Leserstimmen zu
Tausendundein Granatapfelkern

Marjan Kamali

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1978 herrscht im Iran die Islamische Revolution, die ein Jahr später zur Absetzung des Schahs und damit zur Beendigung der Monarchie führt. Gewalttätige Demonstrationen, Straßenschlachten, Kontrollen durch Revolutionswächter und Repressalien gegenüber denjenigen, die sich nicht an die Bestimmungen der islamischen Oppositionsbewegung halten, bestimmen das Leben. Mina ist gerade 10 Jahre alt geworden, als die Eltern mit ihr und den älteren Brüdern aus dem Iran nach New York flüchten. Dort macht sie viele Jahre später einen Hochschulabschluss und beginnt ein Betriebswirtschafts-Studium. Anlässlich ihres 25. Geburtstags präsentiert ihr die noch stark in Traditionen verhaftete Mutter den angeblich idealen Heiratskandidaten. Doch Mina will keine arrangierte Ehe eingehen, sie will ihr Leben selbst bestimmen. Oft aber weiß sie nicht, wo ihre – vor allem innere – Heimat ist. Sie hat das Gefühl, als Irano-Amerikanerin ein „Leben auf dem Bindestrich“ zu führen, keiner der beiden Kulturen richtig anzugehören. Gemeinsam mit ihrer Mutter reist sie daher zu ihren Wurzeln in den Iran. Sie stellt fest, dass das Leben dort ihr einerseits vertraut ist und gefällt, andererseits aber auch sehr fremd geworden ist. Letztlich möchte sie trotz der herzlichen Aufnahme durch Familie und Bekannte auch dort nicht dauerhaft leben. Zurück in den USA, kann sie sich aber nun mit beiden Kulturen arrangieren und auch einen Teil ihrer lang gehegten Wünsche verwirklichen. Außerdem hat sie bei ihrem Besuch „den Mann für's Leben“ kennengelernt, der ein sehr ähnliches Schicksal erfahren hat. Auch die Mutter bekommt einige Klarheit in Bezug auf ihr weiteres Leben. Wieder in den USA, gelingt es ihr, Einstellung und Handeln entsprechend zu modifizieren und positiver in die Zukunft zu blicken. Resümee: In diesem Roman geht es darum, seine Identität, seine – auch innere – Heimat zu finden. Ob und wie dies nach der Flucht in einen anderen Kulturkreis gelingen kann, wird sehr anschaulich und nachvollziehbar in unterhaltsamer Form am Schicksal der Mitglieder einer Familie beschrieben: ∙ Mina's Mutter ist nach 15 Jahren in den USA noch immer stark der iranischen Tradition verhaftet. Sie konnte ihre beruflichen Träume nicht verwirklichen und leidet unter Heimweh. ∙ Der Vater versucht aus dem Leben in einem anderen Land und Kulturkreis trotz aller Widrigkeiten das Beste zu machen, denkt positiv und arrangiert sich. Er kann nach einem Intermezzo als Pizzabäcker wieder dem Arztberuf nachgehen. Dennoch bleibt er immer stolz auf das, was das Perserreich hervorgebracht hat. ∙ Mina's ältere Brüder haben in den USA Hochschulabschlüsse erworben, studiert, machen Karriere und sind mittlerweile verheiratet. Sie wollen ebenso wenig wie der Vater zurück in die alte Heimat. ∙ Mina dagegen ist zwischen der iranischen und amerikanischen Kultur hin- und hergerissen, fühlt sich zu keiner richtig dazugehörig. Das Buch liefert darüber hinaus ein Stück Zeitgeschichte: Verschiedene Aspekte der Islamischen Revolution werden überwiegend aus Mina's Kindersicht erzählt. Daher kann die Darstellung natürlich keinen Anspruch auf einen komplexen politischen Abriss erheben. Das ist meines Erachtens aber auch gar nicht das vorrangige Anliegen der Autorin. Ihr geht es primär darum, die Kurz- und Langzeitfolgen eines religiös-politisch motivierten Umsturzes am Beispiel von Mina's Familie zu zeigen. Und das ist ihr hervorragend gelungen. Das Geschehen spielt um 1978 und 1996. Die unterschiedlichen Folgen einer Flucht aus dem Heimatland für die einzelnen Familien und ihre Mitglieder dagegen sind auf viele Flüchtlings- und Auswanderer-Schicksale verschiedenster Nationen übertragbar. Dies wird zwar durch den Handlungsverlauf und seine Protagonisten nicht explizit zum Ausdruck gebracht, durch die sehr differenzierte Darstellung am Beispiel von Mina's Familie aber deutlich.

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