Leserstimmen zu
Das Salz in der Wunde

Jean Prévost

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Dieses Buch ist toll. Man schlägt die erste Seite auf und - WUSCH - ist man direkt in der Handlung. Keine langen Erklärungen, kein Prolog, nix. Der erste Satz - "Kennst du dich eigentlich, Crouzon?" - wirft einen direkt in das Wohnzimmer von Dousset, einem Freund von Crouzon, dem Hauptprotagonisten. Aus dieser einfachen Frage, an die ein Vorwurf geknüpft ist (Dousset behauptet nämlich Crouzon hätte ihm die Brieftasche geklaut) entspinnt sich die komplette Handlung, auch, wenn die Szene im Wohnzimmer gerade mal vier Seiten andauert, der Vorwurf des Diebstahls ist bis dahin auch widerlegt. Es folgen aber noch 239 Seiten, auf denen wir Crouzon ins selbstgewählte Exil aufs Land begleiten und dort seinen Aufstieg zu einem mächtigen Mann erleben dürfen. Das Buch dreht quasi die Redewendung "Aufstieg und Fall" um und beschäftigt sich mit dem Fall und Aufstieg eines jungen Mannes, der sich in der Provinz durch kluge Ideen und geschickte Investments vom Wahlkampfhelfer bei einer Wahlkampfzeitung zum Besitzer einer eigenen Zeitung und Druckerei wandelt. In einer Zeit, in der es das Wort "Marketing" noch nicht gab bzw. einfach nur "Reklame" hieß, schafft es Crouzon durch Konzentration auf die Region - Ansprache der örtlichen Händler statt Werbeanzeigen für Kaufhäuser in Paris, Veröffentlichung von regionalen Nachrichten und Kleinanzeigen - seine Zeitung sowie seine Druckerei, trotz anfänglicher Skepsis der Landbewohner, erfolgreich zu etablieren. Diese Zeitreise in die Werbebranche (mehr oder weniger Werbebranche) fand ich sehr spannend. "Das Salz in der Wunde" hat mal wieder den 20er-Jahre-Vorteil. Und es spielt in Frankreich. Auch wenn ich einige Begriffe und Zusammenhänge nicht ganz verstanden habe, aber dafür hat das Buch einen sehr nützlichen Anmerkungsteil. "Das Salz in der Wunde" ist die erste deutsche Übersetzung, die es von Jean Prévost gibt. Das Nachwort verrät, dass es noch ein paar mehr Romane von ihm gibt, die aber alle noch nicht übersetzt wurden. Schade, mir hat nämlich der sehr kühle, sachliche Schreibstil, der Aufbau der Geschichte und die Charaktere sehr gut gefallen. Vielleicht kommt da ja noch mehr. Und - mir gefällt das Buch optisch sehr gut. Schwarz-weißes Foto als Cover, orange Highlights im Titel, die Farbe findet sich im Lesebändchen wieder, grauer Leinenumschlag. Ja, doch. Sehr schick. Und hinten im Buch ist noch Werbung für weitere Bände aus der Reihe "Klassiker der Modernen", die mich neugierig gemacht hat. Glücklicherweise habe ich entdeckt, dass ich einen Band davon ("Die Party bei den Jacks" von Thomas Wolfe) sogar schon besitze, ein anderer Band ("Dämmerschlaf" von Edith Wharton) ist auf meine Wunschliste gewandert.

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Paris in den 1920er Jahren; Dieudonné Crouzon, ein junger, hoffnungsvoller Jurist kurz vor der Promotion, genießt das Leben im Kreis ein Clique wohlhabender Gleichgesinnter. Doch dann beschuldigt ihn unvermittelt einer dieser Freunde des Diebstahls, was freilich nicht stimmt. Dennoch will niemand Crouzons offensichtliche Unschuld erkennen, das Gerücht und die Fama wiegen schwerer als die Wahrheit. Crouzon verlässt zutiefst gedemütigt Paris und geht in die Provinz. Beseelt vom Gedanken der Rache macht er Karriere, zunächst als Wahlkampfhelfer, dann arbeitet er sich hoch vom begabten Journalisten zum Verleger, dann weiter zum Werbefachmann und millionenschwerer Kaufmann, schließlich reüssiert er sogar als Abgeordneter. »Das Salz in der Wunde« von Jean Prévost ist ein Klassiker der französichen Moderne, der nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist. DER EMPORKÖMMLING UND DAS RESSENTIMENT Dieudonné Crouzon ist ein typischer Arrivist, eine wohlvertraute Figur der französischen Literatur besonders des 19. Jahrhunderts. Bei Balzac, Zola und Maupassant etwa übernimmt der Emporkömmling Hauptrollen, aber auch Thomas Manns »Felix Krull« ist so einer. Prévost holt nun seinen Arrivisten ins 20. Jahrhundert, in die Zeit zwischen den Weltkriegen. Es sind die Jahre der Weltwirtschaftskrise, in der Niedergang und Aufstieg untrennbar miteinander verbunden sind. Dieudonné setzt sich mit robusten Ellenbogen durch, scheut selbst vor Betrug und Gewalt nicht zurück, zeigt aber genauso Gefühl. Nicht selten rührt ihn die eigene Feingeistigkeit zu Tränen. Kurz nur sind diese Momente der latenten Sentimentalität und Reue, aber entscheidend für die innere Entwicklung und Glaubwürdigkeit Crouzons. Es sind Augenblicke, in denen das Ressentiment, also die eigene Ohnmacht gegenüber der erlittenen Ungerechtigkeit, die Sucht nach Rache umkehren und regulieren. So ist Dieudonné eben auch Moralist, obwohl ihm das eigentlich wiederstrebt. NÜCHTERNE SACHLICHKEIT UND EINE TRAURIGE HOCHZEITSNACHT Prévost wagt keine Sprachexperimente. Surrealistischen Revolutionen, wie sie Breton oder Aragon zur gleichen Zeit anzetteln, geht er aus dem Weg. Auch die formalen Techniken eines Joyce meidet er, obwohl Prévost als ausgewiesener Kenner der literarischen Szene Paris’ die angesprochenen Autoren persönlich kannte und ihre Arbeiten sehr schätzte. In »Das Salz in der Wunde« bleibt Prévost dem Realismus verpflichtet. Die Geschichte vom Aufstieg des Dieudonné Crouzon ist keine psychoanalytische Studie, meidet sterotype Stufen, wie sie der klassiche Entwicklungsroman kennt. Die Geschichte wird sprunghaft erzählt und collageartig konstruiert. Neutral, beinahe distanziert folgt der Erzähler Crouzon durch seine Machenschaften, ohne Wertungen. Rabiate Szenen, auch gewalttätige, werden, ebenso wie Crouzons Momente der Selbstreflexion und Nachdenklichkeit, mehr protokolliert, statt auserzählt. Die Reportage über den sorgfältig geplanten Aufstieg eines Arrivisten im Stil der Neuen Sachlichkeit allein könnte vielleicht ermüden, wäre da nicht zusätzlich diese vertrackte Liebesgeschichte mit Anne-Marie. Prévost stellt seinem Helden eine ebenbürtige Frau an die Seite. Wie sich diese beiden ebenso feinnervigen wie berechnenden Seelen finden, wie sie die traurigste Hochzeitsnacht der Literaturgeschichte erleben und sich distanziert umkreisend langsam zum Kern, zur Erfüllung in der Liebe vorarbeiten, gehört zu den größten Momenten des Romans. Hier finden zwei verletzte Herzen erst unter Mühen zusammen, weil sie sich ihre Verletzungen nicht gegenseitig eingestehen wollen, obwohl sie sie ständig offen vor sich hertragen. Beide, Dieudonné und Anne-Marie, sind auch in der Liebe zuvorderst Pragmatiker. Erfüllung finden sie in Tränen, die sie über den eigenen Schmerz vergießen, einen Schmerz, den sie nur spüren. weil er im Gegenüber reflektiert und gesteigert wird. Das Körperliche ordnen sie unter. Sie sind ein Paar, das eher wirkt wie Schwester und Bruder, von einem Hauch Inzest umweht, nur ohne Sex. DER AUTOR UND SEINE FIGUR Jean Prévost hatte ein erignisreiches, erfolgreiches, aber leider kurzes Leben. Er wurde 1944 als Kämpfer der Restistance von einem deutschen Wehrmachtkommando in einem Hinterhalt erschossen. Da war er 43 Jahre alt. Vor dem Krieg hatte er sich als Journalist, Kritiker, Literaturwissenschaftler und Autor einen Namen gemacht. Er war ein begeisterter Sportler, soll Ernest Hemingway bei einem Boxkampf sogar die Finger gebrochen haben. Prévost liebte den rauen Sport, die Verausgabung des Körpers im Wettstreit Mann gegen Mann, für ihn war das ein lebensnotwendiger Ausgleich zur geistigen Arbeit. Zielstrebig und scharf in seinen Urteilen konnte er sein. Wie ein Stier, so der Philosoph Alain, sei er auf jede Idee losgestürmt. Doch er hatte auch sehr sensible Seiten und ist in vielem seiner Romanfigur Dieudonné Crouzon sehr ähnlich gewesen. Dennoch ist »Das Salz in der Wunde« kein autobiographischer Roman. Trotz aller zahlreicher autobiographischer Bezüge ist der Text in erster Linie eine paradigmatische Geschichte eines Arrivisten, gleichzeitig eine scharfe Analyse der Mechanismen der Wirtschaft und der Werbung, der Macht des Geldes und der Medien. Manches wirkt in dieser unterschwelligen Kapitalismuskritik etwas holzschnittartig, und nicht selten werden Nebenfiguren zu Stichwortgebern und Statisten im großen Drama des Rachefeldzug degradiert. Ein wenig mag dies dem historischen Abstand geschuldet sein, 1934 hatte das Buch sicherlich mehr Wucht als heute. Doch selbst wenn »Das Salz in der Wunde« nicht zwingend als literarische Sensation oder gar Herausforderung eingeordnet werden muss, und in einigen Passagen sprachlich nicht einmal besonders originell ist (wobei das nicht der Übersetzung von Patricia Klobusiczkys anzukreiden ist, sondern dem Original), eine lohnende Entdeckung ist der Roman allemal. Jean Prévost beweist sich als guter Plotter, der retardierende und akzelerierende Momente geschickt zu positionieren weiß. Er hat es verdient, dass man sich seiner wieder erinnert. Das Interesse, mehr von diesem Autor zu erfahren wird geweckt. Selbst in seiner Heimat Frankreich zählt Prévost zu den zu unrecht lange Vergessenen. DIE OHNMACHT IM ZIEL Am Ende erreicht die Ranküne alle angestrebten Ziele. Crouzon kehrt nach Paris zurück, triumphiert und macht die Rivalen zu Handlangern, indem er sie für seine weiteren wirtschaftlichen und auch politischen Pläne einspannt. Das nächste Ziel wird gesteckt, Minister werden. Doch wirkliche Genugtuung oder gar erhoffter Seelenfrieden stellen sich nicht ein. Crouzons sublime Rache läuft aus in einer lähmenden und unbefriedigenden Leere. Was bleibt, ist nur noch die Vornehmheit eines Parvenüs.

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Klappentext Dieudonné Crouzon fällt aus allen Wolken. Eben noch saß er bei seinem Freund Dousset auf dem Canapé und knabbert Kekse. Dann bezichtigt ihn dieser zu Unrecht des Diebstahls, es kommt zum Eklat. Nun hat sich fast die gesamt Clique von ihm abgewandt, und er, der fleißige Student aus einfachen Verhältnissen, steht vor einem gesellschaftlichen Scherbenhaufen. Gedemütigt kehrt er dem Paris der 1920er-Jahre den Rücken und fängt in einer Kleinstadt bei null an: als Schreiberling für eine Wahlkampfzeitung. Von Revanchegelüsten getrieben, wird er vom Journalisten zum Verleger, vom Flugblattdrucker zum Werbeunternehmer und schließlich zum Abgeordneten des ländlichen Departements. „Es ist nämlich so: Die anderen werden dir nicht glauben, weil sie dich nicht mögen. Du scheinst dich immer über sie lustig zu machen, selbst wenn du ihnen beipflichtest; wenn du deine Meinung äußerst, kommt es jedes Mal zum Streit.(…) Dein Umfeld? Du hast keins. Da du dir aber selbst nicht traust, brauchst du den anderen. Du sehnst dich nach Wertschätzung durch Dritte, weil du dich selbst nicht wertschätzt. Was glaubst du, warum Aubrain ihnen besser gefällt als du? Ganz einfach: Er ist ein eitler Fatzke. Er liebt sich selbst, und wer anderen gefallen will, muss zuerst einmal sich selbst lieben.“ (Seite 22/ 23) Eben noch ist Crouzons Welt in Ordnung. Er verbringt den Nachmittag bei einem Freund. Doch plötzlich ist nichts mehr wie es war. Sein Freund bezichtigt ihn des Diebstahls. Crouzon ist vollkommen verwirrt und versteht die Welt nicht mehr. Obwohl sein Freund später zugibt, dass es wohl ein Missverständnis war, weiß Crouzon genau, dass sein Ruf einen Schaden genommen hat. Trotz aller Versucht innerhalb der Clique das Ganze richtig zu stellen, spürt er, dass sie ihm alle nicht glauben. Ihm bleibt nichts anders übrig als Paris fluchtartig zu verlassen. „Ich gehe weg. Ich will nicht in der Schuld von Leuten stehen, die mir misstrauen. Möge euch niemand in eine solche Patsche bringen, und möget ihr den Schaden erkennen, den selbst eine kleine Dummheit im Leben eines anderen anrichten kann.“ (Seite 29) In der Provinz Châteaurox angekommen weiß Crouzon nicht wovon er leben soll. Er nimmt eine Stelle als Schreiberling für eine Wahlkampfzeitung an. Doch nach ein paar Wochen spürt er, dass ihn dieser Beruf nicht ausfüllt. Vom Hass getrieben wagt er sich immer wieder an neue Projekte heran. Er wird Verleger, gründet seine eigene Zeitung, später wird beschäftigt er sich mit Werbung und hat irgendwann seine eigne „Werbeagentur“. „(Ach, alles, was ich bisher geschafft habe, ist noch gar nichts, dachte Crouzon; ich hatte die Jungs vergessen, meine Wut hatte sich beinahe gelegt; ich muss es noch schaffen, dass sie mir Anerkennung zollen, und staunen, wenn ich schließlich zu ihnen zurückkomme. Ihr satten Hunde, ihr kleinen Hofschranzen einer Handvoll Mächtiger, ihr schlaft am Morgen, doch im Grunde wartet ihr auf mich, ohne es zu wissen. Ihr glaubt, ehrgeizig zu sein bedeutet, dass man im Rauchsalon Minister duzt und sich von ihnen als Nachfolger bestimmen lässt? Alles spricht dafür, aber nur Geduld. Hass ist das Einzige, was einen schlagartig geduldig macht.)“ (Seite 123) Dieses Buch ist sehr temporeich geschrieben. Als Leserin habe ich kaum Zeit durchzuatmen, weil immer wieder etwas Neues passiert, und ich nicht aufhören kann zu lesen. Irgendwie fand ich es etwas „unheimlich“ wie sehr Crouzon von seinem Hass und Ehrgeiz getrieben wurde. Diese beiden Eigenschaften führen dazu, dass er nach Jahren an seinem Ziel ist. Er hat sich seinen gesellschaftlichen Rang zurück erobert, mehr noch … er ist angesehener in der Gesellschaft, als sein ehemals bester Freund. Was mir auch besonders gut gefallen hat, ist der Einblick in die Zeit der 1920er-Jahre, dem Aufbau der Verlagswelt und der Werbeagenturen. Faszinierend. Etwas gestört haben mich die vielen Fußnoten, die zwar sehr informativ sind, aber das ewige blättern nach hinten ins Buch hat den Lesefluss etwas gestört. Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Anmerkungen zu den Fußnoten unten am Buchrand gestanden hätten. „ … Geduld. Der Geduldige hat gut lachen … „ (Seite 32)

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Von einem Moment auf den anderen kommt der Fall. Eine falsche Verdächtigung bringt Dieudonné Crouzon um seine Zukunft. Er soll die Geldbörse eines Freundes gestohlen haben. Von da an verändert sich das Leben des Studenten komplett. Er flieht – von Paris in die Provinz nach Châteauroux. Dank der Hilfe seines Freundes Boutin, der noch immer zu ihm hält und auch weiterhin halten wird. Crouzon findet eine Stelle als einfacher Schreiber bei einer Wahlkampfzeitung – und was er wohl kaum für möglich gehalten hat: Sein Aufstieg beginnt. Ohne jenen Beitrag in der “Literarischen Welt” von Tilman Krause wäre der Name Jean Prévost und sein Roman “Das Salz in der Wunde”, neu erschienen im Manesse-Verlag, mir wohl weiterhin unbekannt geblieben. Das Schaffen des Franzosen ist recht schmal: Ein paar Romane, literaturkritische Texte und Reportagen zählen dazu. Denn seinem Leben wurde ein tragisches Ende bereitet: Prévost starb im Alter von 43 Jahren am 1. August 1944 als Resistance-Kämpfer bei einem Gefecht – einen Tag später soll Antoine de Saint-Exupéry mit seinem Flugzeug abstürzen. Beide verband eine Freundschaft. Auch Ernest Hemingway war Prévost begegnet. Eine spannende Verbindung dreier Autoren, die Anlass war, das Buch “Das Salz in der Wunde” zu entdecken. Aber auch jene Geschichte eines Mannes, dessen Aufstieg in der Provinz sowie sein engagiertes Treiben in der Zeitungs- und Werbebranche haben mich fasziniert. Vor allem Journalisten werden deshalb diesen Roman mit viel Neugier lesen. Denn Kapitel für Kapitel gewährt der Roman Einblicke in dieses Metier, das Crouzon nach und nach erobert. Mit seinen Ideen, seinem Fleiß, seinem Ehrgeiz und seiner Verbissenheit. Er steigt auf, obwohl die Zeiten nicht immer rosig sind, es auch Niederlagen gibt. Crouzon, der sich als Student der Rechtswissenschaft sowie der Literaturwissenschaft eigentlich ein Leben als Rechtsanwalt vorgestellt hat, lässt später die Rolle des Angestellten hinter sich und wird Unternehmer. Er kauft eine eigene Druckerei, um Werbe-Prospekte, Plakate und anspruchsvolle Almanache herzustellen. Schließlich gründet er mit “Avenir berrichon” seine eigene Zeitung, mit der er den Wahlkampf der Republikaner sowie ein Staudamm-Bau unterstützt. Seine Kontakte bilden mit der Zeit ein breit gefächertes Netz in verschiedene Bereiche und Schichten. In jener Zeit – der Roman handelt von 1924 bis 1929 – fühlt sich Crouzon indes nicht immer angekommen in der Provinz. Unzufriedenheit, ja Hass auf seine Lage treiben ihn um. Hinzu kommt, dass er oft bis zur Erschöpfung arbeitet. Er hat nur wenige enge private Kontakte zur Gemeinschaft, so zum Arzt Bioette und zu Madame Madame Rogeau, die seine engste Vertraute wird. Zudem erfährt er auch noch, dass seine Flamme, eine Frau, die einst zum Pariser Freundeskreis gezählt hat, mittlerweile geheiratet hat. Doch auch Crouzon wird in Sachen Liebe fündig. Er verliebt sich in Anne-Maria, die Nichte von Madame Rogeau, die sich gemeinsam mit ihrem Cousin, einer Gestalt mit krimineller Energie, aus dem Staub gemacht hatte, aber wieder in die Stadt zurückkehrt ist. Während die Beziehung in ihren Anfängen geprägt ist von kühler Distanz, kommt das Paar sich mit der Zeit näher. Anne Marie wird für Crouzon zur Partnerin und wichtigsten Stütze. Neben dem Geschehen, dem Beschreiben von Personen und Orten, sticht ein besonderes stilistisches Merkmal in einer sehr klaren, manchmal recht förmlich wirkenden Sprache hervor: Viel Raum wird der Gedankenwelt des Helden gegeben. In jenem Gedankenstrom, der auf verschiedene Weisen formal gekennzeichnet wird, werden die Hoffnungen und Wünsche, die Zweifel und Ängste sehr deutlich. Crouzon erscheint als Getriebener, aber auch als Mann, der für seine Ziele viel Fleiß und Kreativität an den Tag legt, Opfer bringt. Dass er zu einem gemachten und erfolgreichen Mann wird, ist ein Zeichen der Hoffnung für all jene, die es womöglich im Leben ebenfalls nicht allzu leicht haben. Ob indes dieser Aufstieg heute ohne Weiteres machbar wäre – darüber lässt sich vortrefflich streiten. Mehr als sicher ist, dass dieses nun wiederentdeckte Werk gerade durch seine beispielgebende Geschichte nahezu zeitlos wirken kann. Möge es viele Leser haben! Nur so gerät der Name Jean Prévost nicht wieder in Vergessenheit. Vielleicht erhält er mit der Zeit jene Bekanntheit wie der seiner Kollegin Irène Némirovsky, die, für eine gewisse Zeit berühmt, nach ihrem ebenfalls allzu frühen Tod aus dem Bewusstsein verschwand, bis ihr wunderbarer Roman “Suite francaise” wieder an ihr Leben und Schaffen erinnerte. Ein Nachwort von Joseph Hanimann, Kulturjournalist und Autor, rundet diesen wunderbar gestalteten Band ab.

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Dieudonné Crouzon ist ein junger Absolvent, ohne größere Nöte. Er verbringt seinen Nachmittag gelangweilt auf dem Sofa eines Freundes liegend und lässt seine Gedanken schweifen. Vermutlich ist er kurz eingedöst, als sein Freund Dousset schnell eine Besorgung erledigen geht. Er ist noch ein wenig verträumt und benommen, als er sich plötzlich mitten in einem handfesten Streit mit seinem zurückgekehrten Freund befindet. Der wirft ihm vor, Crouzon habe seine Geldbörse gestohlen, ein Missverständnis, doch die Situation eskaliert und Dousset geht nach einem Faustschlag zu Boden. Die Geldbörse wird gefunden, sie war hinter eine Schublade gerutscht, doch die Freundschaft ist dahin. Die jungen Männer sind beide in ihrem Stolz so sehr verletzt, dass sie wohl nie mehr miteinander sprechen werden. Nachdem Dieudonné zunächst versucht, andere Freunde aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis für seine “Seite” zu gewinnen, merkt er schnell, dass sein gesellschaftliches Leben in Paris einen Makel bekommen hat. Seine Berufsaussichten sind eingeschränkt und die Schmach brennt tief in ihm. Hals über Kopf verlässt er Paris und zieht in die Provinz. Doch für ihn ist klar: Er wird es seinen ehemaligen Freunden eines Tages zeigen, er wird sich für die Schmach rächen und aus seinem Leben etwas machen, damit die anderen vor Neid erblassen. Der Einstieg in dieses Buch ist ungewöhnlich rasant. Innerhalb weniger Seiten kommt es zur Eskalation und zum Bruch in der Freundschaft der beiden jungen Männer. Man wird in eine Handlung hineingeworfen und wird von einer drängenden Energie durch die Seiten und die Lebensjahre des hitzigen Dieudonné getragen, ohne viel Verschnaufpausen. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass von einer solch drängenden Energie beseelt war. Der Protagonist ist mit seinem sehr rachsüchtigen und zu gleich kühlem Kalkül nicht unbedingt der typische Held eines Romans. Er macht es einem nicht unbedingt leicht ihn zu mögen. Im Gegenteil, begeht er einige sehr kaltblütige und für mich nicht immer ganz nachvollziehbare Taten, die dem Buch jedoch eine drängende Intensität verleihen, die mich zeitweise an einen modernen Thriller erinnert hat. Tatsächlich schafft er es mit sehr viel harter und geschickter Arbeit nach und nach den gesellschaftlichen Aufstieg. Es wird beschrieben, wie er vom Journalist zum Werbemogul einer ganzen Region wird, wie er sich durch geschickte Investitionen eine eigene Druckerei kauft – alles aus eigener Arbeit ohne irgendein Kapital. Es ist beeindruckend seinen Aufstieg zu verfolgen, wie er entgegen aller gesellschaftlicher Vorbehalte einen Weg für sich – und später seine junge Frau – findet. Doch ist “Das Salz in der Wunde” für mich kein klassischer Entwicklungsroman, denn dieser von Rachegelüsten beseelte Mann bleibt seinem Ziel nach Vergeltung durchgängig treu, ihm gelingt keine seelische Entwicklung. Hass, Wut und kaltes Kalkül durchdringen sein Handeln über einen langen Zeitraum. Und doch ist da etwas Feines an ihm, etwas Zerbrechliches. Wie er sich den Frauen in diesem Buch nähert, mit Anmut und Respekt. Wie er mehrfach kurz vor einem Zusammenbruch steht und seine Verzweiflung in Migräneattacken Bahn bricht. Jean Prévost ist ein Autor, der bisher wohl eher wenig in Deutschland bekannt sein dürfte. In den 1920er und 30er Jahren hat er mehrere literarische Werke veröffentlicht, hatte Kontakt zu Hemmingway, ging bei Shakespeare and Company ein und aus und arbeitete an einigen literarischen Zeitschriften mit. Ein Mann voller Tatendrang und schriftstellerischem Feuer, der im Zweiten Weltkrieg in den Untergrund ging und im Einsatz für die Résistance erschossen wurde. Diese ungewöhnliche brennende Energie merkt man auch seinem Protagonisten in “Das Salz in der Wunde” an. Ein wirklich ungewöhnliches Leseerlebnis. Fazit Dieses Buch ist eine interessante und ungewöhnliche Wiederentdeckung eines viel zu früh gestorbenen Autors. Die rasante Aufstiegsgeschichte eines von Wut und Selbstzweifel geplagten Mannes. Spannungsgeladen wie ein Krimi vor kunstvoller Sprache strotzend.

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