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Thea Dorn: Die Unglückseligen

Die Unglückseligen Blick ins Buch

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-8135-0598-6

Erschienen: 26.02.2016
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Unsterblichkeit - Fluch oder Segen?

Von: FOEZ Datum : 14.11.2016

beeed.net/

Würdest du für die Unsterblichkeit deine Seele verkaufen

„Blicken Sie sich um auf der Welt! Wie mögen Sie da ernstlich noch behaupten, der Mensch sei fortgeschritten auf dem Wege der Natur- und Selbsterlösung? Botschaften jagt ihr von einem Erdteil zum anderen; ihr durchfliegt die Lüfte, durchmesst das Weltall, lässt die Nacht heller leuchten als den Tag – allein zu welchem Zwecke? Herrscht eine neue Harmonie, ein neues Glück? Nicht minder elend seh ich die Menschen denn zu meinen frühen Tagen. Nie zuvor nicht lag Natur so stumm, so leblos, so zergliedert da, und deine wachere Menschheit – gleich einer Horde Büffel trampelt sie dumpfwütig über alles hinweg. Dein Fortschritt: Hat einen einzigen Grashalm er zum Sprechen gebracht? Wisst ihr dem Tautropfen zu lauschen, wenn er des Morgens sich vom Blatte löst? Darf eine einzige Naide sich freuen, weil der Mensch sie mit wissender Hand zu sich hat emporgehoben, und beide nun versöhnt in neuer Eintracht einander forterkennen?“
Thea Dorns Roman „Die Unglückseligen“ ist ein Roman von dieser und vergangener Zeit, ein Roman der Romantik und der Gegenwart, verknüpft durch die Genforschung. In den Hauptrollen des an „Faust“ erinnernden Romans, ein 42-Jähriger Physiker, eine Molekularbiologin und der Teufel, die alle drei verschiedene Sprechweisen haben, die der Autorin unheimlich gut gelingen; wie gut also muss sich Thea Dorn in die Protagonisten eingelebt haben um so gut zu schreiben, als ob sie in den zwei Zeiten gelebt hätte. Sie schafft es, ein wirklich ernstes Thema intelligent und humorvoll zu verpacken.

Handlung (dem Verlagstext entnommen): Johanna Mawet ist Molekularbiologin und forscht an Zebrafischen zur Unsterblichkeit von Zellen. Während eines Forschungsaufenthalts in den USA gabelt sie einen merkwürdigen, alterslosen Herrn auf. Je näher sie ihn kennenlernt, desto abstrusere Erfahrungen macht sie mit ihm. Schließlich gibt er sein Geheimnis preis. Er sei der Physiker Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776.
Starker Tobak für eine Naturwissenschaftlerin von heute. Um seiner vermeintlichen Unsterblichkeit auf die Spur zu kommen, lässt sie seine DNA sequenzieren. Als Johannas Kollegen misstrauisch werden, bleibt dem sonderbaren Paar nur eines: die Flucht, dorthin, wo das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis und schwarze Romantik sich schon immer gerne ein Stelldichein geben – nach Deutschland.

Ihre Protagonisten verkörpern das Trio Ritter – Tod – Teufel, der Physiker Johann Wilhelm Ritter, der sich tatsächlich auch wie ein Ritter verhält und dem Teufel persönlich sind die Namen bereits gegeben, was ich sehr interessant fand, ist die Tatsache, dass der Nachname der Molekularbiologin (Mawet) im Hebräischen Tod bedeutet.

Fakt am Rande: der wahre Johann Wilhelm Ritter (geboren 1776 in Schlesien / gestorben 1810 in München) war auf der Suche nach Antworten, besessen davon, alles zu verstehen und sogar bereit, dafür grausame Experimente am eigenen Leib durchzuführen.

Im Roman scheitert er aus unerfindlichen Gründen daran und lebt bereits 240 Jahre.. inzwischen hat er sogar seine Meinung geändert, er ist der Überzeugung, dass der Mensch gewisse Grenzen nicht überschreiten sollte, doch Dr. Johanna Mawet will neue wichtige Erkenntnisse für ihre Forschungen, egal welche Konsequenzen es hätte.

»Im Leben hatte er sterben, im Tode leben wollen. Jetzt wusste er weder, was das eine noch das andere war.«
(Teil 1, Kapitel II, Seite 35)

»Die früheren Forscher waren blind für das Leben im Unsichtbaren. Glauben Sie nicht, dass die Natur sich freut, wenn der Mensch nun wirklich zu begreifen beginnt, wie kunstvoll sie im Innersten funktioniert?«
»Funktioniert!«, äffte er sie nach. »An dies Wort habt ihr Professionisten euer Herz gehängt! Anstatt den Weltatem zu fühlen, der alles durchströmt, seht ihr Teile bloß und meint gar noch, ihr gewönnet etwas, wenn’s immer kleinere und kleinere Teile werden, die ihr sichtbar macht. Ich sage dir, was ihr gewinnt: Den Lebenstod vollendet ihr, der mit Descartes und Newton hat begonnen. Kein Klingen von Sphären hört ihr mehr, nur eines Uhrwerks Rattern und Klappern, und seid’s erst zufrieden, wenn ihr selbst das noch zum Verstummen gebracht.«
(Teil 1, Kapitel VI, Seite 127 / 128)

Johanna will auf alle Fälle Ritters Genom entschlüsseln, um seiner Unsterblichkeit auf die Schliche zu kommen. Zu Johannas Glück ist der Physiker in sie verliebt und lässt sich überreden, mit ihr nach Deutschland zu kommen und ihr Versuchskaninchen zu werden. Daher spielt der erste Teil des Romans in den USA und der zweite in Deutschland. Nach unzähligen Experimenten kommt es jedoch zu einem Umdenken seitens der Molekularbiologin.

Die recht neutral gehaltene Erzählform von Thea Dorn wird öfter von der drinnen Hauptperson, dem Teufel, unterbrochen, dieser spricht den Leser direkt an, ebenso auch Johanna und Ritter, doch beide können ihn nicht hören. Der Teufel kommentiert jederzeit die Handlung, gibt Hintergrundwissen, um die Ereignisse auch ja richtig zu stellen und behält seine Meinung auch nicht für sich. Für ihn käme der Erfolg Johannas, als Sieg über Gott gleich, denn dieser wäre für die Menschen überflüssig, wenn die Angst vor dem Tod nicht mehr existiert. Der Teufel ist es auch, der das erste und letzte Wort hat, doch wen von unseren beiden Hauptcharakteren er erhört müsst ihr selber lesen �� Ich war auf jeden Fall begeistert von der Geschichte und kann sie jedem empfehlen, der diese Thematik interessant findet und dem auch schon Goethes Faust gefallen hat.

Zudem hätte man wirklich kein besseres Titelbild auswählen können als „Death and the Maiden“ von James C. Christensen, diese erinnert an die Hauptfigur Johanna Mawet und da ihr Name bereits Tod bedeutet, bekommt das Bild eine weitere sehr interessante Bedeutungsebene.


Auch hätte für diesen Roman wohl kein passenderes Titelbild ausgewählt werden können als »Death and the Maiden« von James C. Christensen. Sieht man darin die Hauptfigur Johanna Mawet und erinnert, dass ihr Name Tod bedeutet, so bekommt das Bild noch einmal eine weitere Bedeutungsebene.

Thea Dorns Roman »Die Unglückseligen« ist im Februar 2016 im Knaus Verlag erschienen – gebunden, 560 Seiten, EUR 24,99, ISBN 978-3813505986.

Die Sache mit dem ewigen Leben

Von: Inas Bücherkiste Datum : 12.11.2016

inasbuecherkiste.blogspot.de

Die deutsche Molekularbiologin Dr. Johanna Mawet befindet sich im Roman Die Unglückseligen von Thea Dorn auf einem Forschungsaufenthalt in einer Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Sie als ehrgeizig zu beschreiben, wäre gnadenlos untertrieben: Den letzten Kontakt zu ihren Eltern gab es aus Zeitgründen vor zwei Jahren, sie hat keine Beziehung und schon gar keine Freunde, das Forschungslabor ist de facto ihr Wohnzimmer. Dort macht Johanna die Nacht zum Tag.

Beim Einkaufen im Supermarkt trifft Johanna auf einen Tütenpacker, der sich höchst merkwürdig benimmt: Als er sie sieht, beginnt er vor Angst zu schlottern und läuft schreiend vor ihr davon. Kein Wunder: Der Mann, dessen Name Johann Wilhelm Ritter ist, glaubt in ihr eine Frau zu erkennen, mit der er etwa 200 Jahre zuvor Kontakt hatte. 200 Jahre? Ja! Bei Ritter handelt es sich um einen Physiker und Autodidakten aus der Zeit der Romantik, der bereits 1810 im Alter von 33 Jahren gestorben ist. Das behaupten zumindest die Geschichtsbücher. Auf den heute vergessenen Ritter gehen die Entdeckung der UV-Strahlen und der Bau des ersten Akkumulators zurück.
Beim Anblick von Johanna glaubt der offenbar unsterbliche Ritter nun, sie sei die Verkörperung des Teufels. Wer würde da nicht die Flucht ergreifen?

Doch Johanna begegnet dem seltsamen Mann, der keineswegs wie ein Greis aussieht, wieder und nimmt ihn, der offensichtlich allein und arm ist, mit zu sich nach Hause. Seine altmodische Ausdrucksweise hält sie zunächst nur für verschroben, auch die Behauptung, er sei bereits 240 Jahre alt, stuft sie als Lüge ein. Doch nach und nach bröckelt ihre Skepsis und sie beginnt, nachzuforschen. Tatsächlich stellt sie fest, dass Ritter sie nicht belogen hat. Das stachelt sie an und weckt ihre Neugier: Sie selbst ist schon seit Jahren dem Problem auf der Spur, wie man die Sterblichkeit der Menschen beenden kann. Dieser Reisende durch die Zeit könnte nun der Schlüssel zu ihrem wissenschaftlichen Erfolg sein. Sie überlegt, was sein Leben so sehr von den Leben seiner Zeitgenossen unterschieden haben könnte, dass er praktisch alterslos wirkt und sich seine Zellen derart schnell regenerieren, dass ihm auch üble Verletzungen nichts anhaben können. In den Gesprächen mit Ritter erklärt ihr der Physiker, dass sein Hauptaugenmerk damals auf der Erforschung der Elektrizität gelegen habe. Johanna kann mit seinen pathetisch vorgetragenen Erklärungen zunächst nichts anfangen, Ritter überredet sie jedoch, sich unter seiner Regie den selben Versuchen auszusetzen, die er seinerzeit an sich durchgeführt hat. Sie willigt ein und erleidet Höllenqualen, die sie zwar verletzen, aber nicht töten. Ist die Elektrizität der Schlüssel zur Unsterblichkeit?


Die Unglückseligen kreist um die Frage, ob die Abschaffung des Sterbens erstrebenswert ist oder nur eine elende Quälerei. Johannas wissenschaftliches Ziel deckt sich mit den Vorstellungen, die die heutige Humangenetik und Biomedizin antreiben. Die Wissenschaftlerin will sich nicht damit abfinden, dass die Menschen mit ihrem Tod ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihr Können unwiderruflich mit ins Grab nehmen. Aus der Sicht des Physikers Ritter, der in seinen wissenschaftlichen Hochzeiten um das Jahr 1800 von Goethe verehrt wurde und mit dem Schriftsteller und Philosophen Novalis befreundet war, ist der Zustand der Unsterblichkeit nicht erstrebenswert, er wäre gern schon viel früher gestorben.
Sein im Roman beschriebenes Verhalten passt jedoch nicht zu seinem Lebensweg: Er spricht und benimmt sich so, als befinde er sich noch immer im beginnenden 19. Jahrhundert. Da er sich jedoch nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, in der Polarmeerregion, im Himalayagebirge, in Jerusalem und als Eremit in der Wüste aufgehalten hat und immer wieder mit Frauen liiert war, bis diese starben, ist es nur schwer vorstellbar, dass sich ein intelligenter Mann, der schon in seiner Kindheit seine Umgebung sehr genau beobachtete, sich nicht weiterentwickelt haben sollte.

Die Textabschnitte, die Johanna oder Ritter zuzuordnen sind, lassen sich anhand der sehr unterschiedlichen Ausdrucksweise der beiden erkennen: Johanna spricht klar und prägnant und streut gern englische Ausdrücke in ihren Redefluss ein; Ritter hingegen artikuliert sich so, als sei er der Frühromantik frisch entstiegen: Seine Sätze sind lang, und es fällt ihm nicht leicht, schnell zum Kern einer Aussage zu kommen.
Die dritte Figur, die sich immer wieder kommentierend einschaltet, ist der Teufel. Ihm wurden von Thea Dorn im altmodischen Deutsch geschriebene Verse zugeordnet.
Die Autorin bedient sich bei der Darstellung von Nebenfiguren auch einiger Dialekte: Bayrisch, Schwäbisch und Schlesisch sollen vermutlich authentisch wirken und dem Leser vermitteln, sich in einem bestimmten Zeitabschnitt zu befinden. Dieser Wechsel bremst jedoch den Lesefluss deutlich ab und wäre nicht immer nötig gewesen.

Interessant sind allerdings die Passagen, die sich mit der Humangenetik beschäftigen. Zusammenhänge werden wissenschaftlich dargestellt, ohne dass der Leser sich dabei langweilen würde. Hier wird deutlich, wie gründlich Thea Dorn recherchiert hat.

Die Idee zum Buch hat mir sehr gut gefallen, die Ausführung hatte ein paar Schwächen. An einigen Stellen hätte der Text durchaus gestrafft werden können, ohne dass der Inhalt des Buches darunter gelitten hätte. Deshalb kann ich es zwar empfehlen, aber leider nicht uneingeschränkt.

Was willst du mit dem Ritter? Sprich? Engegnete...

Von: Bine Datum : 29.10.2016

beautyglace.blogspot.co.at/

Nun gut, wohlan ein andrer Wälzer wart gelesen und wird nun zurückgestellt in das Regal der andren Geschichten.

Keine Angst ich werde diese Schreibweise nun nicht durchziehen und zugegeben, dieses Genre ist eigentlich nicht so meins. Aber der Klappentext hat sich doch sehr interessant angehört.

Es geht um die deutsche Molekularbiologin Johanna Mawet, die in Sachen Unsterblichkeit forscht. Ja warum sich auch mit Kinkerlitzchen aufhalten, wenn man auf einen Schlag sämtliche Forscherpreise samt Nobelpreis abstauben kann. Die Menschen würden auf einen Schlag zu Götter gemacht und die Geburtenrate würde angesichts der Unsterblichkeit auch zurückgehen.

Das ewige Leben ohne Krebs und dem schnöden sterben. Keine Angst vor dem Tod. Tja, auch in diesem Buch schaltet sich dieser ab und zu ein...oder ist es Gott....oder gar der Teufel?

Wie auch immer, hauptsächlich erfährt man von der Geschichte durch die Sicht von Johanna und dem Physiker Johann Wilhelm Ritter, der 1776 auch in Deutschland geboren wurde. Beide leben und agieren in unserer Zeit. Wie das sein kann? Naja der gute Ritter hat schon des öfteren versucht seinem Leben ein Ende zu bereiten, aber er wurde sozusagen mit dem ewigen Leben "verflucht". Er hat sich selbst in seiner Zeit mit der Alchemie und Unsterblichkeit befasst und dürfte etwas an seinen Experimenten richtig gemacht haben!

Johanna und der Ritter treffen in Amerika aufeinander und Johanna nimmt einiges auf sich um hinter das Geheimnis des ewigen Lebens zu kommen. Sie schafft es, den Ritter Johann nach Deutschland zu "schmuggeln" und er darf fortan in ihrer Wohnung leben. Johanna ist, nachdem klar ist, dass sie es nicht mit einem psychisch Kranken zu tun hat, unbedingt hinter das Geheimnis der Unsterblichkeit kommen und sieht Johann eher wie eine Laborratte, als einen Menschen an. Leider verhält sich dieser nicht allzu pflegeleicht.

Das hat mich auch etwas gestört an der ganzen Sache. Der gute Johann Wilhelm Ritter lebt seit 1776, hat einiges durchgemacht und einige Zeiten durchlebt....und spricht noch immer wie anno dazumals? Wäre er aus einem Eisblock geschmolzen worden, so würde ich dieses Phänomen verstehen, aber so?

Naja der gute Unsterbliche ist natürlich sehr schrulig und eigen und dadurch doch wieder liebenswert. Dennoch fand ich die Geschichte etwas langatmig. Etwa ab Mitte des Buches wird der Ritter erst nach Deutschland geflogen und auch hier entwickelt sich alles sehr zäh und träge. Man hätte auch weniger Seiten verschwenden können, dennoch ist die Geschichte neu und wirklich unterhaltsam.

Die Unglückeligen

Von: Merendina Datum : 05.10.2016

www.merendinabloggt.wordpress.com

Thea Dorn kannte ich als Autorin bisher noch nicht. Der Klappentext klang für mich aber sehr interessant, deswegen habe ich mich sehr auf die Lektüre des dicken Hardcoverbuches gefreut. Auch das Buchcover finde ich sehr gelungen. Man sieht darauf eine blond gelockte, nackte Frau, die ein Skelett umarmt. Auf Skelett und Frau ist in weißen Buchstaben der Buchtitel „Die Unglückseligen“ gedruckt.

Johanna Mawet ist Molekularbiologin und forscht an Tieren um unsterbliche Zellen und eine Möglichkeit für ewiges Leben zu finden. Ihre Forschungen führen sie in die USA, wo sie auf einen etwas seltsamen, skurrilen Mann trifft, der vorgibt, der Physiker Johann Ritter zu sein. Dieser wurde allerdings bereits im 18. Jahrhundert geboren… Sollte er nicht schon lange gestorben sein und was hat es mit dem Mann auf sich, der angeblich über 200 Jahre alt sein soll? Handelt es sich hier um einen Spinner oder gibt es wirklich Menschen, die das unendliche Leben haben? Johanna schließt mit Johann schon bald eine Freundschaft und möchte mehr über den Mann, seine Geschichte und sein Leben herausfinden. Ein Gentest beweist schließlich, dass der alte Mann scheinbar die Wahrheit spricht…

Das Buch ist sprachlich bestimmt nicht jedermanns Geschmack. Auch ich war am Anfang nicht sicher, ob mir dieser Roman gefallen würde, denn nach den ersten Seiten war er für mich schon etwas seltsam und konfus. Zuerst wollte ich gar nicht mehr weiterlesen, habe mich dann aber dazu gezwungen und ich muss sagen, für mich hat es sich gelohnt.

Thea Dorns Sprache ist gewöhnungsbedürftig und man braucht meiner Meinung auch etwas an Vorbildung um dem Buch so richtig folgen zu können. Johanna spricht in der Sprache des 21. Jahrhunderts, Johann in der Sprache der Romantik, wobei ich sagen muss, dass sich beides im Werk prima ergänzt. Man sollte auch Goethes „Faust“ gelesen haben um besser mit der Thematik klarzukommen. Und auch des Englischen sollte man mächtig sein, denn Dialoge werden auch in dieser Sprache geführt.

Auch wenn ich anfangs beinahe zu lesen aufgehört habe, habe ich mich als „Faust“-Fan doch dazu gezwungen weiterzuschmökern. Das war auch gut so, denn ich fand das Buch sehr interessant und spannend. Deswegen vergebe ich volle Punktzahl: fünf Sterne.

Ein anspruchsvoller Roman, der nichts für Menschen ist, die leichte Unterhaltung bevorzugen.

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen

Von: Yvonnen Datum : 03.09.2016

https://umgebucht.wordpress.com/

Ansprechend gestaltet und durch das Cover des Buches stilvoll in Szene gesetzt, führt die Umarmung einer jungen Frau und eines Skelettes bereits bildlich zu der Thematik Leben und Tod in dem Roman „Die Unglückseligen“ von Thea Dorn hin. Die deutsche Molekularbiologin Johanna Mawet will darin durch genetische Manipulationen den unsterblichen Menschen schaffen und trifft eher zufällig in Amerika auf den 1776 geborenen Physiker Johann Wilhelm Ritter. Während der 240jährige hofft, dass die Wissenschaftlerin ihn von seiner Lebensodyssee endlich erlösen kann, will Johanna mit seiner Hilfe den Code der Sterblichkeit knacken. Von schwarzer Romantik und wissenschaftlichem Streben beseelt, führt beide der Weg zurück nach Deutschland und in eine ebenso verzweifelte wie besessene Suche nach Antworten.

„Die Unglückseligen“ ist ein nachdenklicher Wissenschaftsroman, der mich nebst liebevoller und ansprechender optischer Gestaltung auch durch teilweise humor- und gefühlvolle sowie gefühlsbetonte Sprache längst vergangener Zeiten zu begeistern wusste.

Jedes neue Kapitel ist mittels römischer Ziffern durchnummeriert und beginnt danach mit einem schmückenden Anfangsbuchstaben (Initial), was optisch das zumeist aus der Goethezeit stammende Sprachflair dieses Buches unterstreicht. Während Ritter und eine altertümlich anmutende Erzählstimme, die zwischendurch immer wieder kommentiert und bewertet, sich eine weitschweifige Darstellungs- und Erzählweise teilen, die an die Schriften der Romantiker erinnert, drückt sich Johanna Mawet in moderner Sprache aus. Bei Dialogen in Amerika, gestalten sich die Texte zu einem Mischmasch aus Deutsch und Englisch. Auf eine Übersetzung wird hier verzichtet, was jedoch für mich den Lesefluss nicht gestört hat. Schwer getan habe ich mich hingegen mit Dialogen, die in bayrisch oder schwäbisch abgehalten wurden. Da half nur langsames lesen weiter, was dennoch Lesespaß bereitete , da dies die betreffenden Figuren lebhafter machte.

Für Auflockerung sorgten auch gelegentliche Einschübe von Briefen, Auszügen aus einem Lehrbuch oder der Wahrnehmung einer kleinen Fledermaus, die sich durch unterschiedliche Schriftarten vom normalen Text abgrenzten. Auch eine Szene wie aus einem Comic und ein mitsamt Noten abgedruckter Liedtext sorgen für Abwechslung. Endlose Buchstaben-, Zahlen- und Zeichenkolonnen machen die Genomfragmente als undurchschaubar erlebbar.

Insgesamt behandelt das Buch eine interessante Thematik, auch für Menschen, die weder der Molekularbiologie noch der Physik verfallen sind. Wurde es für mich persönlich zu wissenschaftlich und nicht verstehbar, tat dies dem Gesamtverständis des Buches dennoch keinen Abbruch. Wichtiger waren für mich die leidenschaftlichen Gespräche zwischen Ritter und Johanna, die die unterschiedlichen Standpunkte nachvollziehbar machten. Durch die Wechsel zwischen Realität und Erinnerung, klärte sich im Verlauf des Buches Ritters Vergangenheit zu Teilen auf. Wunderbar auch, wie nebenbei ein skuriles Gesellschaftsbild gezeichnet wurde, in dem nicht nur der Jugendwahn zweifelhaft ist.

„Die Unglücksseligen“ ist für mich ein durch und durch besonderes Buch, das sich nicht so nebenher lesen lässt, da es dem Leser doch einiges an Konzentration, Flexibilität und Sprachvermögen abverlangt. Etwas Vergleichbares habe ich bislang nicht gelesen und so wird es mir sicherlich noch lange in guter Erinnerung bleiben.

Wahnsinn

Von: Das Buchmonster Datum : 02.08.2016

dasbuchmonster.blogspot.com/

Inhalt:

Die Molekularbiologin Johanna forscht mit Hilfe von Zebrafischen an der Unsterblichkeit. Sie trifft auf Johann, der irgendwie mysteriös ist. Er scheint alterlos zu sein und in siener Nähe geschehen verwirrende Dinge. Er scheint Johanna anzuziehen und zu verteufeln in gleichem Maße. Johann beichtet ihr, dass er aus dem 18. Jahrhundert ist. Da die Unsterblichkeit ihr Anliegen ist, ist sie sehr interessiert und lässt Johanns DNA sequenzieren. Doch bald schon bemerken diese Unmöglichkeit andere. Johann und Johanna ahnen, dass sie fliehen müssen.



Die Story:

Die Geschichte ist mal etwas ganz anderes, der Tonus klingt nach Science Fiction, doch der Hintergrund ist ein klassischer, moderater. Eine sehr interessante Mischung. Ich habe mich beim Klappentext vor allem auf die wissenschaftliche Facette gefreut, die nicht zu kurz kommt. Dies war auch, so wie ich es mir gedacht habe, der interessanteste Teil der Geschichte. Ich mag aber generell die Thematik rund um Forschung und Wissenschaft.

Die Protagonisten:

Johanna ist die moderne Akademikerin, sie kommt auch so herüber. Sie wirkt unterkühlt und sachlich und macht es dem Leser schwer, sich mit ihr zu identifizieren, wobei ich auch glaube, dass dies nicht wirklich das Ziel der Autorin war. Gefühlstechnisch erhält man von Johann mehr Input, wobei dieser ziemlich ausschweifend wird und ins Sinnlose abschweift, also insgesamt ist er ein anstrengender Kandidat. Mit beiden Protagonisten und dem Teufel hatte ich so meine Probleme gehabt, da ich keine Beziehung zu ihnen aufbauen konnte.


Der Stil:


Tja nun, der Stil ist in diesem Buch nun wirklich super interessant. Das stärkste Stilmittel, das die Autorin wählt ist, recht ursprünglich, die Sprache. Nicht nur die Charakterisierung, sondern auch die Geschichte der Figuren werden durch die Sprache übermittelt. Das Buch hat verschiedene Wechsel der Perspektiven und je nachdem, in welcher Perspektive man sich befindet, ist das Buch sprachlich sehr unterschiedlich. Johann, der schließlich aus dem 18. Jahrhundert kommt, kommt sprachlich diesem Jahrgang auch sehr nahe, noch dazu ist er ausschweifend und schmückt gerne aus, was sich gut mit meinem Bild aus diesem Zeitalter deckt. Johannas Passagen dagegen waren für mich einfacher zu lesen, da sie eine klare sachliche Sprache hat, die zwar auch mit Fremdwörtern untermauert ist und auch niveauvoll ist, jedoch angenehmer als die Perspektiven des Teufels oder Johanns.
Der Anfang war ein regelrechtes Kuddemuddel bei mir. Ich wusste nicht, wer wann wie wo was, es hat auch lange gedauert, bis ich erstens das System verstanden habe und zweitens ich unterscheiden konnte, wer gerade was macht oder spricht.
Zwischendurch befinden sich in dem Buch noch Ausschnitte aus unterschiedlichen Zeitepochen und unterschiedliche Stilrichtungen: ein Gedicht konnte es sein, genausogut wie ein Comicausschnitt. Diese haben die Stimmung teilweise kontrastiert und betont.


Fazit:

Ich hatte anfangs große Probleme mit dem Buch, es war sehr verwirrend. Die Geschichte und die Sprache haben mir aber sehr gut gefallen, es gibt ein paar Passagen, deren Sinn verstehe ich bis jetzt noch nicht so ganz. Das Buch ist auf gar keinen Fall ein Buch für zwischendurch. Ich bin häppchenweise vorgegangen und selbst da war es mir zu komplex. Des öfteren sind die Textpassagen unnötig langwierig, mein Mantra war an diesen Stellen immer wieder: das Wort genießen! Und dies habe ich auch getan und war letztendlich froh darüber.

Wenn man mich fragt: keine einfache Kost! Kann man hier von einem Meisterwerk sprechen? Meiner Meinung nach ja! Ich bin insgeheim auch fürchterlich stolz auf mich, dieses Buch gelesen zu haben. Super Geschichte, wahnsinnig gute Sprache, ab und zu etwas langwierig und mega anstrengend. Dies ist mein Fazit zu "Die Unglückseligen"


Von mir gibt es 4 Monsterpunkte.

Unsterblichkeit – Fluch oder Segen?

Von: Seitensegler - Buchblog Datum : 11.07.2016

seitensegler.de

Die Molekularbiologin Johanna Mawet forscht an der Unsterblichkeit von Zellen durch artübergreifende Genetik. Während ihrem Forschungsaufenthalt in den USA trifft sie auf einem mysteriösen, sonderbaren und verwirrt wirkenden Mann. Schon bald kommt Johanna hinter sein Geheimnis: Der Fremde ist niemand geringeres als Johann Wilhelm Ritter, ein deutscher Wissenschaftler, der 1776 geboren wurde. Ritter könnte der Schlüssel zu Johannas Forschung sein. Um zu verstehen, was Ritter unsterblich macht, lässt sie seine DNA von ihren amerikanischen Kollegen sequenzieren. Als diese anfangen misstrauisch zu werden, bleibt Johanna und Ritter nur die Flucht zurück nach Deutschland um dort das Geheimnis um Ritters Alter zu lüften.

Die Thematik rund um die Forschung an der Unsterblichkeit finde ich persönlich unheimlich interessant und wünschenswert. Die biologischen Fakten, die in dem Buch angeführt werden, über die Sterblichkeit des Menschen und den Zerfall des Körpers, sind einerseits sehr spannend, aber auch beängstigend, weil sie einem in aller Deutlichkeit vor Augen führen, wie wir quasi jetzt schon anfangen zu sterben. Durch Johannas Arbeit bekommt der Leser einen Blick hinter die Kulissen der Forschung. Ein Grundverständnis von Englisch und einigen biologischen Fachwörtern wird vorausgesetzt, wenn man der Geschichte in allen Details folgen möchte.
Der Schreibstil ist anspruchsvoll aber trotzdem im Einzelnen an die Charaktere angepasst. Johanna spricht modernes Akademiker-Deutsch, was wirklich gut zu verstehen ist. Ritter und auch der Teufel, der gelegentlich auftaucht und den Leser direkt über das Geschehen anspricht, sprechen veraltetes Romantik-Deutsch, mit sehr stark ausgeschmückter Sprache. Manchmal verfallen beide ins Lyrische und aus dem Gesagten lässt sich leider kaum noch eine Bedeutung ziehen. Generell ist es ab und zu schwer zu verstehen, wer gerade spricht und auf was sich bezogen wird. Ritter schweift öfter mal ab und der Leser befindet sich ohne Vorwarnung in einem Rückblick aus seinem Leben oder in einem inneren Monolog Ritters, der nur schwer mit der Handlung des Buches in Verbindung gebracht werden kann. Manchmal ergaben Abschnitte des Buches beim ersten Lesen absolut kein Sinn für den Verlauf der Geschichte, und erschlossen sich erst im Nachhinein beim Weiterlesen. Besonders interessant ist die Form und die Gestaltung, in der die Geschichte erzählt wird. Es wird öfter auf verschiedene Medien zurückgegriffen wie Lieder, Ausschnitte aus Büchern, Comicblasen, eine Art Filmskript über das Geschehen, und viele, viele andere abwechslungsreiche Methoden.
Schon sehr lange bin ich auf der Suche nach einem „biologischen Sci-Fi-Roman“ und mein Wunsch wurde mir durch „Die Unglückseligen“ endlich erfüllt. Auch wenn die Sprache anfangs etwas abschreckend ist, sollte man sich auf keinen Fall davon beirren lassen. Der Roman vereint so viele spannende Bereiche der Biologie und der Forschung, die das Buch so lehrreich und interessant machen.

Kühne Forschung und düstere Romantik

Von: Larissa - Quietschfideles Datum : 10.07.2016

www.quietschfideles.wordpress.com

Unsterbliche treffen Leser vor allem in Science-Fiction- und Fantasy-Romanen. Dass sie dort öfters mal auftauchen, hängt wohl mit unserer allgemeinen Faszination mit der Idee eines ewigen Lebens und unserer Abneigung gegenüber dem Tod zusammen. Dass sie in Gesellschafts- oder Liebesromanen eher selten einen Auftritt hinlegen, könnte damit zusammenhängen, dass es der Wissenschaft eben (noch) nicht gelungen ist, den Menschen (oder sonst irgendein Lebewesen) unsterblich zu machen oder zumindest den Alterungsprozess signifikant zu verlangsamen.
Was hat also ein verrückter Physiker, der laut Wikipedia zu Beginn des 19. Jahrhunderts verstorben ist, in einem Roman zu suchen, der in der aktuellen Zeit spielt?

Die Antwort ist einfach: Autorin und Philosophin Thea Dorn beschäftigt sich in ihrem aktuellen Werk eben mit der Frage nach der Unsterblichkeit und lässt dafür kurzerhand eine historische Persönlichkeit, Johann Wilhelm Ritter, der unter anderem mit Goethe und Alexander von Humboldt verkehrte, auferstehen bzw. einfach weiterleben.

© Knaus Verlag„Die Unglückseligen“ beleuchtet in Romanform sowohl die philosophischen als auch die rein wissenschaftlichen Aspekte des Alterns und der (Un-)Sterblichkeit. Das Setting: Eine erfolgreiche und kühne Molekularbiologin mit Namen Johanna reist zu einem Forschungsaufenthalt in die USA, wo sie ihre genmanipulierten Mäuse weiter züchten und immer älter werden lassen kann – um so hoffentlich auch auf das Geheimnis des menschlichen Verfalls zu stoßen und ihn zu stoppen.

Doch etwas, besser gesagt jemand, kreuzt Johannas Weg und Pläne: Johann Wilhelm Ritter, ein Mann von unschätzbarem Alter mit schwarzer Wallemähne und weißen Brusthaaren gibt der klar denkenden und pragmatischen Johanna Rätsel auf. Erst recht, als er ihr eröffnet im 18. Jahrhundert geboren worden zu sein und ein damals berühmt-berüchtigter Physiker zu sein, der vor allem mit Galvanisierungsexperimenten am eigenen Leib von sich reden machte.

Statt sich mit ihrem eigentlichen Projekt zu beschäftigen, streitet Johanna sich mit dem eigensinnigen Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten herum und beginnt, sich seiner DNA statt der ihrer Mäuse zu widmen. Die Ergebnisse und all ihre Erlebnisse mit Ritter schockieren und faszinieren sie gleichermaßen.

Thea Dorns „Die Unglückseligen“ ist ein spannender Wissenschaftsroman, der auf fiktiver Ebene den aktuellen Forschungsstand in der Molekularbiologie und damit die Versuche der Forscher, das Leben des Menschen zu verlängern, darstellt.

Damit stellt der Roman ein umstrittenes Thema in den Mittelpunkt, das uns, so auch Thea Dorns Beweggrund, viel mehr beschäftigen sollte, weil es die gesamte Gesellschaft betrifft und viel schneller Realität werden könnte als wir meinen. Vor diesem Hintergrund präsentieren „Die Unglückseligen“ auch gleich zwei entgegengesetzte Meinungen zum Thema Genmanipulation und Unsterblichkeit: Johanna will die letzten drei Feinde des Menschen, Alter, Krankheit und Tod, abschaffen und hat überhaupt keine ethischen Skrupel. Ritter weiß, was Unsterblichkeit bedeutet – und findet in seinem ewig langen Leben keinen Sinn mehr. Doch die Entwicklungen im Laufe des Romans – sowohl auf der wissenschaftlichen als auch auf der emotionalen Ebene – lassen die erhärteten Positionen beider aufweichen und immer neue Fragestellungen auftauchen.

Ich habe den Roman verschlungen, auch wenn ich sonst niemand bin, den Gentechnik großartig interessiert. Eine wirklich klare Meinung habe ich dazu auch nicht – auch (noch) nicht nach der Lektüre dieses Buches. Aber es war überaus interessant, auf diese Art und Weise einen Einblick zu bekommen, auf welcher Stufe sich die Forschung dieses Fachgebiets gerade befindet und was tatsächlich schon möglich ist. Den twist, einen Unsterblichen auftauchen zu lassen, finde ich grandios und dabei eigentlich auch die logische Lösung – wer könnte die Kontraposition besser verteidigen als Ritter?

Hinzu kommt hinsichtlich Ritter natürlich noch, dass dieser auch so redet – und sich auch so benimmt – wie eben jemand der zu Goethes Zeiten gelebt hat. Die Ausdrucksweisen, die Thea Dorn meisterhaft auch in jedem wortgewandten Schlagabtausch zwischen Johanna und Ritter wechseln lässt, spiegeln das sehr genau wieder. Sie geben dem Roman neben Authentizität an einigen Stellen eine gewisse Komik, die sich auch aus den gegensätzlichen Charakteren der beiden Protagonisten und ihrer Wortgefechte speist.

Ganz nebenbei sei auch noch der Faust-Stoff erwähnt, dem in „Die Unglückseligen“ ebenfalls neues Leben eingehaucht wird: Ritter selbst ist sich ohnehin nicht so sicher, ob seine Unsterblichkeit nicht etwas mit dem Teufel zu tun haben könnte – und selbst die zu Beginn so rationale Johanna ist schließlich fest davon überzeugt, ein Pakt mit Luzifer könne die einzige Erklärung für Ritters beeindruckendes Alter sein, bis hin zu einer faustischen Teufelsanrufung…

Einzig und allein das Ende des Romans hat mich nicht ganz überzeugen können. Es ist mir zu offen – die Fragen nach den Gründen für Ritters langes Leben werden nicht beantwortet, genauso wenig gibt es ein genaueres Statement dazu, was denn nun von den Versuchen der Molekularbiologie zu halten ist. In der letzten Szene hauen Johanna und Ritter einfach vor ihrem Schicksal ab – und lassen den Leser mit seinem Kopf voll Denkkonstrukten und Überlegungen zurück. Auch wenn ich zugeben muss, dass gerade das so auch ein Denkanstoß ist, auf dass wir uns alle endlich mit dem Thema auseinandersetzen. Außerdem hätte die Glaubwürdigkeit des ganzen Buches wohl auch darunter gelitten, hätte die Erzählerstimme uns weismachen wollen, Ritter hätte sich tatsächlich selbst unsterblich gemacht – sei es durch radikale Galvanisierungsexperimente oder einen Bund mit dem Teufel.

Also: Absolut lesenswert – unterhaltsam, aufklärend und mit einem Ende, dessen Hintergründe man zumindest nachvollziehen kann.

Haute Couture auf Papier

Von: Claudia Marina Datum : 16.06.2016

www.buecher-mond-und-sterne.de

Als ich anfing, Thea Dorns Roman zu lesen, kam mir schon nach wenigen Seiten folgendes in den Sinn: "Wäre dieses Buch ein Kleid, wäre es Haute Couture." Schon auf den ersten Seiten war ich von ihrer Sprache, dieser so ungewöhnlichen Mischung aus den beiden Erzählerstimmen in einen merkwürdigen Bann gezogen, aus dem ich mich kaum noch entwinden konnte.

Die Geschichte liest sich erst mal etwas abstrus. Denn wenn eine deutsche Wissenschaftlerin auf einen über 200 Jahre alten Ritter trifft und das Ganze vom Tod kommentiert wird, dann klingt das entweder nach totalem Bullshit - oder nach einem einmaligen Leseerlebnis. Für mich war es Letzteres.

Johanna Mawet, Wissenschaftlerin - genauer gesagt, Molekularbiologin - durch und durch, hat nur ein einziges Forschungsziel - sie will die Sterblichkeit abschaffen. An diesem Ziel forscht die Molekularbiologin seit Jahren mit eiserner Verbissenheit. Bei einem Forschungsaufenthalt in den USA trifft sie auf einen merkwürdigen Mann, ziemlich abgewetzt, gleichzeitig jung und alt wirkend, der nicht nur seltsam spricht, sondern sie außerdem für den Teufel hält. Als die beiden sich näher kennenlernen, offenbart er ihr, dass er aus Deutschland stammt, Johann Wilhelm Ritter heißt, Physiker ist - und 1776 in Schlesien geboren wurde. Damit wäre er über 200 Jahre alt - und vielleicht der Schlüssel zu Johannas Forschungen.

Thea Dorn lässt zwei Welten aufeinander prallen - die der modernen Wissenschaftlerin und die des Physikers aus dem 18. Jahrhundert. Abwechselnd lässt sie beide aus der jeweiligen Sicht erzählen, was sich sehr eindrucksvoll im Sprachstil ausdrückt. Ritters Sprache wirkt dabei nicht nur antiquiert, sondern ebenso authentisch, sowohl in Ausdrucksweise als auch in Weltsicht. Für Johanna hingegen wählt sie eine moderne Sprache, voller Ausdrücke aus den Bereichen Genetik und Wissenschaft. Einen größeren Kontrast könnte die Autorin so nicht schaffen. Einfaches Nebenbeilesen ist hier nicht angezeigt, ich muss ständig wach im Kopf bleiben, mal in Johannas und dann wieder in Ritters Kopf springen, ständig zwischen den beiden Perspektiven hin und her wechseln.
(Wahrscheinlich habe ich deshalb auch verhältnismäßig lange gebraucht, um Die Unglückseligen zu beenden - einen ganzen Monat nämlich. Ich musste es immer wieder beiseitelegen und sacken lassen. Auch nachdem ich es beendet hatte.)

Dazwischen wird das Ganze immer wieder kommentiert - ich vermute mal, vom Tod selbst, auch wenn sich der Erzähler nie namentlich vorstellt, aber wer sonst sollte sich trauen, solch eine Geschichte so kompromisslos zu kommentieren, so distanz- und respektlos.

Letztendlich geht es aber um einen viel tieferen Konflikt als den zwischen Johanna und Ritter. Ist Unsterblichkeit erstrebenswert? Johanna mag das vielleicht ohne mit der Wimper zu zucken mit Ja beantworten, aber für Ritter steckt mehr dahinter, als bloß ewiges Leben. Er hat mittlerweile alle seine Freunde und Familie verloren, er sieht sich immer wieder mit dem Verlust seiner Liebsten konfrontiert und ist schlicht und einfach lebensmüde. Aber er kann nicht sterben.

Im Grunde genommen sind Johanna und Ritter aber trotz aller augenscheinlicher Unterschiede gar nicht mehr so verschieden, wenn man zum Kern ihrer Persönlichkeiten vordringt. Wenn man alles Lagen aus Selbstschutz und eigenbrötlerischem Getue, aus Workaholictum und Kostümierung langsam entfernt, dann kommen zwei Menschen zum Vorschein, die sich ziemlich ähnlich sind. Beide sind einsam. Vom Leben gezeichnet. Getriebene. Und dann ist es gar nicht mehr so erstaunlich, dass sich die beiden zusammentun und immer mehr zueinander finden.

Thea Dorn hat einen sprachlich anspruchsvollen und außergewöhnlichen Roman geschrieben, in dem sie zwei Welten in Hochgeschwindigkeit aufeinander prallen lässt. Es kommt, wie es kommen muss, zur Kollision - mit allen Verletzungen und Kollateralschäden, die so ein Aufprall eben mit sich bringt. Mich als Leser eingeschlossen - ich bin und bleibe schwer beeindruckt.

Mein erster Eindruck blieb bis zum Schluss bestehen. Haute Couture - auf den ersten Blick meist völlig konfus nicht zueinander passend, nicht immer leicht zu begreifen - aber letztendlich hohe Kunst.

Meisterwerk, das unsterblich wird

Von: Florentinejo Datum : 12.06.2016

https://florentineundderweltuntergang.wordpress.com

Das doch etwas altertümlich anmutende Cover hätte mich als jungen Leser eher nicht angesprochen, jedoch wollte ich mir durch die vielen guten Rezensionen selbst ein Bild von „Die Unglückseligen“ machen. Thea Dorn kannte ich als Autorin nicht, doch auch von ihr hatte ich bisher nur Gutes gehört.

Das Thema ist meiner Meinung nach sehr spannend. Es geht um die Unsterblichkeit und wie man sie mit der modernen Biologie erreichen kann.

Man lernt Johanna kennen, die seit Jahren an diesem Thema forscht und überall auf der Welt unterwegs ist. Sie ist ein wenig unterkühlt und bedient sich ausschließlich ihres Verstandes. Trotzdem ist sie nicht unsympathisch.

Auf einer ihrer Forschungsreisen trifft sie auf Ritter, einen deutschen Physiker, der auch wirklich gelebt hat. Hier geht’s zu seinem Wikipedia-Artikel, aus dem im Buch auch zitiert wird.

Thea Dorn verwebt also die Realität in ihrem Werk mit fiktiven Elementen. Mir ist vor allem die gewöhnungsbedürftige Sprache aufgefallen. Dabei ging es mir ein wenig so als würde ich Englisch lesen. Es braucht ein wenig, bis man wieder sein normales Lesetempo erreicht hat. Deshalb habe ich auch fast eine Woche an „Die Unglückseligen“ gelesen, anfangs fiel mir das Umdenken schwer.

Viele wichtige Ereignisse werden nur angedeutet und Frau Dorn bedient sich unterschiedlicher Stilmittel und Erzählperspektiven. Die Hauptgeschichte um Johanna und Ritter wird durch Einschübe, DNA-Sequenzen und Briefe aufgelockert. Doch hier möchte ich nicht zu viel verraten. Es dauert ein bisschen, bis man sich in die Geschichte hineingefunden hat. Etwa ab der Hälfte des Buchs möchte man es dann aber nicht mehr weglegen.

Johanna macht im Laufe der Geschichte einen ziemlichen Charakterwandel durch. In Thea Dorns Buch ist nichts vorhersehbar. Und so kommt auch das Ende ziemlich unerwartet. Ohne zu viel verraten zu wollen, kann ich sagen, dass es durchaus gelungen ist. Jedoch erfährt man nicht so richtig, was mit Ritter und Johanna passiert, es bleibt offen. Und dies bildet einen runden Abschluss zu der verwobenen und komplizierten Geschichte, in der auch mehr angedeutet als gesagt wird.

Fazit

Ein gutes Buch, das sich dem Thema der Unsterblichkeit teils mit Humor, teils mit Verzweiflung nähert. Ich gebe eine eindeutige Leseempfehlung, aber mit einer winzigen Einschränkung. Wenn man in der Schule bei Genetik nicht aufgepasst hat, wird es vielleicht an einigen Stellen Verständnisprobleme geben.

Warum Einsamkeit schlimmer als der Tod ist

Von: Eva-Maria Obermann Datum : 08.06.2016

Wegen Nudels Beinbruch hat es länger gedauert, bis ich meine Rezension zu Thea Dorns Die Unglückseligen fertig hatte. Erschienen ist die Faustadaption bei Knaus mit 560 Seiten 2016.
Die Biologin Johanna arbeitet in Amerika an der Unsterblichkeit und fährt dabei immer wieder Rückschläge ein. Da begegnet sie Johann, geboren vor zweihundert Jahren, immer noch lebendig. Schnell macht sie ihn zum Studienobjekt und reist mit ihm zurück nach Deutschland, wo alles angefangen hat. Doch auf der Suche nach den Gründen für seine Unsterblichkeit manifestiert sich der Tod. Johanna und Johan nähern sich an, ihre Beziehung wird intim und das Paar voller Sehnsüchte ist zu allem bereit.
Thea Dorn hat es auf atemberaubende Weise geschafft, den Fauststoff gleichzeitig zu modernisieren und doch seinen literarischen Ursprung beizubehalten. Das Vorwort erinnert an Goethes Figur des Dichters, die Faust I voranstand. Johanna als suchender Faust, als Gelehrte ohne Antwort ist schnell bereit, für ihr Ziel alle Mittel zu heiligen. Die Suche nach der Unsterblichkeit wird zur Suche nach dem Teufel, der ebenfalls eine Stimme erhält. Eine großartige Leistung.
Nicht immer ganz einfach, aber dennoch grandios im Buch als Werk ist der zweihundert Jahre alte Stil von Johann, seine Berichte und Erinnerungen. Erzählt wird der Roman aus zwei personalen Sichtweisen, einmal zu Johanna, einmal zu Johann. Auffallend dabei ist die dritte Sicht eines Ich-Erzählers, der immer wieder mahnend und klagend einfährt, hofft und plant, aber nicht lenken kann, und sich schließlich als in der Tiefe eingeschlossener Teufel enttarnt. Als für die Protagonisten hoffend wird er dabei vermenschlicht, während Johanna stetig versucht der Endlichkeit zu entkommen.
Mit dem Verlauf der Geschichte verschwimmen dann die Konturen. Je mehr Religiosität aufkommt, umso losgelöster von der Realität ist Johanna, umso realer wird der stetig zurückblickende Johann. Hinter der Unsterblichkeit wartet Leid und immer wieder gleiche Schicksale. Der Roman zielt so ellipsenförmig auf das im Grunde unausweichliche Ende zu. Ein gut durchdachter Aufbau und klare Figuren, deren Wandlung wahnsinnig und glaubhaft zugleich ist.
Mit Die Unglückseligen schafft die Autorin die Frage nach der Wissenschaft und ihren Vorzügen erneut zu stellen und auf mehreren Ebenen zu behandeln. Die Sterblichkeit als letzte Grenze des Menschen vor dem Göttlichen wird festgezogen und das Glück geradezu banal in der Liebe gesehen. Das einzige Manko vielleicht in diesem großartigen Roman. Am Ende ist es die Zweisamkeit, die Ausschlaggebend ist. Die größte Angst wird im Angesicht nicht etwa der Tod, sondern die Einsamkeit. Kein immer leichtes Buch, aber eines, das sich lohnt, gerade deshalb.

Die Unglückseligen

Von: nettebuecherkiste Datum : 31.05.2016

https://nettebuecherkiste.wordpress.com/

Während eines Forschungsaufenthalts an der US-amerikanischen Ostküste begegnet die Molekularbiologin Johanna Mawet einem offenbar verwirrten Mann, der in ihr den Leibhaftigen zu erkennen scheint. Der Zufall sorgt dafür, dass sie ihm wieder begegnet – da behauptet der Kerl doch, Johann Wilhelm Ritter zu heißen, Physiker und 1766 geboren zu sein. Zunächst glaubt Johanna ihm natürlich nicht, doch immer mehr spricht dafür, dass der Mann die Wahrheit sagt und somit für Johanna das ideale Forschungsobjekt darstellt. Johanna möchte nämlich nichts Geringeres erreichen als die Unsterblichkeit des Menschen.

Thea Dorns Roman hat mich von Beginn an mit seiner Originalität und seinem Humor überrascht, den ich aus irgendwelchen Gründen nicht erwartet hatte. Die moderne Variante des Faust-Themas ist vor allem sprachlich ein Genuss. Es gibt drei Erzählperspektiven, einmal Johannas, die in moderner Sprache gehalten ist, dann Ritters, dessen Sprache blumig-altertümlich ist, und schließlich die des Teufels, der in ebenfalls altertümlicher Sprache mit viel Schalk das Geschehen rund um Johanna und Ritter kommentiert. Dies macht das Buch einzigartig und sorgt dafür, dass das Lesen richtig Spaß macht. Dazu kommen Einsprengsel anderer Natur, die überraschen und für weiteren Humor sorgen.

Gelegentlich stößt der Leser auf Verweise auf Goethes Faust, für mich am deutlichsten in Johannas Aussage:

„Wenn es so bleiben muss wie bisher“, fügte sie leise hinzu, „wäre es vielleicht besser, wenn gar kein Leben entstanden wäre.“ (Seite 210)

Auch ein Pudel kommt gelegentlich vor… Ich habe mir bei der Lektüre immer wieder gewünscht, ich hätte den Faust noch einmal gelesen, denn ich befürchte, einige weitere solcher Stellen könnten mir entgangen sein.

Während Johann Ritter sich trotz seiner Unsterblichkeit durch Demut vor Gott und der Natur auszeichnet, ist Johannas Charakter von der Hybris geprägt:

„Trotzdem zeigen wir der Schöpfung zum ersten Mal ernsthaft, dass wir es besser können als sie.“

Man ahnt, dass Johanna von ihrem Sockel gestoßen werden wird, ihre Hybris zu Wahn werden wird. Die Geschichte um Johanna und Ritter liest sich flüssig und spannend, durchsetzt mit ein paar Längen, bis zum für mich nicht vorhersehbaren Ende.

Ein Roman, der mir sowohl inhaltlich als auch formal und sprachlich viel Vergnügen bereitet hat und zum Nachdenken über die Natur des Menschen und der Grenzen der Wissenschaft anregt.

„Ein Fest der deutschen Sprache“

Von: Nika Datum : 21.05.2016

https://storiesonpaper.wordpress.com

„Die Unglückseligen“ war für mich ein Roman der Extreme und Gegensätze. Auf meine persönliche Meinung bezogen daher, da ich es am Anfang interessant, dann etwas langweilig und dann wieder sehr spannend fand. Besonders der Mittelteil zog sich in meinem Empfinden sehr, bis die Handlung dann wieder an Fahrt aufnahm. „Die Unglückseligen“ ist gewiss kein Roman, den man schnell mal „weglesen“ kann, wie es von vielen bei anderen Büchern oftmals positiv bemerkt wird. Vielmehr besticht die Geschichte dadurch, dass sie immer wieder die Erzählstruktur und Sprache ändert, als Beispiel sei hier nur kurz der Teufel zu nennen, der sich ähnlich Fausts Mephistopheles immer wieder einbringt und das Geschehene kommentiert.

Erzählt wird der Roman im Wechsel der beiden Hauptprotagonisten Johanna und Wilhelm Ritter (den es wirklich gegeben hat). Raffiniert verknüpft Thea Dorn die verschiedenen Sprachstile, denn immerhin lebte Ritter im 18. Jahrhundert und hat damit einen ganz anderen Sprachhintergrund als die moderne Wissenschaftlerin Johanna. Auch vom Inhalt her darf sich der Leser auf verschiedene Ebenen freuen – so gibt es beispielsweise Auszüge aus der Arbeit von Molekularbiologen, die mit ihrer Wissenschaftlichkeit beispielsweise im klaren Gegensatz zu einer durchgeführten Teufelsanbetung stehen. Die Autorin zeigt eine starke Sprachsicherheit und zu Recht darf der Knaus Verlag mit dem Slogan „Ein Fest der deutschen Sprache“ werben. Thea Dorn kombiniert die Stile und Perspektiven so kunstvoll, dass man plötzlich Spaß daran empfindet, die anspruchsvollen Zwischenpassagen des Teufels zu studieren und davon absieht, es merkwürdig zu finden, wenn ein kurzer Teil der Handlung plötzlich aus der einfachen Sicht einer Fledermaus erzählt wird. Thea Dorn traut sich, ihrem eigenen Stil zu vertrauen und schafft damit eine kunst- und anspruchsvolle Mischung der Sprache.

Habe ich die Sprache und die Perspektive bisher nur hervorgehoben, möchte ich noch ein paar Sätze zum Inhalt schreiben. Danke für diesen Roman, der kein Thriller, kein Krimi und kein Fantasyepos ist, in dem keine aggressiven Agenten Johanna und Ritter jagen und in dem kein brutaler Kampf geboten wird! „Die Unglückseligen“ lässt sich Zeit, die Handlung auszubreiten und gibt den Protagonisten die Möglichkeit, sich innerhalb des Erzählspielraums zu entwickeln. Die Spannung entsteht durch die Frage, was möglich ist, was Johanna und Ritter erreichen könne und ob Thea Dorn das Geheimnis des ewigen Lebens lüften wird. Wer dies herausfinden möchte, dem sei der Roman wärmstens empfohlen!

Fazit: „Die Unglückseligen“ fordert den Leser einiges an Konzentration und Begeisterung für die deutsche Sprache ab. Hat man sich erst einmal durch das anfänglich komplizierte Dickicht der Erzählung gekämpft, zeigt sich eine faszinierende Handlung, die den Leser in den Bann zieht und mit den jeweiligen Erwartungen rund um die Fragen der Möglichkeit des ewigen Lebens spielt. Ich gebe dem Roman 4 von 5 Sternen und bedanke mich herzlich beim Knaus Verlag für dieses tolle Buch!

Ein Feuerwerk der deutschen Sprache!

Von: Marion Solowski aus 85461 Bockhorn Datum : 02.05.2016

www.lovelybooks.de/autor/Thea-Dorn/Die-Ungl%C3%BCckseligen-1208155857-w/rezension/1238506972/

Thea Dorn hat uns mit diesem Roman ein großes Feuerwerk der deutschen Sprache beschert. Und noch einen draufgesetzt! Indem sie Deutsch die Sprache Hand in Hand zur Seite gestellt hat, von der Deutsch sich am meisten nährt, das nämlich US-amerikanische Englisch.
Um es Neudeutsch zu sagen: Ich habe die Sprache in diesem Roman einfach nur geliebt! Und liebe sie immer noch!

Ein Buch, das mehr als ein Buch ist:
Es ist ein Kunstwerk. Verschiedene Schriftarten, einschließlich der Fraktur-Schrift, erfreuen das Leserauge. Eine Szene erhält sogar das Layout eines Comics. Selbst der Buchrücken wartet auf mit einer kleinen Teufelei.

Tiefer geschürft:
Drei, nein, vier Perspektiven tragen den Roman: Johannas, Ritters, des Teufels und die einer – ja! – Fledermaus. Samt Abbildung derselben. Allein das ist so schräg, so einzigartig wie Picasso.

Die Autorin:
Thea Dorn mag ich seit „Mädchenmörder – Eine Liebesgeschichte“. Seit „Die Unglückseligen“ ist sie mein deutscher Umberto Eco. Ich verneige mich vor so viel Können, vor solcher Sprachgewalt.

Leseempfehlung:
Kann das Buch zu 150% weiterempfehlen! Selten habe ich einen Roman so sehr genossen.
Dem schnellen, oberflächlichen Leser, der gern einfach konsumiert, will ich das Buch vielleicht nicht direkt ans Herz legen. Wer aber ein Festmahl in Form von Wissen, Emotion und enormer Sprache genießen will, der darf an diesem Buch nie nicht vorbeilesen!

Brilliant und verstörend

Von: Sarahs Bücherregal Datum : 02.05.2016

https://sarahs-buecherregal.blogspot.com

Dr. Johanna Mawet ist Naturwissenschaftlerin und versucht in ihrer Arbeit dem ewigen Leben auf die Spur zu kommen. Tod und Krankheit sind ihr ein Graus und so forscht sie mit Mäusen und Zebrafischen, um irgendwann dem Menschen Unsterblichkeit zu verschaffen. Während eines Forschungsaufenthaltes trifft sie auf Johann Ritter, der behauptet, ein bereits 1776 geborener deutscher Physiker zu sein. Wie besessen wird Johanna von Ritter und seiner Geschichte, alles andere spielt keine Rolle mehr, nur noch diesem Menschen will sie erforschen, hinter sein Geheimnis kommen und damit die Menschheit unsterblich machen.Theo Dorn hat mit „Die Unglückseligen“ einen regelrechten Gruselroman geschrieben über die Abgründe der Menschen und den fanatischen Glauben an die unendlichen Möglichkeiten der Forschung. Johanna beginnt die Geschichte als angesehene Wissenschaftlerin und stürzt sich dann selbst in einen Abgrund aus geradezu manischer Besessenheit und Wahnsinn. Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: einmal von der Wissenschaftlerin Johanna Mawet, dann vom unglaublich alten Johann Ritter und von einem unbekannten Erzähler, der immer wieder andeutet, er könnte der Teufel höchstpersönlich sein, der sein Spielchen mit Johanna treibt und sie so langsam in seinen Bannkreis zieht. Durch die Stilwechsel wird das Buch besonders abwechslungsreich und wie ein Voyeur kann man nicht anders, als Johanna in ihren Untergang zu folgen und immer weiterzulesen. Sie gibt alles auf, wofür sie gelebt hat, riskiert ihren Ruf und ihre Zukunft, um herausfinden, was es mit Ritter auf sich hat. Ob es wirklich der Teufel ist, der seine Spielchen mit ihr treibt oder ihr wahnwitziger Ehrgeiz, der sie auf diesen Weg schickt? Wie Faust bewegt sie sich auf einem schmalen Grat, der sie in einen Abgrund reißt und lässt sich verführen, an die unendlichen Möglichkeiten zu glauben. Die Autorin hat mit „Die Unglückseligen“ einen meisterhaften Roman geschrieben, in dem sie Motive des Faust in die moderne Welt überträgt und großartig lesbar macht. Nicht ohne Gruseln bleibt man als Leser am Ende zurück und der Stoff beschäftigt einen auch nach der letzten Seite des Buches noch weiter. Ein großartiger Roman, der zu Recht die volle Aufmerksamkeit seines Lesers einfordert.

Wer dem Teufel seine Seele verkauft, kommt selbst drin um

Von: flattersatz Datum : 02.05.2016

https://radiergummi.wordpress.com/2016/05/01/thea-dorn-die-unglueckseligen/

Thea Dorn, 1970 in Frankfurt/M. geborene Schriftstellerin und TV-Moderatorin (von zumeist bücheraffinen Formaten), hat sich eines (nicht nur) deutschen Themas angenommen und es in die Jetzt-Zeit transferiert: das Faust-Thema, das Suchen nach der letzten Wahrheit, die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit und die Bereitschaft, dafür seine Seele zu verkaufen. Unsterblichkeit – sie ist der Natur nicht unbekannt (auch wenn man strenggenommen nur von Langlebigkeit reden dürfte, denn niemand kann mit absoluter Sicherheit wissen, ob nicht morgen… oder spätestens, wenn sich die Sonne zum roten Riesen aufgebläht hat….), sie ist der Natur also nicht unbekannt, es gibt im Tierreich Spezies mit erstaunlichem Regenerationsvermögen für verlorene Gließmaßen, mit der Fähigkeit, alternde und sterbende Zellen durch neue zu ersetzen. Und auch – damit sind wie in media res – dieser seltsame Mensch, Mann, dem Johanna Mawet im Supermarkt begegnet und der in heller Panik vor ihr davon läuft, erzählt ihr, die ihn auf der Rückfahrt auf dem Highway herumirrend fast umfährt, eine seltsame, unglaubliche Geschichte.

Dr. Johanna Mawet, Molekularbiologin, Genetikerin, ist auf der Suche nach Unsterblichkeit, bei dem Begriff bleiben wir jetzt einfach, dramatischer doch als Langlebigkeit klingt er… im Bedenkenland wollte man ihr ihre Forschung an Mäusen und Fischen und Menschenzellen nicht genehmigen, also ist sie nach God´s own country ausgewichen, an eins der renommiertesten Institute für derartige Vorhaben. Sie hat das fünfte Lebensjahrzehnt vor kurzem erst angefangen, ist hochintelligent, anstrengend, nervend, ehrgeizig, kompromisslos, zielorientiert mit Schwächen in der Sozialkompetenz.

Und dieser heruntergekommene Mann, den sie in eine verdreckte, versiffte, vom Strom abgeklemmte Hütte irgendwo in den umliegenden Wäldern fährt? Nun, seiner Selbstauskunft nach ist Johann Wilhelm Ritter, geb. 1776 in Schlesien, (offiziell) gestorben 1810 in München. In der Periode zwischen diesen Daten einer der profilierten Physiker seiner Zeit, insbesondere die Elektrizität hatte es ihm angetan, das Galvanisieren. Bekannt mit Oerstedt, Goethe, von Humbold, Brentano, Herder, Schelling, Novalis…. kein Niemand also, jedoch: wir schreiben jetzt das Jahr 2010. Es besteht daher Klärungsbedarf….

Mithin also eher ein Irrer, ein Verwirrter, ein Freak? … andererseits ist da das unheimliche schnelle und vor allem gründliche Verheilen der selbst zugefügten Schussverletzung, der Widerspruch zwischen dem offensichtlichen Alter des Mannes und dem Ergebnis der molekularbiologischen Altersbestimmung… eine völlig unglaubwürdige Geschichte also, die ihr dieser der Körperhygiene deutlich abholde Mann auftischt, mit offen Fragen allerdings, die Mawet extrem reizen, insbesondere als sie sieht, wie sich an der Stelle des zu Demonstrationszwecken von Johann selbst abgetrennten Fingers alsbald ein Knubbel bildet, aus dem sich doch nicht etwa tatsächlich ein neuer, voll funktionsfähiger Finger entwickeln wird?

Immer mehr gerät Johanna in den Bann der Geheimnisse dieses seltsamen Mannes und je mehr sie sich verfängt, desto stärker driftet sie aus ihren „eigentlich“ vorgezeichneten Bahnen als Wissenschaftlerin ab. Sie nimmt Johann bei sich auf, aber dieser ist oft störrisch, sperrt sich, kommt mit der neuen Situation nicht klar. Sie fallen auf, verlassen Amerika fluchtartig und Johanna kehrt mit ihm im Schlepptau an ihr Heimatinstitut zurück….

Die DNA-Sequenzierung der Ritterschen Gene ergibt Erstaunliches, hier offenbar liegt des Geheimnisses Lösung. Nur – wo liegt die Ursache dafür, welche Kräfte oder Einwirkungen haben das bedingt? Johanna ist schier besessen von dem Verlangen, das alles zu ergründen….

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In den weit über 5oo Seiten des Romans schildert uns Dorn die Entwicklung, die Johanna Mawet von der menschlich vielleicht schwierigen, fachlich aber hochkompetenten Wissenschaftler in eine, ja: Besessene nimmt, die letztlich einem Wahn verfällt. Eine Frau, die die sterilen Räume der Wissenschaft verlassen hat, die Kollegen mit sexuellen Dienstleistungen für Gefälligkeiten „entlohnt“ und die zum Schluss bereit ist, mit dem Teufel zu paktieren: das Geheimnis der Unsterblichkeit zu ergründen erscheint ihr alles wert, ihr ist der Tod Todfeind, das Sterben eine unfassbare Dummheit der Natur.

Ganz im Gegensatz dazu ist ihr Schützling, der nur langsam Vertrauen zu ihr gewinnt, anderer Meinung. Ihm, dem davon Ausgeschlossenen, deucht der Tod etwas Sinnvolles, hätte er die Möglichkeit, er würde ihn wählen…, vorbei die Zeiten, da er mit seinen Freunden einen Schwur getan, für immer jung zu bleiben und dem Alter zu trotzen.

In zwei Zeit- und drei Handlungsebenen hat die Autorin ihre Geschichte gegliedert. Da sind zum einen die Epoche, in der der „historische“ Ritter lebte und die Jetztzeit mit Johann und Johanna. Auf der Ebene der Handlungen läßt sie ihre Figur „Ritter“ einmal in seiner historischen Zeit, aber natürlich auch in der Jetzt-Zeit erzählen, die Protagonisten selbstredend agiert nur in der Jetzt-Zeit. Diese Ebenen (sowohl was die Zeiten als auch die Handlungen angeht) wechseln sich häufig ab, Ritter versenkt sich oft in die Erinnerung an das in den letzten Jahrhunderten Erlebte, bevor er wieder auftaucht oder durch Johanna in die Gegenwart zurückgeholt wird. Mit der Figur des „historischen“ Ritter gibt Dorn im Lauf der Seiten eine Art Einführung in die deutsche Romantik, Schwerpunkt: naturwissenschaftliche Forschung am Beispiel der Galvanistik. Einer Forschung, die wie auch die heutige Physik die Suche nach der Einheit (der „Formel für alles“), sprich: dem Zurückführen auf oder Ableiten von einem Urgrund, etwas, das der historische Ritter in seiner weit ausholenden Sprache „All-Thier“ nannte [vgl. dazu bei Interesse den Aufsatz von Daiber in 2b].

Die Figuren ‚historischer Ritter‘ und ‚Mawet‘ (der Name ist von Dorn mit Bedacht gewählt] sind sich in vielem ähnlich. Auf der Suche nach Erkenntnis achten sie ihre eigene Gesundheit wenig, sind sie kompromisslos. Beide verachten den Tod, wo Ritter und seine Romantik-Freunde den Schwur ablegen, sich angesichts des ersten grauen Haares die Kugel zu geben [4], wettert Mawet ihrerseits gegen die Zumutung des Todes und nimmt (trotz ihres offensichtlich rationalen Ansatzes) an einem „Kongress der Immortalisten“ teil, auf dem die Vertreter esoterischer und pseudowissenschaftlicher Ansätze zur Lebensverlängerung in die Unendlichkeit ihre Parolen in die Masse der frenetischen Anhänger hinausposaunen.

Beide Figuren, Ritter und Mawet, geraten durch ihre Forschung ins soziale Abseits, für Mawet geht die Analogie letztlich soweit, daß sie in personam versucht, unter Ritters Anleitung die Originalexperimente Ritters (äußerst quälende und schmerzhafte sind dies) an sich selbst vorzunehmen. Ist Ritter in seiner Zeit, der Romantik, schon neueren Entwicklungen verbunden, dem Drang, bis (quasi wörtlich) zur Besinnungslosigkeit zu experimentieren (womit er beispielsweise seinen Freund Goethe, der diese ‚Velofizierung‘ des Lebens bekanntermaßen ablehnend gegenüber stand, überforderte und förmlich ‚erschlug‘) ist Mawet Repräsentantin einer Naturwissenschaft, wie sie sich mittlerweile durchgesetzt hat, die sich nämlich voll und ganz auf die Ergebnisse von Experimenten stützt bzw. Theorien daran misst. Dies jedoch geht Ritter zu weit, hier ist er noch der Romantik verhaftet, das experimentelle Auseinandernehmen der Natur in immer kleinere Einheiten verhindert seiner Meinung nach den Blick für´s Ganze. Ihm eröffnet sich noch die Schönheit der Natur in der Betrachtung, während Johanna vor ihrem Laptop zu ergründen sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber selbst Johanna muss anerkennen, daß gerade in der Molekularbiologie und Genetik die (mittlerweile vorhandenen) Kenntnisse des genetischen Codes vom Menschen, das Detailwissen also, allein noch nicht viel mehr aussagen, wie das Wissen, wie häufig jeder Buchstabe in einem Text vorkommt….

Die Molekulargenetik, die Gensequenzierung als Büchse der Pandora. Sie öffnet sich und Erkenntnisse (die ihrerseits jedoch wieder eine Unzahl neuer, ungelöster Fragen hervorrufen) fliegen heraus und am Boden sozusagen, als letztes, die Information, die alles ins Gegenteilige verkehrt, die die Frage stellt (oder hier, eben unerwartet die Antwort gibt): Will ich eigentlich wirklich alles wissen, will ich wissen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit ich an Krebs, Alzheimer, Morbus dies oder das erkranke? Es ist die Janusköpfigkeit dieser Wissenschaft: ihr sind Ergebnisse a priori ohne Wertigkeit, die Wertigkeit, ob gut oder schlecht, ergibt sich erst in der Beurteilung durch den Forscher bzw. Betroffenen. Ohne die Gefahr einzugehen, auch das eigene vorbestimmte Verderben in den Genen zu finden, sind solche Sequenzierungen schlechterdings unmöglich.

Das Fachgebiet der Genetik, der Molekularbiologie kommt nicht gut weg bei Dorn. Die Forscher, Kollegen von Mawet, sind mehr oder weniger freakig und sonderbar, haben sich der Entschlüsselung des letzten Geheimnisses des Lebens verschrieben in der Hybris, es damit beeinflussen und lenken zu können. Exponiertes Beispiel ist natürlich die Protagonistin selbst, die völlig rücksichtslos gegen sich und andere agiert – vorgeblich immer im Dienst ihrer Wissenschaft.

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Ich habe bis jetzt eine dritte Person, die noch eine wichtige Rolle im Roman spielt, unterschlagen. Sie tritt nur als Stimme aus dem Off in Erscheinung, die die Ereignisse und Handlungen der beiden Hauptpersonen kommentiert. Sie scheint ihren eigenen Plan zu haben, scheint für beide, Johann und Johanna, bestimmte Rollen vorgesehen zu haben, speziell auf Johanna setzt diese Figur anscheinend große Hoffnungen. Hat sie die beiden zusammengeführt, Johann mit seiner Unsterblichkeit und Johanna, die auf der Suche nach diesem/dessen Geheimnis ist, auf daß sie es mit Hilfe Johanns lösen kann? Und was bezweckt dieser Geheimnisvolle, der sich hinter dieser Stimme verbirgt, damit? Ich will verraten es hier nicht, nur soviel: es ist letztlich ein VAter/Sohn – Konflikt, der sich hier zeigt….

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Der Mensch will sich den Göttern ebenbürtig machen, will ihnen Konkurrenz machen und verschreibt dafür dem Teufel seine Seele. Er löst sich mit diesem Vorhaben aus der Demut des Mittelalters und kommt um in der Hochmut und der Hybris, der er verfällt. Ein Stoff, dieser Faustmythos, der nicht erst mit, aber in Deutschland natürlich in hervorstechender Weise durch Goethe allgemein bekannt worden ist. Dorn hat ihn hier in die Gegenwart transferiert, die mit ihrer genetischen Forschung in der Tat in die Wirkungssphäre der „Götter“ hineinragt, das Leben an sich zu beeinflussen, ja, gar zu schaffen. Es wäre sicherlich sehr interessant, Dorns Roman daraufhin näher anzusehen, was sich vom Goeth´schen Faust in ihm wiederfindet – allein, dazu bräuchte ich detaillierte Kenntnisse der Tragödie. Die Szene, die beim Olympier in Auerbachs Keller spielt, verlegt Dorn beispielsweise in eine amerikanische Bar, Philemon und Baucis haben ihren Auftritt auch bei Dorn und anstatt Hexensabbat gibt es eine veritable Teufelsanrufung. Der Otter fehlt, die Fledermaus ist da – mit ansehnlichen Sprachkenntnissen und einem gerüttelt Maß an Neugier und daß sowohl Faust als auch Mawet endlich scheitern und sie ein ähnlich Schicksal sie ereilt, verwundert nicht… Man sieht, es wird etwas geboten, bei Goethe schon und auch bei Dorn.

Mit der Figur des Ritter begegnet Dorn ein Problem, das im Lauf der Handlung für die Glaubwürdigkeit der Gestalt etwas abträglich ist. Ritter ist als Unsterblicher nicht vom Himmel gefallen, er hat über zweihundert Jahre auf der Erde verbracht, hat im 2. Weltkrieg auf Seiten der Amerikaner gekämpft, ist 1940 nach Amerika gekommen und hat dort gute sechzig Jahre gelebt oder – wie es an einer Stelle gesagt wird, in den Wäldern (und den Armen diverser einsamer Frauen, bei denen er unterschlopf) vor sich hingedämmert. Wenig glaubhaft wirkt es trotzdem, daß ein großer Teil der technologischen Entwicklung an ihm vorbei gegangen sein soll, ihm Gerätschaften wie Laptops anscheinend unbekannt sind und er sie als Teufelszeug ansieht und – etwas albern scheint mir – in den Nutzern von Geräten mit den Logo des angebissenen Apfels einen Geheimbund vermutet, den Apfelbund.

Thea Dorn, wie gesagt, bietet etwas für´s Geld, gute Unterhaltung nämlich. An einigen wenigen Stellen „wagt“ sie tastend Ungewohntes, schiebt beispielsweise eine Seite mit Sprechblasen ein oder die Kopie eines alten Medizinbuches (und unterstellt, man könne heutzutage keine Fraktur mehr lesen….). Die Sprache, in der sie ihren Ritter sprechen läßt, ist altherthümlich, nachempfunden der, die man zu „seiner“ Zeit sprach, auch wenn dies hin und wieder wie Yoda-Sprech klingt, ist es eine Hilfe, die diversen Zeit- und Handlungsebenen auseinander zu halten. Immer wieder sind Dialoge oder Exkurse in die Handlung eingestreut, die sich mit Philosophischem, Zeitgeschichtlichem, Historischem oder auch Wissenschaftlichem befassen und selbstverständlich – eine love story ist inclusive. Daß diese nicht glücklich ausgehen kann, wir kennen es schon seit altersher von Eos und Tithonos, selbst (um in neuere Zeiten über zu wechseln) der Highlander hatte darunter zu leiden….

Sicher taucht die Frage auf, inwieweit ein Charakter wie Johanna Mawet realistisch ist. Ihre Persönlichkeit unterliegt im Verlauf nur weniger Monate einem radikalen Wandel von der rationalen, ziel- und ergebnisorientierten Naturwissenschaftlerin hin zu einer einem Wahn verfallenen Frau, die unter völliger Verwandlung ihrer Persönlichkeit Erlösung letztlich nur noch im Radikalsten finden kann. Mawet scheint mir die ultimative Kritik der Autorin an dieser Wissenschaft, Dorn läßt sie – ganz physisch gemeint – in gewisser Weise an ihrem Forschungsobjekt, etwas Unsterblichem, nicht nur scheitern, sondern sterben. Daß man beim Lesen selbst sich Gedanken macht über die Frage, ob man – hätte man die Wahl – Unsterblichkeit (oder auch nur eine verlängerte Lebenszeit) wünschen würde, liegt auf der Hand…..

Der Plan des Dritten im Bunde, der die Stimme aus dem Off gibt, und der alle Hoffnung auf Johanna Mawet setzte, geht daher nicht auf. Aber Dorn gibt im letzten großen Auftritt dieser Figur eine hübsche Umdeutung der allbekannten Geschichte von der Erschaffung der Welt, der der Menschen und dem Abfall des Cherubs, der von da an der Luzifer genannt wurde von Gott, mit der sie den „Plan“, in dem Ritter und Mawet nur die Kandidaten waren, in etwas Größeres, Großes, einbettet.

Die Unglückseligen ist also, fasst man alles zusammen, ein kurzweiliger, intelligenter Roman, der eine Menge an Informationen über die verschiedensten Dinge transportiert. Sicher gehen diese nicht in die Tiefe, es ist ja auch kein Sachbuch, aber sie reissen Probleme und Fragestellung so deutlich an, daß man sie gut als Ausgangspunkt für eigenen Gedanken nehmen kann. Daß man außerdem noch eine Ahnung bekommt über das Leben von vor über zweihundert Jahren und die Tragik eines Wissenschaftlerlebens seinerzeit, sei nicht unerwähnt.

Facit: der Roman bietet beste Unterhaltung auf hohem Niveau.

(Zusatzinfos zur Besprechung sind unter dem obigen Link einsehbar)

Der Teufel als Whistleblower

Von: Atalante Datum : 27.04.2016

atalantes.de

Dieses Buch ist vieles zugleich, ein Fauststoff in seiner Suche nach Unsterblichkeit, und eine Zeitreise, die einen Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts ins Hier und Heute versetzt, ein Historischer Roman, der mit Erinnerungen und Schriftquellen in die Vergangenheit führt, und ein Wissenschaftsthriller, der seine Leser mit Theorien und Experimenten konfrontiert. Angereichert mit Fragen nach Sinn und Sein, mit Religionskritik und voll subtiler Ironie komponiert Thea Dorn diese Zutaten zu ihrem neuen Roman „Die Unglückseligen“.
Spannend ist bereits der Beginn, wo der Zufall die beiden Hauptfiguren zweimal zusammen bringt. An der Kasse eines Supermarkts und am Seitenstreifen einer Autobahn trifft Johanna Mawet, eine deutsche Molekularbiologin, die in einem Institut an der amerikanischen Ostküste forscht, auf einen komischen Kautz im Hawaiihemd, der sich bald als der 1776 geborene Physiker Johann Wilhelm Ritter entpuppt.
Diese überraschende Identität des noch nicht Verstorbenen wäre der Forscherin verborgen geblieben, käme ihr nicht abermals der Zufall zur Hilfe. Sie vermisst ihren Pass und kehrt zu der Hütte im Wald zurück, wo sie Ritter am Vortag absetzte. Dort findet sie ihn von einem Schuss schwer verletzt und beschließt Ritter, der sich jeder ärztlichen Hilfe verweigert, zu pflegen. In den folgenden Tagen fällt ihr nicht nur die wunderliche Ausdrucksweise ihres Patienten auf, sondern auch andere ungewöhnliche Merkmale, wie fehlende Altersflecken und der Gegensatz von weißer Körperbehaarung und schwarzem Haupthaar. Beweisen sie tatsächlich sein Geständnis, er sei über 200 Jahre alt?
Das Forscherinteresse von Johanna Mawet ist geweckt. Es gilt dem Verzögern von Alterungsprozessen, was sie bisher mit biotechnologischen Manipulationen am Erbgut von Mäusen und Fischen untersucht hatte. Wenn dieser Physiker aus dem 18. Jahrhundert tatsächlich regenerative Zellen besäße, würde Johanna dann bald Ritter-Mäuse anstatt Zebrafisch-Mäuse züchten? Oder könnte gar sie selbst davon profitieren? Auf der Suche nach der Unsterblichkeitssubstanz lässt sie Ritters Genom analysieren und löst dadurch unvorhersehbare Ereignisse aus.
Soweit der spannende Plot, der dem 550 Seiten umfassenden Roman zugrunde liegt. Dieser besteht aus zwei Teilen, und wird von einem Vorspiel, Zwischenspiel und Nachspiel umfasst, die dem Teufel als Bühne dienen. In direkter Ansprache wendet er sich dort an die Leser wie an die Hauptfiguren, deren Treiben er auch in der eigentlichen Romanhandlung gerne kommentierend unterbricht. Ergänzt wird dies zudem durch Texte verschiedenster Art. Darunter finden sich Liedtexte und Verse, ein Lehrbuch der Militärchirurgie, ein utopisches Drama und eine Kindergeschichte, das Protokoll eines Experiments und ein Exorzismus-Bericht. Beim letztgenannten Text, dem Brief des Justinus Kerner an Pfarrer Blumhardt handelt es sich um eine authentische Quelle, ebenso wie die von Ritter verfassten „Fragmente aus dem Nachlass eines jungen Physikers“. Beide hat Thea Dorn in Auszügen in ihren Roman übernommen. Zudem verweist sie mit Zitaten und Zeichen auf Autoren wie Goethe, Tennessee Williams, Lewitscharoff oder den Comic-Helden Werner.
Zwischen dieser auch sprachlichen Vielfalt setzt die Autorin ihre beiden Helden Johanna Mawet und Johann Wilhelm Ritter. Ein Paar, das bald mehr eint als unterscheidet. Unerschrocken forschen sie nach der Essenz der Unsterblichkeit, wobei Mawet, die nach dem hebräischen Todesdämon benannt ist, sie erlangen und der unsterbliche Ritter sie überwinden möchte. An den Geschicken der Beiden diskutiert Dorn nicht nur diese gegensätzliche Position, sondern zugleich das Dilemma der Wissenschaft zwischen Forschung und Verantwortung. Soll alles, was möglich ist, auch machbar sein?

Das historische Vorbild ihrer Figur, jener Johann Wilhelm Ritter wurde 1776 in Schlesien geboren und starb 1810. Als angesehener Naturforscher seiner Zeit war er mit Goethe, Schlegel und Herder bekannt. Thea Dorn entdeckte ihn, laut einem Interview in ihrer „alten“ Literatursendung „Lesenswert“, durch den Hinweis eines Archivars. Sie studierte Ritters Schrift und ließ sich von seinen Thesen und seiner Sprache inspirieren.
Wie in den authentischen Quellen, bleibt diese auch im größten Teil der fiktiven Texte dem 18. Jahrhundert verhaftet. Auch die Sprache der Figur Ritter klingt altertümlich und daher ungewohnt. Daneben stehen in Bayrisch, Schwäbisch und Schlesisch gehaltene Passagen. Doch man liest sich ein und freut sich dann an Dorns schönen Wortschöpfungen, wie Laborratenrudel für die kleine Forschergruppe des Instituts oder Schoßauf für einen Laptop, der auch gerne als Apfelkasten betitelt wird.

Auch aktuelle Bezüge greift die Autorin auf. Mit Ironie führt sie die Auswüchse von Selbstoptimierung und Fitnesswahn beim Kongress der Immortalisten vor. Wie Kirche und Religion sich Tod und Teufel zu Diensten machen, davon liest man ebenfalls in diesem Roman, der in seiner schönsten Szene den Teufel selbst als Whistleblower zeigt.

Es lohnt sich also dran zu bleiben, auch wenn die Spannung der handlungsstarken Passagen bisweilen durch die Ergründung tiefsinniger Fragen verzögert wird. Doch wer behauptet, daß eine Lektüre, zumal eine gewinnbringende, nicht herausfordern darf?

WOW

Von: HEIDIZ Datum : 19.04.2016

heidizengerling.blogspot.de/

Die Molekularbiologin Johanna Mawet (aus Deutschland stammend) erforscht Zebrafische, um die Unsterblichkeit von Zellen zu begreifen. Während sie für einen Forschungsaufenthalt an der Ostküste USA weilt, lernt sie einen Mann kenn. Er ist mysteriös, er ist alterslos …. Bald erfährt Johanna, dass er der geborene Sohn eines Pfarrers und Physiker Johann Wilhelm Ritter ist, der 1776 geboren wurde. Johanna lebt im Heute – kann das stimmen, was dieser Ritter sagt? Seine DNA soll beweisen, ob er wirklich unsterblich ist, wie er behauptet. Er soll doch schon 1810 gestorben sein. Die beiden gehen nach Deutschland, um unentdeckt zu bleiben … Ritter möchte nur sterben, dabei kann Johanne ihm helfen.

Die Biomedizin ist der sachliche Hintergrund der fiktiv spannenden Geschichte, die die Autorin perfekt inszeniert hat. Im Buch wird sogar der Mythos Faust neu gesehen und Sagenhaftes verarbeitet - werden das Leben und der Tod thematisiert – Menschheitsfragen, von jeher die Welt bewegten und bewegen. Eine Liebesgeschichte, die in die wissenschaftliche eingewoben ist, macht das Buch authentisch und abwechslungsreich kurzweilig zu lesen. Es passt sich alles perfekt aneinander an.

Die Geschichte ist anspruchsvoll – mal nicht so nebenbei zu lesen – was ich nicht negativ bemerke, sondern im Gegenteil.

• Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
• Verlag: Albrecht Knaus Verlag (26. Februar 2016)
• Sprache: Deutsch
• ISBN-10: 3813505987
• ISBN-13: 978-3813505986
• Größe und/oder Gewicht: 14,1 x 4,5 x 22,1 cm

PREIS: 24,99 Euro

Leseprobe:
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Und dann geht alles durcheinander: „I warn you! No“ You won´tdo this!“, droht der zerzauste Onkel schrill und stimmt ein wölfisch Heulen an. Senator Gilligan die Zunge schnalzt, zum Zeichen, dass auch er nicht länger ist zufrieden. …

„Still“ Wir wollen Brutus hören!“
Erneut brachte sich der Lausbubenkopf in Positur: „Um meiner Sache willen hört mich …! …

Das Buch ist mit einem edlen Lesebändchen versehen. Die Geschichte finde ich sehr geistreich und klug geschrieben, super konzipiert und spannend aufgebaut von Anfang bis Ende. Die Idee und deren Umsetzung finde ich sehr gelungen.


Es war mir eine Freude dieses Buch zu lesen!

Von: Schwaetzchen aus Berlin Datum : 14.04.2016

Liebe, geschätzte Frau Dorn!

Der Knaus -Verlag bewirbt Ihr Buch „Die Unglückseligen“ mit dem Ausruf: „Ein Fest der deutschen Sprache“.
Ihre schwerwiegende Schrift in den noch schmerzenden Händen haltend, stimme ich diesem begeistert zu. Dennoch möchte ich Ihnen übermitteln:
Es war mein Begehr nicht, nach Lektüre Ihres Werkes erfahren zu haben, mit welch Vokabular Ihr englischsprachig ausgestatteter Protagonist unflätig sein ihm verhasstes Gegenüber anredet. Warum nicht gleich für die Landsleute der Autorin ein deftiges, deutliches,„Arschloch“ hindrucken lassen, wo es hingehört, da es im Kneipenmilieu ohnehin wenig zu schockieren vermag? Zu profan für das hochsprachliche Werk? Den Sinn der zweierlei Rede begreife ich wohl, allein, es müßigt mich und raubt dem Lesefluss die Wonne, da ich doch mehrmals die Lexika konsultieren muss.
Aus der Unglückseligkeit über mangelnde fremdsprachliche Begabung einer Leserin
dennoch ein herzliches Dankeswort für Ihren Roman!

Schwaetzchen / https://twitter.com/Schwaetzchen

Anno 2016, im April, den 14.


Liebe, Tod und Teufel

Von: Mina Barbara Imruck Datum : 12.04.2016

https://aigantaigh.wordpress.com

Für die heutige Rezension habe ich wirklich etwas Anlauf gebraucht. Dieses Werk von Thea Dorn rezensiert sich für mich nicht so leicht, da es unglaublich komplex ist. So komplex, dass ich es mir sogar, nachdem ich das Buch gelesen hatte, noch das Hörbuch kaufte, um mir die Geschichte noch einmal vorlesen zu lassen.
Doch der Reihe nach. Wie Ihr in meinen Monatsausblicken bereits gelesen habt, bin ich ein großer Thea Dorn-Fan seit ich 1999 von ihr “Die Hirnkönigin” las (was ich Euch ans Herz lege, sollte Ihr es noch nicht kennen). Als ich nun in der Vorschau des Knaus Verlag feststellen durfte, dass in diesem Frühjahr ein neuer Roman von Thea Dorn in die Buchhandlungen kommen wird, war ich mehr als angetan. Ich liebe es, wenn man stöbert, und dann feststellt, dass von einem Lieblingsautor, einer Lieblingsautorin ein neues Werk erscheinen wird. Zuletzt so gefreut hatte ich mich, als Marisha Pessls “Eine amerikanische Nacht” herauskam.
Alleine das Cover des neuen Romans “Die Unglückseligen” ist ganz wundervoll!

Ich möchte versuchen, Euch zusammenzufassen, um was es in dem Werk “Die Unglückseligen” geht. Die Molekularbiologin Johanna Mawet forscht an der Unsterblichkeit, hauptsächlich an den Zellen von Zebrafischen. Da ihr hier in Deutschland immer wieder Grenzen gesetzt sind, begibt sie sich zu einem Forschungsaufenthalt in die USA. Dort trifft sie auf Johann Wilhelm Ritter, Physiker, geboren 1776. Natürlich glaubt Johanna zunächst nicht, was er ihr da für eine Geschichte auftischt, doch ihre Zusammenkünfte geben immer wieder Hinweise darauf, dass es sich bei diesem merkwürdigen Mann tatsächlich um den Physiker aus dem 18. Jahrhundert handelt. Sie beginnt seine DNA zu erforschen, doch ihre amerikanischen Kollegen finden Johannas Arbeiten zunehmend besorgniserregend und werden mißtrauisch. Deshalb fliehen die beiden gemeinsam in das Land der Dichter und Denker, der schwarzen Romantik und der Wissenschaft – nach Deutschland.

Neben dieser überaus spannenden Geschichte, ist es vor allem der Stil, in dem Thea Dorn schreibt, der mich an diesem Buch so faszinierte. Für jede Figur hat sie eine eigene Sprache gewählt. So schreibt sie, wenn wir mit Johanna Mawet in Kontakt sind in einem modernen Deutsch, wenn wir Johann Wilhelm Ritter begleiten in der Sprache des damaligen Jahrhunderts – und wenn der Teufel auf den Plan tritt, verwendete sie eine komplexe, rhythmische Sprache, die mich ähnlich in den Bann zu ziehen wusste, wie es Goehte mit seinem Mephisto schaffte. Als der Teufel erstmals auf den Plan tritt habe ich so gelacht!

“Huch! Verehrter Leser! Da sind Sie ja! Ich habe Sie gar nicht bemerkt, verzeihen Sie!”

Auf der Seite des Verlages habe ich ein wunderbares “Gespräch” mit der Autorin gefunden, das ich Euch nicht vorenthalten möchte. Dort beschreibt sie den Roman und die Sprache. Nehmt Euch ein wenig Zeit und schaut es Euch an.

Gerade weil Thea Dorn dort selbst sagt, der Leser des Romans solle die Verse laut lesen, kam ich auf die Idee mir noch das Hörbuch zum Buch zu kaufen. Etwas, das ich normalerweise nie tue. Und welche eine Wucht ist diese Sprecherin?! Bibiana Beglau, geboren 1971, ist eine deutsche Schauspielerin, die 2014 als Schauspieler des Jahres von Theater heute ausgezeichnet wurde. Ich habe sie noch nie in einem Film oder auf der Bühne gesehen, bin mir aber nach dieser Lesung mehr als sicher, dass sie grandios sein muss. Eine bessere Wahl für die Sprecherin hätte es nicht geben können. Sie besticht durch eine enorme Bandbreite an stimmlich-emotionaler Darbietung. Ich kann mir vorstellen, dass Thea Dorn ähnlich begeistert über diese Wahl ist.

Herausfordernd, faszinierend, anders

Von: Michael (Influenza Bookosa) Datum : 27.03.2016

influenza-bookosa.de/die-unglueckseligen-thea-dorn/

Ein außergewöhnliches Buch. Ein unbequemes Buch. Ein Buch, das teilweise schwerer zu entschlüsseln ist als ein Genom und mich zwiegespalten zurücklässt. „Die Unglückseligen“ ist wie ein Sechshundert-Millionen-Teile-Puzzle. Herausfordernd, faszinierend, anders. Aber definitiv nichts für Zwischendurch. So etwas muss man mögen. Ebenso darf man es hassen.

Thea Dorn: Die Unglückseligen

Von: Marina Büttner Datum : 09.03.2016

https://literaturleuchtet.wordpress.com/

Welch ein Höllentrip!
An Einfallsreichtum mangelt es Thea Dorn jedenfalls nicht.

Die Humangenetikerin Johanna Mawet forscht als Molekularbiologin über die Unsterblichkeit. Experimente mit Mäusen sind bereits erfolgreich, was eine Lebensdauerverlängerung angeht. Doch Johanna treibt es in Richtung Menschenexperiment. Eine lockerere Herangehensweise als das konservative Deutschland bietet da ein Institut in den USA und so zieht Johanna los, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten endlich den ersehnten Durchbruch zu schaffen. Kaum angekommen, begegnet sie einem merkwürdigen Typ, der in einer sehr altertümlichen Art und Weise Deutsch spricht.

Es handelt sich um den Physiker Johann Wilhelm Ritter der im Jahre 1776 geboren wurde und der mit Brentano und Novalis bekannt war und selbst Goethe begegnet ist. Zu Zeiten forschte er über den Galvanismus und scheute auch vor Selbstexperimenten nicht zurück, starb allerdings (eigentlich) bereits 1810. In Thea Dorns Roman jedoch ist er unsterblich, selbst Selbsttötungsversuche scheitern, Wunden heilen wie von selbst, verlorene Gliedmaßen wachsen nach. So geistert er rastlos durch die Zeiten und ist mittlerweile todunglücklich, vor allem auch über die Entwicklung der Menschheit und wünscht sich nichts sehnlicher als zu Sterben.

Während sich Ritter im Laufe ihrer Begegnungen in Johanna verliebt, betrachtet sie in als willkommenes Forschungsobjekt. Zunächst glaubt sie im kein Wort, dann lässt sie mit seinem Blut eine Genanalyse machen und stößt tatsächlich auf deutliche Abweichungen zur Norm. Die Kollegen im Institut werden jedoch schnell misstrauisch und so reist sie mit Ritter zurück nach Deutschland und hält ihn bei sich vor der Außenwelt versteckt. Johanna geht in ihrem Ehrgeiz so weit, von Ritter überwachte Selbstversuche mit Elektrizität zu machen, weil sie glaubt, dass das möglicherweise der Weg zur Unsterblichkeit ist. Danach startet sie auch für sich eine Genanalyse. Die Ergebnisse, die dabei herauskommen, lassen sie allerdings dann auch am Sinn der wissenschaftlichen Forschung (ver)zweifeln …

Die Dispute der beiden Protagonisten sind köstlich und machen den Roman sehr kurzweilig, besonders auch aufgrund von Ritters, der deutschen Romantik gemäßen Sprache: Ritter, der bei allem Forschungsdrang auch zweifelt, die spirituelle Dimension sieht, an das Göttliche glaubt versus Johanna, die Nüchterne, die an nichts außer Verstand und Fortschritt glaubt. Und dann ist da noch die Stimme aus dem Off, die in Versen spricht – mags der Satan selbst sein? Auch an Spannung mangelt es nicht, denn wie kann solch eine haarsträubende Geschichte wohl ausgehen?

“Blicken Sie sich um auf der Welt! Wie mögen Sie da ernstlich behaupten, der Mensch sei fortgeschritten auf dem Wege der Natur- und Selbsterlösung? Botschaften jagt ihr von einem Erdteil zum andren; ihr durchfliegt die Lüfte, durchmesst das Weltall, lasst die Nacht heller leuchten als den Tag – allein zu welchem Zwecke? Herrscht eine neue Harmonie, ein neues Glück? Nicht minder elend seh ich die Menschen denn zu meinen frühern Tagen.”
Die Geschichte ist wirklich sehr schräg, gleichsam sehr besonders auch in ihrer Form. Ich habe sie mit großem Vergnügen gelesen. Es ist ein Pendeln zwischen deutscher Romantik (Ritter ist keine erfundene Figur) und heutiger aktueller Biowissenschaft. Und dem ewigen Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft. Und der Frage: Ist Sterben sinnvoll, damit das Leben wertvoll ist? Gibt es Gott, der alles geschaffen hat oder ist alles Evolution? Was bringt es dem Menschen wirklich alles zu erforschen? Zerstört er sich damit selbst?

Ein Meisterwerk!

Von: Ingo Noczynski aus Wiesbaden Datum : 27.02.2016

Buchhandlung: Otto Harrassowitz Wiesbaden

Deutsche Gegenwartsliteratur - oder die bohrende Frage so manchen Lesers: Wie lange noch immer dasselbe? Nichts Neues bringt sie hervor. Als Leser fühlt man sich da rasch gelangweilt. Doch Fortuna ward uns hold und schenkte uns vor wenigen Tagen den neuen Roman von Thea Dorn „Die Unglückseligen“. Ein Meisterwerk!

Ich als ihr Leser, bin ihr dankbar, dass ich nicht leide, wenn ich sie lese. Ihr neuer Roman ist leicht, locker und graziös. Ein wunderliches Spiel mit Themen, Motiven und Figuren. Eine kammermusikalische Dichtung in Prosa. Thea Dorn ist ein Meisterin nicht nur der Menschenschilderung, sondern auch eine Stilistin, die der Sprache neue Nuancen abgewonnen hat. Sie liebt die tour de force, das Funkelnde, das Mehrdeutige, die versteckte Anspielung. Ein Dreifachhoch von mir.