal gegönnt, und jedesmal fielen mir wieder neue Raffinessen und Wortspielereien auf. Ich möchte sogar sagen, daß es mir von Mal zu Mal immer besser gefällt, was in meinen Ohren ein weiteres Zeichen für die Qualität dieses Hörspiels ist. Die Verpackung des Hörspiels ist dem Hörverlag sehr schön gelungen. Die graphische Gestaltung gibt den Zeitgeist der Fünfzigerjahre wieder, die Verteilung der 10 CDs auf fünf Doppelhüllen macht das Raumvolumen handlich, und der Pappschuber umrahmt ein rundherum stimmiges Werk. Der Autor: »Mario Vargas Llosa, 1936 im peruanischen Arequipa geboren, studierte Sprachen in Lima und Madrid und arbeitete dann als Journalist in Paris. 1962 erschien sein erster Roman "Die Stadt und die Hunde", der bereits zu einem internationalen Erfolg wurde. Auch seine weiteren Romane wie "Das grüne Haus" oder "Der Krieg am Ende der Welt" fanden weltweit bei Kritik und Lesepublikum Beachtung. Mario Vargas Llosa erhielt 2010 den Nobelpreis für Literatur.«

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Erster Eindruck: Ein Hörspiel (unter anderem) über Hörspielmacher Der junge Student Mario verdient sich nebenher ein wenig Geld als Nachrichtenredakteur — und muss lediglich Zeitungsartikel ein wenig umformulieren. Denn das Publikum will vorrangig die Hörspiel-Seifenopern hören. Autor, Produzent und Sprecher auf einmal ist dabei Pedro, der es mit der Kontinuität nicht ganz so genau nimmt. Und dann ist da noch Marios attraktive Tante Julia, in die er heimlich verliebt ist... Mario Vargas Llosa, peruanischer Autor und Träger des Literaturnobelpreises, kann auf etliche Auszeichnungen für seine Werke zurückblicken. Dazu gehört auch der Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ aus dem Jahre 1977, welches nun auch in der Hörfassung des Schweizer Radios beim Hörverlag erhältlich ist. Satte 10 CDs werden von der Geschichte ausgefüllt, die eine Mischung aus Liebesgeschichte und Satire darstellt. Besonderes Augenmerk verdienen die Hörspielszenen in dem Hörspiel, die in die Handlung eingeflossen sind und schon abstruse Züge annehmen können. Die übertriebene Darstellungsweise und die verdrehte Handlung sind urkomisch und bilden immer wieder Highlights innerhalb des Romans. Dieser wird dominiert von langen Erzählparts, die teilweise schon eher an ein Hörbuch als an ein Hörspiel erinnern. Hier hätte ein wenig mehr Bewegung hereinkommen können, aber auch so ist das Werk sehr unterhaltsam. Die Vorgehensweise des peruanischen Radiosenders ist sehr humorvoll beschrieben und fördert immer neue Überraschungen zu Tage, während sich auch die Liebesgeschichte zwischen Mario und seiner Tante Julia in gewitzter Weise entwickelt und stets ein Lächeln auf den Mund des Hörers zaubern kann. Es tut gut, mal eine völlig andere Art von Geschichte zu hören, das sich dem momentanen Hörspielmarkt entzieht und nebenbei auch noch selbst Hörspiele parodiert und ins Lächerliche zieht. Ein großer Roman, sehr einfallsreich und kurzweilig inszeniert — eine Empfehlung ist es allemal wert! Fast alle Sprecher waren mir vorher unbekannt, ihre Stimmen werden somit noch nicht von anderen, prägenden Rollen verglichen. Dazu kommt, dass alle ihre Rollen mit Hingabe und einem Schuss Ironie sprechen. André Jung ist in der Hauptrolle des Mario zu hören, neben den Dialogen ist er auch für viele Erzählparts verantwortlich. Diese Doppelbelastung meistert er jedoch vorzüglich und kann mit seiner variablen Stimmfärbung überzeugen. Tante Julia wird von Herlinde Latzko gesprochen, die immer einen leicht verführerischen Unterton in ihre Interpretation legt und somit ein wenig zur Femme Fatal wird. Christoph Bantzer sorgt als gewitzter Pedro Camacho für etliche Lacher und komische Situationen. Weitere Sprecher sind Alfred Urankar, Reinhard Sannemann und Renate Müller.

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