Leserstimmen zu
Die Unruhigen

Linn Ullmann

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"Um über wirkliche Personen zu schreiben wie Eltern, Kinder, Geliebte, Freunde, Feinde, Onkel, Brüder oder zufällige Passanten, ist es notwendig, sie zu fiktionalisieren. Ich glaube, dies ist der einzige Weg, ihnen Leben einzuhauchen. Sich erinnern heißt, sich umzuschauen, immer wieder, jedes Mal von Neuem erstaunt." Linn Ullmanns Buch "Die Unruhigen" ist so vieles auf einmal: ein zärtliches Buch über das Alter, über einen Vater, über eine Kindheit, über den Wunsch, ganz schnell erwachsen zu werden, über die Suche nach Eltern, die nicht wie Kinder sind, über ein Mädchen, das diese Eltern nicht finden konnte... Während ich es lese, muss ich oft an meine Eltern denken, die ganz anders waren, aber auch nicht erwachsen und immer wieder steigt in mir die Frage hoch, ob ich mich meinen Töchtern gegenüber wie eine Erwachsene verhalten habe. Dieses Buch ist so persönlich und offen, es berührt einen vom ersten Satz an tief im eigenen Inneren. "Die Unruhigen", so wie in Pessoas "Buch der Unruhe". Ewig suchend. Ewig sehnend. Die Unruhe vielleicht eines der prägendsten Elemente der Kindheit des Mädchens, das keinen Namen bekommt, genauso wenig wie die Eltern. Der Vater, die Mutter, das Kind. Der Vater und die Mutter trennen sich, als das Kind drei Jahre alt ist. Manchmal wird von ihnen in der dritten Person erzählt, aber oft auch in der ersten. Linn Ullmanns Eltern sind die Schauspielerin Liv Ullmann und der Regisseur Ingmar Bergman. Das Mädchen hat acht Geschwister von den vielen anderen Frauen des Vaters. Diese Geschwister heißen Daniel, Maria, Ingmarie.... Die anderen Frauen des Vaters heißen Käbi, Ingrid...Sie trifft sie im Sommer, wenn sie den Vater auf seiner schwedischen Insel für mehrere Wochen besucht. Ansonsten lebt sie mit der Mutter in Oslo, zeitweise auch in den USA. Ein autofiktionales Buch, in dem alle Namen tragen außer den drei Hauptpersonen. Diese werden von der Handlung umkreist, als bestünde die Hoffnung, sie in einen Zustand der Ruhe zu zwingen, wenn man ihnen nur lange genug auf den Fersen bleibt. Noch zu Lebzeiten des Vaters entstand die Idee zu diesem Buch, eine gemeinsame Idee. Es sollte auch ein Buch über das Altern werden, welches der Vater als schwere Arbeit empfand. Die Dinge begannen, ihm zu entgleiten. Es gibt sechs Tonbandaufnahmen, die in dem Jahr vor seinem Tod entstanden. Nach dem Tod des Vaters konnte die Autorin sie lange nicht anhören. Aber irgendwann fand ihr Mann sie auf dem Dachboden wieder und da begann sie, sich erneut mit der Idee zu diesem Buch zu beschäftigen. "Sie: Wir haben über die Damen gesprochen. Er: Was? Sie: Wir haben über die Damen gesprochen, über dein kolossales Interessse an den Frauen. Er: Ich glaube, ein Großteil meiner beruflichen Tätigkeit drehte sich darum, dass ich kolossal an Frauen interessiert war. Sie: Auf welche Art haben die Frauen geprägt, was... Er unterbricht sie und lehnt sich vor. Er: Auf jede denkbare Art, mein Herz." Dieses Buch nimmt sich oft aus wie die Suche nach dem Vater, den sie durch die Trennung der Eltern verlor. Denn die Mutter nahm sie mit in ihr Leben, in welchem die Tochter sich nicht besonders gut aufgehoben fühlte Das Buch ist in vieler Hinsicht zärtlich, aber nicht, wenn es von der Mutter erzählt. Da ist es von einer unendlichen Verlorenheit geprägt, von einer Trauer darüber, wie wenig ihre Bedürfnisse zählten in dieser Beziehung zur Mutter. Vielleicht hätte der Vater, wäre er anwesender in dem Leben des Mädchens gewesen, diese Verlorenheit abfedern können? Aber sie war nur im Sommer bei ihm. Jeden Sommer auf seiner Insel, wo strenge Regeln galten. Pünktlichkeit war oberstes Gebot und dass der Vater, während er arbeitete, auf keinen Fall gestört werden durfte. Die Sommer waren die Ausnahme. Der Alltag fand mit der Mutter statt, die auch alle das Mädchen betreffenden Fragen und Probleme allein entscheiden musste. An einer Stelle in dem Buch tut einer der zahlreichen Liebhaber der Mutter den Ausspruch "Die Komplexität der kleinen Dinge", und dies ist für mich eine wunderbare Beschreibung dessen, was Linn Ullmann mit ihrem Buch tut. Sie schildert uns unzählige kleine Dinge aus dem Leben dieser drei Menschen, dem Vater, der Mutter und dem Mädchen. Aus diesen kleinen Dingen, die oft in sehr kurzen Abschnitten Seite um Seite aneinandergereiht erscheinen, ergibt sich ein überaus komplexes Gesamtbild einer Kindheit, der Liebe, einer Familie, dieses Mädchens. "Ich versuche an dieser Stelle, etwas über die Liebe zu verstehen und über meine Eltern, und warum die Einsamkeit eine so große Rolle in ihrem Leben spielte,...." Ein wunderschönes Buch, tief und bewegend, suchend, sehnend und dabei all das in einem selbst berührend. Sehr große Leseempfehlung! (c) Susanne Becker

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DIe Unruhigen, wieder ein toller Roman von Linn Ullmann, erschienen in der deutschen Erstausgabe 2018 im Luchterhand Verlag. Nachdem ich "Ein gesegnetes Kind" regelrecht verschlungen habe, habe ich mich sehr auf das Erscheinen des neuen Romans von Linn Ullmann gefreut. Schnell war ich wieder drin in Ullmanns skandinavischer Welt, sehe die Inseln, die Natur bildlich vor mir. Einige Abschnitte scheinen mir bekannt, und verweisen auf autobiographische Sequenzen ihrer anderen Romane. In "Die Unruhigen" geht es um Familie, um die Beziehung zu Ullmanns Mutter und vor allem um die Beziehung zu ihrem Vater, gerade in den letzten Jahren vor seinem Tod. Um ihre Stellung in der Großfamilie, mit vielen Halbgeschwistern und vielen Frauen, um das Leben an unterschiedlichen Orten dieser Welt. Es ist kein klassischer Roman, bei dem die Spannung ins Unermessliche steigt, vielmehr ein sehr intimes Buch. Verletzlich, emotional, sensibel, feinfühlig - fast zerbrechlich.

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"Um über wirkliche Personen zu schreiben wie Eltern, Kinder, Geliebte, Freunde, Feinde, Onkel, Brüder oder zufällige Passanten,ist es notwendig, sie zu fiktionalisieren. Ich glaube, dies ist der einzige Weg, ihnen Leben einzuhauchen." (S. 287) Dies ist das Leitmotiv dieses Buches. Linn Ullmann schreibt über ihr Leben, ihre Erinnerungen, ihre Eltern, die Schauspielerin Liv UIlmann und der Regisseur Ingmar Bergman. Das alles soll fiktiv sein und doch kommt man den Personen näher als jede Biographie das vermocht hätte. Vater und Tochter möchten eine Reihe Tonbandaufnahmen machen, um Gespräche über das Leben und das Altern festzuhalten und daraus ein Buch zu machen. Doch als es soweit ist, ist es eigentlich zu spät, dem Vater sind Worte und Erinnerungen abhanden gekommen. Später wird er seine Tochter nicht mehr erkennen. Das erste Mal aufgefallen ist ihr die schleichende Veränderung des Vaters, als er zu einer Verabredung zu spät kommt und sich nicht entschuldigt. Er, der auf Pünktlichkeit zeitlebens bestand und für den eine verspätete Minute ein Vergehen war, kommt zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit und merkt es nicht einmal. Es sind diese Kleinigkeiten, die nur Angehörige wissen können, die plötzlich eine große Bedeutung bekommen. Und mit solchen Momenten ist das Buch gefüllt. Erinnerungen an die Besuche beim Vater, die Eltern hatten sich früh getrennt, an die Ferien in Hammars, dem Landsitz des Vaters. Erinnerungen an die Jahre mit der schmerzhaft bewunderten Mutter, der Schauspielerin, die ihre Tochter bei der Oma und wechselnden Kindermädchen parkt und sich doch selbst so sehr nach heiler Welt und Geborgenheit sehnt. Erinnerungen, die so wunderbar klug und feinfühlig niedergeschrieben wurden, dass man die Autorin stellenweise einfach umarmen möchte. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so berührt hat, und das ganz ohne Pathos oder Rührseligkeit. Linn Ullmann erinnert sich liebend an ihre Eltern, sie stellt nicht bloß, auch nicht da, wo sie es könnte und vielleicht sogar Grund dazu hätte. Und beschreibt dabei Momente, in denen man Schmerz und Trauer hautnah spüren kann, Momente, in denen mir die Tränen einfach herunterliefen und ich trotzdem lächeln musste, weil Bücher solche Emotionen bei mir nur selten hervorrufen. Und die ganze Zeit habe ich mich gefragt, wieso ich diese ja durchaus nicht unbekannte Autorin erst jetzt entdecke, die so schreiben kann, dass ich hilflos meinen eigenen Gefühlen ausgesetzt bin, dass ich ein vierhundert Seiten starkes Buch über die Vergangenheit anderer Menschen in anderthalb Tagen lese und dabei alles stehen und liegen lasse, was mir vorher wichtig erschien. "Die Unruhigen" ist ein ungeschminktes, sehr ehrliches Buch, eines, das auf sehr leise Art unter die Haut geht und eines, das mich unglaublich beeindruckt hat. aber das hat wohl inzwischen jeder Leser dieser Besprechung schon gemerkt.

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Er galt schon zu Lebzeiten als Legende und konnte sich mit seinen Werken wie „Fanny und Alexander“ oder „Szenen einer Ehe“ in der Filmgeschichte verewigen: Am 14. Juli wäre der schwedische Regisseur Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden. Der Film und das Theater waren seine großen Leidenschaften. Die Liste der Preise, mit denen er geehrt wurde, ist lang. Er erhielt sowohl den Oscar als auch die renommierten Auszeichnungen bekannter Filmfestspiele, wie Cannes, Berlin und Venedig. Seine Tochter Linn Ullman zeichnet in ihrem autobiografischen Roman „Die Unruhigen“ Bergman vor allem als Privatmensch und Vater – auf eine faszinierende und ergreifende Weise. Dabei ist dieses Buch, das passend im Gedenkjahr nun in deutscher Übersetzung vorliegt, nicht das ureigenste Werk der bekannten norwegischen Schriftstellerin und Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann, sondern eher ein Vermächtnis. Gemeinsam mit ihrem berühmten Vater fasste sie einst den Beschluss, ein gemeinsames Buch über das Altern zu schreiben. Sechs Tonband-Aufnahmen, die wenige Wochen vor dem Tod Bergmans entstanden sind, bilden eine Art Gerüst. Tochter und Vater führen Gespräche, sogenannte Sitzungen, zu den verschiedensten Themen. Doch erst Jahre nach diesen Aufnahmen stieß Ullmann wieder auf das Gerät und arbeitete die Tondokumente auf. Dabei bildet die Niederschrift der Dialoge nur einen geringen Teil des Romans, wenn auch einen wichtigen weil authentischen, fühlt der Leser doch besonders hier die enge emotionale Bindung zwischen Vater und Tochter; obwohl bekanntlich Bergman insgesamt sechs Beziehungen, darunter fünf Ehen führte und Vater von neun Kindern war. Erstaunlich ist dabei auch, dass in dieser Patchwork-Familie, die sich regelmäßig auf dem Familiensitz auf der schwedischen Insel Fårö nahe Gotland eingefunden hat, scheinbar nie Groll zu spüren war. Den überwiegenden Teil machen die Erinnerungen Ullmanns aus, die allerdings eine besondere literarische Verarbeitung erfahren haben. Sie werden nicht nur nicht linear erzählt, sondern in regelmäßigen Zeitsprüngen. Auch werden die Namen von Vater, Mutter und Tochter nie beim vollen Namen erwähnt, sondern nur in der Art ihrer Beziehung: also eben als Mutter, Vater etc. Es entstehen damit ein gewisser Abstand zwischen den damaligen Ereignissen und der Autorin sowie eine kühle Sachlichkeit, ohne dass die unterschiedlichen, jedoch stets intensiven Bindungen innerhalb des Dreigestirns verwischen. Als Schauplatz steht dabei vor allem Hammars, jener Familiensitz, den Bergman Ende der 1960er errichten und nach und nach ausbauen ließ, im Mittelpunkt. Heute betreibt eine norwegische Stiftung das großzügige Areal als Kulturzentrum. Für Linn Ullmann war Hammars immer mit den Ferien verbunden, in denen sie den Vater besuchte, mit dem sie oft im eigenen Hauskino Filme ansah. Jeden Sommer lag ein Zettel mit herzlichen Worten der Begrüßung auf dem Tisch, in dem die jüngste Tochter liebevoll angesprochen wird. Diese Zeit an der Seite des Vaters war ein beständiger Fixpunkt in einem sonst eher unruhigen Leben zwischen zwei Elternteilen, die selbst ein bewegtes Leben geführt und sich nach wenigen Jahren der Beziehung wieder getrennt haben, doch im Kontakt blieben: Mit der Mutter Liv zieht die Tochter oft um, innerhalb Oslos und mehrfach nach Amerika. Was Ullmann bereits als Kind immer wieder gequält hat, ist die furchtbare Angst, die Eltern zu verlieren. Ullmann beschreibt ihren Vater nie als eine Überfigur. Vielmehr wird er in diesem Roman in seinen persönlichen Eigenschaften porträtiert: als Künstler, für den Theater, Film und Musik alles bedeutet haben, als Workaholic, der sich oft und viel in das Arbeitszimmer zurückgezogen hat, der für seine Arbeit schier gebrannt hat, und dem später als betagter Mann diese intensive kreative Beschäftigung mit Kollegen nahezu schmerzhaft gefehlt hat. Doch trotz dieser Umtriebigkeit nimmt er sich Zeit für seine große Familie, die vielen Kinder, die sein Leben ebenso reich gemacht haben wie seine Filme und Theaterinszenierungen. Letztlich wird das Altern, der drastische Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten, die letzten Jahre und Monate Bergmanns bestimmen. Er zieht sich vollkommen zurück auf Hammars, vor allem der Tod seiner letzten Frau Ingrid hat ihn erschüttert, wie Ullmann mehrmals schreibt. So ist Redundanz eines der Stilmerkmale. So wie bekanntlich jeder seine persönliche Erinnerungen wieder und wieder hervorholt, im Gedankenstrom wendet, neu beleuchtet, so erzählt Ullmann mehrfach in fragmentarischer Art und Weise von besonderen Ereignissen, Szenen und Anekdoten. Die Vergänglichkeit, das Ende des Lebens und der Abschied, die Rückschau auf das Erreichte, aber auch das Verlorene beschreibt sie in einer berührenden Emotionalität und Tiefe. Auch der Altersunterschied zwischen ihrem Vater und ihr von 48 Jahren beschäftigt sie oft. Zudem versammelt der Band Zitate großer Namen; wie beispielsweise Virginia Woolf, Ludwig Wittgenstein, Jean Cocteau. Selbst der Titel des Buches ist ein besonderer Hinweis: Er stellt eine Verbindung zum Roman „Das Buch der Unruhe“ des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa her, der auch an einer Stelle erwähnt wird, als Vater und Tochter gemeinsam auf der Suche nach einem Titel für ihr Werk sind. Der Roman der mehrfach preisgekrönten Norwegerin ist ein großartiges Buch, das nicht nur als autobiografisches und sehr persönliches Werk über Ingmar Bergman und als Porträt einer bekannten Künstlerfamilie verstanden werden kann. Es stellt auch allgemein die Frage an den Leser, welche Erinnerungen an die Elterngeneration die Kinder besonders prägen.

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Ungewöhnliche Familiengeschichte

Von: ManuKa aus Gräfenhain

22.07.2018

Linn Ullmann schrieb mit "Die Unruhigen" eine Familiengeschichte mit starken autobiographischen Zügen. Der Roman erscheint 2018 im Luchterhand Verlag, umfasst 409 Seiten und wurde von Paul Berf ins Deutsche übersetzt. Um vom Inhalt nicht allzu viel zu verraten: eine Frau im mittleren Alter lässt rückblickend ihre Beziehung zu ihren Eltern speziell ihrem Vater Revue passieren, angefangen von frühesten Kindertagen bis hin zu einem gemeinsamen Buchprojekt kurz vor dessen Tod. Sie begibt sich wortwörtlich auf die Spurensuche nach den einzelnen Beziehungen in einem Wirrwarr an Familiengeflecht. Daher wohl auch der sehr treffende Name des Romans. In dem postmodernen Roman wird dabei nicht nur die Gegenwart erzählt, sondern via Flashbacks immer wieder die Vergangenheit heraufbeschworen. So erleben wir mit ihr z.B. ihre Kindheitstage in der skandinavischen Provinz, wo das Mädchen ihre Ferien beim rigiden Vater und dessen Lebensgefährtin verbringt. Dank zahlreicher Wiederholungen und anschaulicher Darstellungen wird hier die Einsamkeit der Tochter sehr gut transportiert. Darüber hinaus veröffentlicht Ullmann Briefe ihres berühmten Vaters und spikt das Ganze mit Transkriptionen der mit ihm geführten Interviews. Besonders in diesen Sequenzen wird die fortschreitende Krankheit des Mannes bedrückend deutlich. Ganz allgemein wird hier also eine Eltern - Kind - Beziehung unter die Lupe genommen, ohne dabei zu emotional zu werden. Ullmann bleibt in all ihren Beschreibungen überraschend sachlich. Zwischen dem Cover und dem Text gibt es einen direkten Bezug, zeigt dieses doch ein verschwommenes Foto von Vater und Tochter, was wohl sinnbildlich für das Verschwimmen von Erinnerungen an die gemeinsame Zeit steht. Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen, da die Autorin eine sehr klare Sprache verwendet und eine ausgesprochen gute Beobachterin ist. Wer sich also für die Familie Ullmann interessiert, dem wird in diesem Roman ein intensiver Einblick gewährt.

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Drei Lieben, zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kind, zu einem ganz besonderen Ort, so vielfältig die Liebe sein kann, so vielfältig ist auch der Roman Die Unruhigen von Linn Ullmann. Die Tochter von Ingmar Bergman und Liv Ullmann führt nicht nur Retrospektive auf das Leben ihres berühmten Vaters, sondern beschreibt auch ihre eigene Kindheit, das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei prominenten Eltern. Linn Ullmann ist die jüngste von neun Geschwistern, die Kinder Bergmans haben sechs verschiedene Mütter. Der Kunst verschrieben, den Frauen zugetan lebt Bergmann ein Leben voller Gegensätze, Religiosität im Widerstreit mit Sexualität, starre eigenwillige Regeln gegenüber markanten Inszenierungen. Am Ende seines Lebens als die Gegenstände und Wort in der Erinnerung immer weniger werden, führt Linn Ullmann in einigen Sitzungen Interviews mit dem alten Mann. Lange Jahre vergehen, ehe sie die Tonbandprotokolle nach dem Tod des Vaters aufarbeiten kann. Bruchstückhaft, episodenhaft und sprunghaft bietet die norwegische Autorin Einblicke in das Leben des Meisters Bergman, in ihr eigenes und das ihrer Mutter. Altern sei Arbeit, behauptet Bergman, ein ständiges Bemühen, den Körper dem Willen zu folgen zu lassen. Beflissen bis störrisch, verwirrt bis ungemein klar in den Aussagen schreibt Ullmann verhalten zärtlich über den Vater. Die Unruhigen ist eine sehr persönliche Biografie, die Zerrissenheit des jungen Ichs der Autorin, das Mädchen, wie sie selbst über sich schreibt genauso wie die Liebe und Trauer der erwachsenen Autorin mit jedem Wort spürbar. Erinnerungen, Vergangenheit und Gegenwart wechseln nicht nur zeitlich, sondern auch im Tonfall und sprachlicher Struktur. Lesens- und empfehlenswert!

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Vor einigen Jahren hat mich Linn Ullmanns Roman "Gnade" begeistert, der meine Einstellung zur Sterbehilfe seither maßgeblich mitprägt. Damals bin ich auf diese Autorin wegen ihrer berühmten Eltern aufmerksam geworden: Liv Ullmann (*1938) und Ingmar Bergman (1918 - 2007). Inzwischen ist sie eine der bekanntesten Autorinnen Skandinaviens und vielfach preisgekrönt. In einem Interview mit der dänischen Zeitung "Politiken" 1999 sagte Linn Ullmann, dass sie Biografien und Bücher über Prominente verabscheue. Nun hat sie einen autobiografischen Roman über ihre Familie geschrieben. Einen Roman deshalb, „weil das eine offene Form ist... Der Roman steht der essayistischen Form offen, der dokumentarischen, dem Märchen, den Memoiren – also sozusagen eine genreübergreifende Textform.“ (Interview mit DLF Kultur vom 11.06.2018). Sie hatte bereits zu schreiben begonnen, als sie die sechs Tonbänder wiederfand, auf denen sie Interviews mit dem Vater kurz vor dessen Tod aufgezeichnet hatte, zu einer Zeit, als er bereits schwer von Krankheit und Vergessen gezeichnet war. Die Tonbänder sind in Ausschnitten transkribiert und bilden den roten Faden der sechs Kapitel. Bei ihrem Erinnern greift Linn Ullmann immer wieder die gleichen Gedanken und Szenen auf und erzählt sie aus anderem Blickwinkel, mal in der Ich-Form, mal in der dritten Person, jedoch immer ohne Namen. Sie variiert die Themen Altern, Erwachsenwerden, Liebe und Dynamik von Erinnerungen aus allen Blickwinkeln, ohne dass es mir auf den 400 Seiten je zu viel geworden wäre. Linn Ullmann kam 1966 als neuntes Kind ihres Vaters zur Welt, ihre Eltern waren nicht verheiratet und Liv Ullmann lag gewissermaßen zwischen der vierten und fünften Ehefrau Bergmans. Damals baute er ein Haus in Hammars auf Fårö, Gotlands Nachbarinsel, wo er zukünftig seine Sommer verbrachtete, wenn er nicht drehte oder am Theater arbeitete sondern schrieb, und hierher zog er sich mit 84 Jahren ganz zurück. Nach der Trennung ihrer Eltern 1969 war Linn Ullmann im Sommer oft in Hammars, wo Bergman inzwischen mit seiner letzten Frau Ingrid, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Schauspielerin, lebte. Die Passagen auf Fårö bilden für mich die Höhepunkte dieses Buches. Da ich die Insel selbst kenne und liebe, lief während der detaillierten Beschreibungen bei mir ein veritables Kopfkino ab. Wie Bergman sich seine Grabstelle auf dem kleinen Friedhof neben der Fårökirche aussucht, wie er zum Zeitungholen nach Gotland übersetzt, wie er sich täglich in der zum Kino umgebauten Scheune in Dämba einen Film ansieht, die Strände, Heide und Rauken konnte ich mir wunderbar vorstellen. Auch Ingrids Tod, der Bergman so völlig aus der Bahn warf, war mir aus „Der weiße Schmerz“, dem Buch über die Monate ihrer Krankheit 1994/95, bekannt. So habe ich über Bekanntes aus neuer Sicht mehr erfahren, und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Weniger konnte ich mit den zum Glück kürzeren Abschnitte über die Mutter anfangen, hier wurde mir das chaotische Beziehungsleben zu viel. Ihre Eltern blieben ihr Leben lang Freunde und „Arbeitskameraden“, doch gab es "niemals sie drei" und es existiert auch kein gemeinsames Foto. Von beiden Eltern fühlte sich die Tochter jedoch geliebt und liebt beide, was man jeder Zeile des ansonsten urteilsfreien Buches anmerkt. Für mich eine lohnende, sprachlich sehr gelungene Lektüre einer Autorin, die ich bewundere.

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Bilderwandel

Von: bootedkat

18.06.2018

Eine Lebensgeschichte. Aber nicht vollständig. Dafür viele kleine detaillierte Momente. Vater – Mutter, Vater – Tochter, Mutter – Tochter, allerdings nie alle drei auf einmal. Das hat das Erzählen mit dem Fotografieren gemeinsam. Einer muss immer das Bild machen bzw. die Geschichte erzählen. Und so sind Fotos mit der ganzen Familie selten. Zumal die Eltern der Erzählerin getrennt leben und sich die Momente vor allem in Mutter – Tochter und Vater – Tochter unterteilen lassen. Im Mittelpunkt stehen Gespräche und zwischenmenschliche Interaktionen, die den roten Faden der Erzählung bilden. Autobiographie? Fiktion? Vielleicht biographische Fakten fiktiv in Szene gesetzt? „Die Unruhigen“ verweigert sich einer genauen Einordnung. Fakt ist, dass Linn Ullmanns Vater tatsächlich Drehbuchautor und Regisseur war und ihre Mutter auch tatsächlich Schauspielerin ist. Ihre Erzählweise, sowie der Verzicht auf Namen, entziehen den Roman ein Stück weit der Realität. Ebenso der Umstand, dass die Erzählerin von sich mitunter in der dritten Person spricht. Hinzu kommt der filmische Aspekt. Die Erzählerin schafft Momentaufnahmen. Der Titel „Die Unruhigen“ bezieht sich dabei ebenso auf die Charaktere, wie auch auf die Bilder, die in diesen Momentaufnahmen geschaffen werden. Denn unruhige, womöglich laufende, Bilder ergeben einen Film und genau das ist es, was Linn Ullmann mit ihrem Detailreichtum schafft. Aber auch die Personen sind Unruhige. Immer in Bewegung und immer auf der Suche. Der Erzählton ist dagegen eher weniger unruhig, sondern ruhig und bedächtig. Zusammen mit den vielen kleinen Details entsteht Atmosphäre und es fällt leicht, in die erzählte Welt einzutauchen. Wenn man sich darauf einlässt. Der Roman verlangt Aufmerksamkeit. So werden immer wieder Dialogausschnitte, Briefe und Tagebucheinträge in die Erzählung mit eingebunden. Diese bilden die Ausgangspunkte für verschiedene Episoden aus der Vergangenheit, in denen vieles ungesagt bleibt und trotzdem keine Lücken entstehen.

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