Leserstimmen zu
Die Tüchtigen

Peter Henning

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das Meer erreicht sie nicht...

Von: Uljana Brunzema aus Bonn

08.10.2019

Peter Henning "Die Tüchtigen" Dieser Roman ist wuchtig. Nicht nur die 670 Seiten haben Gewicht und erfordern wirklich eine Auseinandersetzung. Auch das Thema berührt sehr und macht betroffen. Es geht um 4 Ehepaare aus dem Kölner Raum, alle wohlsituiert, intellektuell, distinguiert, - die sich zur Feier eines 50. Geburtstags in Zandvoort an der Nordsee treffen. In einem Luxushotel verbringen sie dort ein gemeinsames Wochenende. Hält man das Buch in Händen, fällt das sehr fein gewählte Buch-Cover gleich ins Auge: Eine Tafel mit 8 Tellern und Gedecken, minimale Verschiebungen des Bestecks, eine verblühte Rose, eine abgegessene Fischgräte auf einem der Teller, ein Stückchen Schwarzbrot auf einem anderen. Wie ein Stillleben. Memento Mori? ja, sicher auch. Vanitas Symbole der Moderne. Und genau darum geht es in dieser Geschichte. Nach und nach werden die Lebensgeschichten, Beziehungen, Fehlungen, Enttäuschungen und Beweggründe der acht Protagonisten aufgerollt. Kapitelweise wird im Wechsel jeweils aus ihren Perspektiven erzählt, - das macht diesen dicken Roman so kurzweilig und bewegt und wendig. Immer wieder ein kurzes Flashlight auf jede Person, nicht ausufernd, und wir dürfen als Leser Allwisser sein, in dem die verschiedenen Innensichten der 8 Menschen zusammenlaufen. Die ganze Romanhandlung erstreckt sich über 4 Tage, angefangen mit der Anreise der 4 Paare nach Zandvoort. Wenn wir lesen dass ein "WaterRoover-Heimtrainer der Marke Horizon" als gemeinsames Geschenk an die Jubilarin geplant ist, wissen wir schon mit wem wir es zu tun haben. Es geht um die Leben sehr wohlsituierter Menschen, die nach Sinn suchen, die zu saturiert unterwegs sind, die zu viel wollen, Depressionen erliegen, die Apotheken wie Kirchen aufsuchen um zu funktionieren, die ihren Ängsten und Neurosen erliegen. Ein sehr ernüchterndes oft schwer zu ertragendes Buch. Die intelligente brillante Ironie des Autors ist oft so nah an der Realität, dass einem das Lachen im Hals gefriert. Die vielen kleinen perfekt beobachteten Details über diese egonzentrischen, selbstgefälligen und selbstzerstörerischen Personen schmerzen fast. Alle sind in ihren Ängsten, Neurosen und falschen Selbsts gefangen, -Image und Performance zählen. Nur die Vorstellung an "etwas zu Rauchen aus Haarlem" scheint etwas Entspannung zu bringen. Vieles persifliert der Autor Peter Henning , so wie die Rezeptfolge des Geburtstagsmenus, wo "Duo vom Stubenküken mit Pilzen auf Wirsing mit Pancetta und Bohnenkernen" aufgetragen wird. Zwischendurch muss dann das Medex-Mental-Fit eingeworfen werden. Und erwartet man als Leser eine Auflösung, dass sich irgendwann die Gemüter entspannen, Meeresluft, Strand und Dünen die Hipster-Herzen erreichen und öffnen, - wird man leider bitter enttäuscht. Der Aufenthalt wird beschrieben als die "Tage am Meer, die ja genau genommen Tage auf dem Trockendeck waren, weil sie bislang nichts wirklich Stimulierendes oder Erfrischendes beschert hatten und das Meer bloß seltsam illusionär da draußen vor- und zurückschwappte. (...) sie hingen in einem gefühlsklimatischen Dauertief fest." In all dieser Misere gewinnt der Satz "Dem Tüchtigen winkt das Glück", gelesen in einem Glückskeks, eine besondere Bedeutung in diesem Roman. Und so ernüchternd und bitter dieser Roman stellenweise daherkommt, - so brillant ist das Ende dieser Geschichte, das Peter Henning uns anbietet. Abgerundet! Hervorragend.

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"Die Tüchtigen" von Peter Henning ist ein Roman über Fürsorge, Erwartungen, Verlustängste, Selbstzweifel, Depressionen und Hoffnungen. Zu ihrem 50. Geburtstag lädt die Schriftstellerin Katharina zusammen mit ihrem Mann Robert zu einem 4-tägigen Aufenthalt im Luxushotel an der niederländischen Küste ein. Zu Gast sind drei befreundete Paare, die sich ebenfalls in ihren besten Jahren befinden und aus der oberen Gesellschaftsschicht kommen. Jedes Paar hat seine Geheimnisse und Probleme, die dem Leser nach und nach offenbart werden und zu rasanten Geschehnissen führen. Die Geschichte wird aus acht verschiedenen Perspektiven in einem ständigen Wechsel erzählt, die Kapitel sind dabei meist nur drei bis fünf Seiten lang. Hierdurch bin ich sehr gut in die Geschichte hinein gekommen und hatte einen schnellen Bezug zu den einzelnen Charakteren. Der Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen und durch die vielen Vergleiche, die Peter Henning in seiner Erzählung mit einbaut, konnte ich mir die Umgebungen, Personen und Geschehnisse sehr gut vorstellen. Die kleinen versteckten Hinweise auf die Beziehungen zwischen den Protagonisten sowie auf das was noch geschehen wird, haben mir zudem viel Freude beim Lesen bereitet. Im Kontrast zu dem lockeren Schreibstil stehen tiefgründige Inhalte. Wie schon oben erwähnt, werden in diesem Roman sehr viele Themen unserer heutigen Gesellschaft behandelt und auch der Frage nachgegangen, was das Leben in den besten Jahren noch bereithält. Als Leser bin ich dabei selbst ins Grübeln gekommen, ob ich in 20 Jahren mit meinem Leben zufrieden sein werde oder ob ich, wie einige der Charaktere, nicht glücklich bin und nach anderen Dingen streben möchte. Insgesamt hat mich das Buch sehr an ein Kammerspiel erinnert, da jeder Zeitpunkt innerhalb der vier Tage genauestens beschrieben wurde und zu keinem Zeitpunkt ein Stillstand herrschte. Zudem hat mir der Schluss besonders gut gefallen, da er meiner Meinung nach sehr klug gelöst wurde. Für mich ganz klar ein Lesehighlight in diesem Jahr und eine absolute Leseempfehlung.

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