Leserstimmen zu
Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur

Sandra Richter

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„Deutschsprachige Literatur entfaltet sich regional, interregional, global. So betrachtet fällt sie völlig aus dem nationalen Rahmen: Sie ist weder groß noch klein, kennt kein Zentrum, aber zahlreiche Peripherien.“ Sandra Richter, Professorin für Neuere Deutsche Literatur, nimmt sich in ihrem Buch Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur (2017) ein gewaltiges Projekt vor: Die Einordnung der deutschsprachigen Literatur in einen weltgeschichtlichen Kontext. Anhand von ausgewählten Werken spannt sie einen weiten Bogen von der mittelhochdeutschen Dichtung (ca.1050-1350) bis hin zur Gegenwartliteratur und untersucht die Rolle der deutschsprachigen Literatur in der europäischen und globalen Literatur- und Kulturtradition. Sie beweist, dass Literatur, selbst wenn und gerade dann wenn sie einer Zensur unterliegt, die nationalen Grenzen sprengt und Bücher seit Anbeginn des Schrifttums um die Welt reisen. Das Buch ist damit auch ein Plädoyer für eine auf globaler Ebene arbeitende, vergleichende Literaturwissenschaft, die sich endlich losreißen sollte von den nur auf dem Papier existierenden Grenzen zwischen den Kulturen. Bereits in der Einleitung wird klar: Literatur ist kein national begrenztes oder abgeschlossenes Phänomen und so zeigt Richter, wie die deutschsprachige Literatur in wechselseitigem Austausch mit anderen Literaturen steht und Motive wie der Faust- oder Wertherstoff auf der ganzen Welt rezipiert werden und Anstoß für immer neue Erzählungen geben. Hieraus entwickelt Richter die faszinierende Hypothese, dass es universelle ästhetische Werte, eine anthropologische Konstante, geben könne, die alle Menschen verbinde und kollektive Begeisterung für eben jenen Werther- oder Fauststoff auslöse. Endgültig beweisen lässt sich ihre Hypothese wohl nicht, doch das Buch ist bedeutender Beitrag zur Debatte um universelle menschliche Werte. Richters Vorgehensweise ist eine historisch und demografisch Vergleichende. Es wird nicht nur parallel die Entwicklung mehrerer Nationen und Länder untersucht, sondern auch in jedem Entwicklungsstadium nach der Bedeutung für die Gegenwart gefragt. Um nur zwei Beispiele zu geben: Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther war die entscheidende Vorlage für Mary Shelleys Schauerroman Frankenstein und der Fauststoff wird noch heute in japanischen Mangas verarbeitet. Damit gelingt es Richter Spannung aufzubauen, denn erst nach und nach, Entwicklungsschritt für Entwicklungsschritt, wird klar, warum einige Werke die Jahrhunderte überdauern konnten. Eine solche einbändige Literaturgeschichte in ca. 720 Seiten kann niemals einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben und das will sie in diesem Fall auch gar nicht. Es geht hier darum, die Hauptlinien der deutschen Literatur überblicksartig anhand der für die Rezeption bedeutendsten Werke nachzuzeichnen. Richter stellt dabei nicht nur das Werk selbst und dessen Rezeptionsgeschichte vor, sondern nimmt zugleich eine Einordnung in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext vor. Man lernt hier nicht nur etwas über Literatur, sondern ebenso über Politik, Soziologie, Anthropologie und Psychologie. Das Buch ist nicht nur ein Muss für Literatur- und Kulturwissenschaftler, sondern richtet sich ebenso an interessiere Laien. Es ist um allgemeine Verständlichkeit und Anschaulichkeit (z.B. kurze Inhaltszusammenfassungen zu behandelten Werken) bemüht, ohne dabei jedoch an Wissenschaftlichkeit einzubüßen. Methodisch bedient sich die Autorin sowohl qualitativer als auch spezieller quantitativer Verfahren, die das Ausmaß der globalen Rezeption erfassen sollen. Übersichtlich werden diese in Kartenform im Anhang des Buches bereitgestellt. In diesem theoretischen Zusammenhang werden zentrale literaturwissenschaftliche Methoden, wie die des Übersetzens kritisch beleuchtet und reflektiert. Richter bewegt sich zudem immer wieder auf einer übergeordneten Ebene und fragt z.B. nach dem Verhältnis von Kulturbetrieb und Wissenschaft oder danach, was ‚Weltliteratur‘ überhaupt ausmacht. Trotz der Bemühung um Übersichtlichkeit und Anschaulichkeit ist es ein Buch, das Zeit braucht. Der Leser wird überflutet mit einer Fülle von Informationen, doch nimmt man sich die Zeit, die dargestellten Zusammenhänge nachzuvollziehen, dann wird man am Ende des Buches einen weiten Überblick über das so verworrene Netz der deutschen Literatur haben, das sich über den gesamten Globus spannt. Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur – ein Sachbuch, das den Leser weit über den informativen Anspruch hinaus verzaubert, verblüfft und entführt in die unendlichen Weiten der deutschen Literatur.

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Einerseits heiß es traditionell über Deutschland, es sei „das Volk der Dichter und Denker“. Goethe, Schiller, Mann und dutzende andere Literaten gelten als „kulturelle Nationalheiligtümer“ und Vorreiter und Begründer des „Deutschen“ an sich. Und andererseits war zu weitgehend allen Zeiten und ist es in der Gegenwart noch in viel dichterem Maße, Literatur immer auch international wirksam (man Denke nur an Stefan Zweigs Hoffnung auf „Völkerverständigung“ und „europäischen Frieden“ durch die Kultur vor Beginn des ersten Weltkrieges im Rahmen des innereuropäischen Austausches der Literaten und derer Werke). So startet die Autorin ihren lebendigen, überaus informativen Blick auf die deutsche „Welt-Literaturgeschichte“ nicht ohne Hintergrund und treffend mit Boris Karloff als „Frankenstein“, der in einem Lederkoffer den „Werther“ entdeckt und einschneidend auf dieses Werk reagiert. Darin liegt die Grundfrage der Autorin, der sie im Werk nachgeht: „Warum ist sie (die deutschsprachige Literatur) außerhalb der deutschsprachigen Provinzen überhaupt von Bedeutung“ (und das zudem mit fast kultartigem, langanhaltendem Charakter in der Welt)? Liegen in der deutschen Literatur tatsächlich „allgemeine“ ästhetische Werte oder anthropologische Konstanten, die über den engeren Bereich des Zielpublikums heraus Bestand haben? Auf jeden Fall, und dafür liefert Richter vielfache Belege und Beispiele in ihrer opulenten „Werkschau“, „überwindet Literatur die Grenzen ihrer Sprache und Kultur“. Dieser geweiterte Blick aus nun anderer Richtung als die bisherigen Darlegungen ausgehend von einer „nationalen Angelegenheit“ kommt also eher von außen und dringt in das Innere der Wirkung deutschsprachiger Literatur vor, was im Buch als spannende, aber, dem Anspruch nach auch verständlich, auch anstrengende Lektüre vorliegt. Aber auch eine Weite des Blickes, denn neben den Werken und deren Autoren selbst geht es ja vor allem auch um die Rezeption außerhalb des „Kern-Sprachraumes“. Um Übersetzer, Gönner, Freunde, Fans, Lektoren, um Kritiker, dann auch, bei filmischen Adaptionen, um Regisseure und Schauspieler (hier drängt sich nachgerade Marlene Dietrich in der Verfilmung von Heinrich Manns Werk „Professor Unrat“ unter dem Titel „Der blaue Engel“ als Beispiel eines Werkes auf, dass gerade wegen, vielleicht sogar nur aufgrund der Verfilmung Weltruf erlangte. Von 1450 an bis in die Gegenwart reich dabei der zeitliche Blick der Autorin, von Beginn der „deutschen Kultursprache“ bis zu deren erster internationaler Beachtung als „heiße Ware“, 1450 bis 1700. Schelmenroman, Aufarbeitung von Zeitgeschehen (im „Simplicissimus), Verkündigung des Glaubens in Hymnen, deutschsprachig bis ins ferne Amerika hinein, in späteren Zeitabschnitten die entdecken der Innerlichkeit in exemplarischer Äußerlichkeit der Rahmung (Nathan der Weise), gesteigert ins tiefste Gefühl als „Weltgefühl“ im „Werther“, aber auch der Idealismus in der Literatur als „Korpus einer Idee“ (ja, auch „Winnetou“ wird hier mit aufgenommen), dann über die Literatur aus Ausdruck und Begleiter einer „Welt des Umbruchs“ um die Jahrhundertwende zum 20 Jahrhundert hin, als „miefige Heimatliteratur“ im dritten Reich, da aber auch als „Kundschafter des Deutschen in der Welt“ durch die zahlreiche Literatur der Emigration, es ist ein breiter und vielfältiger Blick, den Richter in diesem Werk dem Leser öffnet. Und in dem klar wird: „dass deutschsprachige Literatur in ein mehr oder minder globales Gespräch eingebunden ist, was uns alle angeht“. Wobei Richter eine gewisse Einengung nicht vernachlässigt, denn der „Sprachraum“ wird überwunden, aber nicht „weltweit“ unbedingt. Kulturelle gemeinsame Grundlagen bedarf es schon in nicht wenigen Fällen, um literarische Werke nicht nur der Sprache, sondern auch dem Sinngehalt nach erfolgreich „zu übersetzen“. Aber dennoch, in durchaus besonderer Form versteht es die deutsche Literatur seit Jahrhunderten bereits, aktuelle, wichtige, zeitgeschichtliche Themen ebenso wie „Archetypen“ menschlichen Seins mit internationaler Wirkung in sich einzubinden. Auch wenn ebenso für den eher größten Teil dieser Literatur gilt: „Jenseits der eigenen Sprache ist Nichtwahrnehmung der Regelfall“. Richter weist genügend, eigentlich eine Fülle von „Ausnahmen“ vor, die den Blick auf die deutschsprachige Literatur stark erweitern und dem Leser einen „weltweiten Blick“ ermöglichen. Eine anregende, nicht einfache, aber lohnenswerte Lektüre.

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