Leserstimmen zu
Unsere Lina muss nichts müssen!

Sabine Jürgens

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wo in Deutschland haben Sie Ihre Anekdoten eingesammelt? Sagen Sie mir am besten nicht nur das Bundesland, sondern die Stadt oder noch besser das Viertel, damit ich um diesen Ort mein Leben lang einen großen Bogen machen kann. Und wie lange mussten Sie suchen, bis das Buch voll war? Mit gemischten Gefühlen lege ich "Unsere Lina muss nichts müssen!" zur Seite. Einerseits bin ich amüsiert über die Anekdoten und freue mich über Ihre Erzählweise. Andererseits habe ich selbst eine Tochter. Kurz schaue ich zum Kinderbett hinüber und frage mich, ob ich Gefahr laufe, selbst so eine Windelterroristin großzuziehen. Lassen Sie mich eine Bemerkung loswerden, die Sie bestimmt schon tausendmal gehört oder gelesen haben: Wir hätten das damals alles nicht gedurft. Zu meiner Zeit (Jahrgang 1994) waren die Kinder zwar auch schon ungezogen, aber ich habe nie in meinem Leben mit Essen geworfen, genausowenig meine Geschwister. Aus meinem ganzen ländlich-bayerschen Umfeld kenne ich keine solch verzogenen Gören, wie sie in Ihrem Buch vorkommen. Auch keine Eltern, die sich von ihren Kindern so auf der Nase herumtanzen lassen. Sollte in einer Generation alles anders geworden sein? Ich erinnere mich an meinen ersten Tag im Kindergarten. Verängstigt hing ich um Mamas Hals und wollte da nicht weg. "Dann pflück' ich dich ab," sagte die Kindergärtnerin, tat genau das und trug mich in den Gruppenraum. Ab dem zweiten Tag musste ich selber dort hin laufen. Ich wollte zwar immer noch nicht, aber was hatte ich für eine Wahl? Meine Mutter brachte mich nur bis zur Garderobe, dann war ich auf mich allein gestellt. Die Kinder in Ihrem Buch sind nie allein: Taxiväter und Helikoptermütter bringen sie morgens bis in den Gruppenraum, holen sie am Nachmittag wieder ab und lesen ihnen ab dann jeden Wunsch von den Augen (oder den zur Schnute verzogenen Lippen) ab, als Entschuldigung dafür, dass sie ihre kleinen Prinzen und Prinzessinnen zwischendurch im Kindergarten abgeben mussten. Äußerst wohlerzogene Eltern sind das, die immer "bitte" sagen und niemals "nein". Sollten Mama oder Papa einmal ungezogen werden, kommt zur Strafe prompt ein Trotzanfall, die Tränen fließen, und die reumütigen Eltern entschuldigen sich tausendmal für ihren Fehler. Dabei scheinen Alter und Einkommen der Eltern eine Rolle zu spielen. Je mehr Karriere gemacht und je später ans Kinderkriegen gedacht, desto eher werden die lieben Kleinen zu kleinen Haustyrannen. Was meinen Sie zu der These, Frau Jürgens? Hochachtungsvoll Christina Widmann

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