Leserstimmen zu
Das siebte Kind

Erik Valeur

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Besonders interessant fand ich bei diesem Buch die Vermarktungsstrategie des Verlages. In der von mir gelesenen (und oben verlinkten) , am 19.10.2015 erschienen Ausgabe wird das Buch mit oben stehendem Klappentext als “Kriminalroman” beworben. Die frühere Ausgabe vom 17.03.2014 trägt den Aufdruck “Roman” und hat einen völlig anderen Klappentext: Sieben Waisenkinder aus Kongslund. Was ihnen angetan wurde, ist unverzeihlich. Und als würde ein Fluch auf ihnen liegen, haben sie alle schwere Schuld auf sich geladen. Marie, eines jener sieben Waisenkinder, hat den Werdegang ihrer einstigen Heimfreunde über Jahre und Jahrzehnte verfolgt. Als Erwachsene ruft sie alle zusammen. Aber will sie wirklich, dass ihnen allen endlich Gerechtigkeit widerfährt? Oder trachtet sie vielmehr einzig nach Abrechnung? “Das siebte Kind” ist viel mehr als nur “Roman” oder “Krimi”: ein vielschichtiges Psychogramm, Gesellschaftskritik und Polit-Intrige. Spinnennetzartig und gekonnt verwebt Valeur die einzelnen Teile der Geschichte auf 800 Seiten zu einem stimmigen Ganzen. Das (über)fordert den Leser aufgrund der anfänglichen Fülle von Namen, handelnden Personen und mitunter fast übergangslos wechselnden Zeit- und Handlungsebenen zunächst eventuell etwas. Ebenso gekonnt jongliert der Autor mit den Erzählperspektiven. Ich fand es hilfreich, das analytische Denken komplett abzuschalten, mich in die Geschichte hinein fallen zu lassen und den Detailreichtum von Valeurs Formulierungen zu genießen, der besonders in den Schilderungen aus Maries Perspektive oft schon fast etwas Poetisches hat. Magna Laadegaard, Heimleiterin des staatlichen Vorzeige-Kinderheimes Kongslund in den sechziger Jahren, ist eines von vielen “Fräuleins”, die sich in dieser Zeit um die große Anzahl von Adoptivkindern bemühten. Ihrer sieben – fünf Jungen und zwei Mädchen- befinden sich im Frühjahr 1961 im “Elefantenzimmer” in Kongslund, sie alle sehen der Aufnahme durch eine Familie mit einer neuen Identität entgegen. Bis auf Marie, die kein zur Adoption freigegebenes Baby ist, sondern als Findelkind auf der Schwelle des Hauses in einem Körbchen nach Kongslund kam. Sie allein bleibt in Kongslund und wird schließlich von Magna selbst adoptiert-Marie ist als leicht verkrüppeltes Kind nicht so gut vermittelbar wie die anderen Kinder. Der reale und mit diesem Roman kritisch beleuchtete gesellschaftliche Hintergrund war die damals gängige und sehr zweifelhafte Adoptionspraxis Dänemarks. Praktisch Jeder konnte in den sechziger Jahren ungewollte Kinder direkt nach der Geburt zur Adoption freigeben, nach Unterzeichnung der entsprechenden Papiere wurden die Kinder in Einrichtungen wie Kongslund verbracht und von dort aus an adoptionswillige Familien vermittelt. Der Autor selbst hat als Kind einige Zeit in einem solchen Heim verbracht und betonte in einem Interview, dass wohl heutzutage in Dänemark jeder Mensch Jemanden kenne, der adoptiert wurde. Man wollte beginnend mit den Nachkriegsjahren ledigen Müttern die – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern zur damaligen Zeit extrem ausgeprägt bigotte – gesellschaftliche Ächtung ersparen und überdies illegale Abtreibungen, die nicht oft zum Tod der Schwangeren führten, vermeiden. Dass viele dieser Kinder auch ungewollte “Bastarde” einflussreicher Menschen aus Politik und Wirtschaft waren, die man auf diese Art bequem “verschwinden” lassen konnte, liegt auf der Hand. “Das siebte Kind” ist nichts für Schnell-Leser und auch nicht geeignet für mal-eben-Zwischendurch in Bus oder U-Bahn, dazu ist die Handlung zu komplex, das Personen- und Namensvielfalt zu groß. Das Buch erfordert (durchaus aber entspannte) Konzentration. Zu allen sieben Kindern gibt es quasi ein “Buch im Buch”, in welchem die Lebensgeschichte jedes Einzelnen detailliert beleuchtet wird, die einzelnen Fäden dieser Geschichten werden zusammen geführt und stimmig verknüpft. Schnell wird dem Leser klar (nicht zuletzt durch den Klappentext der ersten Ausgabe), dass es Marie ist, die die anonymen Briefe an die ehemaligen Bewohner des Elefantenzimmers verschickt hat, um sie zum großen Jubiläum von Kongslund einzuladen, welches mit großem Tamtam im Beisein von Prominenz aus Politik und Gesellschaft sowie jeder Menge Presse gefeiert werden soll. Vergangenheit und Gegenwart treffen aufeinander, das schmutzige Geheimnis, welches über dem Leben der Storchenkinder liegt, drängt ans Licht und schließlich ist da auch noch – im Sog der Handlung schon fast vergessen – die Tote am Strand. Fazit: Mir hat das “Das siebte Kind” in Stil, Sprache, Inhalt und seinem Detailreichtum gut gefallen, ich könnte mir aber vorstellen, dass der Umfang so manchen Leser abschreckt. Für Leser, die flotte Plots mögen, ist es definitiv nicht geeignet, Valeur verliert sich gerne erklärend und erzählend in Nebensträngen, die allerdings nie überflüssig sind. Wer sich Zeit nehmen mag, wird mit einer tiefgründigen, teilweise auch abgründigen und traurigen Geschichte belohnt.

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Die sieben Raben

Von: wal.li

29.03.2015

Fünf Jungen und zwei Mädchen waren sie in der Elefantenstube im Kinderheim Kongslund, dem schönsten Kinderheim in ganz Dänemark, aber eben doch ein Kinderheim. Seit 1948 bis zu ihrer Pensionierung hat es sich Magnolia genannt Magna zur ihrer ureigensten Aufgabe gemacht, dieses Heim zu leiten und den Kindern für die Dauer ihres Aufenthaltes so etwas wie eine Heimat zu bieten und natürlich dafür zu sorgen, dass die Kinder zu guten Adoptiveltern gegeben wurden. Doch diese Sieben waren etwas Besonderes, ihnen wurde spezielle Aufmerksamkeit zuteil. Erst vierzig Jahres später fängt eines der sieben Kinder nun natürlich erwachsen nach seiner Vergangenheit zu forschen. Es ist Maria, die im Kinderheim geblieben ist. Aus Sicht eines Berichterstatters, der Marias Aufzeichnungen und Sammlungen für seine eigene Nachforschungen nutzen kann, werden die Ereignisse geschildert, die letztlich zu dem sogenannten Kongslund-Skandal führen. Dieser ruft ganz eigenartige Reaktionen bei verschiedenen Personen hervor, die unter anderem auch zu Regierungskreisen gehören. Es wird über die Lebensgeschichten der sieben Kinder berichtet. Jedes einzelne Schicksal ist nicht so einfach und von Ereignissen überschattet, wie sie ein Kind eigentlich nicht erleben müssen sollte. Und die Vergangenheit überschattet auch die Gegenwart. So werden die Berichterstattungen behindert, es kommt zu ungeklärten Todesfällen und Intrigen werden gesponnen. Eine verschlungene Geschichte, die berichtet wird. Durch diese Form der Rückschau könnte der Handlung Tempo genommen worden sein. Nichtsdestotrotz baut sich Spannung auf, weil sich der Leser fragt, was letztlich in der Vergangenheit geschehen ist und auch was in der Gegenwart tatsächlich passiert. Mit der gleichen Hartnäckigkeit wie Marie sich an ihre Forschungen macht, macht sich auch der Leser an die Lektüre, um schließlich einige Überraschungen zu erleben, darüber wie gute Absichten mitunter zu Lebenslügen führen, die nicht zum Wohlbefinden aller beitragen. Eine eigenartige Geschichte, die dennoch ihren Reiz hat.

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Lange habe ich die Lektüre dieses Schmökers vor mich hergeschoben, die 800 Seiten haben mich immer wieder abgeschreckt. Doch ich habe mich der Herausforderung gestellt. Im Vorfeld las ich von "Psycho-Krimi" oder "Thriller" und ging daher mit völlig falschen Vorstellungen an das Buch heran, denn es ist eher ein psychologischer Roman, der von sozialen Konflikten erzählt, von menschlichen Hoffnungen und Abgründen. Duch die Seiten fliegen konnte ich nicht, Erik Valeur schreibt atmosphärisch, Zeitsprünge und viele Personen/Perspektiven fordern einen als Leser zum konzentrierten Mitdenken. Alle Charaktere sind feinfühlig und präzise herausgearbeitet, sie sind absolut glaubwürdig und "echt". Insgesamt geriet "Das siebte Kind" doch etwas zu lang, eine gewisse Straffung vor allem in der Mitte hätte der Geschichte und der Spannung bestimmt nicht geschadet. Letztendlich ist "Das siebte Kind" ein ganz besonderer Roman, für den man Zeit und Muße mitbringen muss, um ihn genießen zu können. 3,5 Sterne vergebe ich Abzüge gibt es auf Grund der Längen. Die fordern einen bei so einem Wälzer schon etwas.

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"Das siebte Kind" hat viele Preise gewonnen, unter anderem den Skandinavischen Krimipreis; auch der Klappentext ließ mich einen Krimi oder Thriller erwarten. Auf dem Titelbild steht jedoch schlicht "Roman". Krimi, Thriller, Roman? Nachdem ich das Buch gelesen habe, würde ich sagen: es ist ein psychologisches Drama mit sozialen Themen, einem Hauch politischer Spannung und eher unterschwelligen Thriller-Elementen. Manchmal ist es skurril, manchmal eine exakte Beobachtung des Lebens... Auf jeden Fall ist es kein Buch, das man mal eben so nebenher lesen kann; man muss sich schon konzentrieren und aktiv mitdenken. Die Frage ist: lohnt sich das? Ja, meiner Meinung nach lohnt es sich sogar sehr - wenn man sich darauf einlassen kann. Ein Großteil des Buches ist aus Sicht von Marie geschrieben, einem der sieben Kinder, die in einem bestimmten Jahr dasselbe Zimmer im Waisenheim Kongslund bewohnten - die "sieben Zwerge". Marie wurde mit vielen körperlichen Gebrechen und Deformierungen geboren, und während die anderen sechs Kinder alle adoptiert wurden und hinaus in die Welt gingen, hat sie ihr ganzes Leben in Kongslund verbracht, so gut wie isoliert. Sie beschreibt die Geschehnisse mit einer Art Sehnsucht, aber auch einer Art Wut, und oft sogar einer Art Wahnsinn... Aber auch die anderen "Zwerge" sind traumatisiert und emotional geschädigt von ihrem unerwünschten Start ins Leben. Beinahe scheinen sie einem Fluch zu unterliegen - einem, der sie dazu zwingt, enorme Schuld auf sich zu laden. Der Leser lernt sie nach und nach durch Maries Augen kennen, mit all ihren Hoffnungen und Ängsten, Stärken und Schwächen, ihrer Schuld und gleichzeitig Unschuld. Sie beobachtet die anderen einerseits schonungslos, andererseits mitfühlend, und sie beweist in ihren Schilderungen ein feines Gespür für die menschliche Psyche. Und genau das ist für mich das Herz des Buches, dieses feine Gespinst psychologischer Betrachtungen, die persönlichen Schicksale. Die Frage, wer die direkt am Anfang des Buches erwähnte Tote am Strand ermordet hat, geriet dabei für mich völlig in den Hintergrund, und tatsächlich vergaß ich sie über weite Strecken des Buches und war überrascht, als das Thema wieder aufgegriffen wurde. Allerdings empfand ich bei aller Faszination und allem Interesse am Schicksal der sieben Kinder immer eine emotionale Distanz; ich fand es sehr schwer, tatsächlich mit ihnen mitzufühlen. Auch die Sprache erschien mir erst eher nüchtern, aber rasch entwickelte sie einen ganz eigenen Sog, mit einer einzigartigen Sprachmelodie und vielen kreativen Formulierungen und Metaphern. Manchmal hat sie fast schon etwas bedrückend, düster Poetisches. "Im zweiten Sommer saß sie auf der Terrasse und band die Buchstaben zu Worten zusammen. Im dritten schrieb sie Sätze. Und so entstand das Leben in dünnen, zierlichen Linien auf dem weißen Papier, das auf ihrem Schoß lag." Wie schon erwähnt: ein Thriller ist das Buch für mich nicht, deswegen habe ich auch keine Thriller-Spannung erwartet. Dennoch fand ich das Buch manchmal ein wenig langatmig, und ich fragte mich: wo will der Autor eigentlich hin? Was will er mir sagen? So gut mir das Buch auch gefallen hat, meiner Meinung nach hätte man manche Dinge etwas straffen können. Auch wenn ich die Themen und die Charaktere sehr interessant fand, brauchte ich manchmal eine Pause. Das Buch kann sehr deprimierend sein, und manchmal hatte ich das Gefühl, als würde es mir regelrecht die Lebensfreude aussaugen. Das Schicksal, als immer wiederkehrendes Thema, frisst sich durch die Leben der Charaktere wie ein Krebsgeschwür. Fazit: Entgegen meinen Erwartungen ist "Das siebte Kind" kein Krimi, sondern die verstörende Geschichte von sieben Adoptivkindern, deren Leben von Anfang an mit einem Fluch belegt zu sein scheint. Deren persönliches Drama wird verflochten mit sozialkritischen und politischen Themen, sowie den immer wiederkehrenden Themen Schuld und Schicksal. Das Buch liest sich oft etwas mühsam, gelegentlich bedrückend oder sogar deprimierend, aber meiner Meinung nach lohnt es sich wegen der interessanten Charaktere und der subtil-malerischen Sprache dennoch; man muss nur die nötige Zeit und Muße mitbringen.

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Bücherecke Hiltrud Markett

Von: aus Langenfeld

18.03.2014

Am Anfang erschien mir das Buch etwas verwirrend, die Geschichte erschließt sich aber immer mehr, weil der "rote Faden" immer wieder aufgenommen wird. Die Sprache ist meist klar, oft auch malerisch.

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