Leserstimmen zu
Kämpfen

Karl Ove Knausgård

Das autobiographische Projekt (6)

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"Kämpfen" von Karl Ove Knausgård ist der letzte Band des einzigartigen, autobiografischen Projektes und unbedingt lesenswert. Inhaltlich hat sich der Autor für seinen Schlussakkord viel Selbstreflexion aufgehoben und Fragen, die schon in den vorausgehenden Bänden aufgeworfen wurden, werden beantwortet. So geht es z.B. um die juristische Auseinandersetzung mit seinem Onkel, der die Veröffentlichung verhindern wollte. Der Autor bietet auch einen Erklärungsansatz, warum sein Werk im norwegischen Original „Min Kamp“ heißt. Vielleicht ist es eine Besonderheit für aufgeklärte deutsche Leser, aber ich fand es problematisch, über Seiten hinweg Original Texte aus Hitlers antisemitischen Pamphlet „Mein Kampf“ in diesem Buch lesen zu müssen. Sich durch diese Gedankenwelt zu quälen, ist anstrengend und unnötig, zumal es keinerlei Erkenntnisgewinn bringt. Die Stärke Knausgårds und der literarische Wert seines Werkes liegen im Autobiografischen, in der Poesie des Unpoetischen. Er sollte es lassen, als Historiker bzw. Analytiker der Geschichte oder Kunstexperte aufzutreten, das können andere besser. Was hingegen keiner besser kann als er, ist das Schreiben über Alltägliches, Unspektakuläres – Hemköp statt Holocaust! Warum dieses Buch dennoch großartig ist, liegt an der Geschichte, die er im letzten Viertel des Buches erzählt und die alles Langatmige der vorherigen Seiten vergessen lässt. Diese Passage von maximaler Intensität schafft Knausgård mit einer Leichtigkeit, die beeindruckt, obwohl sie so traurig ist und allein dafür gehört er in die heiligen Hallen der Literatur. Dieses Buch ist, zusammen mit den fünf Vorgängern, unbedingt lesenswert.,"Kämpfen" von Karl Ove Knausgård ist der letzte Band des einzigartigen, autobiografischen Projektes und unbedingt lesenswert. Inhaltlich hat sich der Autor für seinen Schlussakkord viel Selbstreflexion aufgehoben und Fragen, die schon in den vorausgehenden Bänden aufgeworfen wurden, werden beantwortet. So geht es z.B. um die juristische Auseinandersetzung mit seinem Onkel, der die Veröffentlichung verhindern wollte. Der Autor bietet auch einen Erklärungsansatz, warum sein Werk im norwegischen Original „Min Kamp“ heißt. Vielleicht ist es eine Besonderheit für aufgeklärte deutsche Leser, aber ich fand es problematisch, über Seiten hinweg Original Texte aus Hitlers antisemitischen Pamphlet „Mein Kampf“ in diesem Buch lesen zu müssen. Sich durch diese Gedankenwelt zu quälen, ist anstrengend und unnötig, zumal es keinerlei Erkenntnisgewinn bringt. Die Stärke Knausgårds und der literarische Wert seines Werkes liegen im Autobiografischen, in der Poesie des Unpoetischen. Er sollte es lassen, als Historiker bzw. Analytiker der Geschichte oder Kunstexperte aufzutreten, das können andere besser. Was hingegen keiner besser kann als er, ist das Schreiben über Alltägliches, Unspektakuläres – Hemköp statt Holocaust! Warum dieses Buch dennoch großartig ist, liegt an der Geschichte, die er im letzten Viertel des Buches erzählt und die alles Langatmige der vorherigen Seiten vergessen lässt. Diese Passage von maximaler Intensität schafft Knausgård mit einer Leichtigkeit, die beeindruckt, obwohl sie so traurig ist und allein dafür gehört er in die heiligen Hallen der Literatur. Dieses Buch ist, zusammen mit den fünf Vorgängern, unbedingt lesenswert.

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Nun ist er also da, der sechste und zugleich letzte Band der Romane Karl Ove Knausgårds mit dem Übertitel „Min Kamp“. Knausgård hat das 1200-Seiten-Buch in drei Sequenzen geteilt. Trotzdem wechseln die Zeiten ständig, einmal vor, einmal nach Erscheinen der Bücher, das macht konfus. Im ersten Teil erzählt er über sein Schreiben dieser Roman-Reihe und über die Kämpfe, die er deshalb bereits vor der Veröffentlichung des ersten Bandes mit einem Teil seiner Herkunftsfamilie in Kauf nehmen musste. Sein Onkel, der Bruder seines Vater beschwert sich zunächst beim Verlag, droht mit dem Gericht, wegen der Offenlegung allerlei Familieninterna und wirft ihm Verlogenheit und Geldgier vor. So müssen Namen im Manuskript geändert werden, Passagen ganz entfernt werden. Im zweiten Teil berichtet Knausgård über die Zeit, als das Buch dann tatsächlich erscheint, über Interviews, die er voller Angst und Hadern über sich ergehen lässt und über die Zeit zwischen den Büchern, übers Weiter-Schreiben und vor allem auch den Alltag mit Linda und den Kindern. Der Leser erfährt von den Differenzen zwischen den beiden, dem Leben in Malmö und schließlich auf dem Land. In diesem letzten Teil des Buches erfahren wir auch alles über die bipolare Störung von Linda, eine ziemlich erschütternde Sequenz. Knausgårds Buch endet im Jahr 2011, als der vorliegende Band in Norwegen erscheint und gleichzeitig ein Buch von Linda (gerade ist zum ersten Mal ein Roman von ihr auf Deutsch erschienen mit dem Titel „Willkommen in Amerika“). In beiden Teilen, die an die Art der ersten fünf Bände anknüpfen, geht es dann auch wieder akribisch genau weiter mit der Beschreibung seines Familienlebens: Hier scheut er sich nicht, das genaue Bedienen einer Kaffeemaschine zu beschreiben oder gar den Gang zu Toilette. Es geht um das alltägliche Familienleben mit Ehefrau Linda und den drei Kindern, Vanja, Heidi und John. Seien es Urlaubsreisen oder Besuch von Freunden oder Interviews mit Journalisten, wir erleben mit. Aber auch die eigene Innenwelt wird wie bisher offen gelegt. Ein sehr großer Teil dazwischen ist das Kapitel mit dem Titel „Der Name und die Zahl“ Hier schweift Knausgård immer wieder aus dem Jetzt in philosophische Überlegungen ab. Intensiv kommentiert er hier diverse Werke von Schriftstellern wie Joyce, Shakespeare, Kafka, Proust, Homer oder Philosophen wie Hegel, Nietzsche und Heidegger. Ein Gedicht Celans wird über viele Seiten hinweg interpretiert. Auch vor Hitlers „Mein Kampf“ schreckt Knausgård nicht zurück. Die Auseinandersetzung speziell mit Hitlers Werdegang gestaltet sich ausufernd und befremdet. Ich habe viele Seiten überblättert. Es gibt keinen Zusammenhang zum Rest des Buches. Stellenweise ist das interessant, denn man erhält doch allerhand Informationen über Knausgårds Denkart und philosophische Theorien. Nur erwartet man so etwas nicht in diesem Band und es passt auch nicht wirklich dazu. Das Neue in Band sechs ist vielleicht, dass fast jede reale Situation mit Nachdenken und Hinterfragen durchbrochen wird. Hier reflektiert der Autor über sein eigenes Sein und den Sinn des Ganzen, über die persönliche Freiheit, über die Ehe mit Linda und thematisiert seine Selbstzweifel. Soviel Reflexion war bisher in keinem Band, offenbar hat Entwicklung stattgefunden. Es ist vielleicht das „reifste“ Buch aus dem Zyklus. Dennoch hätten ein paar Kürzungen nicht geschadet, hätte das Buch auch durchaus nur aus Teil 1 und 2 bestehen können.

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Nun ist er also da, der sechste und zugleich letzte Band der Romane Karl Ove Knausgårds mit dem Übertitel „Min Kamp“. Knausgård hat das 1200-Seiten-Buch in drei Sequenzen geteilt. Trotzdem wechseln die Zeiten ständig, einmal vor, einmal nach Erscheinen der Bücher, das macht konfus. Im ersten Teil erzählt er über sein Schreiben dieser Roman-Reihe und über die Kämpfe, die er deshalb bereits vor der Veröffentlichung des ersten Bandes mit einem Teil seiner Herkunftsfamilie in Kauf nehmen musste. Sein Onkel, der Bruder seines Vater beschwert sich zunächst beim Verlag, droht mit dem Gericht, wegen der Offenlegung allerlei Familieninterna und wirft ihm Verlogenheit und Geldgier vor. So müssen Namen im Manuskript geändert werden, Passagen ganz entfernt werden. Im zweiten Teil berichtet Knausgård über die Zeit, als das Buch dann tatsächlich erscheint, über Interviews, die er voller Angst und Hadern über sich ergehen lässt und über die Zeit zwischen den Büchern, übers Weiter-Schreiben und vor allem auch den Alltag mit Linda und den Kindern. Der Leser erfährt von den Differenzen zwischen den beiden, dem Leben in Malmö und schließlich auf dem Land. In diesem letzten Teil des Buches erfahren wir auch alles über die bipolare Störung von Linda, eine ziemlich erschütternde Sequenz. Knausgårds Buch endet im Jahr 2011, als der vorliegende Band in Norwegen erscheint und gleichzeitig ein Buch von Linda (gerade ist zum ersten Mal ein Roman von ihr auf Deutsch erschienen mit dem Titel „Willkommen in Amerika“). In beiden Teilen, die an die Art der ersten fünf Bände anknüpfen, geht es dann auch wieder akribisch genau weiter mit der Beschreibung seines Familienlebens: Hier scheut er sich nicht, das genaue Bedienen einer Kaffeemaschine zu beschreiben oder gar den Gang zu Toilette. Es geht um das alltägliche Familienleben mit Ehefrau Linda und den drei Kindern, Vanja, Heidi und John. Seien es Urlaubsreisen oder Besuch von Freunden oder Interviews mit Journalisten, wir erleben mit. Aber auch die eigene Innenwelt wird wie bisher offen gelegt. Ein sehr großer Teil dazwischen ist das Kapitel mit dem Titel „Der Name und die Zahl“ Hier schweift Knausgård immer wieder aus dem Jetzt in philosophische Überlegungen ab. Intensiv kommentiert er hier diverse Werke von Schriftstellern wie Joyce, Shakespeare, Kafka, Proust, Homer oder Philosophen wie Hegel, Nietzsche und Heidegger. Ein Gedicht Celans wird über viele Seiten hinweg interpretiert. Auch vor Hitlers „Mein Kampf“ schreckt Knausgård nicht zurück. Die Auseinandersetzung speziell mit Hitlers Werdegang gestaltet sich ausufernd und befremdet. Ich habe viele Seiten überblättert. Es gibt keinen Zusammenhang zum Rest des Buches. Stellenweise ist das interessant, denn man erhält doch allerhand Informationen über Knausgårds Denkart und philosophische Theorien. Nur erwartet man so etwas nicht in diesem Band und es passt auch nicht wirklich dazu. Das Neue in Band sechs ist vielleicht, dass fast jede reale Situation mit Nachdenken und Hinterfragen durchbrochen wird. Hier reflektiert der Autor über sein eigenes Sein und den Sinn des Ganzen, über die persönliche Freiheit, über die Ehe mit Linda und thematisiert seine Selbstzweifel. Soviel Reflexion war bisher in keinem Band, offenbar hat Entwicklung stattgefunden. Es ist vielleicht das „reifste“ Buch aus dem Zyklus. Dennoch hätten ein paar Kürzungen nicht geschadet, hätte das Buch auch durchaus nur aus Teil 1 und 2 bestehen können.

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Karl Ove Knausgård steht mit seinem Freund und Fotografen Thomas an einem See in Südschweden. Den Blick aufs Wasser gerichtet erzählt Thomas von Glockenfröschen, kleinen Kröten, die glockenähnliche Klänge von sich geben. Knausgård hört und sieht sie nicht. Wenig später schwärmt sein Freund von den in Höganäs ansässigen Nachtigallen, doch auch sie bleiben abwesend. „Es war wie ein perfekter Anfang für einen Roman.“ Vielleicht auch für eine Rezension. „Kämpfen“ heißt der sechste und letzte Band von Knausgårds Buchprojekt, das sich ganz sicher nicht von ihm als Autor abtrennen lässt. Über den Tod seines Vaters, seine Liebschaften, Träume oder Kindheitserinnerungen hat der norwegische Autor bereits geschrieben, in „Kämpfen“ kehrt jedoch all dies noch einmal wieder. Knausgård kämpft für seine Freiräume, darum, schreiben zu können, mit dem Alltag und vor allem mit jenen Menschen, die seit 2009 öffentlich zu Figuren seiner Romane geworden sind. Endlich ist zu erfahren, wie es seine Ex- oder jetzige Frau aufgenommen haben, ihre Beziehungen öffentlich diskutiert zu wissen. Knausgård zeigt sich dabei wider Erwarten nicht abgebrüht oder narzisstisch, sondern naiv und verletzlich, menschlich. Der Autor schafft es, dass man ihm glauben möchte, dass Schreiben eine sich derart in Abgeschiedenheit vollziehende Handlung ist, dass die sozialen Folgen davon für ihn gedanklich nicht absehbar waren. Die Reaktionen der Angehörigen nachzuempfinden, liest sich berührend, aber auch mal ein bisschen, als hätte Knausgård seine eigene Klatschspalte geschaffen, in der er Interessierten die, zugegeben äußerst beschwerliche, Recherche in der norwegischen oder schwedischen Regenbogenpresse abnimmt. Kurz gefasst hat sich Knausgård dabei keineswegs. Vom Schutzumschlag befreit könnte sich auf den über 1200 dünnen Seiten zwischen den schwarzen Buchdeckeln auch das „Büch der Bücher“, die Bibel, verbergen. Manchmal scheint es, als habe Knausgård, der selbst an der neuesten norwegischen Bibelübersetzung mitgearbeitet hat, genau so ein Buch schreiben wollen, ein Manifest zum Verstehen der Welt und ihrer Zusammenhänge. Eingerahmt von den gewohnten autobiografischen Zoomeinstellungen hat Knausgård fast 500 Seiten Deutung von Welt- und Ideengeschichte, einen Essay, wie er es nennt, in „Kämpfen“ versteckt. Warum jetzt genau? „Die Bücher, die ich gelesen habe, sind ebenso untrennbarer Teil meiner Geschichte wie alles, was ich erlebt habe.“ In diesem etwas übermütigen Philosophie- und Literaturstudium, durch das Knausgård den Lesenden zerrt, verbirgt sich neben Analysen von Lyrik Celans oder Homers Epen auch eine Erklärung für den Namen „Min Kamp“, „Mein Kampf“, den Knausgårds sechsbändiges Projekt im Original trägt: „Hitlers Kindheit und Jugend ähneln meiner eigenen, seine Liebe aus der Distanz, sein verzweifelter Wunsch, etwas Großes zu werden, um sich selbst zu erhöhen, die Liebe zu seiner Mutter, der Hass auf den Vater, sein Gebrauch der Kunst als Ort der Ich-Auslöschung und der großen Gefühle.“ Jene leicht pathetische Reise, die vielleicht als einzelne Publikation hätte veröffentlich werden dürfen, macht zum Glück irgendwann wieder dem Knausgårdschen Mikrokosmos Platz. Vanja, Heidi und John werden heute schon so alt sein, dass sie lesen können, wie ihr Vater über sie gedacht und geschrieben hat. Knausgård verspricht jedoch, sich an diesen Entwicklungen fortan nicht mehr im gewohnt realistischen Stil zu bedienen und lässt seinen Kampf im Jahr 2011 zu Ende gehen. Als Autor von höchst wahrscheinlich fiktionaleren Texten kehrt er jedoch schon im Herbst zu uns zurück. Vielleicht ja mit der Nachtigall.

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