Leserstimmen zu
Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau

Dimitri Verhulst

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eBook
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Désiré Cordier hat genug vom Leben mit seiner Frau, die ihn andauernd bevormundet und ihm und den Kindern das Leben schon seit Jahrzehnten zu Hölle macht. Er beschließt, sich ein anderes Leben zu suchen und der einfachste Weg ist, sich dement zu stellen. Akribisch bereitet er den Ausstieg aus dem alten Dasein vor: mehr und mehr vergisst und vertauscht er, gezielt täuscht er Frau und Tochter bis diese schließlich mit ihm eine Untersuchung durchführen lassen: klarer Fall, der Mann ist dement und gehört in ein Heim. Mit Vergnügen setzt er dort sein Spiel fort, wenn er auch bisweilen ob der Missstände am liebsten seine Rolle aufgeben würde. Doch er erlebt auch unerwartete Überraschungen, denn sein genialer Plan ist gar nicht so originell, dass nicht auch andere auf diese Idee kommen könnten. Dimitri Verhulst gelingt ein interessanter Spagat mit seinem kurzen Büchlein. Zum einen ist es wirklich köstlich mit anzusehen, welchen Spaß Désiré an der Täuschung seiner Gattin hat, welche absurden Einfälle ihn seinen fortschreitenden Zerfall darstellen lassen. Urkomisch sind die Situationen und Dialoge – wenn sie nicht so realistisch wären. Der Protagonist erfüllt die Erwartungen, ebenso wie die wirklich Erkrankten, deren Umfeld damit leben muss. Die bittere Pille, insbesondere als er sich seiner geliebten Tochter nicht offenbaren kann und vor dieser ebenfalls die gewählte Rolle des dementen Vaters, der das eigene Kind nicht mehr erkennt, aufrechterhalten muss. Auch die Beobachtungen im Pflegeheim sind wenig erbaulich und vermutlich bitterer Ernst und Normalität für viele, die sich nicht dagegen wehren können. Dass das Happy End mit der wiedergefundenen Jugendliebe ausbleibt, ist einerseits für den Leser etwas schade, aber stimmig in der Gesamtschau: das Leben ist nun einmal nicht so. Und was das selbstgewählte Schicksal schließlich mit ihm macht, lässt einem doch recht melancholisch zurück. Eine interessante Annäherung an das Thema Demenz und unseren Umgang mit von dieser Erkrankung Betroffenen. Auch die Frage, wie man im fortgeschrittenen Alter noch aus dem eigenen Leben flüchten kann, wenn dieses scheinbar nicht mehr wert ist, weitergelebt zu werden, ist durchaus wert, überdacht zu werden.

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Ein heikles Thema für einen Roman. Ein Buch über einen eigentlich gesunden älteren Mann im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, der zu dem ein begnadeter Schauspieler ist. Das Leben mit seiner Frau frustriert ihn, schon jahrelang. Nun im Alter mit dem Nachlassen der körperlichen Kraft bleibt ihm nur die Aussicht auf eine kleine Wohnung mit Balkon auf der die beiden noch enger zusammen sein werden. Ein Graus für ihn, bis ihm die Idee kommt- er wird einfach dement. Unglaublich? Ein wenig schon. Akribisch beschreibt der Mann wie er seine Demenz entwickelt, immer auch darauf achtend nicht zu viel und zu überschwänglich zu sein. Die Reaktionen der Außenwelt, das Abwerten seiner Handlungen, das hämische Lachen einiger Mitbürger, die Fassungslosigkeit seiner Familie. Es ist ein wenig, als ob der Erzähler der Welt einen Spiegel vorhält, wie würde jemand, der an Demenz erkrankt ist, das Verhalten seiner Mitmenschen beurteilen, wenn er es denn könnte. Seine scharfe Beobachtungsgabe der Mitmenschen, die fast ein wenig sarkastisch anmutende Bemerkungen zu dem Verhalten seiner Mitmenschen, das fand ich sehr gelungen. Was mir gefiel war auch die direkte Ansprache des Lesers. Der Ich -Erzähler zieht mich, in seine Geschichte mit hinein und lässt mich ein Teil dieser doch etwas merkwürdigen Welt werden. Als Leser macht einen das Buch durchaus nachdenklich. Was bringt einen Mann dazu, sein Leben aufzugeben und so in dieser zunehmenden Hilflosigkeit zu verharren, obwohl er eigentlich geistig gesund ist. Aber auch das Verhalten des Umwelt, die Häme, Schadenfreude, Neugier, er hält einem einen Spiegel vor. Das stimmt einen doch nachdenklich in einigen Situationen, wie diese Kranken auch ignoriert und behandelt werden. Trotzdem ließ mich die Geschichte auch schmunzeln und ich spürte die Genugtuung, die bei dem ehemaligen Bibliothekar rüber kam, wenn er seiner Frau quasi einen auswischen konnte mit seinem unmöglichen Verhalten, für das er ja eine Art Freifahrtschein durch die Krankheit bekam-eine Art Selbstbestimmung über sein Leben, auch wenn er es quasi komplett in fremde Hände gab.

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