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Leserstimmen (17)

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese

Der begrabene Riese Blick ins Buch

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eBook (epub) ISBN: 978-3-641-15326-7

Erschienen:  31.08.2015
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Ein Teufelskreis

Von: Buchrevier Datum : 12.11.2018

www.buchrevier.com

Ja, es ist ein Märchen. Und noch nicht mal ein modernes, sondern eines, das im 5. Jahrhundert spielt; mit tapferen Rittern, wilden Kobolden, Menschenfressern und furchterregenden Drachen. Alles, was so gar nicht meins ist. Aber ich habe mir weder Augen und Ohren zugehalten noch bin ich schreiend weggerannt. Stattdessen habe ich mich für mehr als dreizehn Stunden entführen lassen, der beruhigenden und facettenreichen Stimme von Gert Heidenreich gelauscht und wieder einmal festgestellt, dass die Romane von Kazuo Ishiguro auf ganz besondere Art meine Seele berühren.

Ok, vielleicht ist das etwas zu vorschnell und pauschal geurteilt, denn ich kenne neben diesem Roman aus dem Jahr 2015, der jetzt bei Random House Audio als Hörbuch erschienen ist, eigentlich nur noch Ishiguros Klassiker „Was vom Tage übrig blieb“. Gerade habe ich mir noch mal die Verfilmung aus dem Jahr 1994 mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen angesehen, die übrigens hervorragend und sehr nah am Buch ist, und auch hier musste ich wieder mit den Tränen kämpfen.

Vielleicht ist es Ishiguros Sprache, dieser disziplinierte, altmodisch-unaufgeregte Erzählton, der einen auch in „Der begrabene Riese“ durch die Geschichte trägt, die Figuren sich entwickeln, Kontur gewinnen und sie einen letztendlich ganz fest ins Herz schließen lässt. So sehr, dass man jede Gefühlsregung der Helden förmlich miterlebt und erleidet und sich am Ende nur wieder schwer von ihnen trennen kann. Vielleicht ist es aber auch die Liebe, die der Autor für seine Protagonisten zu empfinden scheint. Wie sonst könnte er sie mit so viel emotionaler Tiefe ausstatten, dass man als Leser nahezu vergisst, dass es sich nicht um Menschen aus Fleisch und Blut, sondern nur um ausgedachte Romanfiguren handelt. Wie auch immer – Ishiguro bringt etwas in mir zum Klingen.

So schlägt mein Herz von Anfang an für die beiden Hauptfiguren Axl und Beatrice, die sich am Ende ihres Lebens noch mal aufmachen, um ihren gemeinsamen Sohn und mit ihm ihre verlorenen Erinnerungen wiederzufinden. Beides haben sie durch den sogenannten Nebel verloren, der sich seit vielen Jahren über das ganze Land gelegt und die Vergangenheit scheinbar ausgelöscht hat. Das ganze Land leidet unter einer kollektiven Demenz, die jeden nur noch im hier und jetzt leben lässt. Was früher war, davon gibt es nur noch ein vage Ahnung. Und das ist einerseits Segen und Fluch. Denn so schön es auch ist, alle Verluste und Niederlagen ein für alle Mal hinter sich zu lassen, keine Lasten mehr auf seinen Schultern zu tragen und unbeschwert in den Tag hinein zu leben, so unvollständig ist ein Mensch auch ohne seine Vergangenheit, egal wie schwierig und belastend sie auch war.

Das Thema hat Potenzial, ist interessant und erzählenswert, aber ich habe nur Augen und Ohren für Axl und Beatrice. Wie liebevoll die beiden miteinander umgehen, das ist einfach wunderschön mit anzuhören. So, ja genau so muss eine Beziehung sein. Etwas altmodisch, althergebrachte Rollenbilder zwar, aber für mich trotzdem ein Ideal. Denn in jedem Satz, in jeder Bewegung und Geste ist 100 Prozent Liebe. Und trotzdem, und das ist das Tragische, sind beide voller Zweifel. Die unbekannte Vergangenheit liegt wie ein klaffender Abgrund zwischen ihnen. Was, wenn sie sich nicht immer so geliebt haben wie jetzt? Wenn sie einander wehgetan und Dinge passiert wären, die man sich nicht verzeihen kann. Weiß man es? Warum ist zum Beispiel ihr Sohn nicht mehr bei Ihnen? Was hat ihn veranlasst, sie zu verlassen? Und, wird er sie nach all der Zeit überhaupt wiedererkennen und freudig und die Arme schließen?

Am Ende besiegen sie den Nebel des Vergessens und mit Ihnen erwacht das ganze Land aus seinem Dämmer. Und sofort stellt sich die Frage: Ist es jetzt vorbei mit dem auskömmlichen Miteinander von Sachsen und Britanniern, der gelassenen Friedfertigkeit jedes Einzelnen und auch der Liebe des alten Ehepaars? Und wie bei jedem guten Märchen ergibt sich am Ende auch hier eine finale Erkenntnis, eine Lehre, die man aus dem Erzählten zieht: Dass man die Vergangenheit nicht unbedingt braucht, um gut zu leben, dass man ohne sie sogar wesentlich glücklicher wäre. Doch um zu realisieren, dass man jetzt gerade glücklich ist, dafür braucht man wiederum die Vergangenheit. Ein Teufelskreis.

"Der begrabene Riese" - Kazuo Ishiguro

Von: paper.and.poetry Datum : 20.01.2017

https://paperandpoetryblog.wordpress.com/

Vielen dürfte Kazuo Ishiguro vor allem durch seine Romane „Was vom Tage übrig blieb“ (1989), für das er den 'Booker Prize' bekam und „Alles, was wir geben mussten“ (2005) bekannt sein. Beide genannten Werke wurden mit namhaften Schauspielergrößen verfilmt, die Bücher sind weltweite Bestseller - So viel zu den grundlegenden Fakten. Doch was machen Ishiguros Geschichten aus?
Sie berühren und bewegen den Leser sowohl inhaltlich, als auch durch dessen bildhaft schöne und leise Sprache, die selten geworden ist, seitdem moderne Literatur oft eine klare, präzise und lautstarke Wortwahl bevorzugt. In seinem neuesten Roman „Der begrabene Riese“ vermischt Ishiguro nun sämtliche Genres und schafft ein Werk, welches sich zwischen Literatur, Historie und Fantasy bewegt und wirklich alles ist, nur nicht gewöhnlich. Auch hier überwiegen leise Töne und Naturbeschreibungen, sodass man meint, man stünde tatsächlich im Wald und atme dessen frischen Duft ein. Aber, worum geht es in „Der begrabene Riese"?
Wir befinden uns mit Axl und Beatrice im Britannien des 5. Jahrhunderts. Das Paar wird in ihrem Dorf als Außenseiter behandelt, weshalb sie sich dazu entschließen, sich auf die Reise zu ihrem Sohn zu machen, den sie schon lange Zeit nicht mehr gesehen haben. Dabei treffen sie auf allerhand mysteriöse und zauberhafte Gestalten (Drachen, Ritter, Merlin usw.) und sie lernen, dass ihre Welt unter einem Nebel des Vergessens liegt, weshalb alle Figuren praktisch vergangenheitslos sind. Dieser Nebel ist im Begriff alles und jeden einzuhüllen, sie sozusagen auszulöschen. Wird es Axl und Beatrice gelingen ihre Erinnerungen und somit sich selbst zu bewahren?
„Der begrabene Riese“ ist ein Roman, in dem sich zwischen den Zeilen wohl jeder wiederfinden kann, denn nicht nur die Protagonisten sind von dem Nebel betroffen, sondern irgendwie wir alle. Das Leben rauscht nur so vorbei und wir vergessen, was wirklich zählt, wer wir wirklich sind. Hier bietet das Buch viel Raum für Interpretation, die jedem selbst überlassen ist. Ishiguros so wunderbar zarte Sprache und sein Erzählgeist tragen den Leser von der ersten Minute an und ziehen ihn in eine Art traumhaften Sog, dem man sich nicht entziehen kann, geschweige denn möchte. Einziger Nachteil der ausführlichen Beschreibungen Ishiguros sind die Längen, die der Roman dadurch teilweise aufweist. Zusätzlich sollte man, meiner Meinung nach, ein wenig Historie- und Fantasy affin sein – oder sich eben komplett auf die Geschichte einlassen können, dann begeistert das Buch und lässt einen auch lange Zeit später noch in Gedanken darin eintauchen, so lange man nicht dem Nebel des Vergessens begegnet.

Philosophisch, Mystisch, Emotional

Von: Sanny Datum : 28.12.2016

https://www.facebook.com/A-whole-new-World-of-Books-801930199953589/?ref=aymt_homepage_panel

Inhalt
Nach dem Krieg der Sachsen gegen die Briten im 5. Jahrhundert, ist Großbritannien kaum mehr als ein Trümmerhaufen. Das ältere Paar Axl und Beatrice lebt schon seit langer Zeit in einem kleinen Dorf. Doch in diesem sind sie nicht mehr erwünscht, da sie als eine Belastung für die Gemeinschaft gelten. Sie entschließen sich also ihrer Heimat den Rücken zu kehren und begeben sich auf die Suche nach ihrem Sohn, den sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise birgt nicht nur zahlreiche Gefahren, sondern ebenso überraschende und interessante Begegnungen. Doch ebenso bekommen sie die Veränderungen Großbritanniens deutlich zu spüren und schnell wird klar, dass bald nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.
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Kritik
Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass ich nicht begeistert war, als wir in der Schule „Alles was wir geben mussten“, im Englischunterricht lesen mussten. Für mich klang es nicht interessant und ich habe ein langatmiges und langweiliges Buch erwartet. Doch als ich es durch hatte, war ich mehr als begeistert. Kazuo Ishiguro beherrscht sein Handwerk wie kein zweiter. Er verarbeitet schwierige Themen in fabelhaften Handlungen und spielt dabei gekonnt mit Worten. Der Schreibstil ist allerdings auch in „Der begrabene Riese“ kein einfacher und die Thematik keine leichte Kost. Es dauert ein wenig, bis man sich in die Geschichte einfindet, doch sobald das geschehen ist, liest sich das Buch relativ flüssig weg.

Ich war beim Lesen sehr überrascht darüber, dass es sehr viel Märchenhaftes und einige Fantasyelemente beinhaltet. Das Paar reist durch Großbritannien und dabei stößt es auf zahlreiche mythische Wesen, die wohl jeder Leser kennt. Zunächst mögen diese nicht so recht in die Handlung passen, doch je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto klarer wird alles. Ich habe mit einer komplett anderen Richtung gerechnet, wurde allerdings mehr als positiv überrascht. So bekommen wir kurze Blicke auf beispielsweise den Zauberer Merlin und König Artus. Doch auch Drachen kommen hier nicht zu kurz.

Es ist schwer zu erklären, weshalb mich dieses Buch so in den Bann gezogen hat, ohne zu viel von der Handlung zu verraten. Es handelt sich nämlich um eine Geschichte, die man selbst für sich entdecken muss. Der Klappentext wird dem leider so gar nicht gerecht, da er einfach nichts von den eigentlichen Geschehnissen preisgibt. Denn eigentlich dreht sich alles um das Geheimnis eines mystischen Nebels, der das Land einhüllt. Was es mit diesem auf sich hat, sollte man allerdings selber herausfinden.

Auch ist es Kazuo Ishiguro wieder einmal gelungen einige wichtige Fragen des Lebens aufzurufen. Für was würde man sich entscheiden? Frieden oder seine Erinnerungen? Das alles wird in einer philosophisch-mystischen Geschichte verpackt, die zum Nachdenken anregt. Hier ist nichts, wie es scheint und man bekommt nicht alle Antworten auf einem Silbertablett serviert, sondern wird zum Nachdenken angeregt. Gerade das gefällt mir sehr. Trotzdem hat die Geschichte in meinen Augen ein paar Längen und an einigen Stellen gerät der Lesefluss aufgrund der Sprache etwas ins Stocken. Der Handlung tut das zwar keinen Abbruch, allerdings habe ich aus diesem Grund relativ lange für das Buch gebraucht.
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Fazit
Das Buch ist keine leichte Kost und auch nicht für jedermann geeignet. Man muss ein ernsthaftes Interesse an Philosophie, der menschlichen Psyche und dem Mystischen aufweisen, um hier ein Lesevergnügen zu haben. Doch für all jene, ist das Buch mit Sicherheit geeignet.

Ein Buch, über das man länger nachdenkt

Von: CoolCatsCologne Datum : 14.06.2016

www.coolcatscologne.de

Offenbar muss ich hier länger ausholen, denn ich denke noch immer über das Buch nach. „Der begrabene Riese“ – ein Buch, auf das die Literaturwelt 10 Jahre gewartet hat. 1989 hat Ishiguro „Was vom Tage übrig blieb“ geschrieben, für das er den Booker Prize bekommen hat. 2005 kam sein letzten Buch „Alles, was wir geben mussten“ heraus, das bei ein paar Freunden von mir noch immer zu ihren Lieblingsbüchern gehört. Jetzt also endlich „Der begrabene Riese“ – das Motiv bleibt gleich, das Genre ändert sich.
Ich bin so hin und her gerissen, komischerweise nicht aus den Gründen, die ich vorher angenommen hatte. Die Welt im Buch ist eine mittelalterliche Fantasywelt, mit der ich normalerweise gar nichts anfangen kann. Aber mit Landschaften hat es Ishiguro ja. Alles ist wunderbar auserzählt, so dass es das Lesen wahrscheinlich schöner macht als es dort in Wirklichkeit aussieht. Und natürlich ist das Genre (angelehnt an) Fantasy. Es spielt in einer Zeit, über die heute fast nichts bekannt ist. Als im 6. Jahrhundert die Römer sich aus England zurückziehen, verfällt das Land in tiefstes Mittelalter. Die Menschen glaubten nun mal an Drachen und Zauberwesen, die tief in den Wäldern hausten. Also laufen den Figuren auch hier und da welche über den Weg. Das hat mich überraschenderweise nicht gestört.
Auch die Motiv der Geschichte, die sich ja grob in allen Romanen von Ishiguro wiederfinden, also Vergessen und Identität, haben mir gefallen. Da legt sich ein Nebel über das Land und niemand kann sich mehr an die Vergangenheit erinnern, oft nicht mal an etwas, das vor ein paar Minuten passiert ist. Wie soll da der Mensch (oder das Land) eine eigene Identität haben? Und als Gegenfrage: aber was ist, wenn dieses Vergessen nur dazu da ist, um dich selbst zu schützen? Diese Fragen muss man sich im Laufe des Buches selbst beantworten und auch ruhig auf unsere Gegenwart anwenden. In welchen Situationen wollen wir die Vergangenheit vergessen und neu anfangen? Wo ist es besser, sich Dingen zu stellen und daraus zu lernen?
Trotzdem hat sich das Buch für mich hingezogen! Denn gerade das Problem mit dem Vergessen lässt die Figuren ohne Hintergundgeschichte dastehen. Sie sind flach und existieren nur für den Moment – und sind mir im großen und ganzen egal. Das ist schade, denn normalerweise bleiben Ishiguros Figuren lange bei mir. Und dann die Sprache! Die ist wie immer wunderbar klar und leise. Allerdings ist die Förmlichkeit, mit der die Figuren sprechen, für das Lesen anstrengend und kräftezehrend. Jemand auf Goodreads schreibt sehr passend, dass das Buch wahrscheinlich 50 Seiten kürzer wäre, wenn man jedes „Prinzessin“ herausstreichen würde.
Da müsst ihr euch wahrscheinlich selbst ein Bild machen.

Tiefgehende und emotionale philosophische Parabel

Von: Letusreadsomebooks Datum : 24.04.2016

https://letusreadsomebooks.wordpress.com/

Nach erbitterten Kämpfen zwischen Briten und Sachsen ist Britannien im 5. Jahrhundert verwüstet. Dem älteren Paar Axl und Beatrice wird deutlich zu verstehen gegeben, dass sie in ihrem Dorf nicht mehr willkommen sind, da sie eine Bürde für die Gemeinschaft sind. In der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, verlassen die beiden ihre Heimat. Die Reise der beiden ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren. Schon bald ahnen sie, dass ihrem Land Veränderungen bevorstehen, die alles aus dem Gleichgewicht bringen können, sogar ihre Beziehung.

Gemeinsam mit dem alten Paar Axl und Beatrice reist der Leser durch ein vom Krieg gezeichnetes Land, das bevölkert wird von mythischen Wesen und Gestalten. Da sind zum Beispiel König Artus, Merlin und die Ritter der Tafelrunde, aber auch Menschenfresser und Drachen. Das Land ist befallen von einem geheimnisvollen Nebel, der die Erinnerung unterdrückt. Zunächst war ich überrascht, denn so viel Märchenhaftes hatte ich nicht erwartet. Nach der Lektüre muss ich aber sagen, dass Kazuo Ishiguro für Der begrabene Riese genau die richtige Form gewählt hat. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, ob das Erzählte wirklich die Realität spiegelt oder der Fantasie der Figuren entspringt. Erst nachdem Axl und Beatrice dem Kämpfer Wistan begegnen und von seiner Mission erfahren, hatte ich das Gefühl, richtig zu verstehen, worum es im Roman geht. Vor dieser Begegnung war ich beim Lesen etwas verunsichert. Ich fand zunächst keinen roten Fanden in der Handlung und hatte keine klare Vorstellung davon, was das Ganze eigentlich soll. Aber dann, nach vielen Andeutungen und kurzen Erinnerungen, fand ich es immer spannender, Axl und Beatrice bei ihrer Reise zu begleiten und mit ihnen das Geheimnis des Nebels zu lüften. Während des Lesens sind mir Axl und Beatrice sehr ans Herz gewachsen. Die tiefe Zuneigung der beiden zueinander wird von Ishiguro sehr eindrücklich beschrieben und wirkte auf mich in keiner Weise zu kitschig. Vor allem das Ende des Buches, das bereits früh angedeutet wird, war sehr emotional und melancholisch und regt zum Nachdenken an. Letztlich geht es um die Frage, ob es besser ist, in Unwissenheit in den Tag zu leben, dafür in Frieden und Ruhe, oder in Freiheit, aber mit der Last der Erinnerungen, die sowohl das einzelne Leben, als auch den Zusammenhalt einer Gemeinschaft bedrohen können.

Was den Stil des Romans betrifft war ich an manchen Stellen etwas zwiegespalten. Die altertümlich anmutenden Dialoge sind wunderbar gestaltet und toll zu lesen, ebenso wie die Beschreibung der Liebe zwischen Axl und Beatrice, die sehr detailliert und in vielen Facetten dargestellt wird. Ab und zu bin ich aber auch über Wörter gestolpert, die nicht recht in den Lesefluss passten. Ein paar Mal ist mir der Begriff „Tohuwabohu“ aufgefallen, der mir sehr unpassend erschien. Ob das nur ein Problem der Übersetzung ist, kann ich nicht beurteilen.


Nachdem ich mich richtig auf den Roman einlassen konnte und mich in die Handlung reingefunden hatte, war ich wirklich sehr begeistert. Die Art des Erzählens und die philosophischen Fragen, die Ishiguro scheinbar so einfach verarbeitet, haben mich sowohl emotional mitgenommen, als auch zum Nachdenken angeregt.

Feinsinnige Fantasy, die lange nachwirkt

Von: Detlef M. Plaisier Datum : 30.03.2016

lesekabinettleipzig.com

<em>Was ist erstrebenswerter? Keine Erinnerungen an die früheren Lebensjahre zu besitzen und dafür in Frieden zu leben, oder all die Erinnerungen wiederzuerlangen und damit einen blutigen Krieg heraufzubeschwören? Kazuo Ishiguro widmet sich dieser Frage in seiner Geschichte über kleine und große Entscheidungen des Lebens und die Treue zueinander.</em>

<strong>Ohne Erinnerungen</strong>
Das ältere Ehepaar Axl und Beatrice lebt zurückgezogen in einem britannischen Bauerndorf. Nur der Nebel, der die Landschaft umfangen hält, stört den Frieden. Fast scheint es so, als lasse er alle Erinnerungen an die früheren Lebensjahre verblassen. Dennoch treibt Beatrice das unstillbare Verlangen an, ihren Sohn zu finden. Das Ehepaar bricht auf, um ihn zu suchen und zugleich das Geheimnis des Nebels zu lüften.

<strong>Feinsinnige Fantasy</strong>
Ins Auge fällt, wie ausgesprochen höflich alle Protagonisten miteinander umgehen. Flüche findet man so gut wie keine, den auftretenden Rittern tut es sogar leid, dass sie gegeneinander antreten müssen, weil sie keinen Konsens finden können. Es wirkt, als schienen hier Ishiguros japanische Wurzeln durch.

Mit viel Liebe und Gefühl begleitet der Erzähler die beiden Protagonisten auf ihrem Abenteuer. Die Handlung mag ordinär wirken: Die Helden ziehen aus, um etwas oder jemanden zu finden und am Ende sogar einen Drachen zu erschlagen. Doch in der Handlung finden sich, fein eingewoben, Botschaften und Denkanstöße.

In unserer Zeit scheint der Lebenspartner so austauschbar wie das nächste Smartphone. Da wirkt eine langjährige und innige Beziehung wie die zwischen Axl und Beatrice geradezu außergewöhnlich. Sie hat es ihnen ermöglicht, ihr Abenteuer gemeinsam durchzustehen. Axls stete Sorge um seine „Prinzessin“, wie er Beatrice nennt, ist herzerwärmend. Gerade die Einfachheit, in der Axl und Beatrice miteinander leben, macht die Geschichte interessant. Sie sind beide einfache Leute, keine großen Helden oder Ritter. Damit sind sie in einer ähnlichen Position wie der Leser. Dennoch sehen sie sich auf einmal einer Situation gegenüber, eine fremde Rolle einnehmen zu müssen und über Krieg oder Frieden zu entscheiden.

<strong>Mein Fazit</strong>
Zum Schluss bleibt eine Frage im Raum stehen: Was würde ich selber wählen – Frieden oder Erinnerungen? „Der begrabene Riese“ ist ein Buch, das lange nachwirkt.

Autorin der Rezension ist Maria Schönberg. Sie gehört zum Autorenpool von [Der Mann für den Text] Detlef M. Plaisier, Leipzig

Der Begrabene Riese von Kazuo Ishiguro

Von: Drachenfeuer Datum : 30.03.2016

buchdrache.blogspot.de/

Was ist erstrebenswerter? Keine Erinnerungen an die früheren Lebensjahre besitzen und dafür in Frieden leben, oder all die Erinnerungen wiedererlangen und damit einen blutigen Krieg heraufbeschwören? Kazuo Ishiguro widmet sich dieser Frage in seiner Geschichte über kleine und große Entscheidungen des Lebens und die Treue zueinander.

Das ältere Ehepaar Axl und Beatrice lebt zurückgezogen als Bauern in einem britanischen Dorf. Das einzige, was den Frieden stört, ist der Nebel, der die Landschaft umfangen hält. Anscheinend ist er es, der alle Erinnerungen an die früheren Lebensjahre verblassen lässt. Dennoch treibt Beatrice das unstillbare Verlangen an, ihren Sohn zu finden. Das Ehepaar bricht auf, um ihn zu suchen und zugleich das Geheimnis des Nebels zu lüften.

Ins Auge fällt, wie ausgesprochen höflich alle Protagonisten miteinander umgehen. Flüche findet man so gut wie keine, den auftretenden Rittern tut es sogar Leid, dass sie gegeneinander antreten müssen, weil sie keinen Konsens finden können. Es wirkt, als schienen hier Ishiguros japanische Wurzeln durch.

Mit viel Liebe und Gefühl begleitet der Erzähler die beiden Protagonisten auf ihrem Abenteuer. Die Handlung mag ordinär wirken: Die Helden ziehen aus, um etwas oder jemanden zu finden und am Ende sogar einen Drachen zu erschlagen. Doch in ihr finden sich fein eingeboben Botschaften und Denkanstöße.

In unserer Zeit, in der der Lebenspartner so austauschbar zu sein scheint wie das nächste Smartphone, wirkt eine langjährige und innige Beziehung wie die Axls und Beatrices bemerkenswert. Doch nur sie hat es ihnen ermöglicht, ihr Abenteuer gemeinsam durchzustehen. Axls stete Sorge um seine „Prinzessin“, wie er Beatrice nennt, ist herzerwärmend.

Gerade die Einfachheit, in der Axl und Beatrice leben, macht die Geschichte interessant. Sie sind beide ebenso einfache Leute, keine großen Helden oder Ritter. Damit sind sie in einer sehr ähnlichen Position wie der Leser. Dennoch sehen sie sich auf einmal in einer Situation, die ihnen fremde Rolle einnehmen zu müssen und über Krieg oder Frieden zu entscheiden.

Zum Schluss bleibt die Frage im Raum stehen, was man selbst wählen würde. Frieden oder Erinnerungen? „Der Begrabene Riese“ ist kein Buch, das man beiseitelegt und dann vergisst.



Ich danke dem Blessing Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der begrabene Riese

Von: Kopfkino-Blog Datum : 02.03.2016

kopfkino-blog.blogspot.de/

Nachdem mich bereits "Alles, was wir geben mussten" des Autors restlos begeistert hat, war mir schnell klar, dass ich auch sein neustes Werk lesen möchte. Der Klappentext war vielversprechend, ebenso Titel und Aufmachung. Wie schon bei "Alles, was mir geben mussten" hatte ich zunächst kleine Schwierigkeiten in die Geschichte zu finden. Ansonsten haben die Bücher aber, abgesehen von dem genialen Schreibstil, nichts gemein.

Die Geschichte ist, vor allem zu Beginn, sehr ruhig. Was mich jedoch vom ersten Satz an begeistern konnte, war Kazuo Ishiguros wundervoller Schreibstil. Für diesen braucht man jedoch die richtige Stimmung und so ist "Der begrabene Riese" in meinen Augen ein Buch, dass die wenigsten Leser "verschlingen" werden. Viel mehr handelt es sich um ein Buch, dass man zu dem richtigen Zeitpunkt lesen muss, um den Schreibstil, der sehr ruhig, beschreibend und poetisch ist, genießen zu können. Dementsprechend lange habe ich gebraucht "Der begrabene Riese" zu beenden.

Die Welt, die Ishiguro beschreibt ist von Beginn an sehr düster und atmosphärisch. Fantasy und Realismus treffen aufeinander und verschiedene Mythen spielen eine große Rolle. Bei den Protagonisten handelt es sich um ein älteres Ehepaar, dass sich auf die Suche nach ihrem Sohn macht. Ich empfand die beiden als sehr authentisch und mochte sie auch sehr gerne, wobei mir Axl noch ein wenig sympathischer war. Ein Mann, der selbst im hohen Alter seine Frau noch Prinzessin nennt (und hierbei ist Ishiguro weit entfernt davon kitschig zu sein) und der liebe Umgang mit seiner Frau zeichnete ein perfektes Bild von einem alten Mann, der seine Frau nach all den Jahren noch liebt wie am ersten Tag.

Bei "Der begrabene Riese" handelt es sich in meinen Augen nicht um einen Fantasyroman. Die Fantasywesen wie bspw. Kobolde und Drachen sind viel mehr als eine Metapher zu verstehen. Bei "Der begrabene Riese" handelt es sich um einen historischen Roman, der mit verschiedenen Elementen als Symbol spielt. Diese Symbole wie bspw. der Nebel sind nicht immer sofort zu durchschauen und doch beginnt der Leser nach und nach zu verstehen, was Ishiguro mit diesem Roman erzählen möchte. Er beschäftigt sich mit der Frage, ob es besser ist in Unwissenheit zu leben anstatt unter der Last der Erinnerungen zu leiden. Es geht um den Menschen, die Liebe und so vieles mehr, dass man nur schwer in Worte fassen kann, es sei denn man heißt Kazuo Ishiguro ;)

Fazit: Ein Buch, das keineswegs leicht zu lesen ist. Doch für der Schreibstil Ishiguros sowie die ruhige Geschichte die dennoch spannend wird, lohnt sich die Mühe.

Einfach atemberaubend und mit so viel Tiefe.

Von: Sophie B. Datum : 29.02.2016

www.buchstabenmagie.blogspot.de

Durch Zufall bin ich in einem Literaturmagazin auf ein Interview mit dem Autor Kazuo Ishiguro gestoßen, in welchem er über sein neuesten Roman "Der begrabene Riese" erzählt hat. Allein wie Ishiguro über das Schreiben und Erzählen gesprochen hat, hat mich wahnsinnig gefesselt. Und schließlich hat sein Roman bei der Lektüre meine Erwartungen bei weitem übertroffen und ich durfte einen wahren Meister der Erzählkunst kennenlernen.

Britannien im 5. Jahrhundert: Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice sind seit vielen Jahren ein Paar. In ihrem Dorf gelten sie als Außenseiter, und man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung. (Quelle: Klappentext)

Ein Nebel des Vergessens hat sich über ganz Britannien gezogen. Beatrice und Axl wissen gar nicht, wo sich ihr Sohn gerade aufhält. Geschweige denn, ob dieser wirklich existiert. Und auch ihre Liebe basiert auf einem Gefühl tiefer Verbundenheit, denn gemeinsame Erinnerungen- ob schlechte oder gute- existieren nicht.
Ein Roman über Erinnerungen und das Vergessen. Man frägt sich, inwiefern Erinnerungen uns als Menschen oder auch eine ganze Nation prägen. Wie wichtig sind sie? Und wann ist nützlich bestimmte Dinge zu vergessen? Wo liegt die Ausgewogenheit zwischen diesen beiden Elementen?

Wirklich bewundernswert, wie Ishiguro zwei so greifbare Figuren wie Beatrice und Axl erschaffen konnte. Die Charaktere der beiden alten Leute stehen einem beim Lesen deutlich vor Augen, und das, obwohl diese Menschen von keinen Erinnerungen und damit Erfahrungen geprägt sind. Sie existieren nur im Hier und Jetzt.

Das Mittelalter mir Rittern, Burgen und Klöstern. Außerdem Drachen und Menschenfresser, die das Land bedrohen. Ein sagenhafter Abkömmling des berühmten Artus. Es ist eine magische Welt, die Ishiguro in seinem neuen Roman heraufbeschwört. Man könnte es wohl der Fantasy zuordnen. Aber der Autor lässt sich einfach nicht eine bestimmte Genre- Schublade packen, nein, er wechselt mit seinen Büchern zwischen diesen.
In diesem Buch dient diese märchenhafte Welt lediglich dazu, dass die Geschichte funktioniert. Es ist kein Fantasy- Werk, sondern eine Erzählung. Eine Parabel. Denn hier stellt sich die aktuelle Frage, wie Nationen brutalen vergangenen Kriegen gedenken. Wie sie mit jahrzehntelangen Feindschaften zwischen einzelnen Völkern umgehen. Wo muss die Erinnerung hochgehalten werden. Wo ist Vergessen der richtige Weg? Ishiguro lehrt es uns... wenn wir es zulassen.

Atmosphärisch, intensiv und packend.

Von: Sarah Datum : 08.02.2016

folding-corners.tumblr.com/

„Der begrabene Riese“ war mein erstes Buch von Kazuo Ishiguro und ich war mir – vor allem wegen der doch sehr unterschiedlichen Meinungen zum Buch, aber auch weil ich zuvor noch nie etwas gelesen habe, das im 5. Jahrhundert spielt – nicht sicher, ob es mir gefallen würde. Weil ich über den Autor aber schon so viel Gutes gehört habe wollte ich dem Buch doch gerne eine Chance geben.

Ich hatte zu Beginn Probleme damit, wirklich in das Buch hineinzufinden, was vor allem an der Sprache lag, die wohl ein wenig altertümlich klingen soll, die mir auf den ersten Blick einfach nur aufgesetzt und seltsam vorkam. Je mehr ich mich jedoch daran gewöhnt habe, desto weniger ist sie mir negativ aufgefallen – im Gegenteil, jetzt, wo ich fertig bin, finde ich sogar, dass diese Geschichte auf keine andere Weise, mit keinen anderen Worten hätte erzählt werden können oder dürfen.
Was mir hingegen gleich von Beginn an sehr positiv aufgefallen ist, war die unheimlich atmosphärische, beinahe schon gruselige Welt, die Fantasy und Realismus auf eine Weise verknüpft, die einen direkt in die Zeit König Arturs, in das Land der Mythen und Sagen zurückversetzt. Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem Kobolde, Menschenfresser und Drachen sich so natürlich und fast schon nebenbei in das Geschehen einfügen – man möchte beim Lesen fast glauben, dass es all das vor langer Zeit tatsächlich einmal gegeben hat.
Auch die Geschichte an sich hat mir wirklich gut gefallen. Der Klappentext wird der Handlung leider absolut nicht gerecht, ich wüsste allerdings selbst auch nicht, wie man es besser machen könnte. „Der begrabene Riese“ ist einfach ein so gewaltiger, tiefsinniger Roman, der auf so vielen verschiedenen Ebenen funktioniert, dass man ihn wirklich gelesen haben muss, um zu wissen, worum es geht. Kitschig ist er dabei aber aber auf keinen Fall – mehr ein Abenteuer, nicht nur eine Reise in eine fantastische Welt sondern auch in den Menschen selbst. Ein Liebesroman vielleicht, ja, aber doch ganz anders als Liebesromane sonst so funktionieren – ohne Funken und Feuerwerk, dafür mit Gefühlen so tief und echt, wie sie wohl nur ein Paar, welches ein Leben lang zusammen gewachsen ist, verbinden. Vielleicht macht das das Buch sogar zum einzig „echten“ Liebesroman, den ich je gelesen habe.
Es ist ein wahnsinnig ruhiges und doch gleichzeitig unheimlich spannendes Buch, welches ich kaum aus der Hand legen konnte – man hat quasi konstant das Gefühl, dass man beinahe weiß, was denn nun wirklich vor sich geht, aber so ganz kommt man dann doch erst am Ende dahinter. Vor allem die vielen verschiedenen Charaktere, die alle ihre eigenen Absichten haben, und diese selbst dem Leser nicht wirklich mitteilen bis sie sie dann in die Tat umsetzen, haben daran einen großen Anteil.

Alles in allem kann ich nur sagen, dass mir „Der begrabene Riese“ – trotz anfänglicher Schwierigkeiten – wirklich, wirklich gut gefallen hat. Es war anders als jedes andere Buch, das ich bisher gelesen habe, und ich werde mit Sicherheit noch einige Zeit lang darüber nachdenken. Ich bin wirklich froh, Axl und Beatrice auf ihrer Reise begleitet zu haben und werde das Buch nicht nur jedem wärmstens ans Herz legen sondern mir mit Sicherheit auch noch mehr Bücher von Kazuo Ishiguro zulegen!

Der begrabene Riese, vorsicht Spoiler

Von: Splashbooks Datum : 07.02.2016

www.splashbooks.de

Der britische Schriftsteller Kazuo Ishiguro hat fast zehn Jahre nach seinem letzten Roman nun ein ganz besonderes Werk veröffentlicht. 1989 erhielt der Autor den Bookerprize für seinen Roman " Was vom Tage übrig bleibt" und hat insgesamt bis heute nur acht Bücher veröffentlicht. Genauso wirkt sein Roman auch. Sehr durchdacht. Ein Fantasybuch, dass gar nicht so richtig eins ist, denn über England im 5 Jahrhundert ist historisch gesehen nichts bekannt. So füllt der Autor eine vergessene Zeit mit Leben und verbindet eine fiktive Geschichte mit fantastischen Elementen, die sich aber wie selbstverständlich einfinden.

Ishiguro schafft es durch Wahl von Zeit und Ort einen Roman zu schreiben, der außerhalb unserer Gesellschaft spielt und dennoch, anders als in vielen anderen Fantasyromanen, eine Welt zu erschaffen, an die man sofort glaubt, wo einem nichts unreal erscheint. Zum einen hängt es bestimmt damit zusammen, dass er typische Assoziationen mit dem Mittelalter aufgreift und ausschmückt. Es gibt Ritter, Klöster mit Geheimgängen und viel Grausamkeit. Genauso gibt es aber Drachen und Kobolde und natürlich die Liebe. Zum anderen schafft er es durch seine bildliche Sprache, dass der Leser an der Seite von Beatrice und Axl wandert.

Axl und Beatrice brechen auf um ihren Sohn zu suchen. Sie wissen aber gar nicht so recht wo und ob sie überhaupt mal einen Sohn hatte, denn ein Nebel des Vergessens hat sich über die Gegend gelegt. Sie wissen nicht, was sie vorher in ihrem Leben erlebt haben und ihre Liebe beruht nicht auf gemeinsamen Erinnerungen als vielmehr einem großen Gefühl der Verbundenheit. Durch die Erzählweise, weiß auch der Leser nicht, wer die Figuren eigentlich sind und erst als sich Axl und Beatrice auf ihre Reise bewegen und andere Menschen treffen können sie sich an Gedankenfetzten erinnern. Doch im Laufe der Zeit wissen sie gar nicht, ob sie ihre Erinnerungen wieder haben möchten.

Dies gilt für alle Menschen der Gegend. Warum haben sie alles vergessen? Im Laufe des Buches wird klar, dass diese Menschen nach einem Bürgerkrieg nur deshalb heute friedlich zusammen leben können, da sie die Gabe des Vergessens besitzen und nicht mehr wissen, was ihr freundlicher Nachbar vor nicht allzu langer Zeit auf dem Schlachtfeld oder im Dorf aus Hass auf die anderen Bevölkerungsgruppe getan hat.

Trotz der vielen philosophischen Aspekte kommt die Spannung in diesem Roman nicht zu kurz. Nicht nur das Aufdecken der Vergangenheit auch der Kampf gegen Kobolde und die Unklarheit über die Motive der Reisegefährten lassen einen Seite um Seite umblättern, um zu erfahren wie es mit Axl und Beatrice ausgeht.

Die letzte Szene ist eine Meisterleistung. Um nichts vorwegzunehmen sei so viel gesagt: Dieses Buch ist still und leise und schreibt dabei eine unglaubliche Liebesgeschichte.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese

Von: FrauMüller Datum : 04.02.2016

www.buchnotizen.de

Über die Zeit nach König Artus hat Kazuo Ishiguro in seinem zauberhaft magischen Buch "Der begrabene Riese" geschrieben.

Das alte Ehepar Axl und Beatrice begeben sich auf die Reise zu ihrem Sohn, der in einem anderen Dorf wohnt. Gemeinsam mit den beiden machte ich mich als Leserin auf - immer mit der Reise als roten Faden - eine finstere Welt, die bevölkert von zahlreichen mystischen Ungeheuern und sonstigen Gestalten ist. Wir reisen durch einen geheimnisvollen Nebel, der unsere Erinnerungen unterdrückt. Der wie ein Schleier des Vergessens über unserer Vergangenheit liegt, so als wäre alle Opfer einer kollektiven Amnesie geworden. Der Nebel als mystisches Mittel für schöne und unschöne Erinnerungen, an solche, an die wir uns gerne erinnert hätten und solche, die wir verdrängt haben? Auf jeden Fall ist der Nebel mystisch gesehen ein tolles stilistischer Kniff, um der Geschichte die nötige unheilvolle, magisch-düstere Note zu geben. Wir erleben oftmals Bedrohung, erfahren aber auch oft unverhoffte Hilfe und Unterstützung. Oftmals weiß man als Leser nicht, ob man sich nun in der realistischen Geschichte befindet oder wo diese Reise denn nun eigentlich - mysthisch betrachtet - uns hinführen soll. Und genau das ist die einzigartige, zauberhafte dieser an alte Sagen erinnernde Geschichte über Axl und Beatrice auf dem Weg zu ihrem Sohn.

Herr Ishiguro hat das Märchen als stilistische Form gewählt, um seine Geschichte zu erzählen. So klingt die Geschichte beruhigend, wie wir Märchen aus Kindertagen kennen. Mit diesem genialen Kniff gelingt es dem Autor meisterhaft, das mystisch-fantastische Drumherum mit der nötigen Distanz zu betrachten. Und heldenhaft trösten und beschützen sich Axl und Beatrice gegenseitig. Besonders gefallen hat mir, dass alle Personen so sprechen, wie wir es aus Sagen- und Märchengeschichten kennen. So wirkt die fabelhafte Geschichte wie eine warme Tasse Kakao, wie wir sie als Kinder so oft und uneingeschränkt hingebungsvoll genossen haben.

Fazit: Unbedingt lesen!





Das schreibt der Blessing Verlag:

Britannien im 5. Jahrhundert: Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice sind seit vielen Jahren ein Paar. In ihrem Dorf gelten sie als Außenseiter, und man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung.

Ein gewaltiger, intensiver, spannender Roman, der uns mitnimmt auf eine so tiefgründige wie faszinierende Reise. Kazuo Ishiguros unprätentiöser und zugleich betörender Realismus macht ihn zu einem feinsinnigen Meister des Erzählens.

Über den Autor:

Buchinformationen:




Nebel des Vergessens

Von: Constanze Matthes Datum : 28.11.2015

zeichenundzeiten.com

In der Literatur scheint nicht nur das Thema Endzeit die Autoren derzeit viel zu beschäftigen. Heinz Helles “Eigentlich müssten wir tanzen”, Cormac McCarthys “Die Straße”, Emily St. John Mandels “Das Licht der letzten Tage” oder Valerie Fritzschs “Winters Garten” seien an dieser Stelle genannt. Mehr und mehr finden sich Leser auch bei der Lektüre von ernster Literatur in Märchen und fantastischen Geschichten wieder. David Mitchell und ja auch Haruki Murakami sind da beispielgebend. Mit “Der begrabene Riese” legt der japanisch-englische Autor und Gewinner des renommierten Booker-Prizes Kazuo Ishiguro nun seinen lang erwarteten neuen Roman vor, der ein großes Thema in Form eines Märchens erzählt.

Der Roman ist eine Zeitmaschine, der den Leser in das 5. Jahrhundert versetzt. In Britannien haben sich die einst verfeindeten Stämme der Sachsen und Britannier versöhnt. Doch über dem Land liegt nach dem Tod des legendären Artus ein Fluch. Die Menschen haben keine Erinnerungen mehr an vergangene Jahre, Monate, Tage. Auch Axl und Beatrice, ein älteres Ehepaar, bemerkt es. Da die Erinnerungen an ihren Sohn verblassen, wollen sie ihn in seinem Dorf besuchen. Sie verlassen ihre bescheidene Gemeinschaftssiedlung, in dem sie keinen leichten Stand haben, und machen sich auf den Weg. Dabei treffen sie auf besondere Gestalten, so in einem Sachsendorf den Ritter Wistan, der den Jungen Edwin aus den Fängen eines Menschenfressers befreit, aber ihn nicht davor bewahren kann, von der Dorfbevölkerung als verwünscht und damit als unerwünscht in der Gemeinschaft angesehen zu werden. Beide fliehen, begleiten das Ehepaar auf ihrem weiteren Weg, der sie zu einem heilenden Mönch in ein Kloster führen soll. Unterwegs machen sie die Bekanntschaft mit Gawain, Neffe des legendären Artus und zu dessen Gefolge er einst zählte. Der alte Ritter plant, mit seinem Ross Horaz den gefährlichen Drachen Querig zu vernichten. Doch im Kloster, einer früheren Bergfeste, überschlagen sich die Ereignisse, kommt ans Licht, was die Ursache für den Verlust der Erinnerungen ist.

Der Roman hat mich in seiner Konstruktion etwas an die Trilogie “Der Herr der Ringe” von Tolkien erinnert. Nachdem die Gruppe aus Axl und Beatrice, Wistan und Edwin sowie Gawain zusammenkommt, werden sie wenig später wieder mehrfach getrennt, um später im großen Finale am Steinmal und damit in der Nähe des Drachen wieder aufeinanderzutreffen. Der Erzähler wechselt die Schauplätze und Sichtwinkel. Es gibt Rückblenden. Zudem wird Gawain zum Erzähler, der von der Bedeutung des Drachen berichtet.

"Der begrabene Riese” ist nur auf den ersten Blick eine spannende und fantasievolle Geschichte. Hinter Ishiguros neuestem Streich verbirgt sich weit mehr, so dass er auf verschiedene Arten und durchaus von mehreren Generationen gelesen werden kann. Die märchenhafte Story, die Fantasie-Gestalten wie schreckliche Kobolde und gefährliche Menschenfresser beherbergt, enthält eine Reihe mythologischer Anspielungen, so Verweise auf Artus und seine Tafelrunde und die Rolle des Fährmanns, der in der griechischen Sagenwelt als Charon in seinem Kahn die Toten über das Wasser setzt. Er gibt dem Roman an seinem Ende eine sehr melancholische Note, denn Axl und Beatrice treffen auf den Fährmann.

Der Nebel des Vergessens hat dabei nicht nur Einfluss auf die Länder und Völker, die einstige Schlachten und Gräueltaten des Feindes vergessen haben, so dass Rache und Vergeltung keine weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen und damit einen Teufelskreis der Gewalt anschüren könnten, es vielmehr Frieden herrscht. Doch zu welchem Preis? Das ist eine Frage, die vor allem das letzte Drittel des Romans beherrscht. Denn neben den Völkern verlieren auch die Menschen ihre Vergangenheit. Denn ohne Erinnerungen fehlt das Bewusstsein um die eigene Herkunft, das eigene Schaffen, die eigene Rolle in der Gemeinschaft. Nach und nach kristallisiert es sich heraus, das Axl, Wistan und Gawain sich bereits aus der Vergangenheit kennen und dass es in der Beziehung des Ehepaars trotz ihrer innigen Liebe und Vertrautheit auch Krisen und Schicksalsschläge gegeben hat. Nach “Alles, was wir geben mussten” hat Ishiguro erneut ein sehr brisantes Thema verarbeitet. Während er in seinem Roman aus dem Jahr 2005 das Klonen in den Mittelpunkt rückt, geht es in seinem aktuellen Werk um die Frage nach der Bedeutung der Erinnerungen. Das Verarbeiten der Vergangenheit, eine angemessene Erinnerungskultur ist regelmäßig Teil des gesellschaftlichen Diskurs – in Deutschland angesichts der Verbrechen des Dritten Reiches wohl etwas mehr als in anderen Ländern, wo das Mahnen an das Leid anderer Völker oder der eigenen Bevölkerung unterdrückt wird beziehungsweise erst an seinem Anfang steht. Ein Blick in Geschichtsbücher oder auf aktuelle Krisenherden zeig, dass Rache die Spirale der Gewalt stets und ständig in Gang setzt. Aber sind dafür die Erinnerungen verantwortlich oder vielmehr das Vergessen an die eigenen Verbrechen und damit die eigene Schuld?

Man möchte jedem Staatsmann diesen, im Übrigen auch sehr schön gestalteten Roman in die Hand drücken. Obwohl: Es bedarf wiederum großer Hoffnung, dass Literatur die große Weltgeschichte beeinflussen, ja zum Positiven verändern kann. Ihr fällt womöglich lediglich die Aufgabe zu, Historie und einstige Geschehnisse zu hinterfragen und zu mahnen. Und das kann “Der begrabene Riese” auf beeindruckende, berührende und wohl einmalige Weise.

Die Last des Vergessens: The Buried Giant (Vorsicht Spoiler!)

Von: Charlisabeths Nivis Pluma Datum : 01.11.2015

charlisabethsnivispluma.blogspot.de/

Viele Jahre sind vergangen, seit der legendäre König Artus Britannien befriedet und geeint hat, und noch viele mehr, seit die Römer das Land seinem Schicksal überlassen hatten. Britannien verfällt mehr und mehr in Unwissenheit und Nebel.
Ein in die Jahre gekommenes Paar, Axl und Beatrice, lebt wie unzählige andere in ärmlichen Umständen in einem kleinen Dorf. Beide sind sie mehr und mehr beunruhigt durch ihre Vergesslichkeit, eine, die jedoch nicht mit ihrem Alter zusammen hängt. Auch die Jüngsten in ihrem Dorf vergessen alsbald die Ereignisse der letzten Stunden und Minuten, die Erinnerungen an ganze Leben verschwinden unbemerkt. Doch von Zeit zu Zeit haben sowohl Axl als auch Beatrice lichte Momente, in denen sie sich kurz an Bruchstücke ihrer verlorenen Vergangenheit erinnern. Ihr Sohn - wo war noch gleich ihr Sohn? Sie sollten ihn besuchen, die Reise zu ihm haben sie schon viel zu lange aufgeschoben. Beschwerlich wird sie werden, diese Reise, voller natürlicher wie übernatürlicher Gefahren.
Ungewollt nähern sie sich der dunklen Wahrheit über den Nebel des Vergessens, welcher ganz Britannien in seinen Fängen hält - einer Wahrheit, die nicht nur ihre eigene Liebe auf die Probe stellen wird.
(...)
Unvorhersehbar und voller kleiner Wunder steckt dieser wunderbare, vielschichtige Roman, den sich alle Liebhaber von Historischem und Mythologischem nicht entgehen lassen sollten.
(Die komplette Rezension findet sich auf meinem Blog!)

Der begrabene Riese

Von: Catherine Buchling Datum : 11.10.2015

www.buchlingreport.blogspot.de

Im Vorfeld zu meinem Besuch von Kazuo Ishiguros Lesung beim internationalen literaturfestival berlin hatte ich bereits sein neues Buch Der begrabene Riese gelesen, damit ich auch weiß, worüber geredet wird :) Vor Erscheinen wurde schon viel über den lange erwarteten neuen Roman von Ishiguro diskutiert. Denn dieser Roman ist wohl so ganz anders als die Romane, die Ishiguro zuvor veröffentlicht hatte. Ich muss zugeben, dass ich es noch nicht geschafft habe, ein anderes Buch von ihm zu lesen, will das aber dringend nachholen. Die öffentliche Diskussion hatte mich definitiv neugierig gemacht auf den Riesen. Warum geht es also?

Kazuo Ishiguro nimmt uns mit nach Britannien im 5. Jahrhundert. Das Land ist geplagt und ausgebeutet durch die Kämpfe zwischen den Briten und den Angelsachsen. In diesem Setting leben Axl und seine Frau Beatrice, ein älteres Ehepaar, in einem kleinen Dorf. Dort sind sie allerdings ziemlich Außenseiter, werden nicht richtig anerkannt und bekommen von der Dorfgemeinschaft nicht einmal eine Kerze ausgehändigt, um Nachts Licht in ihrer Kammer zu haben. Warum das so ist? Das weiß niemand so genau. Wie lange Beatrice und Axl da leben? Weiß man auch nicht. Und wie ihre persönliche Geschichte ist? Noch viel weniger. Denn irgendwie scheint über alle Menschen der Schleier des Vergessen zu hängen und Schuld daran ist der mysteriöse Nebel, der über dem ganzen Land wabert.

Die beiden Alten beschließen eines Tage los zu gehen und ihren Sohn, der in einem anderen Dorf leben soll, zu besuchen. Sie haben die Hoffnung, dass sie dort vielleicht mehr willkommen sind, als in ihrem eigenen Heim. Auf ihrem Weg stoßen sie jedoch auf einige Hindernisse und treffen auf interessante Persönlichkeiten, wie den alten Ritter Gawain, der noch von Königs Artus den Auftrag bekommen hat die Drachin Querig zu töten, deren Atem Quelle des Nebel des Vergessens ist. Den gleichen Auftrag hat aber auch der sächsische Krieger Wistan. Wird es den beiden gelingen, die Drachin niederzustrecken? Finden die beiden Alten zurück zu ihrem Sohn? Und was hat es mit dem Jungen Edwin auf sich, der von Wistan gerettet wird und angeblich von einem Drachen gebissen wurde?

Vor allem geht es bei dieser mittelalterlichen Aventüre aber um eine viel wichtigere Frage: Gibt es eine kollektive Erinnerung einer Nation? Und ist es vielleicht manchmal besser Vergangenes zu vergessen, hinter sich zu lassen und neu zu beginnen? Oder sollte man sich dieser Dinge immer bewusst sein? Ist Vergessen - egal ob gesellschaftlich oder persönlich - eine sinnvolle oder vielleicht sogar notwendige Option um für Frieden zu sorgen? Oder sollen diese Erinnerungen immer omnipresent sein, damit man aus ihnen lernt, sich ihrer bewusst ist und dementsprechende Maßnahmen ergreift? Und wenn man alles vergisst, wie lange geht das gut?

Warum Kazuo Ishiguro diese Idee in ein mittelalterliches Setting Gesetzt hat? Gute Frage! Die Welt vermutet kürzlich, dass Ishiguro "jetzt einen auf Game of Thrones macht" (Den Artikel findet ihr hier: Klick). Das hat Kazuo Ishiguro bei seiner Lesung aber gleich abgestritten. Er kennt auch weder die Fernsehserie noch die Buchreihe von G.R.R. Martin. Er selbst berichtete auf dem internationalen literaturfestival, dass er die Geschichte in jedem Setting hätte schreiben können. Es gab sogar eine Vorversion des Romans, in einer noch archaischeren Sprache. Da hatte seine Frau - laut Ishiguro seine kritischste Leserin - aber ein Machtwort eingelegt und gesagt, dass dies so nicht gehen würde. Sie fand die Idee gut, aber die Sprache ganz schrecklich. Also musste der Autor noch einmal ran ans Papier und hat die Geschichte überarbeitet. Das Setting ist dabei gleich geblieben, nur die Sprache hat er für uns Leser etwas vereinfacht.

Ich fand die Idee hinter Kazuo Ishiguros Buch wirklich total spannend. Ich mochte auch das mittelalterliche Setting und die mystische Geschichte um den Drachen sehr gerne. Denn ein bisschen "Fantasy" darf ab und zu bei mir schon mal sein. Allerdings muss ich zugeben, dass die Geschichte hier und da auch schon einige Längen hatte, die sich wirklich sehr gezogen haben. Besonders in den Gesprächen zwischen Axl und Beatrice, die sich ja an nichts erinnern können, hatte ich oft das Gefühl, dass sich alles Gesagte eh wieder nur im Kreis drehen würde. Mich hat es auch etwas gestört, dass Axl Beatrice wirklich ausnahmslos mit "Prinzessin" angesprochen hat... aber das ist natürlich eine sehr subjektive Auffassung, und dieser "Schönheitsfehler" fällt einem anderen Leser vielleicht gar nicht wirklich auf. Insgesamt fand ich das Buch schon gut, auch wenn ich nicht in Jubelstürme ausgebrochen bin nach der Lektüre. Aber ich will definitv noch mehr Romane von Kazuo Ishiguro lesen.

Wunderbar mit Tiefe erzählt

Von: Michael Lehmann-Pape Datum : 23.09.2015

www.rezensions-seite.de

Der „begrabene Riese“, den Oshiguro in dieser ruhig und mit großer Sprachkraft erzählten Geschichte „im Hintergrund“ später im Buch ständig präsent mitschwingen lässt, ist eine der größte Gefahren für die Menschheit. Nicht nur in jener überschaubaren geographischen Gegend mit ihrer ebenso überschaubaren sozialen Struktur, in der die Handlung des Buches spielt.

Zu einer Zeit, in der die Erinnerung an König Artus und seine Idee eines übergreifenden Friedens (nach großen Schlachten und einer entscheidenden Schlacht) noch in der Atmosphäre mitschwingt, aber dennoch bereits Jahrzehnte zurückliegt.
Nicht soweit, dass nicht noch der ein oder andere Begleiter des Königs noch am Leben wäre (wie man im Buch sehen wird), doch soweit dennoch, dass das Leben ganz andere Formen angenommen hat.

Wenn, ja wenn man denn überhaupt noch den Vergleich hätte. Denn für einen solchen müssten die Menschen sich ja zunächst einmal erinnern. Zumindest im Groben.
Doch eine seltsame, kollektive Amnesie scheint über dem Landstrich zu liegen. Schon was gestern war, oder letzte Woche, vor weniger vor Jahren oder zu anderen Phasen des eigenen Lebens entfällt den Gedanken ständig.

Ob der Nebel etwas damit zu tun hat, der über dem Land liegt?

Das alte Ehepaar Beatrice („Meine Prinzessin“) und Axl (der in seiner Vergangenheit ein ganz anderes eben geführt zu haben scheint, als es in diesem höhlenartigen Bau des Dorfes erscheint) teilt gemeinsam das Gefühl, etwas wichtiges und wesentliches des gemeinsamen Lebens (und des Lebens an sich) nicht so recht greifen zu können.
Beide machen sich auf, ihren Sohn zu suchen. Einige Dörfer weiter, so die dunkle, erinnernde Ahnung, muss dieser leben. Darin wird Beatrice auch von einer Frau bestärkt, die eines Tages eine kurze Rast am Rand der Dorfbehausung hält.

In einem Umfeld eines friedlichen Miteinander von Britanniern und Sachsen (ein Erbe des großen Königs wohl, an den sich niemand mehr so recht erinnert) drohen dennoch Gefahren, lauern Wesen im Dunkel der Nacht, werden Menschen angegriffen.

Handfest erscheint den beiden fast nur der Kämpfer Wistan, Ein Mann mit einer Mission. Der Retter eines Kindes und eines ganzen Dorfes. Ein Abgesandter, der selbst verfolgt wird. Doch viel tiefer reicht die Mission des Wistan, als Axl zu Beginn erkennt.

Wie ist es besser? In Unwissenheit, fast nur für den konkreten Tag zu leben, dafür aber in Ruhe, oder in Freiheit, dafür aber mit Risiko und den Lasten, die das Leben dem einzelnen Menschen und dem Zusammenhalt der Menschen untereinander aufbürdet?

Das ist die philosophische Frage, die Oshiguro in diesem Roman mehr und mehr in den Vordergrund rückt. Da, wo der (scheinbare) Frieden bedroht wird und wo man sich zu entscheiden hat. Im Buch zwischen dem gro0en Plan des Artus oder gegen die unweigerlichen Konsequenzen dieses Plans.

Mit großer Sprachkraft, voll altertümlich anmutender Dialoge, mit großer Liebe zu seinen Figuren und mit einer sehr genauen, zu Herzen gehenden Beschreibung der Liebe zwischen Beatrice und Axl (die Oshiguro bis zur Neige in ihrer Tiefe auslotet) nimmt der Autor den Leser in großer Ruhe mit auf die Reisen im Buch. Die Suche nach der eigenen Vergangenheit, die Vergewisserung der eigenen Liebe und die große Frage nach Freiheit oder Frieden, die im Buch als Gegensätze erscheinen werden.

„Schon seit einer ganzen Weile – eigentlich seitdem der Name Artus zum ersten Mal gefallen war – empfand Axl ein bohrendes Unbehagen“. Denn er selbst ist mit all dem, was ist, sehr verbunden gewesen. Auch wenn er es nicht mehr erinnert.

Ein Unbehagen, das sich nicht lösen wird bis ganz zum Schluss. Und dann auf eine Art sich lösen wird, die in dieser Form kaum in Axls Sinne sein wird. Und dennoch Liebe zeigt und von Liebe getragen handelt. Wie überhaupt der Schluss des Buches mit großer, emotionaler Kraft gestaltet ist und im Leser noch lange nachhallt.

Da ist tatsächlich ein ungewöhnlicher „Klang von Stille“ bei der Lektüre, wie es „Die Zeit“ formuliert. Der anrührt, der innerlich mit hineinzieht, der akribisch diese Welt des 5. Jahrhunderts in England auferstehen lässt und den Leser bis zum Ende nicht loslässt. In dieser Geschichte von Wissen und Unwissenheit, von Leben, Liebe, Sterben und Tod, von Hoffnung und Realität, von Respekt und Kampf.

Ging nicht an mich

Von: Nomadenseele Datum : 30.08.2015

nomasliteraturblog.wordpress.com/

Es gibt wenige Bücher, die so wenig an mich gehen, wie dieses. Ich kann mich noch nicht einmal darüber ärgern, es ist einfach nur langweilig.

Zwei von ihrem Dorf mehr oder weniger Verstoßene wollen zu ihrem Sohn und begeben sich auf Wanderschaft. Ab und zu begegnen sie jemanden, was aber folgenlos bleibt. Und vor allem wird geredet, das Buch besteht zu 70-80% aus Reden, wobei es mich nervte, dass Axl Beatrice andauernd mit *Prinzessin* anspricht.

Fazit

Weder der Schreibstil noch der Inhalt gingen an mich.