Leserstimmen zu
Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau

Max Scharnigg

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Die hölzerne Hofstange ist das Wahrzeichen von Pildau, imaginärer Schauplatz des Romans „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“. Auf einem einsamen Hof nahe der bayerisch-tschechischen Grenze leben drei Generationen – Sohn, Vater und Großvater – unter einem Dach. Max Scharnigg erzählt die Geschichte aus der Sicht des Jüngsten, Jasper Honigbrod, der zu seinem sechsten Geburtstag ein Tagebuch von seinem Vater Max geschenkt bekommt. Am liebsten würde er es mit so spannenden Inhalten füllen wie die Gutenmorgengeschichten, die ihm sein Vater täglich vorliest. Zum Glück tut sich sehr bald eine sprudelnde Quelle für interessanten Stoff auf und zwar in der Gestalt des Findelskinds Lada. Jaspers schüchterner und liebevoller Umgang mit dem frechen Mädchen ist wundervoll geschrieben. Auch die übrigen Figuren werden gut gezeichnet: zum Beispiel die Stiefmutter Lene-Mama, die völlig ohne Erwartungen und Ansprüche eine Lebensphase nach der anderen abhakt, als gelte es, ein vorgegebenes Pensum zu absolvieren. Oder der Großvater, der als begabter Ingenieur eine Erntemaschine erfindet. Man hat fast das Gefühl, man bekomme selbst eine leichtfüßige, märchenhafte Gutenmorgengeschichte vorgelesen.

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Literarischer Roman über drei Generationen, die auf der Hofstatt Pildau wohnen. Darum geht’s: Jasper Honigbrod ist sechs Jahre alt. Er wohnt mit seinem Vater Max und seinem Opa Ludwig auf dem Bauernhof Pildau. Die Drei leben autark. Es gibt kaum Berührungspunkte mit anderen Menschen. Jasper verlebt eine fantastische Kindheit – in jeglicher Hinsicht: Der Hof ist eine eigene Welt für ihn. Es gibt die Hofstange, die jedes Jahr gelängt wird – zu Ehren der Jungfrau Maria und aus allerlei anderen, eher weltlichen Gründen. Ab und zu kommt die Lene-Mama, eine Freundin des Vaters, und irgendwann wohnt auch Lada auf dem Hof, ein kleines Mädchen, das – aus Gründen – nach einem Auto benannt ist. Max Scharnigg erzählt aus der Sicht Jaspers, kapitelweise auch aus der Vergangenheit Ludwigs und Lenes. Wir erfahren, wie die Rüben-Erntemaschine “The Original Pildauer” erfunden wurde, und wie man auch Kinder erziehen kann. Und? Gut? Ja. Das Buch erschließt sich allerdings erst langsam. Zu Beginn habe ich mich des Öfteren gefragt: Mmmh? Worauf läuft’s hinaus? Wovon leben die eigentlich? Das ist doch alles irgendwie … Quatsch. Nee, ist es nicht. Die Geschichte läuft immer knapp am realen Leben vorbei. Das ist gewollt und das ist gut so. Denn so ist die kindliche Wahrnehmung; da fehlen manchmal Versatzstücke, damit es wirklich schlüssig ist; der Schwerpunkt liegt auch nicht immer auf dem, was Erwachsene wichtig finden, sondern was für Jasper im Fokus steht. Ab und an finden sich außerdem wirklich schöne Sätze und Wörter. So beschreibt Jasper seinen Vater als einen “unentwegt in Fußnoten denkenden Mann” (S.21), und die Leute sterben nicht einfach: "Der Großvater Honigbrod hatte den Fisch gefangen, als er selbst noch jung war, in einem Altwasser, das es nicht mehr gibt. 'Das Altwasser ist verlandet, und der Altopa wird bald verhimmelt sein', so pflegte er bisweilen den Verlauf der Zeit festzustellen, wenn er unseren Klappkalender in der Küche einen Monat weiterdrehte, worauf mein Vater, der sonst ein weitgehend unaufmerksamer Mensch war, sich gezwungen sah, eine Geräusch zu machen, irgendeines, das die lange Sekunde nach einer großen Wahrheit auffüllte." (S.21) Großvater Honigbrod – damit verrate ich nicht zu viel – verhimmelt tatsächlich im Laufe der Geschichte, im wahrsten Sinne des Wortes. Überlegen Sie schon einmal, wie das passieren kann, denn damit ist genug gesagt.

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Hoch hinaus reckt sie sich in den Himmel. Und jedes Jahr kommt ein Stückchen hinzu. Die hölzerne Hofstange ist das Wahrzeichen von Pildau. Ein verträumtes Gehöft, das etwas abseits liegt und für den sechsjährigen Jasper Honigbrod das Zuhause ist. Hier wohnt er gemeinsam mit Vater Max und dem Großvater. Während der eine tagtäglich dem Sohn eine Guten-Morgen-Geschichte über den Großwesir und den Reiseritter Robert erzählt und sich anschließend in seine riesige Stallbibliothek verdrückt, kümmert sich der Ältere der drei Generationen um den Garten und die Schleie, die im Weiher unsichtbar ihre Runden zieht. Pildau ist jedoch nicht nur ein Ort merkwürdiger Begebenheiten und Bräuche. Besondere Geschichten ranken sich um die Bewohner, die eines Tages plötzlich Zuwachs bekommen. Denn Autor Max Scharnigg lässt seine drei männlichen Schützlinge im Roman "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau" nicht allein. Jaspers Vater bringt von einem seiner traditionellen Lauf-Ausflüge in die Umgebung ein Geschöpf mit auf den Hof, das nicht nur rote Haare hat, sondern auch ein Mädchen ist. Der Grund für diesen mysteriösen Fund sei an dieser Stelle indes nicht verraten - nur so viel, es ist ein tragischer. Für Jasper ist das Mädchen jedoch eine Art Herausforderung. Denn Frauen gibt es bis auf die Lene-Mama, die nicht die richtige Mutter ist und nur unregelmäßig auf dem Hof auftaucht, sonst nicht. Aus vielerlei Gründen, die sich in der Vergangenheit der Opis, wie Jasper seinen Vater und Großvater nennt, finden. Doch mit der Zeit verschwindet der Argwohn gegenüber dem Kind, das anders und seiner Zeit voraus ist, und eine besondere Form der Zuneigung entsteht. Dabei wird nicht nur vom Alltag auf dem abgelegenen Hof erzählt, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint und das Leben ein anderes ist als auf dem nahegelegenen Dorf. Der Erzähler - später wird deutlich, wer er ist - blickt in einem zweiten Erzählstrang zurück und berichtet vom Leben des Großvaters als Ingenieur, der sich im Krieg vor dem Wehrdienst versteckt hält und eine später erfolgreiche Erntemaschine baut, sowie vom Vater Max, der nach Jahren in England und Jahren als erfolgreicher Wissenschaftler, wieder nach Pildau zurückkehrt war. Nach und nach werden die besonderen Beziehungen der Pildauer aufgedeckt, ihre Erlebnisse und Erfahrungen, die sie gezeichnet haben - im guten wie im tragischen Sinne. Denn Scharnigg, 1980 in München geboren und bereits mehrfach für seine Werke mit Preisen geehrt, schlägt nach der beschwingten und heiteren Stimmung, die zu Beginn ein wenig an ein heiteres Märchen erinnert und mitreißt, melancholische Töne an, die einen sehr berühren. Die Geschichten in der Geschichte erzählen von Abschied und Wiederbegegnung, von Krankheit und Tod, vom bitteren Los eines begabten Außenseiters, Fehlentscheidungen und von Zeiten, in denen der Mensch dem Lauf der Geschichte ausgeliefert ist, um später sein Leben wieder in die Hand zu nehmen, eigene Entscheidungen zu fällen. Das Heranwachsen Jaspers erinnert an den Lauf eines Entwicklungsromans. Für mehrere Jahre wird der Leser zum Begleiter des Jungen sowie des Mädchens Lada und erlebt die Rituale auf dem Hof, die sich am Tagesrhythmus und dem Lauf der Jahreszeiten orientieren. Wie der Autor diesen magischen Ort voller Bücher und Geschichten und seine besonderen Bewohner voller Poesie gestaltet und zum Leben erweckt, verblüfft und nimmt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite für diesen bezaubernden und ungewöhnlichen Roman ein. Vor allem die Warmherzigkeit und Hingabe zu seinen Geschöpfen und ihren Lebensgeschichten ist eine kostbare literarische Erfahrung, die man sehr selten macht. Bei jeder dramatischen Wendung möchte man deshalb den Autor bei den Schultern packen und kräftig durchrütteln, weil die traurigsten Szenen zu sehr schmerzen. Man leidet mit, weil man zu einem Teil dieses Pildauer Universums wird, nahezu so, als ob man Zuhörer der Guten-Morgen-Geschichte wird oder auch mal den Großvater im Garten hilft. Am Ende kommt der große Paukenschlag, der einen heftig mitnimmt, weil die Familie zu einem Teil von einem selbst geworden ist.

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