Leserstimmen zu
Ænglisch

Sarah Kirsch

(2)
(2)
(2)
(0)
(0)
€ 19,99 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)

Wer einen ausgedehnten Urlaub in England verbringt, verlernt das Staunen und Wundern in keinem Fall. Beispielsweise in einem Hotel in Harwich, welches noch zu jenen Etablissements gehört, die sich mit einer "nackten Glühbirne als einziger Lichtquelle" auszukommen begnügen. Man ist gut beraten, Abfahrtszeiten von öffentlichen Verkehrsmitteln nicht allzu ernst zu nehmen. Deutsche Pünktlichkeit zahlt sich nicht aus. Kommt der Zug nicht, hat er womöglich keine Verspätung, sondern ist schon abgefahren, "weil diese exzentrischen Briten mal wieder Zugverfrühung machten". Sarah Kirsch konnte dies nicht aus der Ruhe bringen. Zumal sie dieses Phänomen bereits während früherer Reisen studierte. "Sagen die sich: voll ist es, fahren wir los. Sind wir auf jeden Fall pünktlich am Ziel." Immer wieder bewunderte sie die "Exzentrizität der hiesigen Menscher". An einem Fahrkartenschalter war es "great und einfach irre", da ein Ticketverkäufer aus seiner Begeisterung für seinen Beruf keinen Hehl machte und ein "Riesentheater" veranstaltete. Ganz anders, wenn Landsleute auftauchen. Dann kann es schon einmal ernst werden. "Im Hotel gibt es anscheinend Menscher aus München. Muß man auf Tauchstation gehen." Der Zauber jener Tagebuchaufzeichnungen, wie auch in "Märzveilchen" und "Juninovember" liegt im Detail. Atlantik- und Kanalwetter setzen eine gewisse Toleranz und reichlich Humor voraus, zumindest aber "ne kleene Regenhaut". Vom schönem Wetter sollte man sich keinesfalls täuschen lassen. "Und gleich haben sie wieder alles bewölkt." Und immer wieder die scharfsinnig beobachtete Natur, der sie ihr Leben lang zutiefst verbunden war. Jeden einzelnen Baum, jeden Busch und jede Blume mag sie aufzählen und Beachtung schenken. Die Farben des Meeres faszinieren sie, ob "silberweißes Spitzengrau" oder "schwarzer Lack". Und wenn sie "Fregattvögel" über die See fliegen sieht, kennt ihre Faszination keine Grenzen mehr: "... so haut es mir nahezu um. Weeß ooch nicht weshalb." So war das in England, vor 15 Jahren, als Sarah Kirsch mit ihrem Sohn die große Insel bereiste. Heute mag vieles anders sein, doch durch ihre Augen betrachtet, sah die Welt schon immer etwas anders aus. So wie sie eben ist, original, unverfälscht und auf den Punkt gebracht. Kostbare Momentaufnahmen aus Wortgemälden - literarische "Akwareller" wenn man so will.

Lesen Sie weiter

Was für ein Fund! Das Sarah Kirsch eine herausragende Lyrikerin war, ist mir bekannt. Unbekannt war für mich bisher die von ihr geschriebene Prosa. Ich bin ergriffen; begeistert. Ein Juwel! In "Æenglisch" finden sich Tagebuchaufzeichnungen einer Reise nach Cornwall und Devon, die Sarah Kirsch im Alter von 65 Jahren unternimmt. Es ist "Augustus" 2000 als sie mit ihrem Sohn an Bord geht. Eine eigenwillige Sarah Kirsch ist es, die mit feiner Beobachtung, freiem Geist und junger Seele, sich jeglichen Konventionen entgegenstellend ihre Umgebung betrachtet. Mit Harry Potter als Reiselektüre begibt sich sich on Tour. Hitchcock-Möwen, Haus- Möwen, Haus-Möwen die den Wecker ersetzen, Hitchcock-Möwen die das Essen stehlen. Dazu anthrazitfarbenes Meer und Luft, die nach Atlantik und Ärmelkanal riecht - und ihr Berliner Slang. Mit gekonnten Sprachspielereien verwandelt sie alltägliche Sequenzen in leuchtende Diamanten. "Ein launisches Atlantik-Kanalwetter, bei dem man nit weeß, was es allet im Köcher oder uff de Pfanne hat. Ne kleene Regenhaut muß man schon haben. Für alle Felle." Sarah Kirsch schreibt täglich Tagebuch, notiert dabei oft scheinbar nichtige Dinge: " In der Sonne gesessen und am Strand nach Muscheln gesucht. Dann hier im Zimmer Tee gekocht und ne Pastete gegessen, darnach Haare gewaschen, das Haus um die Zeit hatte ein Bad frei." Nachrichtensplitter, Naturbeobachtungen, Alltagserledigungen, kaum etwas erscheint zu unbedeutend um nicht Eingang in ihre Tagebuchaufzeichnungen zu finden. Zehn Jahre später überarbeitet sie diese Notizen, erschafft in der Umwandlung ein besonderes, unverwechselbares Stück Prosa. Ehrlich, unverfälscht, durchaus unangepasst in ihrer Art. Herrliche Literatur die zu sich selbst führt und über sich selbst hinaus. Das Wunderbare im Alltag wird sichtbar. Dieses Reisetagebuch wird von Sarah Kirsch 2012 in die endgültige Form gegossen. Es ist ihr letztes Werk, das sie überarbeitet, fertigstellt. Zur Autorin: Sarah Kirsch, 1935 in Limlingerode/Harz geboren, wird 1977 aus der DDR ausgebürgert. Sie lebt seit 1981 als Schriftstellerin und Malerin in Tielenhemme/ Schleswig -Holstein und stirbt im Mai 2013. Leseprobe Das Buch erschien am 30.März 2015 bei DVA. Ich bedanke mich bei der Random House Verlagsgruppe für das Rezensionsexemplar.

Lesen Sie weiter