Leserstimmen zu
zwischen tür und engel

Doris Runge

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Diese Sammlung beschreiben zu wollen, ist kaum möglich. Als ob man versuchen würde, einen Marathonlauf im Hochgebirge, bei Wind und Wetter, veranstalten zu wollen. Vielleicht nicht mehr als ein lächerlicher Versuch. Eine jener Aufgaben, die man sich stellt, und schon vorher weiß, dass es eigentlich nicht funktionieren kann. Andererseits eine jener Aufgaben, die man dennoch irgendwie bewältigen und unbedingt etwas dazu sagen möchte, obwohl man angesichts der Inhalte das große Sprach-Los gezogen hat. Es gleicht einer Expedition ins Unbekannte, insbesondere da der Rezensent zu jenen bedauernswerten Menschen gehört, die zum ersten Mal die Gedichte von Doris Runge bewusst wahrnehmen. Erstaunt und zugleich irritiert, fühle ich mich dennoch gleich wie zu Hause, denn derlei Ambivalenzen rennen bei mir offene Türen ein. Wahllos herausgegriffen "ein glücklicher tag" "geht seinen gang zum abend" Sogleich geraten die Worte aber aus der Spur, die man sich zurechtgelegt hat, und sie verlassen die Erwartungen, die man mit dem Titel entworfen hat. Plötzlich erschrecken Zeilen wie "tag ohne sieg", "niederlage" und "aderlass". Die Irritation bleibt und das Ende offen: "bin ich ärmer um den vergangenen weiß ich kaum" Ich liebe diese offenen Wege am Ende. Sie bleiben. Worte, die klingen und einen Nachhall haben. Der Vorhang ist geschlossen, doch das Stück geht weiter. Ob es einem gefällt oder nicht. Doris Runge lässt nichts aus, sind es nun scheinbar belanglose Beobachtungen in "schnee fällt" - "hinter mir / weißt er / die strecke" - oder das Grauen der Abtreibung eines ungeborenen Lebens "den blutigen anflug von seele" ("undine"). Diese Wucht von Sprache ist ungeheuerlich! Ihre Worte sprengen jeden Rahmen, und verlassen unvermittelt geordnete Bahnen. Sie taumeln in freiem Fall, um sich in unerwarteten Regionen wieder zu finden und zu vereinen oder sich für immer zu verlieren. Sie führt uns die Kraft einzelner Worte vor, die an jene erinnert, die ein Löwenzahn einer Betondecke entgegenzusetzen weiß. Man kann sich durchaus zwischen diesen Zeilen verlieren "vor dem Augenblick / wo der vogel / seinen schatten erkennt / die erde berührt ("antwort") und entweder sich selbst finden oder einfach weiterreisen. Ein Ziel wird sich schon finden. Auch und ganz besonders wenn die Autorin in Rätseln spricht, verdichtet sich manchmal der Eindruck, vielleicht gar nicht oder wenigstens nicht immer verstanden werden zu wollen. Ihre Freiheit, die jede Form nicht braucht, bedeutet Weite und die Konzentration auf Fixpunkte, zu denen man als Leser springen muss. Eine Verweigerung wäre Stillstand und man würde ins Bodenlose fallen, mitten durch die Maschen eines filigranen Netzes aus Worten. Vielleicht sind es unendliche Geschichten, im unendlichen Raum zwischen den Zeilen. Worte, die verfliegen und auf der Durchreise sind. Sie nehmen uns mit. Wenn wir wollen.

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