Leserstimmen zu
Gegenlicht

Esther Verhoef

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Tiere und Menschen haben die gleiche Seele. Davon ist Vera Zagt, Hauptfigur dieses Romans überzeugt. Sie hat sich auf Tierfotografie spezialisiert, wird jedoch von ihren Berufskollegen nicht ernst genommen, da sie hauptsächlich für Tiernahrungshersteller Katzen, Vögel und Hunde ablichtet. Die Fotografie ist nicht nur ihre Leidenschaft und ihr Beruf – sie dient auch als Schutz vor der Außenwelt, die sie seit ihrer Kindheit als grausam erlebt. Von den Mitschülern wird sie gehänselt und verprügelt, ihr strenger und gefühlskalter Vater hält sie von ihrer psychisch kranken Mutter fern. Alle versuchen ihr einzureden, dass etwas nicht mit ihr stimmt, und verstärken immer mehr ihr Bedürfnis und ihre Fähigkeit, sich jeder Lage anzupassen, um zu gefallen. Als Erwachsene flüchtet sie sich in eine vermeintlich sichere Ehe mit dem Unternehmer Lucien, und eine Wohnung im niederländischen Ort Brabant, die sie als „Fort“ bezeichnet. Sie ist lieber Beobachter als Akteur, versteckt sich hinter dem Sucher und hält die Welt so fest, wie sie sie sehen möchte, nicht, wie sie ist. Arbeit, Mann, Haus – auf diesen drei Säulen beruht ihre Existenz. Die niederländische Autorin erzählt Kapitel für Kapitel abwechselnd aus der Schulzeit und aus der Gegenwart. So lassen sich die Nachwirkungen der Kindheitserlebnisse und die Ängste, die sie auch als Erwachsene noch nicht abgelegt hat, gut nachvollziehen. Esther Verhoef schafft durch ihren authentischen Erzählstil eine große emotionale Nähe. Veras tägliche Flucht vor ihren grausamen Mitschülern nach dem Schulunterricht wird stakkatohaft in knappen Sätzen beschrieben, als würde sie Schläge kassieren. Ihren späteren Liebhaber vergleicht sie mit einem Fußballer, der sich an der Seitenlinie warm läuft, so dass er im Notfall den Stürmer ersetzen kann. Doch niemand ist in der Lage, den Status Quo für immer zu halten – auch Vera gelingt dies trotz größter Anstrengung nicht. Immer stärker spürt sie, wie die drei Säulen allmählich anfangen zu bröckeln. Erst eine gemeinsame Reise mit Luciens Familie nach Florida öffnet Vera die Augen und zwingt sie zu einem Neuanfang. Esther Verhoef ist für mich eine Meisterin der Momentaufnahmen und hat mich mit ihrem schnörkellosen und doch bewegenden Roman begeistert.

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Esther Verhoef, 1968 in den Niederlanden geboren, ist eine Sachbuch- und Krimi/Thrillerautorin. Für ihre Bücher wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Mit dem vorliegenden Buch kam sie sofort auf Platz 1 der niederländischen Bestenliste. Esther Verhoef lebt mit ihrem Mann in Südfrankreich. <em>Eine Frau und drei Männer. Eine Frau, die den schrecklichen Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend nicht entfliehen kann. Eine Frau, die endlich den Mut aufbringt, sich ihr eigenes Glück zu gönnen. Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, ohne verrückt zu werden?</em> <strong>Inhalt</strong> Vera, eine Tierfotografin, seit 20 Jahren verheiratet, trifft sich seit zwei Jahren regelmäßig alle sechs Wochen für eine Nacht mit ihrem Liebhaber, der ebenfalls verheiratet ist. Beide erleben diese Stunden sehr intensiv. Es ist mehr als Sex. Es sind die Gespräche über fast alles, die sie so mit ihren jeweiligen Partnern nicht führen können. Lucien, Veras Mann, hat ebenfalls eine Affäre, von der Vera etwas ahnt. Er kann nicht damit umgehen, dass Vera auf Grund ihrer Kindheitserlebnisse keine eigenen Kinder will. Als Luciens Vater seiner Familie bei einem Familienessen von seiner unheilbaren Krankheit erzählt, unternehmen alle gemeinsam eine letzte Reise nach Florida. Dort lernt Vera Luciens Halbbruder Aaron kennen, der spürt, dass zwischen Vera und ihrem Mann vieles im Argen liegt. „Es braucht nicht viel, um ein Leben aus den Angeln zu heben.“ (S. 444) Diese Erfahrung wird Vera selbst machen, und das, was sie erleiden muss, ist mehr, als manche Menschen ertragen können. Rückblickend sagt sie: „Angst war meine Triebfeder, mein Geleit, mein Schutz… Aber ich habe nicht gelebt.“ (S. 473) Der Roman erzählt Veras Wandlung von einer zutiefst verängstigten und bindungsscheuen Frau hin zu einer Frau, die den Kampf gegen ihre inneren Dämonen aufnimmt und fast daran zerbricht. Einer ihrer Leitsprüche ist: „Man ist die Person, die man sich entschieden hat zu sein, jeden Tag aufs Neue.“ (S. 34) Als alles über ihr zusammenbricht, resümiert sie resigniert: „Glücklich sein zu wollen ist vielleicht noch zu viel verlangt.“ (S. 587) <strong>Formelles</strong> Das Buch besteht aus zwei Teilen, wovon der erste Teil 460 Seiten einnimmt und der zweite 144 Seiten. Im ersten Teil setzt die Autorin jedem Kapitel der Gegenwart ein kurzes der Vergangenheit (andere Schriftart, die Kapitelnummer statt in Ziffern in Buchstaben) voran. In den Kindheitskapiteln wird von einer, durch Gewalterfahrungen und Angst geprägten Schulzeit erzählt. Die Erwachsenen kommen darin nur am Rande vor, jedenfalls nicht als Helfer und Beschützer. Auch die besondere Rolle der psychisch kranken Mutter nimmt breiten Raum ein. Die Autorin erzählt in der Ich-Form, wodurch sie dem Leser einen unmittelbaren Zugang zur Protagonistin ermöglicht. Die einzelnen Kapitel sind sehr kurz, oft nur zwei bis drei Seiten. Für mich war dieses ständige Umschalten von Vergangenheit auf Gegenwart und umgekehrt sehr anstrengend. Ich hätte gern länger in einer Zeitebene verweilt und wäre dem Handlungsverlauf lieber weiter gefolgt. Dadurch fiel es mir am Anfang auch schwer, zu den Figuren eine tiefere Bindung herzustellen. Andererseits erhielt das Ganze durch den schnellen Wechsel auch einen ungeheuren Drive, ein Tempo, das es mir schwermachte, das Buch aus der Hand zu legen. <strong>Mein Fazit</strong> Dieses Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen. Selten habe ich ein so tief- und nahegehendes Psychogramm einer Persönlichkeit gelesen; die Hauptfigur, die 38-jährige Vera, ist eine Protagonistin, mit der man mitleiden und mitfiebern kann. Rezensentin Cornelia Lotter (www.autorin-cornelia-lotter.de) gehört zum Autorenpool von Detlef M. Plaisier [Der Mann für den Text] Leipzig.

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Darum geht’s: Vera ist Ende 30 und verheiratet mit Lucien. Doch die Ehe steht auf der Kippe: Lucien und sie leben nebeneinander her. Vera hat bereits seit einiger Zeit einen Liebhaber. Sie ist rastlos und kann nicht mit ihrer Vergangenheit abschließen: Ihre Mutter erkrankte an Depressionen, als Eva etwa 10 Jahre alt war. Sie verbrachte die meiste Zeit in psychiatrischen Kliniken. Veras Vater und Großmutter schwiegen die Mutter daraufhin tot. Zudem wurde Vera in der Schule gehänselt. So war’s: Das Buch wechselt kapitelweise von der Gegenwart in die Vergangenheit, so dass es zwei Handlungsebenen gibt: die der Vera im Alter von Ende 30 und die im Alter von ungefähr 10 Jahren. Die Vergangenheit erkärt Veras Verhalten in der Gegenwart, wo Vera dabei ist, sich, ihre Ehe und ihre Vorstellungen vom Leben zu finden. Dem Handlungsstrang in der Gegenwart mochte ich gerne. Esther Verhoef zeichnet die Paarbeziehung mit ruhiger Hand. Das lässt sich gut verfolgen und flüssig runterlesen – auch wenn ich mir ein etwas differenzierteres Bild gewünscht hätte, vor allem von den Nebenfiguren: dem Ehemann Lucien als auch von Liebhaber Nico. Die Beziehung zu letzterem kam mir bei der Lektüre deutlich zu kurz; in ihr finde ich auch die Figur der Vera nicht schlüssig. Nicht glücklich bin ich mit dem Handlungsstrang in der Vergangenheit. Ich hatte den Eindruck, Esther Verhoef versucht sich sowohl sprachlich als auch im Denken auf die Ebene des Kindes zu begeben. Das wirkt sehr bemüht. Die Gefühlswelt des Kindes ist mir dabei zu eingeschränkt und deshalb nicht authentisch; ein innerer Widerstreit findet kaum statt; die Figuren sind mir zu holzschnittartig. Nichtsdestotrotz kein schlechter Roman – ein solides Werk.

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Gegenlicht

Von: findo

27.06.2015

Es ist nicht die Art und Weise von Büchern, die ich sonst lese und dahingehend muss ich gestehen, dass ich eben doch öfter als mir lieb ist, ein reiner Cover-Käufer bin. Wenn es nämlich nur nach der Gestaltung gehen würde, hätte ich nie zu dem Buch gegriffen. So pink-lila gestaltet, ist es nach meinem Empfinden eher an Frauen als Zielgruppe gerichtet. Wenn, ja wenn da nicht die Geschichte selbst wäre und um die geht es ja immer noch hauptsächlich. Denn die hat es in sich. Die Hauptprotagonistin ist hier der Ich-Erzähler, sowohl in Rückblenden ihrer Kindheit als auch im Hier und Jetzt, in beiden Zeiten in zerrüttelten Verhältnissen, die alles sind. Nur nicht gesund. Und so bestimmen die Erfahrungen mit ihrem Vater und Lucien, ihrem Mann, ihr Leben, in dass sie sich einfügt und dieses Gefühls-Korsett später sich nicht traut zu verlassen. Doch erkennt sie bald, dass sie sich, um selbst nicht unterzugehen, davon befreien muss. Der Weg dahin ist jedoch schwer und voller Selbstzweifel am eigenen Denken und Handeln. Esther Verhoef hat hier eine Geschichte geschrieben, die nur langsam und anfangs sehr schwerfällig ins Rollen kommt und fast befürchtet man den staubigen Mehltau von Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen. Doch, mit der zunehmenden Anzahl der Figuren kommt die Geschichte ins Rollen und lässt sich immer flüssiger lesen, man taucht tiefer in die Gedankenwelt der Protagonisten ein, die alle so ihre ganz eigenen Probleme haben. Da ist Lucien, der seinen Hass auf den Vaterpflegt, der die Familie wegen einer anderen verließ, Vera, die zwar in dieser Beziehung einen festen Anker sieht, ausbrechen will aber nicht kann oder Nico, zu dem sie eine oberflächliche Beziehung pflegt, die sie nicht vertiefen will. Er schon. Und natürlich Luciens Familie, die anfangs nur erwähnt, später aber zum Haupthandlungsstrang des Buches werden. So setzt Verhoef dem Leser anfangs einzelne Puzzleteile vor, die sich nach und nach zusammensetzen. Das Buch könnte gut die Grundlage für eine Vorabendserie im Öffentlich-Rechtlichen werden. Insgesamt ist die Geschichte aber durchdacht, logisch und so oder ähnlich kann sich tatsächlich Familienleben abspielen. Da gibt es eben zerbrochene Beziehungen, aufkeimendes Glück, Zweifel und Affären, Krankheit und Tod oder neues Leben. Normalzustand. Nichts anderes beschreibt die Autorin hier und die eine oder andere nachdenkliche Stelle bleibt nicht aus. Auch dies ein Plus. Ein normaler Roman über eine Vergangenheit, die die Protagonistin einholt und über ganz normales Familienleben eben. Ein ruhiges Buch, was man durchaus lesen kann.

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