Leserstimmen zu
Ort der Engel

Erika Fatland

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Ort der Engel nennen die Bewohner des ossetischen Beslan ihren neuen Friedhof, der an eines der blutigsten Attentate der letzten Jahrzehnte erinnert: 2004 besetzte ein Terrorkommando die Schule von Beslan und nahm über 1100 Schüler und Lehrer als Geiseln. Nach drei Tagen wurde das Gebäude gestürmt – ein langer Kampf und 333 Tote waren die Folge. Erika Fatland ist nach Beslan gereist und hat mit Überlebenden wie Hinterbliebenen gesprochen. Sie erzählt von den dramatischen drei Tagen, ihren undurchsichtigen politischen Hintergründen, vom Kaukasus als »Pulverfass Europas« und davon, wie der Terror unser Leben verändert – auch lange nachdem die letzten Kamerateams abgezogen sind Es gibt Konflikte in dieser Welt, die kommen dir so weit weg vor, dabei sind sie rein kilometertechnisch näher an dir als die, die du sofort kennst. Der Tschetschenienkonflikt ist für viele Europäer eine dieser gefühlten Entfernungen. Irgendwas ist da irgendwie mit Unabhängigkeit von Russland, aber so richtig beschäftigt hat man sich damit eigentlich nie. Warum eigentlich? Vielleicht, weil Russland irgendwie nicht attraktiv genug ist, selbst dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs irgendwie so vollständig fremd und abstrakt wirkt für viele Westeuropäer. Eben aus diesem Grund habe ich mir dieses Buch als Rezensionsexemplar schicken lassen. Erika Fatland wählt darin einer eher ungewöhnlichen Blickwinkel. Sie ist weder Historikerin noch Politikwissenschaftlerin, sondern Sozialanthropologin, deren Masterarbeit sich mit der Frage beschäftigt, wie Menschen nach Terroranschlägen leben. Durch ihre eigene eher unverstellte Sichtweise nimmt sie den uninformierten Leser an der Hand. Sie liefert vor allem über die Hinergründe des Konflikts die Informationen, die man als Einsteiger braucht, um zumindest einen Überblick zu gewinnen. Auch die zunöchst einmal wichtigsten Stichpunkte über die Abläufe in der Schule sind kurz und prägnant formuliert, hier geht es nicht darum, irgendwelche Fragen aufzuwerfen oder Zweifel zu sähen. Erst im letzten Kapitel wird sie noch einmal darlegen, welche Probleme es zwischen den Aussagen der Geisel und der offiziellen Darstellung gibt, aber auch hier ergreift sie wenig Partei, sondern belegt ihre Aussagen und überlässt dem Leser, sich zu positionieren. Das fand ich für das gesamte Buch wirklich gelungen, dass hier kein "Gut" und "Böse" gezeichnet wird, sondern die furchtbaren Geschehnisse von 2004 ansatzweise aufgearbeitet werden. Gleichzeitig sind die Interviewauszüge sehr intensiv und eindrücklich, da sie vor allem natürlich die anthropologische Sichtweise interessiert. Es kommen viele Menschen zu Wort, die sich heute zu Teil nicht mehr grün sind, auh hier werden beide Seiten einfach nur dargestellt. Wem glaube ich als Leser mehr? Darauf gibt es keine zufriedentellende Antwort, jeder muss selbst entscheiden. Für mich sehr grausam zu lesen waren immer wieder die Beschreibungen von Müttern, die vor die Wahl gestellt waren, ihre Kinder in der Turnhalle zurückzulassen, um ihr Baby zu retten - dabei muss man wirklich schlucken und durch die immer und immer wieder gleichen Szenen, die Fatland schildert, wird dies Auswegslosigkeit von drei Tagen Geiselhaft sehr deutlich. Das Buch nimmt nicht in Anspruch eine vollständige Aufarbeitung von Beslan zu sein. Es ist eine Momentaufnahme von Trauer und dem Umgang mit ihr, und hier liegen seine absoluten Stärken. Wer tiefer in die Geschichte des Tschetenienkonflikts eintreten will, sollte sich noch andere Bücher suchen, aber zumindest erhält man ein wenig Hintergrundinformation, die einem dann helfen, tiefer zu graben.

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