Leserstimmen zu
Jahrbuch der Lyrik 2013

Christoph Buchwald, Jan Wagner

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Paperback
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Es ist schon schwierig genug, in der Hetze dieser Zeit, einzelnen Dichterinnen und Dichtern zu folgen, sich auf sie einzulassen und deren Gedankenspuren aufzunehmen. Das Leben ist zu laut, zu schnell und zu oberflächlich, und in den wenigen Minuten der Ruhe mag man sich oft nicht mit allzu "Kopflastigem" beschäftigen. Kann es deshalb möglich sein, sich gar mit 130 Dichtern auseinanderzusetzen? Reicht die notwendige Ausdauer auch noch für die knapp 50 Seiten am Schluss des Buches, die für Übertragungen weiterer 30 fremdsprachiger Dichter/innen erstmals reserviert sind? Die Antwort kann nur mit einem uneingeschränkten Ja beantwortet werden, denn wenn die Herausgeber dies konnten, sollte dies der Leser erst recht zustande bringen. Es ist jedoch keinesfalls möglich, diese Sammlung in einem Durchgang zu lesen, auch nicht in mehreren, eher in vielen ... Auffallend mag im "Jahrbuch der Lyrik 2013" sein, dass man sich mit wahrhaft Unkonventionellem auseinandersetzen darf. Kathrin Schmidt liefert in diesem Sinne mit "hölzge, strüppge" ein Beispiel der elegant-saloppen Art: "immer eine handbreit bier unterm hemd, lahmt der forstmann im holz, unterläuft die gerüche vaporisierter nutzholztendenzen." Eine einheitliche Melodie gibt es nicht. Jedes Gedicht, jeder Vers, jede Zeile ist Ausdruck einer niemals endenden Individualität und ein Fest des Einzigartigen. Allein Zeilen wie "... Wir sind uns nur noch Worte in den Nächten, wir bleiben nur wie Echos einem Raum, ein kaum gehauchtes Ich und Du." ("Flimmern" / Matthias Göritz") rechtfertigen die Notwendigkeit für jeden Lyrikfreund, sich mit einer solchen Sammlung auseinanderzusetzen. Auch wenn es in Gedichten wie "Holz eines Tisches zu sein" (Ulrike Almut Sandig), bislang ungedachte Perspektiven zu begreifen gilt. Gänzlich neue Formen sucht und findet Christian Rosenau mit seiner Rapsodie Nr. 3: "... puppenaugentief ein stimmloses Amen ...". Mancher Versuch erscheint jedoch bemüht und verliert sich im verworrenen Dschungel des eigenen Anspruchs. Hinter allzuviel Worten ist es leicht, sich zu verstecken. Doch was zunächst nicht erreichbar scheint, darf nicht leichtfertig überlesen werden. Eines jedoch scheint dem Rezensenten, wie so oft, als schöne Regelmäßigkeit aufzufallen. Je kürzer die Zeilen und Verse sagen, was sie zu sagen haben, desto eindringlicher die Botschaft. Freude, Glück, Schmerz und Leid treffen Leserinnen und Leser unmittelbar und ungebremst. So wie Anne Dorn in ihrer schonungslosen Selbstbetrachtung "Ins Tagebuch geschrieben" über unseren ungeübten Umgang mit "tiefgreifender Freude" schreibt, oder Jan Koneffke "Dem toten Kind in einer Oktobernacht" ein Denkmal setzt, das zutiefst berührt: "... ein Kind das nie erfuhr was Sterne sind ...". Und wird es einmal zu emotional, kann ein "Verschneites Hinweisschild" (Walle Sayer) schnell Abhilfe schaffen, denn "Nach Niederlagen führen von jedem Rom aus alle Wege nach Hintertupfingen." Aber keine Angst: Ulla Hahn bringt uns kurz vor dem Zieleinlauf wieder in geordnete Bahnen zurück, auch wenn sie einem gar mehrfachen Augenzwinkern bekanntlich nicht abgeneigt ist. Sie kümmert sich verdientermaßen um "Das wahre Gedicht" und wer könnte es treffender formulieren: "... das wahre Gedicht flieht das Papier." Und sie beschließt ihre Betrachtung mit einem unerwarteten Rundumschlag, der dem Unkundigen dieser wahrhaft "göttlichen" Zeilen an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden soll. Zwei Dichtern möchte ich hier die Schlussworte überlassen, da mir diese stellvertretend als Verbeugung vor den versammelten Kollegen weitaus geeigneter zu sein scheinen als meine eigenen. Matthias Göritz schreibt in "Dame ohne Hermelin": "Dichter sind Verwandler. Sie verwandeln die Zeichen im Mund zu Erdbeeren, Papageien, Teigtaschen, Fell. Fast alles geht - ..." Jan Kuhlbrodt drückt es in seiner Botschaft völlig anders aus, und vielleicht kann der Schluss seines Gedichtes "Wir sind" ein ebenso kurzes wie treffendes Fazit, und zugleich ein Anreiz sein, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen um weitere Entdeckungsreisen zu wagen: "Wir sind voller Ahnung."

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