Leserstimmen zu
Altes Land

Dörte Hansen

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Hörbuch CD
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In Dörte Hansens Altes Land wird die Geschichte von zwei Frauen erzählt, die in ihrem jungen Leben schon einiges mitgemacht haben, sich aber trotzdem nicht unterkriegen lassen. Die Charaktere werden so eindrucksvoll beschrieben, dass man fast meint, sie selbst zu kennen. Außerdem schreibt Dörte Hansen mit viel Wortwitz und Ironie, sodass die Geschichte auch zum Schmunzeln ist. In dem Roman geht es nicht um die Liebe, sondern um Familie, Erwachsenwerden, Heimat...und Heimatlosigkeit. Ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt und war doch zutiefst berührt, da die Geschichte der beiden Mädchen unter die Haut geht. Als Erzähler hätte ich mir niemand besseren als Hannelore Hoger vorstellen können, die mit ihrer rauen Stimme perfekt zur hanseatischen Kulisse des Romans passt.

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Bewegend

Von: CogitoLeider

30.12.2015

'Altes Land' ist ein Hörbuch, das ich immer mal wieder vor Augen, mich aber nie so richtig angesprochen hatte. Irgendwie vom Thema her. Ich habe bei Büchern und Hörbüchern immer so Phasen, mal müssen es Krimis und Thriller sein, dann wieder Frauenromane, und da passte das einfach nie rein. Aber manchmal möchte ich etwas ganz anderes hören und deshalb habe ich mich eben dann doch für dieses entschieden. Und meine Entscheidung fast augenblicklich bereut. Hannelore Hoger liest dieses Buch bestenfalls gewöhnungsbedürftig, schlimmstenfalls schrecklich. Das 'schrecklich' überwog am Anfang und ich hatte Mühe mit dem Zuhören. Das ist natürlich ein ganz subjektiver Eindruck, der mit persönlichen Vorlieben zu tun hat. Denn im Laufe der Geschichte verliert sich das einfach und es gibt Szenen, da passt es so 100prozentig, dass ich mich entschuldigen möchte für meine Zweifel. Es ist ein Phänomen, dass wirklich tragische, tiefe Geschichten nicht viel Theater brauchen, im Gegenteil, je 'stiller' sie sind, um so mehr gehen sie zu Herzen. Und Dörte Hansen erzählt distanziert und kühl. Was bei mir sehr viele Tränen ausgelöst hat. Diese Abfolge von Ereignissen in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ihr Zusammenspiel, Auslöser und Wirkung, menschliches, unmenschliches, Erfahrungen aus 70 Jahren - der Nachhall all dessen berührt mich weit über das Hören hinaus. Auch jetzt gerade. Was es schwer macht, eine vernünftige Rezension zu schreiben. Denn das Hauptthema, das meiner Meinung nach die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse auf Folgegenerationen ist, geht mir einfach zu nahe. Da werden Veras Erlebnisse zu denen meines Vaters und damit zu einem Teil meiner eigenen Geschichte. Macht keinen Spaß! Macht es nicht einfacher! Macht manches verständlich! 'Altes Land' ist ein wunderbar erzähltes Stück 'Geschichte', die nicht vergangen ist. Es gibt schockierende Momente, die jedoch schlüssig sind und nicht um des schockieren wollens beschrieben werden. Und für mich, die ich nicht mehr fragen kann, bedeutet das darin enthaltene Wissen ein großes Stück Erklärung und viel zu viel Information. Und wer aufmerksam zuhört oder liest, der findet auch den Bezug zu aktuellen Geschehnissen und der Möglichkeit, es besser zu machen. Der Satz 'nur über meine Leiche', wenn es darum geht, Flüchtlinge aufzunehmen, den vor 70 Jahren sehr, sehr viele Menschen hören mussten, Vera genauso wie mein Vater, der sollte gerade deswegen nicht mehr gesagt werden, denn wie es die Geschichte zeigt, gibt es wohl immer Menschen, die alles verloren haben und solche, denen genug zum Teilen geblieben ist. Und das Blatt kann sich schnell wenden. Fazit? Das bewegendste Buch, das ich in diesem Jahr hören durfte. Und in der Botschaft zeitlos.

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Wie lange muss man an einem Ort wie diesem leben, um nicht mehr fremd zu sein? Diese Frage begleitet Vera schon seit langer Zeit, denn obwohl sie schon fast ihr ganzes Leben im Alten Land wohnt, fühlt sie sich wie ein Fremdkörper. 1945 floh sie mit ihrer Mutter aus Ostpreußen und beide fanden Zuflucht auf einem alten Bauernhof. Auch sechzig Jahre später identifiziert Vera sich immer noch als Flüchtling. Eines Tages steht plötzlich ihre Nichte Anne mit ihrem Sohn vor der Tür und auch diese beiden wirken, als seinen sie auf der Flucht. Dat Hus is min und doch nicht min … Dreh und Angelpunkt der Geschichte über eine Schicksalsgemeinschaft ist ein fragiles Fachwerkhaus im Alten Land, das mehr zu sein scheint, als man auf dem ersten Blick erkennen kann. Im Laufe vieler Kapitel bekommt man den Eindruck, als würde dieses Haus das Leben seiner Bewohner bestimmen und nach seinen Vorstellungen beeinflussen. Seine Bewohner und ihre erlebten Geschichten sind tief verbunden mit den morschen alten Balken, den knarrenden Türen und den zugigen Fenstern. Besonders bei Vera scheint es, als sei sie sehr mit dem alten baufälligen Haus verschmolzen, jedoch wollen ihre Wurzeln, hier im Alten Land nicht wachsen. Die starken und sehr divergenten Charaktere sind äußerst facettenreich gestaltet und nehmen den Leser auch noch lange nachdem die Geschichte gelesen ist voll in Anspruch. Hansen hat sich für ihr Buch auch betont kontrastreiche literarische Figuren ausgesucht: Verkopfte und moderne Städter prallen auf bodenständige und konservative Dörfler, die für die Geschichte eine unterhaltsame und humorvolle Mischung bieten. Je nach eigener Vorliebe kann man die von Hannelore Holger gelesene Geschichte auf vielerlei Weise erleben. Man hört sie gemeinsam, um sich darüber austauschen, wie unterschiedlich man die literarischen Figuren erlebt und versteht und kann gemeinsam über die Ereignisse diskutieren. Oder man genießt sie ganz allein, um zwischen den Zeilen zu lesen und viele bildhafte Sätze mit wunderschönen Worten auf sich wirken zu lassen. Dörte Hansen beginnt ihre Geschichte über zwei Einzelgängerinnen, mit zwei zeitversetzten Erzählsträngen, die sich einander Jahrzehnt um Jahrzehnt annähern. In zahlreichen Rückblicken schildert Hansen die Ereignisse um Veras Flucht aus Ostpreußen und ihrer Ankunft in einem ihr fremden Land. Diese imposanten Passagen haben mich sehr bewegt. Die Autorin erzählt mit einem lebendigen und metaphorischen Stil von zwei Frauen, die überraschend zueinanderfinden und sich auf vielerlei Weise ergänzen. Zwei Menschen, die sich völlig fremd sind und viel mehr gemeinsam haben, als sie ahnen. Hansen berichtet auch über verschiedene Kulturen und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Die wandlungsfähige Hanseatin Hannelore Hoger ist eine vortreffliche Wahl für diesen Roman. Hogers heisere Stimme verleiht der Geschichte eine besondere Stimmung und Schwere. Sie verwächst mit dem Geschehen und ihren Figuren und bringt sie ihren Zuhörern auf diesen Weise sehr nahe. “Altes Land“ von Dörte Hansen ist ein außergewöhnliches Buch, das sich u. a. mit den Auswirkungen einer Flucht beschäftigt. Es macht deutlich, wie Menschen sich während dieser extremen Situation verhalten und wie sie sich verändern. Das Leben auf der Flucht ist selbst dann nicht zu Ende, wenn man nicht mehr vertrieben wird und man ein Dach über dem Kopf hat. Auch viele Jahrzehnte später bleibt ein vertriebener Mensch ein Flüchtling. Selbst seine Familie, die in einem sicheren Land geboren wurde, kann die Folgen noch deutlich spüren. Einige suchen ihr ganzes Leben nach Orten, oder nach Menschen, denen sie Vertrauen schenken und die ihnen Halt spenden.

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Eigentlich bin ich kein Hörbuch-Mensch. Zwar finde ich es unglaublich toll, wenn mir vorgelesen wird, vor allem dann, wenn ich einschlafen möchte, denn irgendwie gibt es nichts beruhigenderes, oder? Mit einer Ausnahme. Autofahrten. Wenn man konzentriert am Steuer sitzt und alle Radiosender nur Müll spielen, dann gibt es nichts besseres. Die letzten Wochen musste ich sehr viel Autofahren. Und das in bester Begleitung... Knorrig. Das ist das erste Wort, das mir einfiel, als Hannelore Hoger anfing zu lesen. Knorrig ist auch ein sehr gutes Wort, um die Bewohner des kleines Dorfs im Alten Land bei Hamburg zu beschreiben, in dem der Roman "Altes Land" von Dörte Hansen hauptsächlich spielt. Auch das alte Haus, das als wichtigster Schauplatz selbst lebendig zu werden scheint, knarzt und knurrt: "Dit Huus is mien und doch niet mien", weiß bereits die alte Bäuerin (Ida Eckhoff), als sie erst den vom Krieg traumatisierten Sohn und dann auch das Haus der geflohenen Hildegard von Kahmke überlassen muss. Doch auch diese strenge Ostpreussin zieht weiter. Zurück bleibt Tochter Vera Eckhoff mit ihrem Adoptivvater, während Hildegard von Kahmke eine neue Familie gründet. Jahre später landet Veras Nichte Anne mit ihrem Fünfjährigen wieder im Alten Land bei Vera und ein Kreis schließt sich. Dazwischen liegen witzige, prägnante und berührende Momente, meist ohne Kitsch (dazu ist die Zunge von Dörte Hansen zu scharf und Hannelore Hoger viel zu gut - kann ich nicht anders beschreiben). Es ist ein Familienroman und eine Geschichte kleiner und größerer Fluchten. Eine wunderbar unterhaltsame Geschichte, die aufs kitschige Happy End verzichtet und einige dunkle Momente einschließt. Hinterrücks werden diese Momente vorbereitet und bevor man sich versieht ists auch schon passiert und weiter gehts in flottem Schritt. Für ein Hörbuch sind es - gerade anfangs und noch dazu für eine ungeübte Hörerin wie mich - sehr viele Personen, aber das trübt das Vergnügen höchstens kurz - man hört Hannelore Hoger auch gern ein zweites Mal zu, wie sie "Altes Land" liest. Hörempfehlung!

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Als Anne erfährt, dass ihr Mann Christoph sie betrügt, nimmt sie ihren Sohn Leon, dessen Kaninchen Willi, und flieht zu ihrer Tante Vera. Wie es ist fliehen zu müssen, weiß Vera. Sie hat es vor Jahren am eigenen Leib erfahren, als sie aus Ostpreußen weg, über Landstriche voller Leichen und Verletzter, bis zum Anwesen der Eckhoffs zog. Das Gefühl der Flucht ist etwas, dass sich in beide Frauen auf ihre eigene Art eingebrannt hat. Vera hat seitdem immer und in allen Situationen das Gefühl sich ihrer Heimat versichern zu müssen. Deshalb hat sie schon einen Grabstein mit ihrem Namen bestücken lassen. So weiß sie, wo sie einmal liegen wird. Die letzte Ruhestätte ist ihr sicher. Ein Gefühl der Sicherheit, das sie als junge Frau nicht hatte und dass sie sich hart erarbeiten musste. Dass sie viel in ihrem Leben gekostet hat. Auch Anne trägt ein Gefühl der Flucht in sich. Flucht vor dem Ende ihrer Beziehung mit Christoph, flucht vor Verantwortung, Flucht vor ihrem eigenen Leben. Manchmal scheint es, als schaue sie lieber über Dinge hinweg, als könne sie gar nicht mehr alles sehen, weil sie so sehr damit beschäftigt ist, Wahrheiten zu umgehen. Geflüchtet ist sie auch aus ihrem Alltag in Hamburg-Ottensen, wo man auch als Mutter erfolgreiche Arbeitnehmerin ist, dem Kind nur die besten Vollwert-Vegan-Mikroorganistischen Lebensmittel sowie Förderungen in Mandarin, Physik und musikalischer Früherziehung zukommen lässt, immer hipp und schick ist und sich so oft trifft, dass man nie allein ist und trotzdem in Einsamkeit lebt. Anne hat den langen Weg zu sich selbst und damit zu einem zufriedeneren Leben noch vor sich. Vera Eckhoffs Gehöft, die Gegend drumherum, das "alte Land", scheint dafür perfekt geeignet. Ruhe und Gleichmäßigkeit ist nur eine der Eigenschaften, die man dort seit Jahrhunderten pflegt und die in der schnelllebigen, heutigen Zeit dafür sorgen, dass man die Möglichkeit hat, Kraft zu tanken. Dörte Hansen hat ein beachtenswert eindringliches Debüt geschrieben. Auch, wenn man in der Presse den Wunsch nach friedlichem Land, das es nach deren Meinung nicht wirklich gibt, etwas verhöhnt, ist es genau das, womit Dörte Hansen den richtigen Punkt trifft. Und das sicher nicht nur bei mir. Ich bin zwar nicht im "alten Land" aufgewachsen, aber eben schon auf dem Land und ja, es ist genau wie von der Autorin beschrieben. Etwas altmodisch, aber gleichmäßig. Zuverlässig. Und damit etwas, das für inneren Frieden sorgen kann. Dass uns ein Gefühl der Sicherheit gibt. Keineswegs lächerlich, sondern eher lehrreich. Hannelore Hoger ist für mich die perfekte Sprecherin für das Hörbuch. Ihre Stimme ist ruhig, gleichmäßig. Harmoniert damit sehr gut mit der Atmosphäre des Romans. Hannelore Hoger hört sich so an, wie ich mir Vera Eckhoff vorstelle. "Altes Land" ist ein wunderbarer Roman, der Ruhe und Geborgenheit vermittelt. Der wärmt und ein Gefühl von Heimkommen auslöst. In dem man sich nicht einsam, sondern gut aufgehoben fühlt. Gleichzeitig ist er die interessante Skizze des Landlebens und Menschen, die die Fluchtgedanken ihrer jeweiligen Generation zu verarbeiten haben. Interessant und großartig umgesetzt.

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Dat Hus is min

Von: wal.li

11.09.2015

Nach dem zweiten Weltkrieg kommen Vera und ihre Mutter ins Alte Land. Besonders willkommen sind sie dort nicht, zwar froh nicht mehr in der Baracke wohnen zu müssen, ziehen sie in das alte Herrenhaus. Doch die Hausherrin lässt sie sehr deutlich spüren, dass sie nicht froh ist über diese Einquartierung. Einige Zeit später kehrt der Sohn des Hauses kriegsversehrt zurück, nie wird er sich von den Folgen des Krieges erholen, dennoch heiratet er Veras Mutter und adoptiert das Kind. Die Mutter geht, Vera bleibt. Und Vera erlebt etwas Ähnliches wie einst die Stiefgroßmutter. Die Tochter ihrer Halbschwester quartiert sich nach der Trennung mit ihrem Sohn bei der unbekannten Tante ein. Ein ruhig erzählter Roman über Flüchtlinge, die nach dem Krieg nach Westdeutschland kamen, die nichts mehr hatten, ihre Heimat verloren, denen vielleicht ein Kind gestorben war, die mit Null anfangen mussten und denen doch nicht sehr viel Mitleid oder Hilfe entgegen gebracht wurde, von denen, die vielleicht nicht ihr Haus und Hof verloren, aber doch Söhne und Töchter, die nicht viel zu geben hatten, die zum Geben gezwungen wurden. Aus welcher Sicht man es noch nachvollziehen mag, aus der der Flüchtlinge oder derer, die die Einquartierung zu ertragen hatten, die Autorin hat ein Thema aufgegriffen und mit unaufgeregter Hand geschildert, das nicht aus der Erinnerung verschwinden sollte. Gerade brandaktuell hat sie den Nerv der Zeit getroffen und man kann sich überlegen, wie man heute mit Menschen umgehen möchten, die vermutlich eher weniger freiwillig alles aufgeben und schwere Wege auf sich nehmen, um im vermeintlich gelobten Land mit einer unerwarteten Realität konfrontiert zu werden. Gerade in den plattdeutschen Passagen sehr authentisch und berührend gelesen von der großen Hannelore Hoger.

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Vera ist ein Flüchtlingskind, als sie mit ihrer Mutter zu Kriegsende im Alten Land ankommt. Ihre Mutter, Hildegard von Kamcke, aus altem preußischen Landadel, lässt sich mit ihrer Tochter von der griesgrämigen Bäuerin Ida Eckhoff die Knechtekammer zuweisen. Sie beschwert sich nicht, bettelt nicht, doch nachts, wenn Ida Eckhoff schläft, schleicht sie sich in die Vorratskammer der Witwe und klaut Milch für die kleine Vera. Hildegard von Kamcke becirct zunächst den Sohn von Ida Eckhoff, einen Kriegsversehrten, der nachts weint und schreit und ins Bett nässt, und der tagsüber am liebsten auf der weißen Hochzeitsbank seiner Mutter sitzt und Rauchkringel in die Luft bläst. Als eine bessere Partie des Weges kommt, ergreift Hildegard die Chance – sie verlässt das Alte Land und geht mit ihren neuen Mann nach Hamburg. Vera, die nun Eckhoff heißt, bleibt in den alten Haus im Alten Land mit ihrem Stiefvater. Sechzig Jahre vergehen – Vera schließt die Schule ab, sie studiert, sie wird Zahnärztin im Dorf. Und sie lebt immer noch in dem Haus, das ihr nachts Angst und Schrecken einjagt, und an dem sie nicht einen Handschlag tut oder tun lässt, aus Sorge, das Haus könnte es ihr übel nehmen. Sie pflegt ihren Stiefvater bis in den Tod. Und auf einmal stehen da wieder zwei Vertriebene vor dem Haus: ihre Nichte Anne mit Sohn Leon. Geflohen aus Hamburg-Ottensen, weg vom Kindsvater, der sich einer anderen zugewandt hat. Vera Eckhoff und die anderen wundern sich über die Vollwert-Eltern aus der Stadt, von denen Anne eine ist, die ihren Kindern keine Grenzen setzen möchten, aber eine vegetarische Ernährung vorschreiben. Vera und Anne lernen sich langsam kennen, während der vierjährige Leon stürmisch ins Herz der alten, brummigen Dame springt. Vera muss sich daran gewöhnen, nicht mehr alleine zu sein. Anne muss sich daran gewöhnen, alleinerziehend zu sein. Leon findet alles ganz prima. Hin und wieder erläutern Rückblicke, was in den vergangenen sechzig Jahren geschah: Veras Erwachsenwerden wird hier ausgebreitet, wie es Hildegard von Kamcke erging, und Annes schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter, die Veras Halbschwester ist. Dörte Hansen verknüpft also viele Zeitebenen und viele Elemente miteinander. Die große Konstante ist dabei ihre geschliffene und klare Sprache, mit der sie Dinge auf den Punkt bringt und dennoch lebendige Bilder heraufbeschwört. Dank dieser Sprache oszilliert die Erzählung gekonnt zwischen traurigen Szenen ganz ohne Pathos und gesellschaftskritischem Sarkasmus, der nicht trieft. Gelesen wird das Hörbuch von Hannelore Hoger, deren tiefe und warme Stimme unaufgeregt die tolle Sprache in den Mittelpunkt rücken. Mit leicht nordischem Einschlag erweckt sie Veras brummige Nachbarn zum Leben, und sie findet genau die richtige Betonung um den leichten Sarkasmus, der bei Beschreibungen von Annes Leben in Hamburg-Ottensen immer mitschwingt, ebenso leicht zu vertonen, wie Dörte Hansen ihn geschrieben hat. Insgesamt ist diese Hörbuchversion von Altes Land also ein absoluter Genuss und das perfekte Paket: sprachlich herausragende Buchvorlage, wunderbare Sprecherin, ideale Länge mit einem Ende, das genau zur richtigen Zeit und auf die richtige Art und Weise gesetzt ist.

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Vorsicht - Spoiler! “Altes Land” von Dörte Hansen ist eine Flüchtlingsgeschichte. Zunächst die von Vera, die 1945 als Fünfjährige mit ihrer Mutter aus Ostpreußen ins Alte Land flüchtet und auf dem Hof von Ida Eckhoff Unterschlupf findet, aber nie heimisch wird. Und dann die von Anne, Vera’s Nichte, die mit ihrem Sohn vor Hamburgs Öko-Eltern und Bio-Supermärkten und ihrer kaputten Beziehung ins Alte Land flüchtet. Beide fühlen sich nicht wirklich zuhause, nicht zugehörig und kämpfen mit ihren Vergangenheiten. Als Anne eines Tages vor Vera’s Tür steht, entwickelt sich für beide Frauen etwas, das wohl beide nicht mehr für möglich gehalten haben: eine Familie. Der Roman erzählt von den Schwierigkeiten, die die Bauern im Alten Land heute haben, dass die alten Herrenhäuser langsam aber sicher verfallen, aber macht auch Lust darauf, die Gegend südlich von Hamburg zu besuchen – und das nicht nur zur Apfelblüte! Anne ist Tischlerin und überzeugt Vera, die sich ihr Leben lang mit Händen und Füßen dagegen wehrte, schließlich von der Renovierung des alten Hofes. Gelesen wird der Roman von Hannelore Hoger mit hanseatischem Charme, teilweisen plattdeutschen Einwürfen und viel Gefühl. Sehr authentisch! Ihre Apfelbäume hat Vera dabei längst an einen Nachbarn verpachtet. Aber weil die Äpfel im Alten Land immer noch eine große Rolle spielen, passt zu diesem Roman wohl kaum etwas besser, als ein Apfelkuchen. In diesem Fall ist es ein versunkener Apfelkuchen, den ich von Krautkopf abgewandelt habe. Das Rezept findet ihr auf dem Blog!

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