Leserstimmen zu
Ein Diktator zum Dessert

Franz-Olivier Giesbert

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„Literaturwerkstatt- kreativ“ rezensiert „Ein Diktator zum Dessert“ von Franz-Olivier Giesbert Rose ist eine außergewöhnliche Protagonistin, die noch im hohen Alter auf Dating-Plattformen im Internet herumstrolcht, für ihr Leben gerne Patti Smith hört, dreißig Jahre lang einen Salamander mit sich herum trägt und immer einen Colt griffbereit in ihrer Handtasche trägt. Sie wird am 18. Juli 1907 als Armenierin am Schwarzen Meer geboren. Ihre Eltern geben ihr den Namen Rouzane. Die ersten acht Jahre verbringt sie eine glücklich Kindheit. Während des Türkischen Genozid an den Armeniern verliert sie ihre ganze Familie und überlebt als Einzige. Sie wird jedoch aufgegriffen und als Sklavin in einem Kinderharem gefangengehalten. Dort wird ihr Name in Rose geändert. Sie wird an einen Kunden des Harems verliehen der sie mit nach Marseille nimmt. Dort gelingt ihr zwar die Flucht, sie wird aber von einer Verbrecherbande gezwungen als Bettlerin und Müllsammlerin zu arbeiten. Aber auch aus dieser misslichen Lage kann sie sich befreien und wird von einer Bauernfamilie in der Provence aufgenommen und schließlich adoptiert. Dort verbringt sie glückliche Jahre, geht zur Schule, lernt Kochen und auch ihre große Liebe und späteren Ehemann Gabriel kennen. Mit ihm geht sie nach Paris und eröffnet dort 1926 ihr erstes Restaurant „La Petite Provence“. Rose und Gabriel bekommen zwei Kinder und führen eine Zeitlang ein sehr glückliches Leben. Umstände führen, dazu dass Gabriel als Jude gebrandmarkt und während des 2. Weltkrieges mit den beiden Kindern deportiert wird. Rose versucht über Heinrich Himmler, der zufällig in ihrem Restaurant zu Abend isst, heraus zu bekommen, wo ihre Familie sich befindet. Himmler nimmt Rose mit nach Deutschland und sie wird seine Köchin. Nach dem zweiten Weltkrieg ist ihre abenteuerliche Reise aber noch lange nicht zu Ende. Sie lebt eine Zeitlang in Amerika, dann in China bis sie schließlich nach Frankreich zurückkehrt und mit 105 Jahren dort ihre Memoiren verfasst. Fazit: Diese Buch ist eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Ich habe vorher noch keinen Roman gelesen, der den Genozid an den Armeniern darstellt. Die Problematik des Genozids wird einem in diesem Buch sehr nahe gebracht. Wir durchleben mit Rose ihr sehr ereignisreiches und bewegendes, dramatisches Leben, das doch überwiegend düster und zerstörend war. Und doch, – trotz alledem bleibt Rose mit ihrem unbändigen und intensiven Lebenswillen immer optimistisch, lebensbejahend und humorvoll. „Ich kann Menschen nicht ausstehen, die sich ständig beklagen. Die ganze Welt tut nichts anderes. Deshalb habe ich ein Problem mit den Menschen“. Besonders hat mir gefallen, dass Rose nicht in eine Opferrolle verfällt, wie es so oft in manch anderen Büchern zu lesen ist. Rose nimmt ihr Leben selber in die Hand, sie rächt sich an denen die ihr Unheil zugefügt haben und hat doch immer wieder den Mut und die Kraft von vorne zu beginnen. „Bis zu meinem letzten Atemzug und sogar darüber hinaus werde ich an die Macht der Liebe, des Lachens und der Rache glauben.“ Das Buch ist gespickt mit wunderbaren Lebensweisheiten, die einen nachdenklich machen. Der Autor hat einen sehr facettenreichen Roman geschrieben – literarisch, intensiv, bodenständig, humorvoll, nachdenklich. Franz-Olivier Giesbert will seine Leser nicht schonen. Er will keinen Mainstream bedienen. Trotz aller bedrückenden Ereignisse fängt er einen durch Roses immensen Lebenswillen immer wieder auf, sodass kein schlechtes Gefühl zurück bleibt . Eine gelungene Idee sind auch die Kochrezepte die im Anhang aufgeführt sind, sowie das Glossar, das nicht so bekannte Begriffe erklärt. Das Cover selbst war für mich jetzt nicht der Hingucker und auch nicht besonders aussagekräftig. Angesprochen hat mich da schon eher der ausgefallene Titel. Dieser hat mich animiert, den Klappentext zu lesen und hat letztendlich meine Leselust geweckt. Ich kann für dieses Buch eine absolute Leseempfehlung aussprechen. Offenheit für eine sehr skurrile Protagonistin mit einem sehr ausgefallenem Leben ist jedoch Voraussetzung !!!

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Mit ihren 105 Jahren ist Rose eine der besten Köchinnen von Marseille. Rose schreibt ihre Memoiren, um das Leben zu feiern. Ein Leben wie eine abenteuerliche Reise durch die Weltgeschichte, auf der sie ihre Familie verliert und sich auf manchmal gar nicht so subtile Weise an den Gewaltherrschern rächt. Rose hat vor nichts und niemandem Angst. Ihre Waffe ist immer griffbereit in ihrer Handtasche. Und weil sie nach wie vor an die Kraft der Liebe und des Lebens glaubt, lässt sich Rose auf dem Sozius ihres jugendlichen Restaurantgehilfen durch Marseille kutschieren, treibt sich im Internet auf Singlebörsen herum und hört dazu Patti Smith. Doch damit nicht genug... "Am Tag meiner Geburt waren die drei Personen, die die Menschheit heimsuchen sollten, bereits auf der Welt: Hitler war 18 Jahre alt, Stalin 28 und Mao 13. Mein Geburtstag fiel in das falsche Jahrhundert: ihres." Als dieser Satz fiel, dachte ich: owei, da ist jemand durch 'Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand' von Jonas Jonasson auf den Geschmack gekommen. Wieder jemand, der mit seinen über hundert Jahren viel zu erzählen hat, der die Weltgeschichte nicht nur beobachtet hat, sondern teilhatte daran, der ihren Lauf ein wenig mitbestimmte. Nun, ganz so war es dann aber doch nicht. Die inzwischen 105 Jahre alte Rose kam am 18. Juli 1907 am Schwarzen Meer in einem 100jährigen Kirschbaum zur Welt, als die Mutter von dort gerade eine Katze retten wollte. Rose nennt sich selbst deshalb 'die Tochter des Kirschbaums'. Im Jahrhundert der Mörder hätte Rose ihre Kindheit beinahe nicht überlebt - als Armenierin fiel sie fast dem von den Türken initiierten Völkermord zum Opfer, einem der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts, so wie ihre komplette Familie auch. Von diesen Tagen an führte sie eine 'Hassliste', ein Papier, das sie durch alle Prüfungen des Lebens hinweg begleitete, auf ihr die Namen derjenigen, die Unverzeihliches begingen - an Rose selbst oder an Menschen, die ihr nahestanden. Und auch wenn es zuweilen lange dauerte: der Tag der Rache kam. "Bis zu meinem letzten Atemzug und darüber hinaus werde ich nur an die Macht der Liebe, des Lachens und der Rache glauben". Marseille, Provence, Paris - das sind die Stationen Roses nach ihrer Flucht aus dem Land, das es nicht länger gab. Dort begegnet sie der Liebe ihres Lebens, sie eröffnet ein Restaurant - Jahre des Glücks. Doch gelingt es ihr letztlich nicht, dieses kurze Glück festzuhalten. Antisemitismus und der Nationalsozialismus, der Frankreich überrollt, lassen die Verzweiflung überhand nehmen. Roses einzige Hoffnung, ihren Mann und ihre Kinder vor dem Tod zu retten ist - ausgrechnet Himmler. Ein Mann, der ihr Restaurant und ihre Küche schätzen gelernt hat, der sie mitnimmt und als Köchin engagiert, was sie in der Hoffnung annimmt, etwas über das Schicksal ihrer Familie in Erfahrung zu bringen. Himmler, Göbbels, Hitler - Rose lässt letztlich nichts aus, um den kleinen Funken Hoffnung am Leben zu erhalten. "Das Leben ist eine große Sauerei, du darfst ihm nie vertrauen. Es gibt und gibt, und dann, eines Tages, ohne Vorwarnung, nimmt es dir alles, wirklich alles, wieder weg." Trotz aller Schläge, die das Leben für sie bereithält, hängt Rose am Leben - und genießt es in vollen Zügen. Sie mag es zu essen, spricht dem Alkohol zu, liebt den Sex. Bis ins hohe Alter hinein von vielen begehrt, genießt es Rose, sich lebendig zu fühlen. Doch bei aller Stärke, die von ihrer Persönlichkeit ausgeht, verspürte ich als Leser immer auch eine Distanz. Hinter der Fassade der starken Frau lugte durchaus einmal die Verzweiflung, die Trauer, die Wut hervor, ausgelöst durch die Schicksalsschläge oder durch Menschen, die willkürlich ihre Macht missbrauchten. Doch wirklich spürbar waren diese Gefühle für mich nicht, und das hat mir hier doch gefehlt. Zudem war es zwar interessant, Episoden und Größen der Weltgeschichte durch die Augen Roses zu erleben und dabei durchaus nicht alltägliche Blickwinkel auf diese zu erhaschen, doch begannen diese Episoden sich für mich im letzten Drittel irgendwie nur noch lose aneinanderzureihen, ohne einen wirklich engen Zusammenhang zu bilden, was für mich teilweise störende Brüche ergab. "Es ist das Los der Menschheit, sich von Dummheit und Hass stets wieder über die Massengräber führen zu lassen, die schon die vorherigen Generationen bis zum Rand gefüllt haben." Dabei wird die vollständige Hörbuchfassung (8 h 53 min.) durchaus angenehm vorgetragen von Carmen-Maja Antoni - die tiefe, raue Stimme passt gut zu der herben Alten mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Der Vergleich dieses Hörbuchs zu 'Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und veschwand' hinkt allerdings in der Tat. Hassliste statt augenzwinkernder Weltgewandtheit, Rachegedanken und die Lust am Leben statt moderner, herzerwärmender Monty Python Geschichte - hier konnte 'Ein Dikator zum Dessert' für mich leider nicht ganz mithalten, auch wenn das Hörbuch über weite Strecken interessant war. Es fehlte für mich letztlich einfach der besondere Flair. © Parden

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"Die Geschichte ist eine Sauerei. Sie hat mir alles genommen. [...] Ich kann diese absurde Ehrfurcht nicht verstehen, die ihr die Menschen seit jeher entgegenbringen." Eine 105-jährige Protagonistin ist an sich schon ziemlich ungewöhnlich - wenn auch seit Jonas Jonassons Roman um einen umtriebigen Jahrhundertalten nicht mehr unmöglich - aber diese hier, mit Namen Rose, ist noch mal ein ganz anderes Kaliber. Rose betreibt ein kleines Restaurant in Marseille, bedroht uneinsichtige Kriminelle auch mal mit der eigenen Waffe und hat in ihrem zarten Alter beschlossen, dass sie nun nicht mehr zu jung ist, um ihre Memoiren niederzuschreiben. Was beim ersten Lesen recht lustig klingt, ist es nicht wirklich, denn Roses Lebensgeschichte ist geprägt von all den Abscheulichkeiten, die das zwanzigste Jahrhundert zum Jahrhundert der Mörder gemacht haben. Als gebürtige Armenierin erlebt sie den Genozid an Landsleuten und Familie; sie erlebt die Schrecken des Nationalsozialismus und des Maoismus. Sie erlebt Tod und Vertreibung, aber auch Liebe und Geborgenheit. All dies kann man in einer Rezension gar nicht erwähnen - 105 Jahre sind immerhin eine lange Zeit - es würde den Rahmen sprengen und zu viel vorweg nehmen. Darum nur so viel: Sie überlebt. Und sie liebt und lebt noch immer, auch wenn Vergeltung für sie kein Fremdwort ist. Vielleicht lebt sie auch gerade deswegen so gut und lange. Franz-Olivier Giesberts Roman lässt beim Lesen des Klappentextes auf eine lustige Reise durch ein Jahrhundert hoffen, an den Hundertjährigen von Jonasson denken; fröhlich-leichter Lesespaß, eine schrullige Alte, Witze über Gebisse und Rollatoren wird man hier jedoch nicht finden. Vermissen allerdings auch nicht, denn Roses Geschichte ist eine Reise durch ein Jahrhundert, dass vor allem durch seine Gräueltaten charakterisiert werden könnte. Eine Geschichtsstunde, bei der das Lachen eher im Halse steckenbleibt, als laut heraus zu poltern. Trotz allem Ernst schafft Ein Diktator zum Dessert aber, was nicht viele Romane schaffen, die sich der Themen Genozid und Nationalsozialismus annehmen, er schafft den Spagat zwischen gut recherchierter Ernsthaftigkeit und Unterhaltung, die ab und an auch schmunzeln lässt. Ein Roman, dessen Humor sehr subtil daherkommt, der sehr fein ist - ebenso wie Roses Köstlichkeiten, mit denen sie sich durch das Jahrhundert kocht. Kochen ist nicht nur Roses Leidenschaft, sondern zieht sich auch als roter Faden durch den gesamten Roman - inklusive Rezepte im Anhang. Rose ist nicht die lustige Alte, auf die der Klappentext hoffen lässt, aber das ist gar nicht schade, denn Rose ist so viel mehr als das. Auch wenn sie "nur" eine fiktive Person ist, kann man sie guten Gewissens als Zeitzeugin betrachten, die Ungeheures und ungeheuer viel erlebt und überlebt hat - und die trotz allem ihre Lebensfreue nie verloren hat und immer Ja zum Leben sagen wird.

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Wenn man, wie Rose, ein ganzes Jahrhundert erlebt hat, kann man die ein oder andere Geschichte erzählen. Genau das tut diese fiktive 105jährige Köchin in dem Roman von Franz-Olivier Giesbert. Sie erzählt ihre Wahrnehmung und wie sie es geschafft hat zu überleben. Vom Völkermord der Armenier, bei dem ihre Geschwister und Eltern sterben, das systematische Töten der Juden im dritten Reich, bei der unter anderem ihr erster Mann und ihre Kinder starben und der Mao-Regierung ihn China, der ihr dritter Mann zum Opfer fiel. Der Autor wurde am 18.Januar 1949 in den USA geboren und lebt seit seinem dritten Lebensjahr in Frankreich. Dort arbeitet er als Journalist und ist Chefredakteur des Wochenmagazin "le point" (ähnlich dem amerikanischen "Time magazine"). Seit 1977 schreibt er regelmäßig Romane und Biographien, für die er bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Das Buch ist sehr leicht und flüssig zu lesen und imponiert durch seine wunderschöne, bildhafte Sprache, welche an manchen Stellen leider etwas vulgär wird. Durch seine Worte schafft es der Autor auf jeden Fall den Leser für die französische, vor allem die provenzalische Küche zu begeistern. Ein Highlight sind die Rezepte, welche als Anhang abgedruckt wurden. Außerdem beschreibt der Roman eine bejahende Aussage für das Leben. Gleich am Anfang wird deutlich, dass die Hauptperson vor allem die positiven Seiten sieht und nicht die dunklen. Nach Ansicht von Rose trägt diese Ansicht sehr zu ihrem Überlebenstrieb bei. Der Hauptcharakter Rose ist ehrlich, menschlich und unnahbar. Dabei wird sie dem Leser nicht wirklich sympathisch. Sie handelt streng nach ihren eigenen Prinzipien und ist von einem unstillbaren Lebenswillen geprägt, der sie über die schrecklichsten Geschehnisse hinwegkommen lässt. Dadurch wirkt sie oft etwas gefühlslos, auch wenn der Autor beschreibt, dass sie tagelang weint. Schon als sie als 8jährige, nach der Ermordung ihrer Familie, regelmäßig missbraucht wird, scheint sie keine großen psychischen Probleme davon zu tragen. Der Leser verliert daraufhin die Verbindung zur Protagonistin. Diese wirkt wie eine Reporterin, die häufig weder ihr eigenes Verhalten noch das der anderen wertet. Es wird durchaus deutlich, dass der Autor eine Person zu erschaffen versucht, die anders ist, da sie sich nicht an gesellschaftliche Gepflogenheiten hält. Dies wirkt aber häufig eher abstrus. Die Gegenspielerin und das Gewissen von Rose werden durch ihre Salamanderdame "Theo" gebildet. Mit ihr redet der Hauptcharakter ausführlich über persönliche und weltpolitische Probleme. Theo spricht das aus, was der Leser Rose gerne sagen würde. Die Nebengeschichte um einen Brief, welchen Rose am Anfang des Buches zugesandt bekommt, beginnt sehr vielversprechend. Im Laufe des Romans, steigert sich die Spannung, denn er scheint von einem Kapitel in ihrem Leben zu handeln, vom dem sie selber nichts weiß. Leider schafft der Autor es nicht, den Spannungsbogen bis zum Ende zu halten und auch der Ausgang der Geschichte ist wenig überraschend Aufgrund der Thematik drängt sich der Vergleich mit einem anderen Buch auf. "Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand.", von Jonas Jonasson. Im Gegensatz zu diesem Buch schafft Giesbert es hier allerdings nicht einen Charakter zu schaffen, für den der Leser Sympathien hegt, noch eine spannende Rahmengeschichte zu schreiben.

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Rose hat ein mörderisches Jahrhundert überlebt, ihr Leben gleicht einem Extrem-Ritt durch blutrünstige Epochen. Den Genozid an den Armeniern, die Terrorherrschaft der Nazis, den Exzeß des Maoismus - überall war sie mittendrin. Das Einzige, worauf sie nun noch sinnt, ist Rache. Manch einer wird zurecht aufmerken und ein Deja-Vu vermelden. Noch in der Einleitung des Romans beleuchtet der Autor sein Sujet selbstironisch, indem er seine Protagonisten folgenden Dialog führen lässt: "Einen Arbeitstitel habe ich auch >Meine ersten hundert Jahre< , "Guter Titel. Die Leute lieben Hundertjährige. Dieser Markt wächst im Moment rasend schnell." Doch die selbst errichtete Meßlatte ist zu hoch. Was wohl in erster Linie der Hauptfigur geschuldet ist. Man würde Rose gerne mögen, aber der Funke springt nicht über. Sie wirkt in allem zu aufgesetzt und übertrieben, dazu seltsam holzschnittartig. Nicht einmal für Mitleid reicht es, dafür hat Rose einfach von allem den berühmten Tacken zuviel. Vor allem von Opportunismus, der weit über den von ihr beschworenen Pragmatismus hinausgeht. Es nimmt nicht Wunder, dass eine Salamanderdame stets ihre einzige Freundin bleibt. Vor allem auch, weil es bei Rose noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun. Sie hat ihr Leben nach der Maxime "Fehler verzeiht man am schnellsten, wenn du sie gar nicht erst zugibst" ausgerichtet. Das galt aber ausdrücklich nur für ihre eigenen Fehler. Der Umkehrschluß - Vergebung - ist für sie vollkommen undenkbar, Rache ist die einzige Gerechtigkeit, die für sie zählt. Einem großen Irrtum unterliegt sie auch, wenn sie sagt "In der Vergangenheit hätte ich mehr als genug Grund gehabt, mein Schicksal zu beweinen, aber ich habe mich stets dagegen gewehrt". Dieser Satz wird nicht richtiger, je gebetsmühlenartiger sie ihn wiederholt. Das Einzige, wogegen sie sich gewehrt hat, war das Weinen. aber während das Schicksal ihr geschah, hat sie sich oft genug einfach nur geduckt und ist mit dem Strom geschwommen. Um Ausreden nie verlegen. Eigentlich weiß sie, "Das Glück wird uns nicht geschenkt, man muss es erzeugen,"- aber für ihr Unglück macht sie ihr wechselvolles Schicsal und nie sich selbst verantwortlich. So bleibt das Einzige, was Rose vermittelt Chuzpe und unbedingten Überlebenswillen. Sie zahlt einen hohen Preis dafür, aber zugeben wird sie das nie. So sehr es den Figuren des Buches auch an Tiefe mangelt, auf der sachlichen Ebene leistet der Autor Überzeugungsarbeit. Die übermittelte Historie geht genug in die Substanz, um Überzeugungsarbeit zu leisten, aber nicht so en detail, dass es langweilig würde. Die "große" Geschichte vermittelt er überzeugend, sicher ist es auch ein großer Verdienst, den weitestgehend vergessenen Genozid an den Armeniern zu thematisieren. Seine Liebe zu historischer Korrektheit zeigt sich auch im für einen Roman sorgfältig zusammengestellten Glossar am Ende des Buches. Aber die "kleine" Geschichte, Rose' Geschichte bleibt blutleer und ist einfach zuviel des Guten. Weniger wäre da mehr gewesen. Franz-Olivier Giesbert hat eigentlich einen wunderbaren leichten, lockeren Schreibstil. Sein Buch ist gut strukturiert und klar aufbereitet, nie ist der Leser irritiert, er weiß immer, wo er sich befindet, obwohl das Buch zwischen etlichen Zeitzonen und Orten hin-und herspringt. Es krankt aber daran, dass der Autor sich nicht zwischen Tragik und Komik entscheiden kann. So verliert sich manches Kapitel in übertriebener Coolness. Ganz offensichtlich fällt es ihm nicht leicht, rüden Tonfall zu prononcieren, nachgerade wirkt es fast so, als sei ihm der in Dialogen verwendete Straßenslang peinlich. Der Autor ist in Frankreich eine bekannte Medienpersönlichkeit. Als Journalist, Kolumnist, Fernsehmoderator und Autor ist Giesbert in Frankreich oft Tagesgespräch, nicht zuletzt berühmt durch seine scharf gezeichneten Enthüllungs-Porträts der Präsidenten Chirac und Mitterrand. Doch welche Motivation ihn zu "Ein Diktator zum Dessert" trieb, erschließt sich nicht. Politisch inkorrekt zu sein alleine reicht nicht für Witz und verhindert in diesem Fall auch nicht, dass Etliches zu weichgezeichnet und verharmlost daherkommt. Oder wollte Giesbert das Jahrhundert der Massenmörder anhand einer Protagonistin begreiflich machen, die auf den ersten Blick harmlos daherkommt, auf den zweiten aber letztendlich auf einer Stufe mit diesen steht?

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Überwältigt von den vielen Eindrücken kehrte ich letzten Samstag Abend von einer Welt- und Zeitreise durch ein Jahrhundert zurück. Mit von der Partie waren Rose, Hauptfigur in dem Roman "Ein Diktator zum Dessert" von Franz-Olivier Giesbert, und ihr Salamander und beste Freundin Theo. Rose, die mit 105 Jahren ihre Memoiren verfasst, wäre gern zu einer anderen Zeit auf die Welt gekommen. Doch es ist das "Jahrhundert der Mörder". Als Armenierin erlebt sie den Völkermord durch die Türken und verliert dabei ihre Familie. Als Lustsklavin gelangt sie nach Marseille und wechselt dort ihren "Job" zur Mülltonnenplünderin. Erst als sie von einer Bauernfamilie in der Provence aufgenommen wird, findet sie zum ersten Mal so etwas wie ein wohlbehütetes Zuhause und ihre große Liebe. Mit 18 Jahren hat Rose so viel erlebt wie ein anderer nicht mal im ganzen Leben. Doch ihre turbulente Reise durch Länder und die Weltpolitik geht in einem rasanten Tempo weiter. In Paris eröffnet sie ihr Restaurant "La Petite Provence" und bekocht Himmler, Sartre und Beauvoir. Rose ist eine Figur, die einem immer stärker ans Herz wächst. Zugegeben, ihre moralischen Prinzipien sind fragwürdig, wenn sie sich für jeden Verlust, den sie erleidet, persönlich rächt, um ihren Seelenfrieden wieder zu finden. Andererseits kennt ihre Opferbereitschaft und Selbsterniedrigung keine Grenzen, wenn es um ihre geliebten Menschen geht. Bewundernswert ist, wie die nicht enden wollenden Schicksalsschläge ihrer Lebensfreude nichts anhaben können. Das Trendwort "Resilienz" erfährt hier eine völlig neue Dimension. Ich finde, der deutsche Titel ist unglücklich gewählt. Der Originaltitel "La cuisinière d'Himmler" (Die Köchin von Himmler) trifft es besser. Ansonsten hat der Roman in jeder Hinsicht meinen Geschmack getroffen, was wohl an den gelungenen Zutaten liegt: eine originelle Story, eine gut gezeichnete Protagonistin mit Zügen einer Antiheldin, politisches Hintergrundwissen, spannende Schauplätze und faszinierende Fabulierkunst. Vielleicht werde ich eines von Roses Rezepten nachkochen, die im Buch enthalten sind, um den Lesegenuss bald wieder zu beleben.

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Die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus Sicht einer 105jährigen Frau – ja, das ist der Inhalt von ‚Ein Diktator zum Dessert’. Obwohl es natürlich nicht ganz so einfach ist. Denn an den Stellen, an denen ich bei ‚Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand’ (kurz: Flucht aus dem Altersheim ;) ) herzhaft lachen konnte, macht mich dieses Buch eher traurig. Und natürlich kann man beide Bücher nur bedingt vergleichen. Schon von den ersten Minuten an ist klar, dass dies die Lebensgeschichte einer ‚gebeutelten’ Frau ist, auch wegen Carmen-Maja Antoni, die im Ton der streitlustigen und zornigen Rose erzählt und ihre Geschichte mit mehr Leben füllt, als ich es oft ertragen konnte. Weil es einfach schrecklich ist! Nein, nicht der Vortrag, der ist genau richtig, sondern diese Lebensgeschichte, die mehr als einmal hautnah mit Genozid in Kontakt kommt und ungeschminkt zeigt, zu was der Wille zu überleben befähigt. Rose ist vom moralischen Aspekt her keine nette uralte Frau, sie ist bösartig, mörderisch – und trotzdem ist sie mir sympathisch. Wegen ihrer Ehrlichkeit mit sich selbst. Sie beschönigt nichts, entschuldigt noch weniger und rechnet auch mit sich selbst ab. Das fordert Respekt und lässt mich ein wenig hilflos zurück. Weil ich so gerne in schwarz-weiß denken möchte. Weil ich mir gerne einbilden möchte, einen graden, aufrechten Weg zu gehen. Und Rose, eine starke Frau, überlebt und lebt dabei sogar, auf einem durchaus verworrenen Weg – bleibt sich da aber trotzdem treu. ‚Ein Diktator zum Dessert’ ist ein schönes Buch, trotz all der Hässlichkeit, weil es ungeschminkt beschreibt. Und damit kaum ein gutes Haar am Tier Mensch lässt. Und Carmen-Maja Antoni wird dem rundum gerecht, auch, weil sie den anfangs gewöhnungsbedürftigen zornigen Tonfall hat. Fazit? Ein ernsthaftes Buch, das mich tief beeindruckt hat. Und historische Ereignisse und Personen in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt.

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Bornstedts kleine Bücherstube

Von: Nicole Pienkoß aus Potsdam

26.05.2015

Das Risiko des Vergleichs mit dem Hundertjährigen war natürlich groß. Umso schöner fand ich es, dass Rose uns eine ganz andere Geschichte mit vielen persönlichen Aspekten präsentiert und dabei die Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten des letzten Jahrhunderts Revue passieren lässt. Die Geschichte hat es nicht immer gut mit Rose und ihrer Familie, ihren Freunden gemeint. Die kleinen Racheakte zwischendurch haben sie am Leben erhalten und nehmen ein wenig die Traurigkeit aus den Geschehnissen, die der Leser miterleben muss. Das ganz wird mit dem trockenen Humor einer lebenserfahrenen, leicht verbitterten aber nie verzweifelten Dame erzählt. Dabei lernt man viel über Roses Leben, die Geschichte und vor allen Dingen die Widerstandskraft des Menschen. Dieses Buch macht Spaß ohne plump zu sein und ist dennoch stellenweise traurig und nachdenklich ohne zu schwülstig, depressiv zu wirken. Eine gelungene Gradwanderung und ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

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