Leserstimmen zu
Wo Milch und Honig fließen

Grace McCleen

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Judith McPherson geht im "Land der Zierde" spazieren. Unglaubliches gibt es hier zu sehen - die Zehnjährige traut ihren Augen nicht. Da stehen Eispaläste aus Gletscherbonbons und Brunnen aus Lametta. Dämme wurden aus leeren Smarties-Rollen gebaut und in Bäumen aus Baumwolle glitzern mit Juwelen besetzte Früchte. Unzählige Tiere wie "Bonbonpapiermücken, Daunenpusteblumen und glitzernde Hutnadellibellen" bevölkern die Traumlandschaft. Plötzlich ruft sie eine Stimme und führt sie zu einer Wiese. Judith begegnet einem bärtigen alten Mann mit pechschwarzen Haaren. Auserwählt sei sie, heute ein unschätzbar wertvolles Geschenk zu erhalten, erzählt er ihr, die Hände hinter seinen Rücken haltend. Was er ihr anzubieten hat, darf sie nicht sehen, denn Judiths Entscheidung soll unbeeinflusst sein. Zur Wahl stehen ein Stein, der unbegrenzte Macht verleiht, und ein Buch, "das die Weisesten der Weisen zu lesen begehren". Beides würde Judith interessieren, doch für einen Moment scheint sie der Schwierigkeit, sich entscheiden zu müssen, nicht gewachsen zu sein. Schließlich entscheidet sie sich, nicht unerheblich durch ihre momentane Situation beeinflusst, für den Stein ... Wie das Sterben ist, möchte Judith von ihrem Vater wissen. Und da diese Frage wenig Begeisterung bei ihm auslöst, geht sie gleich zur nächsten Frage über, denn wie lange man unter Wasser überleben könne, möchte sie ebenfalls in Erfahrung bringen. Ihr Vater reagiert ausweichend und möchte lieber zum täglichen Lesen der Bibel übergehen. Das "Nachsinnen" über die jeweils gelesenen Textstellen erscheint ihm wichtiger und notwendiger, als sich mit den sehr realen Problemen seiner Tochter auseinanderzusetzen. Die Schule ist für Judith ein täglicher Spießrutenlauf. Niemand kann sie leiden und vor allem dieser Neil Lewis nicht. Ständig hackt er auf ihr herum und sein Ideenreichtum an Gemeinheiten ihr gegenüber scheint keine Grenzen zu kennen. Ob sie schon einmal eine Kloschüssel von innen gesehen habe, fragte er sie, und sprach für den nächsten Schultag eine entsprechende Drohung aus. In Erwartung der Ereignisse wird das dazwischenliegende Wochenende für Judith zur Qual. Ihre Welt gerät aus den Fugen und niemand scheint ihr helfen zu wollen. Nur ein Wunder könnte vielleicht helfen. Wenn alle Welt und sogar der eigene Vater ihr jede Hilfe versagen, muss sie selbst etwas unternehmen. Schneien könnte es - das wäre eine Lösung. Der Wetterbericht kündigte nichts dergleichen an, doch der Wochenbeginn gestaltet sich anders als erwartet. Es schneit tatsächlich und Vater kann nicht zur Arbeit gehen, weil in der Fima der Strom ausgefallen ist. Auch die Schule ist geschlossen. Das erste Wunder war geschehen, doch es sollte nicht das letzte sein ... Die zehnjährige Judith McPherson hat sich ihre eigene Welt erschaffen. Sie baut sie sich nach ihren ganz persönlichen Vorstellungen und verwendet hierzu Gegenstände und Abfälle jeder Art. Aus alten Teppichbodenstücken, Cord, Krepppapier, Folien, Dosen, Besenstielen und Verpackungsmaterialien baut sie Städte, Felder, Wiesen, Schiffe, Meere, Sonne, Mond und Sterne. Auch Tiere und Menschen kann sie erschaffen, und dazu braucht es nur etwas Wolle, Stoffe, Kleber, Modelliermasse, Pfeifenputzer, Farbe, Tipp-Ex und Zahnstocher. Auch etwas Atem braucht sie, denn schließlich muss der Mensch ja zum Leben erweckt werden ... Grace McCleen hat mit "Wo Milch und Honig fließen" einen Roman aus Licht und Wunderlichem geschrieben. Aus der Sicht eines Kindes erscheint jenen, die sich noch in kindliche Fantasiewelten hineindenken können, die Realität gänzlich anders. Die Autorin wagt sich mit fast radikaler Konsequenz auf die kindliche Ebene und unterstreicht dies mit drastisch ungewohnten Perspektiven. Wenn Judith stürzt, fällt ihr die Erde entgegen. Mit den Augen dicht am Boden, sieht die Erde noch viel größer aus, als sie es ohnehin ist. Kilometerweit erstreckt sich alles in alle Richtungen. Die spielenden Kinder werden zu Riesen und ein Ball zu einem Planet. Schaut man dagegen ganz von oben, sind alle klein wie Fliegen. Judith ist anders. Bis ins Detail. Ein achtlos weggeworfenes Bonbonpapier ist für sie kein Abfall. Sie wird daraus "Blumen oder einen Regenbogen oder vielleicht auch eine Krone machen". Ihre ausufernde Fantasie ist deutlich von religiösen Vorstellungen ihres Vaters beeinflusst, der sich in seiner Verweigerung, Weihnachten und Geburtstage zu feiern, sowie der Verbreitung der Lehre von der "Schlacht von Harmagedon" eindeutig als Anhänger der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas auszuweisen scheint. Grace McCleen lässt ihre Hauptdarstellerin eigene Schlüsse daraus ziehen und ihre eigene Sicht der Welt zu entwickeln. Dabei bleibt sie wertungsfrei, denn Judiths Lebensentwürfe und ihre tiefe Einsichten sprechen für sich selbst. Dabei entsteht ein ungeheures Spannungsfeld, denn sowohl der Vater als auch die Tochter sind durch den Tod der Mutter und Ehefrau gleichermaßen traumatisiert, wenn auch unter jeweils anderen Vorzeichen. Haupttitel und Thematik sind in der Literatur gewiss nichts Neues. Neu ist aber sicherlich die atmosphärische Dichte des Romans. Weit ist der Weg, bis man endlich erwachsen ist. Viele gehen ihn unbewusst, doch Judith erlebt jeden einzelnen Tag und sie nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand. Die Vermischung von bestimmten religiösen Vorstellungen und der Entwicklung einer eigenen Identität ist einzigartig. Hochsensibel erzählt Grace McCleen die Geschichte von Judith McPherson, die in großen Teilen autobiografische Züge haben dürfte. Das Universum ihrer Worte ist sehr persönlich - alles wirkt wie selbst erlebt und gefühlt. Jedes einzelne ihrer Worte scheint in einer faszinierenden Balance mit dem Hauptthema zu interagieren. Das Buch fasziniert und erschreckt zugleich - und letztlich bedeutet es pures Glück, so etwas lesen zu dürfen. Jeder, der nicht an Wunder zu glauben vermag oder sich zumindest fragt, ob es sie nun gibt oder nicht, wird in diesem Werk eine eindeutige Antwort erhalten!

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Der schmale Grat zwischen Glaube und Wahn

Von: Helga Hensel aus Herzogenrath

10.05.2013

Die 10jährige Judith lebt zurückgezogen mit ihrem Vater. Die Mutter starb bei Judith’s Geburt. Die Familie gehört den Zeugen Jehovas an. Bedingt durch ihren starken Glauben und das dadurch bedingte Anders-Sein hat Judith keine Freunde und wird in der Schule gehänselt und gemobbt. Ihr Rückzugsort ist ihr „Land der Zierde“, welches sie aus allerlei Wegwerfartikeln und Pflanzen selbst gestaltet hat. Für die Zeugen Jehovas ist das Land der Zierde der Ort, wo sie nach dem Weltuntergang weiter leben und ihre verstorbenen Angehörigen wiedersehen werden. Als die Hänseleien ein bedrohliches Maß annehmen, zieht Judith sich noch mehr in sich zurück und wünscht sich von ganzem Herzen ein Wunder, z. B. starker Schnee, damit sie ein paar Tage nicht zur Schule muss. So lässt sie es in ihrem „Land der Zierde“ schneien. Und das Wunder geschieht: am nächsten Tag – mitten im Oktober – ist draußen alles weiß. Judith nun ist fest davon überzeugt, Wunder bewirken zu können. Ihr Vater will nichts davon hören, also vertraut sie sich ihrem Gott an, der schließlich sogar zu antworten scheint. Nur mit den Wundern ist es so eine Sache; man sollte sich genau überlegen, was man sich wünscht. Judith’s Leben und das ihrer Mitmenschen, insbesondere auch das ihres Vaters, gerät aus den Fugen und die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu. Letztendlich gibt Judith sich für alles die Schuld und will durch ein großes Opfer Wiedergutmachung leisten. „Wo Milch und Honig fließen“ ist ein wunderschönes Buch und Judith ist mir ans Herz gewachsen. Bezüglich des im Buch praktizierten starken Glaubens im Kreise der Zeugen Jehovas hatte ich direkt sehr große Vorbehalte. Nachdem ich die Handlung relativ losgelöst hiervon betrachten konnte, wurde es zu einer sehr schönen, aber auch traurigen und nachdenklich stimmenden Geschichte. Und die Grenzen zwischen praktiziertem starken Glauben und religiösem Wahn sowie Realität und Fiktion liegen sehr nah beieinander, aber meine Sorge um das Kindeswohl konnte Judith letztendlich beheben.

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Meine absolute Leseempfehlung!

Von: Monika Schulte aus Hagen

11.03.2013

Eine Stadt in Amerika. Die zehnjährige Judith lebt dort mit ihrem tief religiösen Vater. Judiths Muttter ist bei ihrer Geburt gestorben. Judith kennt ihren Vater nur ohne Lächeln. Alles was für ihn zählt, ist die Religion. Diese steht über alles. Judith muss ihren Vater auch regelmäßig zum "Predigen" begleiten. Sie gehen dann von Haus zu Haus, von Tür zu Tür und wollen die Menschen von ihrem Glauben überzeugen. Hamargedon, der Weltuntergang wird kommen. Das Ende ist nahe. Die kleine Familie wird deshalb angefeindet. Insbesondere Judith hat darunter zu leiden. In ihrer Klasse hat es Neil auf sie abgesehen. Immer wieder ärgert er sie und pöbelt sie an. Als Neil ihr droht, ist Judith sich sicher, dass sie Anfang der kommenden Woche sterben muss. Sie ist sich sicher, dass Neil sie in der Schultoilette ertrinken lassen wird. Das Mädchen flüchtet sich in ihre Traumwelt. Das "Land der Zierde" ist zu ihrer ganz persönlichen Welt geworden. Hier kann sie das Mädchen sein, dass sie gerne wäre. Hier kann sie ihre Träume wahr werden lassen. Das "Land der Zierde" wäre für jeden anderen nichts als ein Haufen Müll, doch für Judith werden hier Träume wahr. Rutschen aus Orangenschalen, Dampferschornsteine aus den Verschlüssen von Zahnpastatuben. Als Neil ihr so zusetzt, wünscht sich Judith, dass es schneit. Es soll so viel schneien, dass Neil nicht kommen kann. Judith lässt Watte und Mehl über ihr Traumland wehen. Schnee, nichts als Schnee. Als sie am nächsten Morgen wach wird, hat es tatsächlich geschneit - mitten im Oktober Die Welt ist tief verschneit. Die Schule fällt aus. Neil kann Judith nichts anhaben. Ist Judiths Wunsch tatsächlich in Erfüllung gegangen oder war alles nur purer Zufall? Auf einmal hört Judith Stimmen. Sie fängt an, Zwiesprache mit Gott zu halten. Gott sagt ihr, dass all ihr Tun, ihre Wünsche Folgen haben werden. Als weitere Wünsche in Erfüllung gehen, glaubt Judith ganz fest daran, dass sie Wunder bewirken kann. Sie möchte ihrem Vater davon berichten, doch wie so oft, will er nicht zuhören. Judiths Wünsche, die Wunder, ihre bisherigen Welt ändert sich. Sobald sie etwas an ihrem "Land der Zierde" verändert, ändert sich auch in der wirklichen Welt etwas. Auf einmal passieren unvorhersehbare Dinge, die sie so nicht gewollt hat. Sie bittet Gott in einem Gespräch darum, ihr zu helfen, doch sie muss allein zurecht kommen. Judith setzt alles daran, dass alles wieder gut wird. Ob es ihr gelingen wird? Ein wunderschöner Roman. Ein Roman über ein Mädchen, das sich auf der einen Seite mit der extremen Gläubigkeit des Vaters auseinandersetzen muss. Ein Mädchen, das darunter leidet, anders zu sein als die anderen. Und wer kennt sie nicht, die Zeugen Jehovas, die von Tür zu Tür ziehen und teilwwise sehr aggressiv für ihre Religion werben? Man leidet mit Judith mit, wenn sie wieder von ihren Mitschülern drangsaliert wird. wenn sie vom Vater wieder einmal nicht verstanden wird. Ob ihre in Erfüllung gegangenen Wünsche nun tatsächlich Wunder waren und obb Judith wirklich mit Gott gesprochen hat oder ob die Gespräche nur in ihren Gedanken stattgefunden haben, das bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. Das Thema ist eigentlich eher traurig, doch in einer so wunderbaren Sprache geschrieben, dass dieser Roman einfach nur schön ist. Ich weiß jetzt schon, dass "Wo Milch und Honig fließen" eines meiner persönlichen Lese-Highlights 2013 sein wird. Unbedingt empfehlenswert!

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Glaube

Von: Manuela G. aus Ketsch

28.02.2013

"Wo Milch und Honig fließen" von Grace McCleen ist ein Buch über die 10-jährige Judith, die bei ihrem Vater aufwächst, da die Mutter früh verstarb. Der Vater lebt nur für seinen Glauben und hört seiner Tochter nie richtig zu. Judiths gesamtes Weltbild ist geprägt von der religiösen Lebensweise des Vaters. In der Schule wird sie deswegen gehänselt, sie hat niemand der sie ernst nimmt und der ihr zuhört. Daher flüchtet sie in eine Fantasiewelt, in der alles harmonisch, liebevoll und friedlich ist. Bis diese Welt immer mehr Raum in ihrem Leben einnimmt. Mich hat dieses Buch sehr traurig und wütend gemacht. Mir hat Judith unendlich leid getan. Sie ist ein mutiges, tapferes Mädchen, das gar nicht richtig Kind sein darf. Immer auf Harmonie bedacht, versucht sie alles und jedes Handeln zu verstehen und ist es auch noch so schlecht. Der Vater beachtet sie nur wenn sie Bibeltexte liest oder sich in die religiöse Gemeinde einbringt. Er ist so zurückgezogen in seine eigene Welt und seinen eigenen Schmerz, daß seine Tochter auf der Strecke bleibt. Ich fand das Buch sehr emotional und es regt zum Nachdenken an. Danke an DVA daß ich als Testleserin ausgewählt wurde und dieses außergewöhnliche Buch lesen durfte.

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Glaube versetzt Berge

Von: Sonja Hennig aus Beverungen

24.02.2013

Grace McCleen hat mit „Wo Milch und Honig fließen“ einen sehr außergewöhnlichen Roman geschrieben. Sie betrachtet die Welt aus der Sicht der zehnjährigen Hauptperson Judith. Manches versteht Judith an der Welt der Erwachsenen und der anderen Kinder nicht. Ihr Weltbild ist durch ihre Erziehung und die Bibelstunden mit ihrem Vater geprägt. Judith ist 10 Jahre alt. Ihr Vater ist sehr religiös. Sie gehören zu einer kleinen Gemeinde, ich denke Zeugen Jehovas. Judiths Mutter starb kurz nach ihrer Geburt, da sie aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion ablehnte. In der Schule wird Judith viel geärgert. Als ein Gastprediger in ihrer Gemeinde dem Mädchen nach einer Predigt über Glauben einige Senfkörner geschenkt hat, hat Judith einen Traum. Sie hat in ihrem Zimmer eine kleine Welt gebaut aus allem, was ihr in die Finger fällt: Bonbonpapier, Unkraut, Woll- und Stoffreste und vielem mehr. Weil ein Junge sie am Montag in der Schule angreifen und mit dem Kopf in die Toilette stecken will, wünscht sie sich Schnee herbei, um schulfrei zu haben. Also dekoriert sie ihre ganze kleine Stadt, als ob es geschneit hätte. Und tatsächlich liegt am nächsten Tag Schnee. Und nochmals schafft sie mit ihrer kleinen Stadt ein neues Wunder. Ihr Vater will nichts davon wissen. Die anderen Kinder hänseln sie wieder mal, als sie in einem Aufsatz über ihre neue Gabe schreibt. Ist es wirklich Gottes Stimme, die sie immer wieder hört? Jedenfalls merkt Judith, dass manches, was sie erreicht, für andere negative Auswirkungen hat. Und dass sie aufpassen muss, ihre neue Macht nicht für Rache zu missbrauchen. Auch ihr Vater erlebt einiges, als er aus Glaubensgründen zum Streikbrecher wird. Eine Welle von Mobbing schlägt über Judith und ihrem Vater zusammen. Hilft ihnen ihr Glauben aus der Krise? Dieser Roman stellt durchaus einiges an dem religiösen Weltbild in Frage – auch wenn man erst mal nicht darüber nachdenkt, ob Judith wirklich eine Gabe von Gott hat oder eine Reihe von Zufällen ihr diesen Eindruck vermittelt. Die Welle von Ablehnung gegenüber Judith und ihrem Vater ist durchaus typisch und glaubwürdig. Judith verändert sich, aber auch ihr Vater bleibt nicht derselbe wie vorher. Angst und Gewalt dringen in das bisher wohlbehütete Leben der kleinen Judith ein. Und ihr Vater kann sie nicht schützen. Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Es hat eine gewisse Tiefe. Als Leser wird man nicht nur nett unterhalten, sondern man denkt über einiges nach. Ich kann es sehr empfehlen. Und vielen Dank noch mal an den Verlag für das Vorab-Exemplar!

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