Leserstimmen zu
Nationalstraße

Jaroslav Rudiš

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Als braver Normalbürger fragt man sich, ähnlich wie professionell schockierte Reporter, anhand diverser Gewaltexzese oft, was denn im Kopf der Täter vor sich geht. Rudiš ist offenbar nicht daran gelegen, allgemeingültige Lösungsansätze und die Verantwortung der Gesellschaft zu diskutieren. Vielmehr schreibt er, inspiriert von einer wahren Begebenheit, die Geschichte Vandams schonungslos als die eines tschechischen "Wendeverlierers", den sein Frust in die Arme der selbstgerechten Gewalt getrieben hat. Als Nazi sieht er sich keineswegs, obwohl er gerne mal den Arm zum "römischen Gruß" erhebt. Immerhin waren die Römer für ihn nicht nur militärische Genies, sondern die ersten "wirklichen Europäer". Die Begeisterung für Kriege, die nach Vandams Meinung nur kurz von Friedensphasen als "Pause dazwischen" unterbrochen werden, spricht für sich. Das Klischee vom dummen Rechten greift nur teilweise, in Bezug auf sein Lieblingsthema ist er überaus belesen. Dafür stempelt Vandam alle, die seine Meinung angreifen, als bigotte Lügner ab, die für alles Schlechte in der Welt mitverantwortlich sind. Ihn selbst trifft natürlich keine Schuld, er ist ein Opfer der Umstände und wiederholt seine Mantra der Ungerechtigkeit in scheinbar endlosen Monologen. Die Erzählung wechselt nur für ein Kapitel in die Sichtweise eines auktorialen Erzählers, welches gleich einer Filmszene stimmungsvoll erzählt wird. Ansonsten wirft der halbfiktive Vandam als Ich-Erzähler dem Leser seinen Hass weitgehend ungefiltert entgegen. Er hat ja nichts gegen Minderheiten, aber Anstand und Ordnung müssen sein. Und so findet sich immer wieder ein Grund für Ausfälligkeiten gegenüber anderen, den er nur vor sich selbst und in traumartigen Szenen im Gespräch mit seinem Sohn rechtfertigt. Wer sich neue Erkenntnisse über den Weg ins faschistische Milieu erhofft, der wird von "Nationalstraße" vermutlich enttäuscht sein. Es ist eine leicht vereinfachte, eher symbolische Geschichte, die sich zwar an manchen Klischees abarbeitet, dafür aber zeigt, dass es nicht nur in Deutschland Probleme mit gewalttätigen Wutbürgern gibt.

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Vandam war einer von denen, die es losgetreten haben am 17. November 1989, als unten in der Prager Altstadt auf der Nationalstraße die samtene Revolution ins Rollen kam, die einige Wochen später das kommunistische Regime hinwegfegte. Damals war Vandam ein junger Polizist, ein Vorstadt-Held oben in der Plattenbausiedlung des neuen Prag, die dem Wald abgetrotzt mitten in rauer Natur liegt. Dort oben haben sie als kleine Jungs heimlich Krieg gespielt, dort hat Vandam nach seinem Vater gesucht, wenn der wieder einmal angedroht hatte, er würde sich erhängen, bis er am Ende doch übers Balkongeländer sprang. Fünfundzwanzig Jahre später wohnt Vandam immer noch in der Plattenbausiedlung seiner Kindheit. Längst ist er kein Held mehr, sondern ein Verlierer: Wegen Gewaltexzessen aus dem Polizeidienst entfernt, prügelt er sich als einsamer Schläger durch Tage und Nächte und hebt im Fußballstadion regelmäßig die rechte Hand zum Hitlergruß ... So bin ich eben, kaum habe ich mich an Krimis sattgelesen, suche ich eine Herausforderung und lande, dem bloggerprotal sei Dank, bei einem literarischen Versuch aus der tschechischen Republik. 160 Seiten lang ist er nur, der Monolog eines Verlierers, in dessen Kopf ich schauen kann und den ich dennoch bis zum Ende nicht verstehe. Der redet und redet und redet und mir trotzdem nichts zu sagen hat. Der sich effektiv im Selbstmitleid ergeht und das wortgewaltig hinter Abhandlungen zu Politik versteckt. Eigentlich könnte er einem Leid tun, wenn er nicht so ein Unsympath wäre. Und genau das macht das Buch für mich so interessant, trotz dieser Figur. Vandam ist eine Person, wie er dir jederzeit begegnen könnte (und wenn ich das richtig verstanden habe, hat der Autor ihn tatsächlich nach einem lebenden Vorbild gezeichnet), und dem man eigentlich zuhören müsste, um die Dinge um ihn herum zu verstehen. Die enttäuschten Hoffnungen nachvollziehen, die verquere Sichtweise akzeptieren und sich einfühlen können - nur so wäre ein Dialog möglich. Und dennoch sträubt sich alles in einem, genau das zu tun, stattdessen würde man ihn gerne wegschieben und sich mit etwas Schönerem beschäftigen. Dass einen Rudis dennoch bei der Stange hält, ist der große Gewinn an diesem Kurzmonolog.

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Ungewöhnlich

Von: Tulpentopf

14.03.2016

"Nationalstraße" ist Geschmackssache. Wer die klassische Art des Geschichtenerzählens mag, wird enttäuscht und verwirrt sein. Wer bereit wäre, einen Abend zu opfern, um in einer heruntergekommenen Kneipe zu sitzen und einem Säufer zuzuhören - bitte schön. Dafür erfährt er, was hinter den üblichen Stammtischparolen steckt, die in Prag und Berlin sicher ziemlich gleich klingen. Mit dem Buch „Nationalstraße“ setzt man sich mit einem menschlichen Wrack an einen Kneipentresen und lässt es reden. Dabei merkt man, wie kaputt dieser Mensch ist und erfährt, was ihn kaputt gemacht hat. Und welche Vorstellung er von sich, seiner Familie und seiner Zukunft hat. Diese Ansichten überträgt er auf die Gesellschaft. Was dabei heraus kommt ist gruselig. Und beklemmend glaubwürdig. Manche würden sagen, typisch deutsch.

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