Leserstimmen zu
Boston

Upton Sinclair

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Der Roman „Boston“ von Upton Sinclair hinterlässt nach der Lektüre gemischte Gefühle bei mir. Zum einen ist die Thematik rund um die Sacco und Vanzetti Prozess – Posse, in den 20er Jahren im erzkonservativen Neuengland spannend und berührend, zum anderen zieht sich die Prozessbeschreibung und insbesondere die Rolle der Figuren ein wenig in die Länge, so dass man stellenweise das Gefühl hat auf Wiederholungen zu stoßen. Das mag zwar insgesamt chronologisch durchaus richtig sein und auch stilistisch ein ungemeines Gefühl der Authentizität erzeugen, denn die Prozessbeteiligten werden ähnlich gefühlt haben wie der Leser, der immer ungläubiger und beizeiten wütender den Prozessverlauf – oder die Farce eines Prozesses – verfolgt. Da man schon den Ausgang des Prozesses kennt, bevor dieser überhaupt begonnen hat, schleicht sich ein Gefühl der Beklemmung beim Lesen ein und man fragt sich, wie im Geburtsland der modernen Rechtsstaatlichkeit eine solches Possenspiel stattfinden konnte. Historisch betrachtet ist das Buch sehr interessant und wirft ein kritisches Licht auf die amerikanische bzw. Neuenglische Geld-Elite, die mit allen Mitteln, auf Kosten der Arbeiter, eigene Pfründe abzusichern versucht. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass das Buch eine nicht vollkommen unparteiische Sichtweise auf die Geschehnisse bietet und man geneigt ist, den Roman als Tatsachenbericht zu lesen, der er nicht ist. Insgesamt jedoch ein überzeugendes Buch - mit stellenweiser Langatmigkeit - welches große Bedrückung und Fassungslosigkeit hinterlässt.

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1915. Cornelia Thornwell hat sich zu ihrem Ausstieg relativ kurzfristig entschlossen. Für Vorstellungen und Mutmaßungen, wie es ihr in der neuen Realität ergehen würde, war somit keine Zeit. Wie es ist, in einer Fabrik zu arbeiten, lernt sie erst kennen, als sie dieses Vorhaben tatsächlich in die Tat umsetzt. Im Alter von sechzig Jahren! Ihr Mann Josiah Quincy Thornwell, ehemals Gouverneur des Commonwealth, ist gestorben. Nun ist sie "frei" und nicht gewillt, die umgehend einsetzenden Erbstreitigkeiten ihrer Kinder auch nur im Ansatz zu ertragen. Sie hinterlässt ein kurzes Schreiben an sie und macht sich sogleich auf den Weg. Zu Fuß und nur mit wenig Handgepäck. Mit der Straßenbahn gelangt sie nach Plymouth und in der Nähe einer Tauwerkfabrik wird sie, nach einer Unterkunft suchend, fündig. Mrs. Vincenzo Brini hat noch ein bescheidenes Zimmer zur Untermiete frei. In Gesellschaft italienischer Einwanderer fühlt sie sich unerwartet wohl und verliert umgehend sämtliche Vorbehalte. Auch und erst recht, als sie einen weiteren Untermieter der Familie kennenlernt. Einen einfachen Arbeiter namens Bartolomeo Vanzetti. Als sie die Gemeinsamkeit entdecken, Dantes "Divina Commedia" gelesen zu haben, sind sie sofort Freunde ... In politischen Fragen ist man sich nicht immer einig, doch Vanzettis An- und Einsichten üben dennoch einen großen Einfluss auf Cornelia aus. Anders als das große Vorbild Luigi Galleani, einem Anhänger des Kommunistischen Anarchismus, der sich den gewaltsamen Umsturz der US-Regierung auf die Fahnen schrieb, bezeichnete sich Vanzetti als "anarchico individualista", also als Anhänger einer Bewegung, die den Staat mit gewaltfreien Mitteln abschaffen will ... Es ist nicht die Aufgabe des Rezensenten, Fakten zum Schauprozess gegen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die des zweifachen Mordes bei einem Raubüberfall beschuldigt wurden, an dieser Stelle noch einmal detailliert zu beschreiben. Es ist auch nicht seine Aufgabe, die hinlänglich bekannten politischen Gegebenheiten und Strukturen, insbesondere dem brennenden Europa während des ersten Weltkrieges und den politischen Umwälzungen danach, im Detail zu wiederholen. Vielmehr ist es seine Aufgabe, potentiellen Lesern Vorbehalte oder sogar Angst vor dem über tausendseitigen Werk zu nehmen. Upton Sinclair hat mit "Boston" zeithistorische Realität und Fiktion gemischt. Eine Cornelia Thornwell hat es nie gegeben, aber ihre Figur ist notwendig, um in die Welt der italienischen Einwanderer, und der arbeitenden Klasse generell, einen Zugang zu finden. Der Kontrast, im Zusammenhang mit ihrer Herkunft, könnte nicht größer sein und verdeutlicht dadurch einerseits die katastrophalen Zustände in den Fabriken um so deutlicher und ist andererseits wie "Öl" (auch) ein grandioses Familiendrama, wenn auch nicht ohne Längen. Sinclairs verzweifelter Ruf nach Gerechtigkeit ist allenthalben deutlich zu spüren, was ihn jedoch nicht daran hindert, seinen spitzfindigen Humor wie eine Bombe aus dem Hinterhalt platzen zu lassen. Den familiär-unterhaltsamen Teil wertet er mit unerwarteten Bemerkungen beispielsweise insofern auf, als er die Nachteile großer Familien aufzählt. Ungemein ärgerlich wären "Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen", die "in einer Tour" stattfinden und "denen man sich schlechterdings nicht entziehen kann". Die Akribie des Autors entdeckt selbst im Klang eines Namens eine, obgleich sehr vorlaute, Metapher, jedenfalls was den Vornamen Quincy betrifft - "ein Name wie eine Halserkrankung". Richter Wendell Holmes bescheinigt er die Fähigkeit, "juristische Sachverhalte in einem von menschlichen Empfindungen restlos befreiten Vakuum zu beurteilen". Noch drastischer gestalten sich bitterböse gesellschaftliche Seitenhiebe, beispielsweise was die materiellen Ansprüche "höherer Töchter" betrifft. In dieser Beziehung würden sie den "leichten Mädchen" in nichts nachstehen. Unterschiede gibt es lediglich, was die Höhe der jeweils anstehenden Kosten betrifft! Cornelia teilt jetzt den alltäglichen Existenzkampf der Arbeiter aus aller Herren Länder, die ihre Familien mit nur wenigen Dollar pro Woche durchbringen müssen, was sie sich tatsächlich anders vorgestellt hatte, zumal ihr die jeweiligen Bosse persönlich bekannt sind. Gerne werden diese in ihren Kreisen auch als besonders sozial und wohltätig beschrieben. Und so nebenbei schildert Upton Sinclair den sich anbahnenden Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917, insbesondere vor dem Hintergrund der lukrativen Geschäfte, die sich in diesem Zusammenhang ergeben und ausbauen dürften. Gewisse "Krisen" vergisst er ebenfalls nicht zu erwähnen, insbesondere solche, die durch einen "Engpass an verwundeten Soldaten" entstehen ... Die wahren Hintergründe, die zur Verhaftung und Hinrichtung Vanzettis und Saccos am 23.08.1927 führten, werden wohl nie vollständig aufgeklärt werden (was Michael S. Dukakis, Demokrat und Gouverneur von Massachusetts, nicht daran hinderte, die beiden 1977 im Rahmen einer Ehrenerklärung posthum zu rehabilitieren). Dennoch schildert Upton Sinclair bekannte Fakten detailliert und untermauert den Verdacht eines Justizmordes auch anhand des skandalös schlampig aufgezogenen und umgesetzten Prozessverlaufs, der sich über sieben Jahre hinzog, und maßgeblich von dem nicht unbedingt vorurteilsfreien Richter Webster Thayer regelrecht inszeniert wurde. Auch hier spielt die Witwe des verstorbenen Gouverneurs eine tragende Rolle und rechtfertigt somit die Romanform. Ohne sie und ihr Familienclan wäre es eine schier unlesbare Aufzählung von Fakten. 287 Fußnoten verweisen auf einen umfangreichen Anhang, welcher zusätzlich mit Anmerkungen, einer editorischen Notiz, und einem lesenswerten Nachwort von Dietmar Dath vervollständigt wird. Die Übermacht von Vorurteilen gegen Menschen anderer Herkunft, und das Bollwerk gegen unkonventionelles Gedankengut und politische Überzeugungen zeigen die doch so oft übersehene, totgeschwiegene oder schlicht ignorierte Kluft zwischen Arbeitern und Oberschicht der damaligen Zeit, sowie die generelle "Angst vor den Roten", mehr als drastisch. "Boston" ist ein Denkmal für jene, die unter einer profitorientierten Industrie ein Leben lang leiden mussten und für jene, die aufbegehrten und ihren "Kampf" nicht überlebt haben. Die Strukturen um Macht und Geld in Politik, Wirtschaft und im privaten Bereich scheinen in nicht wenigen Punkten in die heutige Zeit übertragbar zu sein. Ob Upton Sinclair dies so erdacht und geplant hat, ist fraglich. Falls ja, wäre ihm auch das gelungen.

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...mussten zwei Arbeiterherzen bluten. Sieben Minuten und sieben Jahre - Diesen Schwur an ihrer Bahre: Alle für zwei. Ihr starbt nicht allein. Es soll ihnen nichts vergessen sein. (Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky, 1927) Sacco und Vanzetti, wer kennt sie nicht? Die beiden italienischen Einwanderer, die in einem fragwürdigen Prozess zum Tode verurteilt und nach siebenjähriger Haft 1927 in Charlestown, Massachusetts hingerichtet wurden? Ihnen setzt Upton Sinclair in seinem halbdokumentarischen Roman „Boston“, bei Manesse nun in der Neuübersetzung von Viola Siegemund erschienen, ein literarisches Denkmal. Der Autor, Sozialist und als „mudraker“ verschrien, gibt mit seinen Werken denen eine Stimme, die ansonsten nicht gehört werden. Wie die beiden italienischen Einwanderer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die dem „Vom Tellerwäscher zum Millionär Mythos“ folgen und 1908 nach Amerika kommen, um ihr Glück zu machen, doch bald darauf feststellen müssen, dass Wunsch und Wirklichkeit mit der Realität nichts zu tun haben. Einwanderer werden diskriminiert, politisch Andersdenkende verfolgt. Desillusioniert schließen sie sich der anarchistischen Arbeiterbewegung an, die der Ostküsten-Plutokratie ein Dorn im Auge ist und die nur auf die Gelegenheit wartet, einem der Aktivisten etwas anhängen und ein Exempel statuieren zu können. 1920 werden Sacco und Vanzetti verhaftet, man wirft ihnen Raubmord vor. Zeugen werden gekauft, Experten manipuliert, und 1921 werden die beiden nach einem fragwürdigen Prozess schuldig gesprochen. Eine Welle der Solidaritätsbekundungen schwappt über den großen Teich und auch Upton Sinclair ist nahe an dem Geschehen dran. Er recherchiert akribisch genau, liest die Protokolle, interviewt die Verteidiger und besucht Vanzetti im Gefängnis. Alles vergebens, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Alle Revisionsanträge der kommenden 6 Jahre laufen ins Leere, und so folgt am 23. August 1927 der Vollzug des Todesurteils durch den elektrischen Stuhl. 1928 erscheint Sinclairs Roman „Boston, a Contemporary Historical Novel”, in dem er die Fakten mit Fiktion verarbeitet und ein exaktes Bild, so ist zu vermuten, der amerikanischen Klassengesellschaft der „Roaring Twenties“ wiedergibt. Upton Sinclair (1878 – 1968), ein Autor, der kein Blatt vor den Mund genommen hat, ein Kämpfer gegen Unrecht und für die Unterprivilegierten. In seinen Romanen ging es ihm immer darum, soziale Missstände nicht nur bewusst zu machen sondern auch anzuprangern. Heute so aktuell wie damals, denn würde er 2017 einen Blick auf die Welt werfen, fände er wahrlich genügend Stoff für Dutzende neue Romane. Eine Bemerkung zum Schluss: Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Hinrichtung rehabilitierte Michael Dukakis, Demokrat und Gouverneur von Massachusetts, Sacco und Vanzetti und gab eine Ehrenerklärung für die beiden ab – was ihnen nur leider nichts mehr genutzt hat. Nachdrückliche Leseempfehlung!

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Boston

Von: Karthause

19.07.2017

Schon „Der Dschungel“ und auch „Öl“ haben mich sehr beeindruckt. Diesen Erwartungen hielt „Boston“ auch problemlos stand. Im Stil eines Reportageromans beleuchtet Sinclair das Szenario. Er kombiniert historisch verbürgte Fakten und Fiktion und hat damit ein monumentales Zeitbild geschaffen, das zudem von erschreckender Aktualität ist. Mit dem fiktiven Charakter der Cornelia Thornwell, die ihr Leben in der Upperclass Boston gelebt hatte, hat Upton Sinclair das Bindeglied zwischen Realität und Fiktion geschaffen. Nachdem Tod ihres Mann, will sie selbstbestimmt leben und nimmt eine harte Arbeit in einer Seilfabrik an. Bei der Suche nach einer Unterkunft und Verpflegung trifft sie auf den italienischen Einwanderer Vanzetti und freundet sich mit ihm an. Sehr bildhaft werden die elenden Arbeits- und Lebensbedingungen geschildert. Cornelia werden schnell die großen Diskrepanzen zu ihrem früheren Leben mehr als bewusst, so wird sie nach und nach immer zugänglicher für Vanzettis Argumente für einen gesellschaftlichen Wandel. Aber die Geschichte entwickelt sich nicht positiv. Vanzetti und sein Freund Sacco werden beschuldigt, an einem Raubmord beteiligt gewesen zu sein. Das Gerichtsverfahren ist Kern des Romans. In diesem geht es um nicht glaubwürdigen Zeugen, einen voreingenommenen Richter und einer ebensolchen Jury. Dieser Teil der Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Sacco-Vanzetti-Prozess war wohl einer der am meisten Staub aufwirbelnden Prozesse in den USA im frühen letzten Jahrhunderts. Obwohl es auch entlastende Aussagen gab, wurden die beiden italienischen Einwanderer der Beteiligung an einem doppelten Raubmord angeklagt und 1921 in einem umstrittenen Prozess schuldig gesprochen. In einer beeindruckend einfachen Sprache wird diese Geschichte auf über 1000 Seiten erzählt. Obwohl man den Ausgang kennt, kommt zu keinen Längen. Nicht weniger bemerkenswert ist die Übersetzung durch Viola Siegemund. Besonders die italienisch akzentuierten Dialoge der beiden Protagonisten wirken erstaunlich überzeugend. „Boston“ ist ein Roman, der von einem sehr zweifelhaften Prozess berichtet, der staatliche Willkür und Rechtsbeugung aufzeigt und von erschreckender Aktualität ist. Dieser Roman ist aber auch ein Dokument der aufkeimenden Arbeiterbewegung und ein Gesellschaftsroman.

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Man benötigt etwas Geduld, aber es lohnt sich: Bereits ein Jahr nach ihrer Hinrichtung legte Upton Sinclair diesen umfassenden halbdokumentarischen Roman über den Fall "Sacco & Vanzetti" vor. Und damit auch die Mechanismen der Macht frei. Ein wichtiges Buch über einen Justizmord, der bis heute die Welt beschäftigt.

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Der „zeithistorische Roman“ Sinclairs erschien also bereits ein Jahr nach dem Ende der beiden Anarchisten – sprachliche Finesse kann man hier, insbesondere da Sinclair von Haus aus kein herausragender Stilist war, nicht erwarten. Manches wirkt redundant, was allerdings bei der Fülle an Material wiederum nicht verwundert: Sinclair arbeitete in eine fiktive Rahmenhandlung (eine ältere Dame, eigentlich der oberen Klasse entstammend, befreit sich nach dem Tod ihres Ehemanns von der Familie, geht für ein Jahr in eine Fabrik, lernt dabei Vanzetti kennen und schätzen und, überzeugt von seiner Unschuld, mobilisiert sie eine siebenjährige Kampagne für seine Freisprechung) eine Vielzahl von Quellen, darunter Prozessakten, Zeitungsberichte, Texte von Sacco und Vanzetti und vieles mehr ein.

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