Leserstimmen zu
London NW

Zadie Smith

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Taschenbuch
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Voran geschickt: Obwohl London NW nach meinem Vergleich der ersten knapp 30 Seiten gut übersetzt ist, kommt die deutsche Version kaum an die Sprache der Englischen heran. Schwer ins Deutsche zu übertragen Auf Englisch lässt sich in einer Weise kühl und reduziert schreiben, ohne dabei verwaltungstechnisch trocken zu werden, die im Deutschen kaum zu reproduzieren ist. Ich vermute den Grund dafür in der Eigenschaft des englischen als gewachsene weltumspannende Sprache u.a. des ökonomischen Pragmatismus. Dass die deutsche Ausgabe immer ein paar Worte mehr braucht um ein Bild zu zeichnen, und dass natürlich auch der vielfältige Einsatz von Local Colour in den Äußerungen und Gedanken der Protagonisten sich nicht reproduzieren lässt, macht das deutsche London NW ein gutes Stück gemächlicher und weniger scharf, nimmt ihm auch einiges von dem eigentümlichen vielstimmigen Sound des Originals. Das beißt sich natürlich etwas mit der harrschen Lebensrealität der Charaktere zwischen Diskriminierung, sozialem Elend, Aufstiegsträumen (und Erfolgen), Verbrechen und Gewalt. Behält man das im Hinterkopf lässt sich aber auch die Übersetzung gut lesen. Aufgefächerter Großstadtroman London NW kommt mit dem Anspruch eines großen literarischen Wurfes. Die sporadischen Vergleiche mit Ulysses sind nicht übertrieben. Auch hier stehen schlaglichtartige Großstadtszenen im Mittelpunkt, einen einfach von A nach B führen Plot gibt es nicht. Andere mögliche Referenzrahmen wären Dos Passos‘ Manhattan Transfer oder Toni Morrisons Jazz. Was die Darstellung der Szenerie betrifft spielt London NW auf Höhe mit diesen beiden. Mit der Zeit wird allerdings deutlich, dass es bei der inneren Geschlossenheit im Vergleich ein wenig mangelt. Smith hängt ihr Stadtbild über weite Strecken an einzelnen Focus-Charakteren auf, deren wirklich jede einzelne Beobachtung und Tätigkeit Teil der Geschichte wird. Das kann ermüden, ein wenig Abwechslung, musikalisch gesprochen eine echtere Polyphonität hätte vielleicht Abhilfe verschaffen. Auch werden die vier Hauptperspektiven nicht ernsthaft enggeführt, sie stehen im Großen und Ganzen doch recht unverbunden nebeneinander. Vor allem die Geschichten von Leah und Felix begeistern für sich, ein böswilliger Leser mag aber vielleicht den Romancharakter des Buches gleich ganz bezweifeln: die Geschichten haben Stadtteil und Themen gemein, kaum aber ein narratives Ganzes. Schwächerer dritter Teil Das liegt auch daran, dass der Dritte Komplex um Keisha, die Schulfreundin von Leah, die den ersten Teil erzählt und der zumindest halbwegs den ersten Teil einfangen soll, stilistisch deutlich abfällt. Die endlose Aufzählung von Lebensereignissen, die auch optisch als Aufzählung gestaltet ist, soll wohl den pragmatisch-zielstrebigen Charakter Keishas (im chronologisch späteren ersten Teil „Natalie“) unterstreichen. Das bleibt dem Text aber äußerlich, durchdringt ihn nicht wie der raue Rhythmus der Geschichten von Felix und Leah. In den beiden kurzen Schlusskapitel nimmt dann Smith das alte Tempo wieder auf und führt die ersten drei Teile zumindest leidlich zusammen. Ganz hinweg hilft das nicht über den schwachen dritten wie auch darüber, dass die Brüche vorher vielleicht etwas zu gewaltig waren, um sie in einem kurzen Kraftakt zum Schluss zu kitten. Alles in allem aber ist London NW eines dieser sprachlich dichten Werke, die ganz tief in ihre Welt eintauchen und bei denen man es bei einer Lektüre nicht wird belassen können. Besser geht immer, aber das ist schon ein richtig gutes Stück Literatur.

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Mein Herz rast, ich schmelze dahin. ZADIE SMITH ist der Typ Frau, der mich zum Fangirl werden lässt. Die britische Schiftstellerin ist die Verkörperung von absolut cool - sagt man cool noch? -, unglaublich talentiert und très chic. Lena Dunham erwiderte auf die Frage, was sie an ZADIE SMITH schätze (neben ihrem ungeheuren Intellekt natürlich): ihren Stil! Googelt sie mal, sie sieht immer grandios und very fashionable aus. Ein role model in so vielerlei Hinsicht! JAZZ, JAZZ, JAZZ Der Name ZADIE SMITH geisterte bereits so viele Male durch meinen Instagram Stream, dass es eine wahre Schande ist, dass ich nicht früher ein Buch dieser über-smarten Frau in die Hand genommen habe. Ihr Roman LONDON NW ist also mein erster Smith gewesen. Aber sicherlich nicht der letzte Roman aus ihrer Feder. So viel sei an dieser Stelle schon verraten. Zadie Smith wurde 1975 in England geboren. Die Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers wuchs im Nordwesten von London auf (London NW!), studierte Englische Literatur an der Cambridge University (Chapeau!) und verdiente sich ihren Lebensunterhalt nebenbei als Jazzsängerin (OMG). Und sie schrieb, sie schrieb, sie schrieb. Sie habe ihre zwangziger Jahre schreibend verbracht, sagte sie einmal in einem Interview. PURSUIT OF HAPPINESS Schreiben kann Zadie Smith. LONDON NW ist eine Art pursuit of happiness: Leah und Natalie wachsen in einer Hochhaussiedlung auf - immer das feste Ziel vor Augen, ihr Zuhause eines Tages zu verlassen und etwas Größeres, Besseres aus ihrem Leben zu machen. Dreißig Jahre später scheint dieses Ziel erreicht. Der Roman beginnt mit einem Klingeln an der Tür: »Die Klingel! Barfuß stolperte sie durchs Gras, sonnenwirr, schläfrig.« Es ist Shar, die vor der Tür steht und Leahs und Natalies Leben und auch ihre Freundschaft, gehörig durcheinander bringt. LITERATURE IS ART Ich liebe die Art und Weise, wie Smith mit verschiedenen Erzählstilen experimentiert. Generell liebe ich Bücher, die Form und Inhalt miteinander verknüpfen. In LONDON NW ist das auf eine so intensive Art und Weise geschehen, wie ich es bisher in keinem Roman der Gegenwartsliteratur gesehen habe. Es gibt (extrem) kurze Kapitel, lange Kapitel. Manch ein Kapitel kommt gänzlich ohne Satzbau aus. LONDON NW ist ein Kunstwerk, es verlangt dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab, verwöhnt ihn jedoch gleichermaßen mit wundervollen, lyrischen Bildern und Weisheiten: The universe wants you to be free. You must shake yourself free of the negative. The universe wants only that you ask, so that you shall receive. Einmal lesen wird nicht reichen! LONDON NW ist ein Stück Literatur, das wirkt. Das wirken will. Das braucht Zeit. Ich freue mich unbändig darüber, dass ich nun auch endlich diese tolle Frau und ihre Bücher entdeckt habe!

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Leah will keine Kinder. Ihr Mann Michel hingegen schon. Sie ist weiß, er schwarz, und beide leben in London North-West, Schmelztiegel mit den altbekannten Problemen. Dealer hier, Bettler dort, und mittendrin Leah und ihr Mann und das unausgesprochene Problem. Die Pille, die sie heimlich schluckt, die Abtreibung, von der er nichts weißt. Leahs beste Freundin aus Kinderzeit, Natalie, hieß früher Keisha, legte den Namen jedoch ab um sich ihren sozialen Aufstieg zu erleichtern. Aufgewachsen in der selben ärmlichen Hochhaussiedlung wie Leah, ist Natalie heute Anwältin, verheiratet, Mutter. Aber ist sie auch glücklich? Über die Jahre haben sich die beiden Freundinnen auseinandergelebt. Jede steckt in ihrer eigenen Blase und erkennt nicht, dass die andere sie beneidet. Zadie Smiths Roman London N-W ist ein Gesellschaftsporträt. Der Roman beschreibt Ausschnitte aus dem Leben verschiedener Menschen, die in London North-West aufgewachsen sind. In Mitten dieser Multi-Kulti Gesellschaft finden sich Menschen, die sich ihrer Wurzeln immer bewusst sein werden und solche die versuchen, diese abzuschütteln. Keisha/Natalie will ihren ärmlichen Hintergrund mit ihrem Namen ablegen, doch erkennt, dass das Glück nicht automatisch mit finanzieller Sicherheit und Stabilität Einzug hält. Leah hadert damit, den Erwartungen ihres Umfelds gerecht zu werden. Der junge schwarze Felix, dessen Leben wir ebenefalls eine Zeit lang begleiten, kämpft gegen seine eigenen Dämonen an. Der Schreibstil in London N-W ist eindringlich und stellenweise fast poetisch. Oft arbeitet Smith mit kurzen abgehackten Sätzen, versucht den Stream of Consciousness ihrer Figuren zu transportieren, und zumeist gelingt dies auch sehr gut. Die Charaktere wirken sehr real, mit ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten. Besonders die Geschichte der beiden Frauen und ihre Beziehung zueinander empfand ich als sehr gelungen. Dazwischen wirkt Felix Geschichte so, als lese man ein komplett neues Buch. Sie war ebenfalls interessant, aber ich fühlt nicht die Verbindung zum Rest des Inhalts. London N-W überzeugt durch Tiefe, lebendige Charaktere, und einen außergewöhnlichen Schreibstil. Zwischen den Seiten verbirgt sich sogar die ein oder andere Lebensweisheit. So ist mir insbesondere ein Satz im Gedächtnis geblieben: "Glück ist ein Annäherungswert."

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London, das ist die Themse, der Big Ben, Piccadilly Circus und der Buckingham Palace, ein bisschen Royals und Kate Moss, Soho hier, Shoreditch da und überhaupt: viel Glamour. Doch nicht bei Zadie Smith: Ihr Roman „NW London“ zeigt die andere Seite der Stadt, Wohnhaussiedlungen, Armut und Drogen. Welche Rolle spielt die Hauptfarbe für den eigenen Lebensentwurf, die soziale Situation, die Zukunft? Im Nordwesten (also NW, daher der Titel des Romans) Londons ist die Hauptfarbe zwar nicht gleichgültig geworden und auch Rassismus gehört nach wie vor zum Alltag, trotzdem ist dieses Thema hier weniger relevant als in reicheren Stadtteilen. In NW sind alle Bewohner Teil der gleichen niedrigen Schicht, sitzen alle im selben Boot, das ständig zu sinken droht. Leah und Natalie, die beiden Protagonistinnen in Zadie Smiths „NW London“, stammen aus diesem Randbezirk und wachsen gemeinsam auf. Leah ist Weiße (allerdings, und auch das spielt eine Rolle, Irin und keine Engländerin) und Natalie schwarz. Was steckt in einem Namen? Getauft wurde sie auf den Namen Keisha, doch als sie sich verbissen die soziale Leiter hochkämpft, sucht sie sich einen Namen, der weniger leicht zuzuordnen ist. „So ‘ne Kokosnuss. Außen braun, innen weiß“, sagt eine Frau zu Leah über ihre beste Freundin. Sie kennt Leah und Natalie aus der Schule, denn hier in NW kennen sich alle irgendwie – bis auf wenige Ausnahmen schafft es keiner aus dem Viertel. Natalie allerdings hat sich durchgesetzt. Während Leah einen stabilen Job hat, bleibt sie dennoch fest verankert in der Gesellschaft, in der sie aufwuchs. Natalie hingegen hat sich durch ihren Eifer und schließlich dank ihrer Ehe mit dem ebenfalls dunkelhäutigen Francesco in die Oberschicht eingegliedert. Hautfarbe spielt in „NW London“ zwar eine Rolle, determiniert aber nicht zwangsläufig das ganze Leben. Viel wichtiger ist die Herkunft, die Zugehörigkeit zu NW, die die Bewohner immer wieder einholt: „Und beide glaubten, ihre jeweilige Ansicht verdanke sich objektiven Überlegungen und sei in keiner Hinsicht ihrer gegensätzlichen Herkunft geschuldet.“ Natalie bezahlt für ihr neues Leben einen hohen Preis: den Verlust der eigenen Identität. Der größte Teil des Romans, der in fünf Kapitel gegliedert ist, ist ihr gewidmet. Mehrfach wird erwähnt, dass sie sich nur durch die Außenwahrnehmung anderer definiert und selbst keine eigene Persönlichkeit hat. „Tochter-Rolle. Schwester-Rolle. Mutter-Rolle. Ehefrau-Rolle. Anwältinnen-Rolle. Reichen-Rolle. Armen-Rolle. Briten-Rolle. Jamaika-Rolle. Jede Rolle verlangte eine andere Kostümierung.“ Natalies fragmentierte Selbstdarstellung und Identitätsstörung manifestiert sich in einem Doppelleben, das sie im Internet führt. Keishas/Natalies gesamtes Leben ab dem Alter von vier Jahren ist in kurzen, temporeichen Paragraphen erzählt. Durch die Ausführlichkeit ihres Kapitels ist Natalie die Figur, die dem Leser am lebendigsten wird. Leah hingegen, der der erste Teil des Romans gewidmet ist, bleibt in ihren Entscheidungen unnahbar. Sie ist als eine Frau skizziert, die trotz ihres Alters (alle Protagonisten sind Anfang bis Mitte dreißig) krampfhaft an ihrer Jugend festhält und nicht erwachsen werden will. Da ist einem Junkie Nathan, der gegen Ende von „NW London“ eine kleine, aber wichtige Rolle spielt und Natalie in ihrer dunkelsten Stunde kurz begleitet, eine plastischere Figur. Die Kapitel der beiden Frauen werden durch die Perspektive Felix unterbrochen, der mit Leah und Natalie nicht bekannt ist, aber das Panorama der Bewohner NWs erweitert. Der Leser durchlebt einen Tag in seinem Leben: Vom Besuch bei seinem verkifften Vater geht es weiter zu Felix‘ ehemaliger Geliebten. Felix, der inzwischen in einer festen Beziehung ist und den Drogen entsagt hat, möchte sich endgültig von ihr verabschieden. Doch NW ist NW und Felix ist weder vor eigenen Fehlern gefeit noch ist ihm ein glückliches Leben vergönnt. NW gewinnt immer. Die Teile des Romans sind in sehr unterschiedlichen Stilen, zwischen konventioneller Narration und Stream-of-consciousness, gehalten, die zeigen, wie virtuos Zadie Smith ihr Fach beherrscht. Smith beschreibt eine Generation, die emanzipiert in ihren Entscheidungen und trotzdem (oder gerade deswegen) zerrissen und leer ist. „NW London“ ist ein polyphoner und temporeicher Großstadtroman, der kalt bleibt und Hoffnungslosigkeit verbreitet. Aber halt, ein bisschen Hoffnung gibt es doch: Zumindest die entfremdeten Freundinnen Natalie und Leah finden wieder zusammen.

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